Kapitel Neun


Kapitel Neun

 

Obwohl ich mich noch immer zu krank fühlte, um in einer Bar herum zu hängen, war ich doch froh, als der Feierabend da war. Ich fuhr direkt nach der Arbeit zum Zuckerhut, einer kleinen Bar im Herzen Leipzigs, wo ich mir meinen Lieblingsplatz in einer kleinen Nische nahe der Bar sicherte.

Dass Sarah noch nicht da war, wunderte mich nicht. Sie hatte die Angewohnheit, immer zwanzig Minuten zu spät aufzutauchen, da sie das Gefühl liebte, wenn man auf sie wartete. Dieses Wissen machte ihre Wut von der Vorwoche vielleicht verständlicher.

Die Kellnerin kam genau zu dem Zeitpunkt an meinen Tisch, da ich mich gerade mitleiderregend schnäuzte und fragte mitfühlend: „Ohje. Kann ich irgendetwas an Medizin bringen?“

Ich lachte, was meine tränenden Augen zum Überlaufen brachte und erwiderte mit krächzender Stimme: „Was können Sie mir denn anbieten?“

„Da fällt mir gleich der Moscow Mule ein. Ein Cocktail mit Ingwer als Zutat. Glaub mir, danach wirst du dich besser fühlen.“

Als ich eine viertel Stunde später das halbleere Glas vor mir hatte, stellte ich erstaunt fest, dass ich mich wirklich besser fühlte. Der scharfe Ingwer hatte meine Nebenhöhlen frei gepustet und meinen Rachen betäubt.

„Du trinkst schon? Warum hast du nicht auf mich gewartet?“, begrüßte Sarah mich, als sie sich endlich zu mir setzte.

„Ich hatte Durst.“, erwiderte ich verärgert über diese Begrüßung. Da quälte ich mich hierher, sie kam zu spät und hatte die Nerven, mich derart anzupflaumen. Es war nicht so, dass mir erst an diesem Abend auffiel, wie sie mich behandelte. Aber von da an begann es, mich ernsthaft zu nerven.

Sie schien von meiner Reaktion wie vor den Kopf gestoßen, da sie sich stumm setzte, anstatt mir etwas entgegenzusetzen. Ein Glück erschien sofort die Kellnerin und überbrückte den unangenehmen Moment, indem sie Sarahs Bestellung aufnahm. „Für dich auch etwas gegen Halsweh?“

An Sarahs Gesicht war deutlich anzusehen, dass sie sich einige Sekunden fragte, ob die Kellnerin noch alle Tassen im Schrank hatte, ehe ihr einfiel, dass es ihrer besten Freundin heute nicht gut ging. „Nein, danke. Zwei doppelte Tequila bitte. Wir müssen das Innere meiner Freundin desinfizieren. Der geht auf mich.“

Letzteres fügte sie gönnerhaft an mich gewandt hinzu, als die Bedienung verschwunden war. Ich antwortete ihr wie so oft nur in Gedanken: das möchte auch sein, wenn du ohne mich zu fragen etwas bestellst. Ich wunderte mich selbst über meine Zynik und fragte mich, ob diese durch meine Grippe oder meine Sehnsucht nach einer Rückmeldung von Jason kam.

„Geht es dir noch nicht besser?“, fragte Sarah vorsichtig, anscheinend verunsichert durch mein langes Schweigen.

„Nicht wirklich.“, erwiderte ich knapp und war dankbar, als in dieser Sekunde der Tequila kam.

Sarah hob das Glas mit einem entschuldigenden Lächeln. „Auf die baldige Genesung!“

Das nahm mir allen Wind aus den Segeln. So tyrannisch sie auch sein konnte, so liebenswert war sie auch – wenn sie nur wollte. Als mir der Tequila durch die Kehle rann, ging es mir tatsächlich besser. Einerseits deshalb, weil ich es nach über zwölf Jahren endlich einmal geschafft hatte, Sarah Paroli zu bieten, wenn auch unbeabsichtigt. Und andererseits betäubte der scharfe Alkohol die Teile meines Körpers, welche der Cocktail nicht geschafft hatte zu betäuben.

Stunden später amüsierten Sarah und ich uns so gut wie schon lange nicht mehr, was ich aufgrund des miserablen Starts niemals für möglich gehalten hätte.

Meinen Vorsatz, nur zwei Stunden zu bleiben hatte ich lange schon über Bord geworfen. Irgendwie fühlte ich mich von der Vorstellung nach Hause zu kommen und dort eine Nachricht von Jason zu entdecken so beflügelt, dass ich es gar nicht mehr eilig hatte. Aufgrund der vielen Gedanken daran, war mir die Vorstellung so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich keinen Zweifel mehr daran hegte. Sarah erzählte ich allerdings noch immer nichts davon.

