Kapitel Neun

Ich wachte auf, weil ich Stimmengewirr vernahm.

„Bist du dir sicher, dass sie es ist? Wir hatten eine ganz andere Beschreibung. Sie sollte in Athen sein und rote kurze Haare haben, sowie ein polizeiliches Führungszeugnis. Dieses Mädchen hier sieht nicht aus, als hätte sie jemals in ihrem Leben gegen irgendeine Regel verstoßen, geschweige denn Hausarrest bekommen.“

„Ich glaube, sie hat einmal mit mir die Mittagspause verlängert“, gab eine zweite Stimme zurück, die ich nun als Jesse identifizierte. Ich konnte mir förmlich vorstellen, wie er bei der Bemerkung belustigt grinste. Sofort machte mein Herz einen Sprung.

„Jesse, das ist nicht witzig. Wenn sie die Falsche ist, hast du unser oberstes Gebot gebrochen und einer Unbeteiligten von uns erzählt.“ Die erste Stimme konnte ich nicht zuordnen, aber sie klang aufgebracht.

„Faktisch hat er mir rein gar nichts erzählt… ich musste mir alles selbst zusammenreimen…“, krächzte ich und erschrak selbst über meine eigene Stimme. Sie klang eingerostet und heiser, als hätte ich die ganze Nacht durchgeschrien.

„Cecilia, du bist wach!“ Jesse hörte sich sehr erleichtert an und das sorgte dafür, dass meine Augenlider mit Leichtigkeit aufflogen. Im Raum war es dämmrig und ich erkannte die Gardinen, die das meiste Licht nicht hereinließen. Dann wanderte mein Blick zu Jesse, der sich mittlerweile neben mein Bett gestellt hatte und mich leicht besorgt ansah.

„Wie geht es dir?“, fragte er und sein Mund war eine einzige gerade Linie. Ich blickte an ihm herunter, weil ich mich wunderte, dass er mit seiner Wunde am Oberschenkel stehen konnte, aber ich konnte keine Wunde erkennen. Er hatte sich generell umgezogen und trug nun eine schwarze Jeans mit schwarzen Turnschuhen, sowie einem weißen T-Shirt und einer schwarzen Lederjacke.

„Was ist mit deiner Wunde passiert?“, fragte ich verwirrt und deutete mit einem Finger auf seinen Oberschenkel.

„Das ist schon längst verheilt, dank dir.“ Ich runzelte die Stirn. Dank mir? Was hatte ich denn getan? Jesse musste mir meine Verwirrung ansehen, denn nun mehr schaute er mich besorgt an.

„Erinnerst du dich? Wir waren umzingelt auf einer Lichtung. Die Männergruppe, die uns quer durch Mullingar gefolgt ist?“ Er stoppte, als ich die Hand hochhielt. Bei seinen Worten strömte alles wieder auf mich ein. Bis jetzt hatte ich mich nur an seine Wunde erinnert, weil es das Ereignis war, welches sich wohl für immer in mein Gedächtnis gebrannt hat. Nun aber tauchte alles andere wieder auf. Die Männergruppe, die uns vom Schulgelände gefolgt war und die Jesse mit einem Messer verletzt und vergiftet hatten. Wie Jesse zu mir meinte, ich solle ihn zurücklassen und ohne ihn durch das Portal gehen. Ich war bei ihm geblieben. Dann dachte ich er wäre gestorben, weil er aschfahl wurde und hätte mich beinahe den Männern hingegeben. Als eine Stimme in meinem Inneren meinte, dass ich die Kraft hätte Jesse zu retten und uns zu beschützen. Wie im Anschluss das Licht aus mir herausströmte und Jesse wieder zu sich kam. Wie die Männer flohen, nur um kurze Zeit später mit einer ganzen Armee zurückzukommen. Danach ist alles schwarz. Aber an das wohlige Gefühl, welches das Licht in mir ausgelöst hatte, konnte ich mich erinnern. Es war, als wäre es noch immer da.

„Hier trink das, danach wirst du wieder zu Kräften kommen.“ Jesse reichte mir ein Glas mit einer orangenen Flüssigkeit drin. Argwöhnisch betrachtete ich ihn und dann das Glas. Das letzte Mal, dass er mir etwas zu trinken gegeben hat, wollte er meine Erinnerungen löschen.

„Da ist jetzt aber nicht dieses angebliche Erinnerungszeugs drin, oder?“, fragte ich sicherheitshalber nach. Jesse lachte kurz auf, schüttelte dann aber den Kopf.

