Kapitel Sieben


Kapitel Sieben

 

As mich am nächsten Morgen unsanft mein Wecker aus einer Art Totenschlaf weckte, fühlte ich mich, als hätte jemand meinen Kopf mit einer stumpfen Axt bearbeitet. Vollkommen desorientiert blieb ich einen Moment liegen und überlegte, wie lange ich gestern gefeiert hatte, bis mir klar wurde, dass bereits Montag war und ich meine Kopfschmerzen daher definitiv nicht von einer rauschenden Party vom Vorabend hatte.

„Scheiße“, jammerte ich. Meine Stimme klang leise und kratzig. Meine Stimmbänder fühlten sich an, als wären sie mit dickem Stacheldraht umwickelt.

Mit einiger Mühe setzte ich mich auf und schlurfte zu dem Spiegel an meinem Kleiderschrank. Dort begegnete ich einem Zombie. Kleine wässrige Augen starrten mich unter geröteten Lidern hervor müde an. Meine Nase war rot, der Rest meiner Haut dagegen weiß wie Papier. Ich sah fast so schlimm aus wie ich mich fühlte. Und das, wo ich mich doch immer damit rühmte, niemals krank zu sein. Ich hatte in den Jahren, in denen ich nun schon für Pharmamedia arbeitete keinen einzigen Krankenschein abgegeben. Meiner Meinung nach war das nur ein weiterer Grund, dass mein Chef mir auf Knieen für meine Arbeit danken sollte.

Als ich auf dem Weg vom Wohnzimmer ins Bad vor lauter Anstrengung fast zusammenbrach, wurde mir klar, dass ich heute unmöglich arbeiten gehen konnte. Für einen Moment machte mich diese Erkenntnis vollkommen panisch, ehe ich mich an das Telefonat mit Alex von gestern Abend zurück erinnerte.

Ich rang noch eine Weile innerlich mit mir, ob ich nicht doch ins Büro gehen und dort sehen sollte, wie es war, ehe ich endlich seine Nummer wählte. Als ich seine Stimme hörte, wurde ich sofort ruhiger. „Na, hat es dich erwischt?“

„Und wie!“, krächzte ich. „Sagst du es Chris bitte? Ich nehme mir zwei Tage frei.“

„Georgie, jetzt mach dich nicht lächerlich. Du wirst deinen Hintern zum Arzt bewegen und dich krank schreiben lassen! Du schenkst diesem Arschloch nicht deine freie Zeit.“, erwiderte er ärgerlich.

Über seine ungewohnt rüde Ausdruckweise musste ich Lachen, doch das Lachen verwandelte sich schnell in einen ausgedehnten Hustenanfall.

„Soll ich vorbei kommen?“, fragte er und klang höchst alarmiert.

„Alex, ich liege nicht im Sterben!“, erwiderte ich und war verärgert darüber, dass sie meine Stimme genau danach anhörte. „Außerdem habe ich so viele Überstunden, dass ich Jahrelang nicht mehr auf Arbeit auftauchen müsste. Ich fühle mich einfach beruhigter, wenn ich Chris keinen Krankenschein zuschicken müsste.“

„Na, schön.“, sagte Alex, wenig begeistert. „Aber ich bringe dir nach der Arbeit Essen vorbei. Und wenn es dir Mittwoch nicht deutlich besser geht, fahre ich dich persönlich zum Arzt.“

Da ich wusste, dass ich glimpflicher nicht davon käme, willigte ich ein.

 

Punkt sechs stand er bei mir auf der Matte. Inzwischen hatte ich so viele Kopfschmerztabletten intus, dass ich mich fühlte wie im Delirium. In Schlabbersachen, mit tränenden Augen und geröteter Nase öffnete ich ihm schließlich die Tür.

„Meine Güte, Georgie! Du siehst furchtbar aus.“, begrüßte er mich besorgt und trat mit einigen Tüten bepackt über die Schwelle.

Ich war viel zu beschäftigt, mir selber leid zu tun, als Anstoß an seiner Bemerkung zu nehmen. Stattdessen schniefte ich: „Was hast du denn da alles?“

„Ich war noch kurz einkaufen und habe einige Hausmittel besorgt.“ Er hob die zwei großen Tüten hoch und schwenkte dann die Kleinere. „Und das ist noch etwas aus der Apotheke.“

Sofort hatte ich wieder ein schlechtes Gewissen und stöhnte: „Alex, du wolltest doch nur Suppe vorbeibringen!“

„Ich habe eben noch etwas mehr mitgebracht. Jetzt hab dich mal nicht so.“, erwiderte er und war schon auf dem Weg in die Küche. „Leg dich ruhig hin. Ich mach das schon.“

„Etwas anderes hatte ich ohnehin nicht vor.“, erwiderte ich schlechtgelaunt und ließ mich wieder auf meiner Couch nieder, wo ich mich bis zum Hals zudeckte.

