Kapitel Sechs


Kapitel Sechs

 

Die meisten Sonntage verbrachte ich damit, meinen ungesunden Schlafrhythmus des Wochenendes auszukurieren. Davon gab es in der Regel zwei verschiedene Varianten. Entweder machte ich Freitagnacht durch, verschlief den halben Samstag, sodass ich so spät ins Bett ging, dass ich Sonntag komplett gerädert aufwachte. Oder ich ging Samstagmorgen gar nicht erst zu Bett, verbrachte den Tag als übermüdeter Zombie, bekam in der darauffolgenden Nacht zu wenig Schlaf, um mich regenerieren zu können und war Sonntag ebenfalls gerädert.

Es kam immer auf dasselbe Ergebnis heraus – ich stand nahezu jeden Sonntag erst nach dem Mittag auf, schlüpfte in Jogginghose und Sweatshirt und hetzte zu meinen Eltern, die nur eine Straße weiter wohnten, um noch etwas vom Mittagessen abzugreifen.

Bei dieser Gelegenheit holte ich mir regelmäßig eine Moralpredigt über meinen ungesunden Lebensstil ab. Auch heute war meine Mutter wieder voll in Fahrt. Für gewöhnlich schaltete ich in diesen Situationen auf Durchzug. Doch heute stellte ich mich den Fakten – sie hatte Recht.

Sie wäre am Boden zerstört gewesen, wenn ich es zugegeben hätte. Der einzige Grund, dass sie noch nicht völlig verzweifelte war der, dass ich vehement ihre Behauptungen abstritt, dass ich mir sinnlos die Zeit vertrieb und darauf wartete, dass mein Leben vorüber ging. Doch im Grunde war es genau das, was ich tat – Freitags so hart feiern, dass ich den Samstag im Delirium verbrachte. Sonntags bei den Eltern ausnüchtern. Ab Montag wieder so lange arbeiten, dass der Feierabend keine Zeit zum Nachdenken bot.

Ich lebte für einen Job, den ich hasste, weil ich glaubte, mein Leben gäbe nicht mehr her. So seltsam es klingt, doch seit ich Jasons Stimme im Radio gehört hatte, sah ich das alles sonnenklar.

Ich kann nicht sagen, wie oft Alex oder meine Eltern mir damit in den Ohren gelegen haben, dass ich mein Leben ändern musste. Jason hatte es geschafft, mich zu dieser Einsicht zu bewegen, ohne von meiner bloßen Existenz zu wissen.

Und so kam die Frage in mir auf, zu wie viel mehr er in der Lage wäre, wenn er wirklich Teil meines Lebens wäre. Mehr als in meinen bloßen Gedanken und meiner Spotifyplaylist, meine ich.

Ich fragte mich gerade, wie nahe es dem Stalking käme, ihn zu kontaktieren, als die ärgerliche Stimme meiner Mutter in meine Gedanken drang. „Himmmelherrgott, Georgie! Wo zum Henker bist du mit deinen Gedanken?“

„Entschuldige.“, sagte ich schnell und wollte mich schon wieder in meine vielversprechenenden Gedanken flüchten, doch dies war einer der seltenen Momente, wo ein Dackelblick meinerseits allein nicht genügte.

„Was ist denn bloß los mit dir? Wir freuen uns wirklich, wenn du uns regelmäßig besuchst. Doch wenn du nur kommst, um dich hier vor dem Rest der Welt zu verstecken, wirst du künftig zuhause bleiben müssen.“

Ich gab es wirklich nur ungern zu (selbst, wenn es nur mir selbst gegenüber war), aber sie hatte schon wieder Recht! Ich warf einen schnellen Seitenblick zu meinem Vater. Das war mein persönlicher Joker, denn an seinem Gesicht konnte ich immer absehen, wie schlimm die Lage wirklich war. Das hatte ich im frühen Altern von vier Jahren herausgefunden und seitdem hatte diese Methode mir viel Zeit und Nerven gespart, da ich immer gewusst hatte, wenn meine Mutter übertrieb und wenn ich wirklich etwas verbockt hatte, worüber es nachzudenken galt.