„Das mache ich nie wieder bei dir, versprochen. Außerdem hilft es ja sowieso nicht. Jetzt weiß ich immerhin auch weshalb.“ Fragend sah ich ihn an, doch er lächelte bloß geheimnisvoll. Seufzend nahm ich das Glas und trank es in einem Zug leer. Nur kurze Zeit später, fühlte ich mich in der Tat lebendiger und nicht mehr so ausgelaugt. Ich setzte mich auf und blickte ich erneut im Raum um. In einer Ecke stand noch eine andere Person, die mich genau zu beobachten schien. Ein Schauer fuhr mir über meinen Rücken, sodass ich schnell den Blick abwandte. Ansonsten sah es eher aus wie ein Krankenzimmer. Steril und schrecklich weiß. Neben meinem Bett standen ein paar Gerätschaften, die ich noch nie gesehen hatte, aber wohl zur Überwachung der Patienten dienten.

„Können wir ein wenig Licht hier hereinlassen? Es ist so schrecklich dunkel…“, fragte ich Jesse, der noch immer lächelnd nickte. Irgendwas an ihm schien verändert. Er wirkte nicht nur erleichtert, sondern regelrecht sorgenfrei. Der andere Mann hinten in der Ecke ging zum Fenster und schob die Gardinen beiseite. Sofort brach das Licht herein und ich kniff reflexartig die Augen zusammen. Aber das brauchte ich gar nicht. Das Licht blendete mich nicht, sondern schmeichelte mir vielmehr. Ich erkannte es sofort wieder, woraufhin es noch einen Nuance heller wurde. Als würde es sich freuen.

„Ich nehme alles zurück, Jesse. Sie ist es anscheinend wirklich. So habe ich das Licht noch nie reagieren sehen.“ Ich drehte mich zu der anderen Person herum, welche nun näherkam.

„Alles gut. Aber dann darf ich euch nun vorstellen? Cecilia, das ist Alex. Alex das ist Cecilia.“ Ich reichte Alex die Hand. Alex. Der Name kam mir bekannt vor. Dann erinnerte ich mich. Er war in dem Traum, den ich von Jesse hatte, vorgekommen.

„Du bist sein bester Freund, oder?“, fragte ich und erntete erstaunte Gesichter, bevor Alex zögerlich nickte. Siedend heiß fiel mir ein, dass ich Jesse ja noch nichts von diesem Traum erzählt hatte. Der fragte sich nun garantiert, woher ich wusste, wer sein bester Freund ist. Ich blickte ihn leicht entschuldigend an.

„Sorry, ich hatte ihr kurz erzählt, dass mein bester Freund Alex noch in Athen sitzt und mich bald besuchen kommen möchte“, erläuterte Jesse und starrte mich verwirrt an. Auf seiner Stirn hatte sich diese gewisse senkrechte Falte gebildet, die ich dort schon öfter gesehen habe, wenn er krampfhaft über etwas nachdachte. Ich würde ihm meinen Kommentar nachher erklären müssen, dessen war ich mir sicher. Um davon abzulenken, wechselte ich das Thema.

„Wo sind wir überhaupt?“ Jetzt lachte Jesse leise und Alex war derjenige, der mir antwortete.

„Na im Reich der Krieger des Lichts.“ Als wäre es das selbstverständlichste der Welt und ich eine dumme Gans, weil mir das noch nicht aufgefallen ist. Trotzdem machte sich nach nur ein paar kurzen Augenblicken die Neugierde in mir breit. Das Reich der Krieger des Lichts. Es existierte also wirklich und ich war wirklich da. Nach den Momenten des Selbstzweifels und Verrücktwerdens, war ich sehr froh endlich da zu sein. Als hätte ein Teil von mir gefehlt, der jetzt zu mir gekommen ist. Schwungvoll stand ich auf – ein wenig zu schwungvoll, denn es drehte sich alles in meinem Kopf, sodass Jesse mich auffangen musste.

„Langsam, du hast ziemlich was mitgemacht.“ Ich atmete Jesses Duft ein, der an seinem T-Shirt haftete. Ein wenig zu lange verharrten wir in dieser Position, denn Alex räusperte sich, bevor er sagte:

„Ich gehe mal den Chief holen. Kommt ihr in den Konferenzraum?“ Jesse nickte und setzte mich auf das Bett ab. Froh, dass ich endlich mit ihm alleine war, blickte ich ihn fröhlich an.