Als ich gegen zehn auf der Toilette verschwand, war ich schon ziemlich angeheitert. Und so euphorisch, dass ich alle guten Vorsätze in den Wind schoss und über mein Handy auf die Homepage von OwnMusic ging.

Es war nicht einmal eine Überraschung, die kleine Ziffer eins über dem Posteingang zu entdecken. Auch auf den schmerzhaften Ruck, den mein Herz in dieser Sekunde tat, war ich gefasst. Ich hielt die Luft an und klickte auf das Brief-Symbol. In dieser winzigen Milli-Sekunde, während sie sich öffnete, tauchte in meinem Geist die Horrorvorstellung auf, dass es sich bei der Nachricht nur um irgendeine dämliche Rundmail von einem der Seiten-Administratoren handelte.

Doch die Angst bekam keine Zeit mehr, ihre Krallen auszufahren. Die Nachricht war in der Tat von Jason! Ehe ich zu lesen begann, sog ich den Moment mit all seinen Facetten in mir auf. Die Musik in der Damentoilette; das Glücksgefühl in meiner Brust und der Anblick meines eigenen glücklichen Spiegelbilds.

Ich sah wieder auf das Display meines Handys hinab, wobei ich spürte, wie sich mein Lächeln in meine Wangen einbrannte. Es war keine kurze unpersönliche Ja-Nein-Nachricht. Ein       Mensch hatte mir geantwortet.

Obwohl ich begierig auf jedes seiner Worte brannte, zwang ich mich dazu, sie langsam und mit Bedacht zu lesen, damit mir nichts entging. Wohlwissend, dass in meinem Leben gerade eine große Wende geschah, hier in der Damentoilette dieser alten Szene-Kneipe.

 

Hey Emma,

erst einmal vielen Dank für dein Lob. So etwas hört man immer gern ;)

Aber mein Beileid zu deinem Job, wenn du danach in einer Bar verschwinden musst, um deinen Kummer zu ertränken ;) Wenigstens hattest du gut Musik dabei!

In der nächsten Zeit treten wir nur hier rund um Dortmund auf. Wenn dir der Weg hierher nicht zu lang ist, würde ich mich freuen, dich zu sehen.

Beste Grüße

Jason

 

Ich las mir seine Worte wieder und wieder und wieder durch, während ich spürte, wie die Hitze mein Gesicht erreichte. Das hier war etwas, das spürte ich genau. Eine neue Verbindung zwischen zwei Menschen.

Als ich mich mit glänzenden Augen wieder zu Sarah setzte, war sie aufgrund meines strahlenden Anblicks sofort misstrauisch. „Wo kommst du denn her?“

„Von der Damentoilette.“, erwiderte ich, beinahe singend.

Natürlich gab sie sich damit nicht zufrieden. Ungefähr eine halbe Stunde versuchte sie, aus mir herauszupressen, was passiert war, das mich so verändert zu ihr an den Tisch hatte zurückkehren lassen. Doch dieses mal blieb ich eisern. Diesen goldenen Schauer des Glücks würde ich solange ganz allein genießen, bis ich wahrlich von innen heraus leuchtete. Irgendwann gab sie sich geschlagen und begann wieder, sich über Steve zu beschweren. Nicht einmal das konnte das gute Gefühl in mir dämpfen. Es war nicht so, dass ich ihr nicht zuhörte, doch dieses mal schützte mich ein unsichtbarer Schleier der Liebe vor der herunterziehenden Wirkung ihrer Worte. Ich versuchte, sie zu trösten und ehrlich für sie da zu sein und bemerkte das erste mal wirklich, das Elend hinter ihrem Gezeter. Hatte Alex wirklich Recht? Gleichzeitig spürte ich, dass sie noch nicht so weit war, mir von Herzen sagen zu können, dass sie unglücklich war. Also hörte ich nur still zu und versuchte ihr etwas von dem heißen, kraftvollen Gefühl zu übermitteln, das die Nachricht von Jason in mir ausgelöst hatte.

 

Es war seltsam wie kraftvoll man Montagmorgen erwachen konnte, wenn man seinen Sonntagabend nicht einzigst und allein mit dem Gedanken verschwendete, dass man am nächsten Tag wieder zu seinem Horror-Job zurückkehren musste.

Es war das erste mal, dass ich voller Euphorie ins Gebäude von Pharmamedia stürmte und mich nicht sofort auf kürzestem Weg in mein Büro begab.

Stattdessen betrat ich todesmutig die Schlangengrube. Alles, was in dem Großraumbüro zu hören war, war das Geklapper duzender falscher Fingernägel auf den Tastaturen.

Ungeachtet der giftigen Blicke, die mir meine Kolleginnen zuwarfen stürmte ich unter einem geträllerten „Guten Morgen“ durch den gesamten Raum zum hintersten Schreibtisch, an dem Cindy saß. Sie war die einzige, die sich bei der Arbeit nicht stören ließ.