Heute schien einer dieser seltenen Fälle eingetreten zu sein, denn mein Vater lächelte nicht. Hierzu musste man wissen, dass mein Vater immer lächelte. Besonders, wenn sein Goldkind zu Besuch war.

Beschämt sah ich die beiden an. „Ihr habt Recht. Ich habe mich gehen gelassen.“

Meine Mutter – schon voll auf Konfrotationskurs – schien so überrascht über die Einsicht, dass sie nichts mehr zu sagen wusste, darum übernahm mein Vater das Reden. „Das ist ja nur natürlich und menschlich. Aber das geht jetzt seit sage-und-schreibe zwei Jahren so, Liebes.“

„Seit der Trennung von Alex.“, fügte meine Mutter unbarmherzig hinzu.

Ich stöhnte und erwiderte verzweifelt: „Ich weiß, dass es so scheint, aber es liegt nicht an Alex. Er war nicht der Richtige!“

„Aber wer ist es denn dann?“, fragte meine Mutter und warf ergeben die Hände in die Luft.

„Wir machen uns doch nur Sorgen.“, fügte mein Vater schnell hinzu, mit der eindeutigen Absicht, einen drohenden Streit abzuwenden.

Doch ich wollte gar nicht streiten. Das war ja das Schlimme – ich verstand ihre Sorge. Auch ich sorgte mich. Doch sie hatten Recht – brennende unerfüllte Sehnsüchte oder nicht, ich musste endlich anfangen, mich wieder wie ein normaler Mensch zu benehmen.

„Ich bessere mich, versprochen! Ich habe es eingesehen und nein, das sage ich nicht nur so.“ Letzteres fügte ich schnell an meine Mutter gewandt hinzu, die schon zum Widerspruch ansetzte. „Versprochen. Ich ärgere mich doch selbst, dass ich die letzten Jahre so habe verstreichen lassen.“

„Und was ist nun anders?“, wollte meine Mutter misstrauisch wissen.

„Das kann ich dir noch nicht genau sagen.“, erwiderte ich ehrlich. „Aber es hat sich einiges verändert. Das war auch das, worüber ich gerade nachgedacht habe.“

„Gut, wir wollen dich auch unbedingt weiter so oft es geht bei uns haben und du bist hier jederzeit willkommen, doch das musste einfach gesagt sein.“, erwiderte sie entschuldigend.

Ich lächelte sie, atmete den Geruch des Wohnzimmers ein, der seltsamerweise seit ich denken konnte derselbe gewesen ist und erkannte, was für ein Glück ich hatte. „Das versteh ich gut und ich danke euch dafür.“

 

Auf dem Weg zurück nach hause regnete es so stark, dass ich trotz der kurzen Strecke, die ich zurückzulegen hatte, pitschnass zuhause ankam. Dennoch zog ich mir nicht einmal Jacke und Schuhe aus, ehe ich in mein Wohnzimmer an meinen Arbeitsplatz stürmte und den Computer hochfuhr.

Das Blut rauschte mir in den Ohren. Ich bekam kaum mit, wie ich mich in meinem Wahn beinahe neben den Schreibtischstuhl setzte. Ich war wie ein Junkie kurz vor dem nächsten Schuss.

Als der PC soweit war, öffnete ich instinktiv die Startseite von OwnMusic. Das war ein soziales Netzwerk, in dem sich Musikliebhaber trafen. Ich war seit geraumer Zeit dort unterwegs, um meinen Ipod regelmäßig mit neuen Songs zu bespielen, die man nicht in den Charts finden konnte.

Schon während ich Jasons Namen in die Suchmaschine hämmerte fühlte ich, dass ich hier fündig werden würde Genauso war es auch. Ich stieß einen Laut des Triumphes aus und öffnete begierig sein Profil.

Mein erster Blick galt natürlich dem Foto, auf welchem meine Augen für lange Zeit verweilten. Es war eine professionelle schwarzweiß Fotografie, der man ansah, dass sie bei einem Fotoshooting entstanden war. Nichts besonderes, doch sein Lächeln hauchte dem Bild mehr Leben ein, als es jede Farbe der Welt vermocht hätte. Ich spürte, wie sich bei dem Anblick auf meinem eigenen Gesicht ein Lächeln breit machte.