„Du scheinst sehr glücklich zu sein“, merkte Jesse an. Er begab sich zu einem der Schränke an der Wand und holte ein paar Kleidungsstücke für mich heraus. Wortlos reichte er sie mir. Eine schwarze Hose, ein weißes T-Shirt und eine schwarze Strickjacke. Farblich genauso wie Jesse. Fragend sah ich ihn an, doch er zuckte nur die Schultern.

„Wir sind ein Team. Ich bin dein Wächter, deshalb müssen wir in gleichen Farben auftreten. Eins vorweg: Ich werde niemals rosa anziehen!“, drohte er und ich lachte. Ich selbst hasste Rosa, sodass wir dieses Problem wohl nie haben werden.

„Drehst du dich bitte um?“, bat ich Jesse, der grinsend meinem Wunsch Folge leistete. „Weißt du…“, fuhr ich fort. „Ich bin erleichtert endlich hier zu sein. Diese ganzen Träume und seltsamen Dinge, die Zuhause passiert sind scheinen hier zusammenzulaufen. Es ergibt irgendwie alles einen Sinn, obwohl ich eigentlich noch nichts weiß. Aber das wirst du mir ja erklären, oder?“ Jesse wartete geduldig ab bis ich mich fertig umgezogen hatte, bevor er sich umdrehte, um mir zu antworten.

„Du weißt noch nichts von dieser Welt. Aber ich bin froh, dass du es so leicht nimmst. Ich hatte schon Angst eine eingebildete Zicke beschützen zu müssen, die mir andauernd erklären will, wie verrückt ich doch sei und dass ich in eine Irrenanstalt gehöre. Da ist mir jemand, der zwar nichts weiß, aber wissbegierig ist, sehr viel lieber. Ich werde versuchen dir alle Fragen zu beantworten, so gut es mir möglich ist. Manches allerdings kann oder darf ich dir schlichtweg nicht sagen. Da fragst du besser den Chief… Übrigens, danke.“

„Wofür?“, fragte ich, doch ich ahnte schon wofür.

„Dafür, dass du mein Leben gerettet hast. Und das wahrscheinlich nicht zum ersten Mal.“ Jesse kam nahe an mich heran und schloss mich kurzerhand in die Arme.

„Das nächste Mal lässt du mich aber bitte zurück, ja? Du warst die Zielscheibe, nicht ich.“ Ich wollte protestieren, aber da schüttelte Jesse den Kopf. „Belassen wir es dabei, ja? Ich bin dir unendlich dankbar dafür und jetzt müssen wir gleich los, sonst meckert der Chief wieder herum, dass ich zu spät wäre.“ Er grinste sein schiefes Grinsen und fuhr sich mit einer Hand durch das verwuschelte Haar.

„Moment noch. Wann habe ich dich denn das erste Mal gerettet?“ Ich konnte mich an keine derartige Situation erinnern.

„Ich habe es erst begriffen, als deine Kraft auf der Lichtung in mich geströmt ist. Aber ein paar Tage zuvor hatte ich einen Einsatz und es war ein Hinterhalt der Toten Seelen. Ich glaubte ich wäre verloren, aber da war ein Licht in mir drin, was die Seele davon abhielt von mir Besitz zu ergreifen. Es war dein Licht, denn es war dasselbe, was auch auf der Lichtung in mich kam. Ich vermute, dass du auch da warst, also durch das Licht. Deswegen standst du am Fenster, als ich nach Hause kam, oder?“ Ich war erstaunt und verblüfft. Damals war das Licht also wirklich ich gewesen und er hat mich aus seinem Körper verbannt, als er sein Amulett wiederhatte.

„Daher weiß ich auch, dass Alex dein bester Freund ist. Du hattest es damals gedacht“, flüsterte ich leise, weil ich mir vorkam als wäre ich damals in seine Privatsphäre eingedrungen – auch wenn es mehr als unbeabsichtigt war.

„Du konntest meine Gedanken mithören?“, fragte Jesse atemlos. Ich nickte schuldbewusst. „Das ist unglaublich, so etwas kann eigentlich nur die Königsfamilie…“

„Es tut mir leid, ich dachte es wäre, wegen des Lichts. Du weißt schon, weil das Licht und dadurch ein Teil von mir in dir war… da dachte ich, dass es das ausgelöst hätte.“ Jesse schien zu überlegen, er hatte schonwieder diese senkrechte Stirnfalte im Gesicht, die ihn sehr viel besorgter und älter aussehen ließ.

