Kapitel Vier

Kapitel 4

 

Es war einer dieser bedeutungslosen Tage, die zu voll waren von all dem unwichtigen Kram. Zu viel Schein statt Sein. Zu viel von allem. Zu viel von nichts.

Die Menschen um mich und der Alltag widerten mich an. Wo war der Sinn? Wofür all das Gehetzte; das Streben danach, immer mehr zu erreichen; immer höher hinaus zu wollen?

Ich dachte an die gähnend leere Wohnung, die mich erwartete und stand überstürzt auf, als die Straßenbahn an der nächsten Station hielt. Einige Passagiere sahen auf und lachten, als ich in letzter Sekunde auf die sich schließende Tür zuhetzte und mich gerade noch auf die Straße drängen konnte, wobei ich fast von einem vorbei rasenden Auto erfasst wurde.

Mit hämmerndem Herzen überquerte ich die Straße. Meine Kehle war wie zugeschnürt. Ich war drei Stationen zu früh ausgestiegen, um in dieser melancholischen Stimmung nicht in meine leere Wohnung zu müssen. Doch jetzt wusste ich nicht, wohin ich gehen sollte.

Die Aufmunterungsversuche meiner Mutter hätte ich nicht ertragen. Mit Sarah und Alex lag ich nach wie vor im Clinch. Es war jetzt Dienstag. Zwar war es nicht so, dass Sarah überhaupt nicht versucht hatte, mich zu erreichen, doch ich fühlte mich absolut nicht dazu in der Lage, an mein Handy zu gehen und mich ihren Attacken zu stellen. Alex ging mir bei der Arbeit geflissentlich aus dem Weg, und ich hatte die letzten zwei Tage gemerkt, dass mir ohne ihn viel mehr fehlte als nur eine morgendliche Tasse Kaffee.

Niemand von den Menschen, die ich liebte verstand mich. Diese Erkenntnis traf mich wie ein Schlag in die Magengrube. Doch egal, wie lange ich noch davon lief, bald würde ich mich nicht mehr vor dem stetig anschwellenden Gefühl der Einsamkeit verstecken können, das mich jetzt sogar dann befiel, wenn ich unter Menschen war.

Ich wollte mir de Haut vom Leib reißen und eine andere überstreifen; wollte nicht mehr ich sein. Ich, die zu viel und doch zu wenig empfand. Zu viel von nichts. Zu wenig von allem.

Jemand rempelte mich im Vorbegehen hart an und pöbelt: „Steh nicht so dumm im Weg rum.“

Ich erwachte aus meinen Gedanken und setzte automatisch einen Fuß vor den anderen, ohne mein Ziel zu kennen. Darin hatte ich Übung. So handelte ich mein ganzes Leben schon.

Ich landete vor einer baufälligen Kneipe, die sich in der Schlippe zu irgendeinem Hinterhof verbarg und blieb nur stehen, weil ich mich fragte, wie sich ein solcher Laden halten konnte. Erst das Schild über dem Eingang weckte mein Interesse und ließ kurz sogar ein Lächeln über mein Gesicht zucken. „Substanz“ hieß es da in großen schwarzen Lettern auf einem verwitterten Holzschild, das drohte bei der nächsten Windböe aus den Angeln zu fallen.

Wer sagte eigentlich, dass sich nur Männer nach einem beschissenen Tag vollaufen lassen können?

Als ich die Bar betrat, blieb ich kurz orientierungslos im Eingang stehen, da ich vor einer Steinmauer gelandet war. Ich wandte mich nach rechts und sah eine kleine Nische, in der sich alte Sessel und eine mottenzerfressene Couch um einen kippelnden Tisch gruppierten. Nichts daran wirkte besonders einladend. Als ich mich nach links wandte entdeckte ich die Bar, an der sich einige Hocker befanden. Ich war die einzigste, abgesehen von dem stark schwankenden Mann, der sich am anderen Ende des Tresens an einen Bierkrug klammerte, der noch aus der Vorkriegszeit zu stammen schien.

Hinter dem Tresen stand eine so schöne junge Frau, dass es fast an Misshandlung grenzte, sie in einer solchen Spelunke arbeiten zu lassen. Sie hatte dichte rote Locken, milchig weiße Haut, die von unzähligen bunten Tattoos verdeckt wurde, und grüne schräg in ihrem schönen Gesicht liegende, Katzenaugen. Sie nahm mich sofort ins Visier, als hätte sie nur auf mein Eintreffen gewartet. Grüßend nickte sie mir zu und fragte mit der heißeren Stimme einer gescheiterten Sängerin: „Kleine Feierabend-Feier?“

Eigentlich hatte mir der Sinn mehr nach einem dunklen Tisch in einer hinteren Ecke gestanden, um in Ruhe in meinem Selbstmitleid ertrinken zu können, doch ihr Lächeln war ansteckend. So ließ ich mich am Tresen nieder und beschloss zu sehen, wohin mich der Abend führte. „So in etwa. Irgendwelche Empfehlungen des Hauses?“

„Standardmäßig müsste ich jetzt mit Buddys Budweiser antworten. Dem besten Budweiser in dieser gottverdammten Gegend.“ Letzteres sagte sie in einer tiefen Männerstimme und rollte die Augen himmelwärts. „Das würde mein Chef jetzt sagen. Du siehst mir aber eher wie ein verirrtes Mädchen aus der Oberklasse aus, dem ich einen Chardonnay empfehlen sollte. Wenn du allerdings einen Whiskey nimmst, trinke ich ein Gläschen mit.“

Ich spürte, wie sich auf meinem Gesicht ein breites Grinsen ausbreitete. „Ich trinke nicht gerne allein.“