Als nächstes scannte mein Blick die Daten, die ich schon vorher in seiner Biografie auf Wikipedia gelesen hatte, weshalb sie meine Aufmerksamkeit nicht allzu lange fesselten. Stattdessen fanden meine Augen den Button „Kontakt“, mit dem ich ihm eine Nachricht senden und dann auf Antwort hoffen konnte.

Lange starrte ich das Feld nur an, als hoffte ich, es erwache zum Leben, öffne sich wie von Geisterhand und schriebe die Worte, die mir nicht in den Kopf kamen.

Wie sollte ich anfangen? Ich konnte unmöglich die Wahrheit erzählen, wenn ich nicht wollte, dass er mich für einen liebeskranken Groupie hielt und die Nachricht sofort löschte. Ich musste einen kurzen Dreizeiler verfassen, der gerade genug aussagte, um sein Interesse in soweit zu wecken, dass er sich zu einer Antwort herabließe und gleichzeitig den Eindruck machte, dass dies nicht wichtig für mich wäre.

Gleichzeitig wollte ich mich nicht verstellen. Es war mir wichtig, dass ich echt war. Eine nahezu übermenschliche Aufgabe für jemanden, der seit der fünften Klasse einen neuen Namen angenommen hatte, um jemand anderes sein zu können.

Ich öffnete das Nachrichtenfenster und begann.

 

Hallo Jason.

 

War das zu vertraut? Doch das war schließlich sein Name. Sollte ich die Anrede komplett weglassen? „Reiß dich zusammen, Georgie! Er weiß doch nicht, wie oft am Tag du seinen Namen denkst“

Und wie weiter? Während ich überlegte, schrieb, wieder löschte, wieder schrieb und wieder löschte, hefteten sich meine durchweichten Klamotten an meine Haut. Dass mir kalt war, bemerkte ich erst eine dreiviertel Stunde später, als die Nachricht endlich fertig war.

 

Hey Jason,

entschuldige, wenn ich dich so überfalle. Ich saß letztens bei einem Whisky nach der Arbeit in einer Bar und habe dort aus den Lautsprechern des Radios einen eurer Songs gehört und hatte irgendwie das Bedürfnis, dir mitzuteilen, wie großartig ich ihn finde.

Kann man euch irgendwo live erleben?

 

Alles Liebe

Emma

 

Stolz betrachtete ich mein Werk. Das konnte man so lassen. Warum ich allerdings mit Emma anstatt mit Georgie unterzeichnete, obwohl das mein Nickname in dem Netzwerk war, konnte ich nicht einmal mir selbst erklären. Es war ein innerer Impuls. Das Bedürfnis, ihm wirklich nahe zu kommen – von Mensch zu Mensch.

Da Emma allerdings auch nur ein Mensch war, bekam sie in ihren nassen Sachen langsam aber sicher ein nervtötendes Kratzen im Hals. Ich überwand mich, drückte auf Senden ehe ich mich anders entschließen konnte und sah zu, dass ich schleunigst aus den nassen Klamotten herauskam.

Während ich die eiskalten, triefenden Jeans über meine Beine zog, wurde mir erst bewusst, wie nass ich wirklich geworden bin. Ich hängte alles über die Heizung und ging ins Badezimmer, um mir ein heißes Bad einzulassen.

Glücklich schüttete ich großzügig Schaumbad in meine Eckbadewanne, die neben der Dachterrasse einer der Gründe dafür gewesen ist, dass meine Entscheidung auf diese Wohnung gefallen war. Ich beschloss, zur Feier des Tages ein Glas Sekt mit in die Wanne zu nehmen – das einzige, das stets in meinem Kühlschrank vorrätig war und setzte dem ganzen die Krone auf, indem ich Kerzen anzündete und auf meiner Playlist Green Lemon laufen ließ.

So ließ ich mich schließlich wohlig seufzend ins duftende Schaumwasser sinken, während Jasons Stimme mein Badezimmer ausfüllte. Als ich die Augen schloss, war es beinahe, als säße er wirklich bei mir.