„Wir machen uns später darüber Gedanken. Es wäre gut, wenn du erst einmal keinem erzählst, dass du damals in meinen Gedanken dabei warst, okay? Ich möchte die ganze Sache zunächst selbst durchleuchten, bevor ich es dem Chief erzähle.“ Ich nickte. Nur zu gut konnte ich ihn verstehen, ich würde es auch nicht gleich jedem auf die Nase binden wollen, dass jemand in meinen Gedanken war.

„Na komm, wir sollten los. Ich erzähle dir ein wenig was über das Reich und über uns auf dem Weg zum Chief.“ Ich nickte wortlos und folgte ihm. „Also das Reich der Krieger des Lichts existiert parallel zu eurer Welt. Durch die Portale kommst du zu uns oder eben in deine Welt. Die Portale gibt es nicht an vielen Orten, Mullingar ist einer davon. Dadurch bin ich damals in die Stadt gekommen und deshalb dachten auch alle, dass ich aus dem Nichts gekommen sei. Meine Eltern, die du dort kennengelernt hast, sind nicht wirklich meine Eltern. Sie arbeiten hier und waren nur für die ersten zwei Tage da, um meine Ankunft wasserdicht zu machen. Ein 18-jähriger Junge, der alleine nach Mullingar zieht, hätte bei euch durchaus für Aufsehen gesorgt, oder?“ Jesse wartete meine Antwort gar nicht erst ab. Ich hätte auch einen Moment gebraucht, um ihm zu antworten. Viel zu gebannt war ich von seinen Schilderungen.

„Ehrlich gesagt, weiß ich nicht einmal so ganz genau, wo ich anfangen soll… Also ich kam in eure Welt, weil ich Jemanden suchen musste. Und dieser Jemand bist du. Du bist eine der fünf Magier, die unsere Welt beschützen. Vor 27 Jahren ist die Letzte Magierin gestorben – an sich ist das nicht schlimm, denn unsere Welt war stärker denn je. Nach dem letzten großen Krieg wurde die Dunkelheit vollständig aus diesem Reich gebannt. Sie wurde in den Grenzbereich zum Tor von Delphi verbannt. Dadurch hat sich keiner die Mühe gemacht, die neue Generation an Magiern zu suchen, zumal es sie immer nur gibt, wenn eine Gefahr droht. 18 Jahre ist es nun her. Genau vor 18 Jahren wurde das Tor von Delphi aufgestoßen und die Dunkelheit konnte mächtig an Kraft gewinnen, da hinter dem Tor all die verlorenen Seelen und Wesen herrschten, die wir aus unserem Reich verbannt hatten. Die Dunkelheit wurde mit der Zeit immer stärker und prallt nun seit geraumer Zeit an unsere Barrieren. Da kommt nun die neue Generation der Magier ins Spiel. Und du bist eine davon“, schloss er letztendlich, als wir vor einer hölzernen Tür standen. Dreimal klopfte Jesse an, bevor sich die Tür mit einem Schwung öffnete. Wir traten ins Innere eines großen Raumes, in dessen Mitte ein ovaler Tisch stand. Ich betrachtete den Raum, der sehr kunstvoll eingerichtet war. Es wirkte wie in einem anderen Zeitalter, obwohl die Lampen an der Decke deutlich verrieten, dass wir uns im Hier und Jetzt befanden.

„Du musst Cecilia sein“, ertönte eine Stimme vom Kopf des Tisches. Automatisch beugte ich meinen Rücken gerade durch, als ich den älteren Mann am Tischende sitzen sah. Nur aus dem Augenwinkel bemerkte ich Jesses amüsiertes Grinsen. Er stupste mich an und ich bewegte mich Richtung Tischende. Der Mann erhob sich und drückte mich mit einem Mal an sich. Zunächst war ich ein wenig überrumpelt, aber dann legte ich zaghaft meine Arme um seinen dünnen Körper.

„Es ist wundervoll, dass du da bist. Bitte setz dich doch, hier ist freie Platzwahl“, zwinkerte er mir zu und ich setzte mich direkt an die Längsseite des Tisches.

„Sie sind der Chief, oder?“, fragte ich und erntete ein leises Lachen von Seiten des Mannes.