Eine Weile hörte ich dem Klappern der Töpfe in der Küche zu, lauschte dem Rauschen aus dem Wasserhahn und kam nicht umhin mich zu erinnern, dass es früher oft so gewesen war. Dass er sich immer so gut um mich gekümmert hatte. Und ich hatte das nie zu schätzen gewusst.

„Danke Alex.“, rief ich so laut ich konnte.

Er erschien in der Tür zum Wohnzimmer und trocknete sich die Hände an einem Küchentuch ab. „Jetzt sei aber mal nicht albern. Das ist doch selbstverständlich. Ich frage mich nur, wie du dir so plötzlich eine solche Erkältung eingefangen hast.“

„Als ich gestern von meinen Eltern nach Hause gelaufen bin, hat es in Strömen geregnet.“, seufzte ich. Ein heftiger Hustenanfall unterstrich meine Worte.

„Warum hast du denn nicht gewartet bis es nachlässt? Du wohnst keine fünf Minuten von deinen Eltern entfernt.“, fragte er entgeistert.

Da war er wieder – dieser Drang mit meinen ungeheuerlichen neuen Gefühlen herauszuplatzen. Ich wollte mich irgendjemanden anzuvertrauen, bei dem nicht Angst haben musste, dass er mich sofort in eine Zwangsjacke steckte.

Ich beschloss, mich langsam vorzutasten. „Mir ist etwas in den Sinn gekommen, dass einfach nicht mehr warten konnte.“

Er horchte sofort auf. „Und was?“

„Alex, mir ist etwas Verrücktes passiert. Ich habe mit noch niemandem darüber gesprochen. Versprichst du mir, dass du nicht lachen wirst, wenn ich dir davon erzähle?“, fragte ich voller Angst im Bauch. Was wenn er sagte, dass ich vollkommen übergeschnappt war?

Er umrundete die Couch, setzte sich neben mich und legte sacht einen Arm um meine Schultern. „Habe ich dich je wegen irgendetwas ausgelacht, Georgie?“

Nein, nie. Er hatte mich immer verstanden. Selbst dann noch, als ich ihm zu erklären versucht hatte, dass wir keine Zukunft hatten, weil ich einen Mann liebte, von dem ich nicht einmal wusste, dass er existierte. War es richtig, gerade ihm zu erzählen, dass ich diesen Mann gefunden hatte? Was war ich doch für eine blöde selbstsüchtige Kuh.

Ich winkte schnell ab. „Ist nicht so wichtig, vergiss es.“

Er sah mich mitleidig an. „Netter Versuch. Du weißt schon, dass ich jetzt nicht eher gehe, bis du es mir erzählt hast, oder? Wenn du so herumdruckst, muss es etwas wichtiges sein.“

„Du bist der Falsche, um darüber zu sprechen.“, fluchte ich verzweifelt.

Er lüftete eine Braue. „Hast du etwa deinen Mr. Right gefunden?“

Mit seinen Worten traf er den Nagel so sehr auf den Kopf, dass ich mir schuldbewusst auf die Lippe biss. Ungläubig riss er die Augen auf. „Nee, oder? Wann soll das gewesen sein?“

„So einfach ist es nicht!“, erwiderte ich und ein Rumor brach in meiner Brust los. Wenn ich es jetzt tatsächlich aussprach, war die Sache nicht mehr allein in meinem Kopf. Doch ohnehin hatte ich bereits das Gefühl, dass sie sich schon verselbstständigt hatte. „Versprich mir, nicht zu lachen!“

„Herrgott nochmal!“, sagte er ungeduldig. „Gut, ich verspreche es.“

Ich schluckte und tat es dann schnell. Wie, wenn man ein Pflaster abriss. Alex hielt Wort. Er lachte nicht. Doch ich war mir nicht sicher, ob mir sein ernster Gesichtsausdruck besser gefiel.

Als ich geendet hatte, sagte er lange nichts. Meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Es war, als ob der Zustand meiner seelischen Gesundheit allein von seiner Reaktion abhing. Schließlich platzte ich heraus: „Sag doch was!“

Es dauerte eine weitere gefühlte Ewigkeit, bis er erwiderte: „Ich weiß nicht so recht, was ich sagen soll, wenn ich ehrlich bin.“

„Mir egal! Irgendwas!“, flehte ich.