„Er hat geschrieben, er hat geschrieben, er hat geschrieben.“, sagte ich und klatschte aufgeregt in die Hände, während ich mich nicht im Mindesten daran störte, dass hinter mir genervtes Murren anhob.

„Und wenn du es ein viertes Mal sagst, werde ich immer noch nicht vom Stuhl springen und auf dem Tisch tanzen.“, erwiderte sie gelangweilt.

„Oh doch, das wirst du! Das habe ich nur dir zu verdanken!“, sagte ich, drehte kurzerhand ihren Stuhl zu mir um und pflanzte ihr einen deftigen Kuss auf den Mund.

Sie schnappte nach Luft. „Mach das noch einmal und du hast meine Zunge in deinem Hals.“

Ich warf ihr eine Kusshand zu und ignorierte das verächtliche Zischen hinter mir weiterhin. „Kommst du eine rauchen? Willst du gar nicht wissen, was er geschrieben hat?“

„Ich komme mit, wenn du mit mir rauchst.“, erwiderte sie und wandte sich gelangweilt wieder ihrem Bildschirm zu.

„Na schön!“, erwiderte ich ungeduldig.

„Wie bitte?“, fragte sie.

Ich schnappte ihre Packung Zigaretten und das Feuerzeug mit der nackten Frau darauf und trat den Weg nach draußen an, während sie mir hinterher hetzte.

„Seit wann sind wir eigentlich solche Busenfreundinnen, dass wir uns gegenseitig von unserem Wochenende Bericht erstatten?“

„Aber es ist doch etwas ganz besonders passiert!“, sagte ich aufgeregt. „Das ist fast wie Magie.“

Jetzt musste selbst sie lächeln. „Wie dem auch sei. Habe ich dir nicht gesagt, dass es funktioniert?“

„Klar.“, erwiderte ich, enttäuscht darüber, dass sie dieses für mich so große Wunder kein bisschen zu überraschen schien. „Ich hätte nur nicht gedacht, dass es so schnell gehen würde.“

„Nun, ich schätze, du hast deine Sache besonders gut gemacht und pausenlos nichts anderes getan, als dir auszumalen wie es wäre, wenn er dir zurück schreibt.“, stellte sie grinsend fest.

„Ich hätte doch gedacht, dass dich das mehr begeistern würde.“, antwortete ich.

Sie zuckte die Schultern. „Wieso denn? Ich wusste, dass er dir schreiben würde.“

Ich riss ungläubig die Augen auf. „Du wusstest es?“

Sie schüttelte mit einem nachsichtigen Lächeln den Kopf. „Georgie, kein Mann, der noch bei klarem Verstand ist, lässt sich eine Frau wie dich entgehen. Du musst einfach nur interessant für ihn bleiben.“

Das war nun das zweite Mal innerhalb einer Woche, dass mir jemand so etwas sagte. War da etwas dran? Hatte ich eine reelle Chance bei Jason?

 

Diese Frage begleitete mich bis ins Büro, wo ich mich am Rechner sofort daran machte, Jason auf seine Nachricht zu antworten, während mir Cindys Worte in den Ohren klangen.

„Bleib interessant, bleib interessant.“, murmelte ich fieberhaft, während ich wie im Wahn auf die Tasten hämmerte.

 

Hi Jason,

schade, aber gut zu wissen ;) Ich werde mich erst einmal mit all euren CDs eindecken, um beurteilen zu können, ob ihr die Reise wirklich wert seid ;)

Ja, mein langweiliger Büro-Job treibt mich oftmals zu übermäßigem Alkoholkonsum.

Alles Gute

Emma

 

Als keine dreißig Sekunden später der Ton einer eingehenden Nachricht ertönte, sah ich ungläubig auf den Bildschirm. Er hatte sofort geantwortet! Einige Sekunden starrte ich nur verwirrt den Bildschirm an, ehe ich mit laut schlagendem Herzen die drei Worte las, der er für mich hinterlassen hatte.

 

Du gefällst mir ;)

 

Danach zählte nichts anderes mehr als diese Worte. Es war egal, ob Alex mir die kalte Schulter zeigte oder Sarah mich wieder anzickte. Es war völlig gleich, wie oft Chris mich anschrie oder ob die Kollegen mich hassten. Es war unwichtig, dass ich in einem Loch von einer Wohnung wohnte, an der das Beste die Dachterrasse und die Ausgangstür waren. Jason gefiel meine Art. Und das, obwohl ich ihm gegenüber nicht den kleinsten Versuch unternahm, mich zu verstellen…

Comments

  • Author Portrait

    Die grosse Macht des Wünschens... Du beschreibst die Gefühlslagen von Georgie sehr gut, dieses Auf und Ab, die Widersprüche und nun natürlich dieses himmelhochjauchzende Gefühl, als der Kontakt endlich hergestellt ist... :-)

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