„Allerdings. Jesse und alex haben also noch immer nicht den gebührenden Respekt vor ihrem General?“ Sein Tonfall verriet mir sofort, dass er nichts von seinen Worten böse meinte. Vielmehr lächelte er den beiden jungen Männern zu. ALex hatte gegenüber von mir Platz genommen, während Jesse neben mir saß.

„Also Cecilia, da mich die jungen Herren bei dir bereits als Chief vorgestellt haben, kannst du mich auch gern weiterhin so nennen. Eigentlich bin ich General Porthead. Ein merkwürdig klingender Name, der mir aber spätestens nach ein paar Tagen sehr viel Respekt verschafft. Ich bin Leiter des Instituts für Verteidigung unseres Landes. Ich bin sozusagen dafür verantwortlich, dass alles was nicht in das Reich der Krieger des Lichts gehört, auch nicht in dieses Reich kommt. Soweit alles klar?“ Ich nickte, obwohl mir mein Kopf noch immer von Jesses Schilderungen schwirrte und mir demnach so gar nichts richtig klar war.

„Gut. Jesse ist einer meiner besten Agenten. Er fing bereits sehr früh beim Institut an und hat sich kräftig hochgearbeitet. Nun habe ich ihn vor zwei Jahren mit der wohl wichtigsten Aufgabe betraut: Dich zu finden.“ Der Chief machte eine bedeutungsvolle Pause. „Vielleicht sollte ich wohl eher sagen, dass er auf der Suche nach der Magierin des Lichts war. Wir hatten diese eigentlich in einem anderen Teil Europas vermutet, nämlich in Griechenland. Aber dann hat Jesse eine ungewöhnliche Kraft in Mullingar, deiner Heimatstadt bemerkt, und beschloss dieser nachzugehen. Es war eine Tote Seele, die ihr Unwesen in der Nähe deines Zuhauses trieb. Du erinnerst dich vielleicht noch an den Mann, der dir auf Schritt und Tritt folgte?“ Ich nickte bloß und der Chief fuhr fort:

„Nun, er hat Jesse nach Mullingar gelockt. Wo eine Tote Seele ist, können die anderen nicht weit sein. Und Tote Seelen haben einen guten Grund an einem Ort zu sein. Sie sind meist dort, wo das Licht ist. Und so kam Jesse durch Zufall zu dir nach Hause. Das Nachbarhaus war das einzige, was so kurzfristig gemietet werden konnte. Dass deine Eltern Jesse gleich zum Abendessen einluden, war eine glückliche Fügung. Seinen Verdacht teilte Jesse uns gleich am ersten Abend mit, aber er selbst war sich nicht sicher, ob du die Richtige warst. Erst als sich die Verdachtsmomente häuften, beschloss er uns vollständig zu unterrichten, woraufhin wir sagten, dass er sich in deiner Nähe aufhalten solle, bis du deine Kraft gezeigt hast. Kurz nachdem wir ihm den Auftrag gegeben hatten, kamen die Toten Seelen auf euch zu und den Rest kennst du ja.“ Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren, um all das verstehen und vor allem auch verarbeiten zu können. Aber bevor ich auch nur ansatzweise die vorhin gesagten Dinge in meinem Kopf sortieren konnte, fuhr der Chief erneut fort:

