Kapitel I

In der Abteilung für Orks und Oger ohne Aufenthaltsgenehmigung im örtlichen Einwanderungsamt war wie immer die Hölle los. Dutzende ungeschlachte Gestalten mit unförmigen Wildschweinhauern drängten und stampften in den engen Gängen und brüllten sich in einer unverständlichen Sprache – in der Tat handelte es sich um eine Vielzahl unverständlicher Sprachen – wüste Beleidigungen zu. Ein Sekretär hüpfte hilflos herum und versuchte mit heiserer Fistelstimme, die Asylanwärter dazu zu bewegen, wie zivilisierte Leute eine Schlange zu bilden.
Leider war dem Sekretär nicht bewusst, dass keine der über vierhundert bekannten Mitglieder der Orko-Ogrischen Sprachfamilie eine angemessene Entsprechung des Wortes Zivilisation kennt. Nicht etwa, weil Orks und Oger generell im menschlichen, zwergischen oder elbischen Sinne unzivilisiert sind wie so oft behauptet, sondern lediglich, da es nicht ihrer Lebensanschauung entspricht, sich irgendeine Form von Überlegenheit vorzugaukeln. Die meisten Orks und Oger zeichnen sich durch eine wortwörtlich überwältigende Form von Ehrlichkeit aus, die von Außenseitern allzu häufig als ‚ungehobeltes Benehmen‘ interpretiert wird.

Die letzten verbliebenen Nerven des Sekretärs schmolzen durch als er bemerkte, dass ein in seinen Augen besonders hässlicher Orkraufbold anfing, einen der zum Warten bereitgestellten Stühle zu malträtieren. „Nein“, jammerte der Sekretär entsetzt. „Nein, nein, das ist zum Hinsetzen, zum Hinsetzen, das ist kein Feuerholz!“ Abgesehen davon, dass der Stuhl selbst für einen unterdurchschnittlich kleinen Ork oder Oger zu schmal und zu fragil, und ergo im Warteraum der Abteilung für Orks und Oger ohne Aufenthaltsgenehmigung vollkommen nutzlos war, lag der Sekretär in seiner Einschätzung der Situation erneut völlig falsch. Bei dem Ork handelte es sich streng genommen um eine Frau, die in Ermangelung einer Holztafel (ein weitverbreitetes Schriftmedium im Orko-Ogrischen Kulturkreis) einige Notizen auf dem Stuhl machen wollte. Unghnash Ashgrakh war eine talentierte, eigensinnige junge Schriftstellerin und ihr war soeben der perfekte Anfang für ihr neues Buch eingefallen:

Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass ein junger Ork im Besitz einer schönen Kriegsbeute nichts dringender braucht als zwei oder drei Frauen.

Zwar sind die Gefühle und Ansichten eines solchen Orks bei seiner Plünderung einer neuen Gegend meist unbekannt, aber diese Wahrheit sitzt in den Köpfen der ansässigen Clans so fest, dass er gleich als der rechtmäßige Besitzer der einen oder anderen ihrer Töchter gilt.

Leider wurde sie in eben diesem Moment von dem manischen Gekreische des Sekretärs sowie fünf keuchend herannahenden Sicherheitszwergen unterbrochen. Anselminus Octavius Trott, der Sekretär, tupfte sich nervös die Stirn mit einem gelblich verfärbten Taschentuch während sich die Zwerge an die schwierige Aufgabe machten, an einigen stampfenden Ogern vorbei zu kommen und den beeindruckend hässlichen Orkraufbold (oder vielmehr die talentierte Schriftstellerin Unghnash Ashgrakh) unter möglichst geringer Gewaltanwendung aus dem Warteraum der Abteilung für Orks und Oger ohne Aufenthaltsgenehmigung zu entfernen.

Mit beleidigtem Gemurmel über Gehaltserhöhungen und Urlaub schlurfte Herr Trott aus dem Warteraum und überließ die verdutzten und gewaltbereiten Wartenden ihrem Schicksal, beziehungsweise der Obhut von Frau Griselda Gisbertstochter, die hinter dem Schalter arbeitete.


Comments

  • Author Portrait

    Hoffentlich kommen wir bald in den Genuss von weiteren Kapiteln! Dein Schreibstil gefällt mir außerordentlich! :-)

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