Da sah er mich endlich an. Forschend und mit einem Vorwurf im Blick, den er nicht ganz vor mir verbergen konnte. „Du hast dich also in diesen Mann verliebt. Nur, indem du seine Stimme gehört hast.“

Ich wusste genau, was in ihm vor sich ging. Wir kannten einander viel zu gut. All unsere intensiven Jahre stiegen wie Geister im Raum zwischen uns auf. Jahre, in denen ich Alex nicht hatte lieben können.

„Ich wusste doch, dass du der falsche Gesprächspartner dafür bist.“, stöhnte ich und vergrub mein Gesicht in den Händen. „Es tut mir Leid. Es tut mir so leid!“

Er nahm mir mit sanfter Bestimmtheit die Hände vom Gesicht und ich war erleichtert, als ich ihn wieder lächeln sah. „Bitte nicht. Mir tut es leid. Ich verhalte mich blöd. Es war sicher nicht leicht von dir, mir das anzuvertrauen.“

Ich atmete erleichtert aus und schüttelte mit dem Kopf. „Nein, was es nicht. Aber du bist der einzige, dem ich so etwas erzählen kann.“

Sein Lächeln wurde breiter, doch dann wurde seine Miene wieder nachdenklich. „Ich bin trotzdem sprachlos. Das ist nicht böse gemeint, aber es ist nicht gerade das, was man als alltäglich bezeichnen könnte.“

Ich seufzte elend. „Glaub mir, hätte ich es mir aussuchen können, wäre er auch kein Rockstar, bei dem ich nicht den Hauch einer Chance hab.“

Alex lachte ungläubig. „Georgie, du hast doch bei jedem Mann eine Chance.“

Ich sah ihn mit funkelnden Augen an. „Denkst du das wirklich?“

Er legte den Kopf schief. „Fischst du gerade nach Komplimenten?“

Ich lachte befreit auf. Alex bloße Anwesenheit sorgte dafür, dass ich mich schon fast wieder genesen fühlte. „Kann sein, aber ist das nicht verständlich in meinem Zustand?“

„Es sei dir vergönnt.“, sagte er großzügig, ehe er wieder ernst wurde. „Warte nur ab. Ich könnte mir vorstellen, dass er sich meldet.“

Sicher hatte er das nur gesagt, weil ich hundeelend und krank und mit Dackelblick vor ihm saß. Und er mich nach wie vor liebte. Doch es bestärkte mich und ließ mich besser fühlen. So wie das bei gutgemeinten Lügen öfter der Fall war.

 

Als wir am nächsten Abend allerdings miteinander telefonierten und er sich nach meinem Befinden erkundigte, schien er mir nicht mehr ganz so verständnisvoll, als ich klagte: „Er hat sich immer noch nicht gemeldet.“

„Ich habe eigentlich eher deine körperliche Gesundheit gemeint.“, erwiderte er genervt.

Ich fühlte mich verraten. Noch vor vierundzwanzig Stunden war er sich doch so sicher gewesen, dass Jason sich bei mir melden würde. Er hatte den mitfühlenden Kumpel gespielt und jetzt offenbarte sich, dass alles nur eine Farce gewesen war!

„Wie soll es mir schon gehen! Ich liege allein in meinem Bett. Meine Nase ist rot, meine Augen tränen, meine Haare sind ein einziges Chaos.“, erwiderte ich grimmig.

„Dann kannst du doch eigentlich froh sein, dass du im Moment keine Gesellschaft hast.“, scherzte er.

Ich war sprachlos über so viel Taktlosigkeit. „Hast du eigentlich eine Ahnung, was gerade in mir vor sich geht? Ich habe dir von der Sache erzählt, weil ich dachte, du verstehst mich.“

„Eine Frage, Georgie, wieso sollte gerade ich dich verstehen?“, fragte er wütend.

Er war als hätte das Gespräch von gestern Abend nie stattgefunden. Ich war fassungslos. „Ist dir eine Laus über die Leber gelaufen und du lässt es jetzt an mir aus?“

„Nein, ich habe einfach noch einmal gründlich über die Sache nachgedacht. Keine Angst, ich halte dich nicht für verrückt. Ich kann nur nicht verstehen, dass du dich in jemanden verliebst, der nicht mal weiß, dass du existierst!“, erwiderte er und schien mit jedem Wort wütender zu werden.

„Entschuldige bitte, aber ich habe es mir nicht ausgesucht, mich in ihn zu verlieben!“, brüllte ich und legte auf.

An diesem Abend heulte ich so lange und jämmerlich, dass ich mit derartigen Kopfschmerzen in den Schlaf fiel, als hätte mir jemand einen Schlag mit einer Abrissbirne verpasst.

Comments

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    Ach je, die beiden sind immer noch sehr verknüpft... Die Situation hast du sehr gut dargestellt!

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