„Du fragst dich nun sicher, wie es jetzt weitergeht. Zunächst einmal bleibst du bei uns. Du wirst bei Jesse wohnen, da er dein Wächter ist. Morgen kümmert er sich mit dir um alles Administrative, wie deinen Stundenplan – auch hier wirst du ein paar Mal die Schulbank drücken müssen, um mehr über uns zu erfahren, da du nichts weißt – und dann deinen Trainingsplan, sodass du lernst mit deiner Kraft umzugehen. Ich gebe dir dieses Armband, welches du bitte immer trägst, es dient als deine Identifizierung. Damit kannst du deine Termine abrufen, andere Personen anrufen und jeder kann sehen, wer du bist und woher du kommst. Dann überreiche ich dir noch zusätzlich dieses Amulett, welches du bitte immer trägst. Es ist das Amulett der Krieger und wird dich vor allen äußeren Gefahren schützen, bis du deine Kraft beherrschst, sodass du dich selbst verteidigen kannst. Wenn du deine Kraft soweit beherrschst, bist du in der Lage die anderen Magier aufzuspüren, sodass wir nicht weiter ziellos nach ihnen suchen müssen. Wenn alles nach Plan läuft, könnt ihr zusammen bereits in kurzer Zeit die Dunkelheit wieder verbannen, sodass wieder Frieden auf der Welt herrschen kann. Ich glaube jetzt habe ich dich ein wenig mit Informationen überladen. Was hältst du davon, wenn wir an dieser Stelle aufhören und Jesse dir zunächst zeigt, wo du mit ihm wohnen wirst. Alles andere werden wir in den nächsten Tagen regeln. Bis dahin kannst du dir die Umgebung hier anschauen und natürlich Jesse Löcher in den Kopf fragen, denn ich sehe dir an, dass du noch viele Fragen hast. Falls du noch etwas Dringendes hast, dann wäre jetzt der Zeitpunkt damit herauszurücken. Ich habe gleich einen Termin mit dem Königsrat, dort werde ich Seine Majestät auch um eine Audienz bitten, damit du ihn kennenlernst und weißt welch kurioses Völkchen du hier retten wirst.“ Der Chief lächelte mich gutmütig an und ich nickte bloß. Das waren definitiv zu viele Informationen und ich würde definitiv noch einiges von dem eben gesagten nachlesen müssen, um es in meinen Kopf einspeichern zu können. Mein Kopf brummte unangenehm und mir fiel nur eine Frage ein, die ich stellen wollte.

„Entschuldigung, aber gibt es hier eine Bibliothek?“ Der Chief blickte mich erstaunt an, während ich Jesse neben mir glucksen hörte.

„Natürlich, wir haben eine in diesem Gebäude und selbstverständlich eine im Palast. Es kommt ganz drauf an, wonach du suchst. Aber da kann Jesse dir behilflich sein, er ist eine ziemliche Bücherratte. Übrigens, hast du das Buch wieder mitgebracht?“, wandte sich der Chief nun an Jesse, der das grüne Sagenbuch aus seiner Tasche holte und es dem Chief überreichte. Ich starrte ihn perplex an und beschloss ihn dazu zu bringen, es mir nachher wiederzugeben, schließlich war ich damit noch nicht fertig gewesen und er konnte nicht einfach in mein Haus spazieren und Bücher mitnehmen. Immerhin musste ich für das Buch bezahlen, wenn es nicht pünktlich in die Bibliothek zurückgegeben wurde.

„Ich habe noch eines davon bei mir Zuhause, keine Sorge“, zwinkerte Jesse mir zu, der meinen Unmut zu spüren schien. Um keine Szene zu machen, nickte ich erneut und beschloss ihn später zu Rede zu stellen.

„Gut, ich möchte euch wirklich nicht rausschmeißen, aber ich muss dringend zum Königsrat. Ihr entschuldigt mich. Alex, solltest du nicht schon längst auf den Weg nach Australien sein, um den nächsten Magier zu suchen?“ Alex wurde rot und verschwand gleichzeitig mit dem Chief durch die Tür. Er hob die Hand zum Abschied und ich war noch viel zu perplex, um ihm Tschüss hinterherzurufen.

„Wow…“, brachte ich nach einigen Momenten der Stille heraus. Jesse beobachtete mich eindringlich. Wahrscheinlich hatte er Sorge, dass ich all das nicht verkraften würde. Überhaupt war er sehr nett zu mir, seitdem wir von der Toten Seele konfrontiert wurden. Ich musste mir nicht einen bissigen Kommentar anhören. Unwillkürlich fragte ich mich, wie lange das wohl anhielt. Oder ob jetzt alles gut war zwischen uns und er nur noch der nette und verständnisvolle Jesse sein würde.

„Worüber denkst du nach?“, riss mich seine Stimme aus den Gedanken und ich wandte mich ihm zu. Seine Augen sahen mich fragend an, bevor er nach meiner Hand griff und diese drückte. Mein Herz machte einen freudigen Hüpfer und nur zu gerne würde ich mich dieser Freude hingeben. Aber Jesse hatte mich schon zu oft wieder fortgestoßen.

„Über alles und nichts“, antwortete ich ihm, während ich ihm meine Hand entzog. Kurz zog Schmerz über sein Gesicht, aber bevor ich mir da allzu sicher war, war seine Miene wieder unbewegt.