Ich versuchte krampfhaft, nicht daran zu denken, wie verrückt ich das alles fand und erlaubte mir, diese für mich neuen Gefühle in ihrem vollen Ausmaß zu genießen. Dabei lächelte ich still und malte mir aus, wie er meine Nachricht las und darauf antwortete.

Dabei kam mir unerwartet meine Kollegin Cindy in den Sinn, mit ihren Predigten über die Kraft der Visualisierung. Wenn daran auch nur ein Funken Wahrheit war, musste ich irgendwann unweigerlich mit Jason zusammentreffen, so fest wie ich es mir ständig ausmalte. Dafür musste ich mich nicht einmal anstrengen, es geschah einfach sobald ich meinen Gedanken freien Lauf ließ.

Wie jetzt, im heißen Badewasser, das sich mit Jasons Stimme im Hintergrund wie eine sachte Umarmung anfühlte. Die Gedanken bekamen Flügel und flochten sich in einen Traum, als ich einnickte.

Ich ging durch eine Straße, die ich nicht kannte. Und irgendwie doch. Allein und irgendwie nicht. Obwohl Jason nicht zu sehen war, spürte ich ihn nah bei mir, was nicht allein daran lag, dass seine Musik in meinem Badezimmer bis in meinen Traum hinein drang.

„Wo bist du?“, rief ich.

Die Frage hallte immer wieder von den großen fremden Gebäuden zu mir zurück, ohne eine Antwort zu finden. Als die Nacht über mir hereinbrach, wurde es immer kälter. Zuerst fröstelte ich und nahm die Hände in die Taschen der Jeans, die ich trug. Doch als mein Atem als weiße Wölkchen vor mir aufstieg und meine Zähne zu klappern begannen, erwachte ich im eiskalten Wasser in meiner Badewanne.

Es war totenstill, die Playlist war zu ende. Das Schlimmste war die durchdringende Dunkelheit, die wie im Traum hereingebrochen war, jede Kerze war erloschen. Ich kam mir vor wie in einem Grab. Schnell richtete ich mich auf, riss mein Handtuch vom Haken und wickelte mich darin ein, ehe ich mich an den Fliesen entlang tastete und vorsichtig aus der Wanne stieg

Ich suchte gerade nach dem Lichtschalter, als lautstark mein Handy klingelte. Mit einem Schrei fuhr ich zusammen und fluchte. Wenigstens hatte ich nun etwas Licht durch die Displaybeleuchtung. Ich griff nach dem Handy, leuchtete in den Raum, fand den verschollenen Lichtschalter, der sich weit abseits von der Stelle befand, an dem ich ihn so verzweifelt gesucht hatte und ging atemlos ans Telefon. „Ja?“

„Störe ich? Du klingst, als wäre der Teufel hinter dir her.“, ertönte Alex Stimme vom anderen Ende der Leitung.

„Ich bin eingeschlafen und habe mich gerade ziemlich erschrocken.“, sagte ich atemlos, während ich mich umständlich in mein Handtuch wickelte und das eiskalte Wasser aus der Wanne lief.

„Du klingst nicht so, als hättest du Lust auf einen kleinen Sonntagsumtrunk.“, stellte er fest.

„Nein, ich passe.“, sagte ich und fühlte mich plötzlich, als wäre ich in sehr kurzer Zeit sehr weit gerannt. „Ich fühlte mich nicht so gut und gehe gleich ins Bett.“

„Wenn du dich morgen nicht in der Lage fühlst, auf Arbeit zu kommen, ruf mich an und bleib zu hause. Ich meine es ernst, Georgie.“, sagte er besorgt.

Seine Mahnung war nicht unbegründet. Ich hatte die lästige Angewohnheit, mir vor meinem Chef nicht die Blöße geben zu wollen, krank geworden zu sein. Doch plötzlich hatte ich das Gefühl, dass mir das völlig egal war. „Mach ich.“

Als wir uns von einander verabschiedet hatten, begab ich mich auf direktem Weg in mein Bett und sank sofort in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Comments

  • Author Portrait

    Wenn eine Veränderung erst mal angestoßen ist, ist sie nicht mehr aufzuhalten... ;-)

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media