„Komm, lass uns gehen, ich mochte diesen Raum noch nie. Er war mir schon immer zu plump dekoriert.“ Jesse stand abrupt auf und sofort bereute ich es, ihn abgewiesen zu haben. Denn jetzt hatte ich wieder einmal den Eisklotz von Jesse vor mir. Ich folgte ihm durch die vielen Gänge, die alle gleich aussahen. Alles war auf alt getrimmt, mit Holzbalken an der Decke. Es hingen Portraits von alten Generalen an den Wänden und von den Agenten, die im Dienst gefallen sind. Ansonsten waren die Gänge leer und nichts deutete darauf hin, wohin man sich bewegte. Jesse sprach so gut wie kein Wort mit mir und ich fühlte mich wie ein Häufchen Elend. Ich hatte es schließlich selbst zu verantworten. Wahrscheinlich hatte ich seinen Stolz verletzt oder so etwas in der Art. Die Zeit mit ihm konnte nur besser werden, munterte ich mich selbst innerlich auf, um nicht in Tränen auszubrechen.

 

Die Stadt war wundervoll. Auch wenn ich nicht viel sah, weil sich Jesses Haus direkt in der Nähe zum Institut befand. Die Straßen waren trotzdem atemberaubend. Sie waren mit alten Gebäuden an den Seiten gesäumt. Die Häuser standen teilweise schief, aber genau das gab der Straße ihren Charme. An jedem Haus hing mindestens ein Lampion, in dem eine kleine Lichtkugel flackerte.

„Das sind Lichtelfen“, war Jesses einziger Kommentar zu meinem verzückten Blick. Er blickte mich dabei jedoch nicht an.

„Es sieht alles so wundervoll aus!“, rief ich aus und wollte vor lauter Verzücken jemanden umarmen. Vor einem kleinen, alten Haus am Ende einer Nebenstraße blieben wir stehen. Es war aus hellem Backstein und ein türkiser Lampion hing an der Tür. Die sich darin befindende sogenannte Lichtelfe flog aus dem Lampion und kam direkt auf mich zu. Ihre zarten Flügel flatterten wild und ihr rotes Haar wirkte zerzaust. Sie schwirrte um meinen Kopf und blieb schließlich direkt vor meinem Gesicht in der Luft stehen.

„Ich bin Lovisa. Es ist wundervoll dich kennenzulernen, Magierin des Lichts.“ Ich stupste ihre ausgestreckte Hand mit meinem Zeigefinger an, aus Angst sie sonst davonzuschleudern. Sie kicherte und setzte sich auf meine Hand.

„Ich bin Cecilia“, stellte ich mich vor und lächelte die kleine Elfe an.

„Das weiß ich doch. Ich bin eine Lichtelfe, schon vergessen? Ich weiß alles über unsere Magierin.“ Ich starrte sie verwirrt an.

„Oh das haben sie dir anscheinend noch nicht erzählt, oder?“ Sie warf Jesse einen leicht zornigen Blick zu.

„Sie ist gerade erst angekommen, Lovisa.“ Jesse schien sich zu rechtfertigen, was ich durchaus amüsant fand. Anscheinend hatte Lovisa hier die Hosen an.

„Na und? Das ist das Wichtigste, was jede Magierin wissen muss! Dann werde ich diesen Part wohl übernehmen müssen… Also jeder Magier hat ein Volk unter sich. Da du die Magierin des Lichts bist, sind die Lichtelfen dein Volk. Wir stehen dir jederzeit zu Diensten und solltest du einmal Hilfe brauchen, musst du uns nur rufen und wir sind sofort da. Auch wenn wir nicht stark aussehen, haben wir es ganz schön drauf, nicht wahr Jesse?“ Dieser grinste sie leicht an, bevor er erwiderte:

„Gegen mich hast du trotzdem keine Chance.“ Daraufhin streckte Lovisa im bloß noch die Zunge raus. Ich lächelte aufgrund der Neckereien der beiden. Sie schienen sich gut zu verstehen und ich sah kurzzeitig den entspannten und sorglosen Jesse vor mir.

„Machst du das eigentlich freiwillig? Also in dem Lampion zu sein?“, fragte ich Lovisa neugierig. Sie legte leicht ihren Kopf schief, als schien sie zu überlegen, was sie mir antworten sollte.

„Ja, freiwillig schon. Dadurch spenden wir Licht und es sieht alles viel freundlicher aus. Natürlich machen das nicht alle von uns. Manche sind Krieger oder Hauselfen oder Boten, andere leben ganz abgeschieden in ihren Dörfern und scheren sich nicht um die anderen Völker im Reich. Ich lebe zum Beispiel im Lampion, deshalb eine Hauselfe, aber ich bin auch eine Botin. Deshalb triffst du mich nicht immer im Lampion an. Aber weit weg bin ich nie. und ich kann auch im Nu wieder da sein, wenn du möchtest. Wir können uns nämlich zu jeder beliebigen Lichtelfe teleportieren lassen. Es sei denn natürlich, dass die Lichtelfe zu der wir möchten uns abblockt. Dann müssen wir den langen Weg nehmen und das kann dann etwas dauern, aber so etwas ist mir noch nie passiert.“

„Lovisa…“, warnte Jesse. „Wie du merkst, redet sie immer extrem viel“, wandte er sich dann zum ersten Mal, seitdem wir das Institut verlassen haben direkt an mich. Ich nickte lächelnd. Das war mir überhaupt nicht unangenehm.

„Immerhin rede ich mit ihr… Das kann man von dir ja wohl nicht behaupten!“ Ich grinste Lovisa schief an. Es schien, als wäre sie geradewegs vom Himmel gefallen, so sehr mochte ich sie bereits jetzt. Sie war wie eine Verbündete gegen Jesse, den Eisklotz.

„Lovisa das reicht jetzt aber.“ Jesse blickte sie wütend an, aber Lovisa schien davon nicht wirklich beeindruckt zu sein.

„Ich verstehe gar nicht, was dein Problem ist. Cecilia jedenfalls scheint kein Problem mit mir zu haben. Aber wenn du so weiter machst Jesse Krugenstein, dann werde ich verschwinden. Den Lampion nehme ich gleich mit, nur damit du es weißt!“ Auch Lovisa wurde nun lauter und zornig. „Du musst lernen deine Gefühle zu kontrollieren. Sie braucht dich jetzt, da kannst du sie nicht wie Luft behandeln. Wie würdest du dich fühlen, wenn du in eine völlig fremde Welt gestoßen wirst und nicht einmal die einzige Person, die du kennst und der du eventuell vertraust, mit dir redet? Mach es ihr nicht noch schwerer, als sie es nicht ohnehin schon hat, Jesse.“ Ihre Stimme wurde sanfter zum Ende und auch wenn ich die Gefühle bis jetzt erfolgreich verdrängt hatte, so bahnten sie sich jetzt einen Weg an die Oberfläche. Denn Lovisa hat Recht. Ich fühlte mich hier schrecklich allein und nicht willkommen. Eher wie ein Artefakt, was in Watte eingepackt wird, nur um dann rausgeschmissen zu werden. Die Rede des Chiefs hallte in meinem Kopf wieder. Wenn alles nach Plan läuft, könnt ihr zusammen in kurzer Zeit die Dunkelheit wieder verbannen, sodass wieder Frieden auf der Welt herrschen kann. Das war eine riesige Verantwortung und unwillkürlich machte sich das Gefühl in mir breit, dass ich alle enttäuschen werde.

„Ich bin ihr Wächter Lovisa, nicht ihr Freund“, meinte Jesse und schloss die Haustür auf. Für ihn war die Sache damit erledigt. Lovisa sah mich mitleidig an, meinte aber dann:

„Wenn du Fragen hast, kannst du sie mir gerne stellen. Ich versuche dir alles zu beantworten. Aber ehrlich gesagt beschränkt sich mein Wissen größtenteils auf die Geschichte der Lichtelfen, nicht der der Krieger des Lichts. Gib ihm ein paar Tage Zeit, spätestens dann hat er sich wieder eingekriegt.“ Ich lächelte sie dankbar ein.

„Das ist sehr lieb von dir, Lovisa. Ehrlich. Außerdem interessiert mich die Geschichte der Lichtelfen natürlich auch gewaltig, vielleicht kann ich dadurch auch mehr über meine Kräfte erfahren. Den Rest hole ich mir aus der Bibliothek. Irgendwie werde ich das schon schaffen.“ Am Ende hörte ich mich an, als wollte ich mir eher selbst Zuversicht einreden. Ich konnte einen enttäuschten Blick nicht unterdrücken und auch mein Lächeln verzog sich leicht schmerzhaft, dass ich die nächste Zeit mit einem Mann verbringen durfte, der sich nie entscheiden konnte, was er von mir wollte.

„Du schaffst das schon!“ Ich hielt ihr meinen Zeigefinger wieder zum Abschied hin und sie schlug kichernd ein. Dann folgte ich Jesse ins Haus.


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beta
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