„Braves Mädchen. Wir wollen ja nicht, dass das gute Zeug schlecht wird, was?“, sagte sie und griff nach der Whiskeyflasche und zwei Gläsern. „Ich bin übrigens Randy.“

Ich sah sie schräg an, woraufhin sie wieder ihr heißeres Lachen ausstieß. „Kannst du lange drauf warten, dass ich dir meinen echten Namen verrate. Dieses Geheimnis nehme ich mit bis ins Grab.“

Sie wurde mir mit jeder Minute sympathischer. „Ich bin Georgie.“

Randy legte den Kopf schräg und grinste. „Na, da haben wir wohl was gemeinsam, Georgie. Ich tippe auf Ute?“

Ich lachte so laut, dass der Typ am anderen Ende des Tresens zusammenzuckte und sich desorientiert umsah, als wisse er nicht mehr, wie er auf den Barhocker gekommen war; geschweige denn wie er wieder nach Hause käme. Ich war schon jetzt heilfroh, die Bar betreten zu haben. „Du bist noch nicht mal dicht dran.“

Grinsend schob sie eines der Gläser über den Tresen, dass die bernsteinfarbene Flüssigkeit darin drohte, überzuschwappen und erhob ihr eigenes Glas. „Sei’s drum, Georgie. Trinken wir auf das Leben und namenlose Fremde, die es uns versüßen können.“

Ich erhob das Glas mit einem Lächeln und realisierte, dass ich mich in den letzten zehn Minuten bei Randy besser gefühlt hatte, als die ganzen letzten drei Monate. „Auf namenlose Fremde!“

Irgendwie erinnerte mich all das an meine erste Begegnung mit meinem Ex-Freund Jahn…

 

Alles an diesem Abend war schief gelaufen. Eigentlich hatte es ein epischer Diskobesuch mit Sarah werden sollen wie nahezu jeden Freitagabend. Ich hatte mich schon die ganze Woche darauf gefreut und mich stündlich daran erinnert, wann immer mein Chef mich in die Mangel genommen hatte.

So war es kein Wunder, dass ich mehr als nur wütend war, als Sarah mich kurzfristig wegen irgendeines Typs versetzte; noch dazu mit den Worten: „Wir tun das doch jeden Freitag. Tim ist endlich mal etwas Neues!“

Sie hatte wie eine Ehefrau geklungen, die mittels eines Dreiers frischen Wind in eine längst gescheiterte Beziehung bringen wollte. Das hatte mich zur Weißglut getrieben, denn ich mochte diese Art der Routine. Ich mochte den Gedanken an den kommenden Freitagabend, wenn ich mich Montagmorgen zu einem Job quälte, den ich hasste. Außerdem fand sich sonst nicht viel Verlässliches in unserer Freundschaft.

Da ich mir meinen Freitagabend nicht von Sarah und ihrem Tim stehlen lassen wollte, beschloss ich, auf eigene Faust loszuziehen und mich so zu amüsieren, dass Sarah bei meinen Ausführungen nächsten Freitag Hören und Sehen vergehen würde!

Mit grimmiger Entschlossenheit erledigte ich das Nötigste in meiner Bruchbude einer Wohnung, die ich erst diesen Sommer bezogen hatte, um Ruhe vor meinen Eltern zu haben, und schlang eine Dose Ravioli in mich hinein. Danach brachte ich noch den Müll herunter und wollte mich danach gleich ausgehfertig machen.

Doch ich erlebte eine bitterböse Überraschung, als ich bemerkte, dass ich meinen Schlüssel von innen an der Wohnungstür hatte stecken lassen. Ungefähr fünf Minuten stand ich mit offenem Mund vor der Tür zu meiner Wohnung und konnte meine unendliche Dummheit nicht begreifen. Das durfte doch alles nicht wahr sein! Und das zu meinem Freitagabend! Ich hatte nicht einmal ein Handy dabei.

Verzweifelt kramte ich in meiner Hosentasche nach Kleingeld, in der Hoffnung, dass die antik anmutende Telefonzelle um die Ecke ihren Zweck noch erfüllte. Und ein Telefonbuch mit der Nummer eines Schlüsseldienstes vorzuweisen hatte. Doch alles, was ich aus meinen Taschen zutage förderte waren zerklumpte Taschentücher, ein kleiner Schlüssel, von dem ich absolut nicht wusste, für welches Schloss er war und ein Zwanzig-Euro-Schein.

Beim Anblick des Schlüssels und des Geldscheins in meiner Hand, fasste ich einen Entschluss – wenn sich die Tür zu meiner eigenen Wohnung vor mir verschloss, dann musste sich eine andere öffnen.

Ungestylt und in meinen zerknitterten Arbeitssachen - die aus einer Chanelbluse und schwarzen Stoffhosen bestand – in die Disko zu gehen, war bei weitem das Verrückteste, das ich jemals getan hatte. Als mir das an dem Abend klar wurde, beschloss ich, dass sich in meinem Leben dringend eine dramatische Wende ereignen musste.

Eigentlich hatte ich mit dem Gedanken gespielt, bei Alex vorbeizuschauen und ihn um etwas Geld zu bitten, damit ich mir wenigstens neue Sachen kaufen konnte. Doch dann hatte ich das Gefühl, als wolle das Schicksal – Gott oder wer auch immer da oben die Würfel fallen ließ – etwas ganz Bestimmtes mit diesem einsamen Ausflug sagen, was ich in Alex Gesellschaft nicht verstehen würde. Ich weigerte mich partout zu glauben, dass ich einfach eine unglaubliche Pechsträhne haben sollte.

Da es erst neun war, setzte ich mich für die kommenden zwei Stunden in ein nahegelegenes McCafé und gönnte mir ein karges Abendbrot, welches aus einem kleinen Kaffee und einem Schokoladenkeks bestand und mein ohnehin schon schmales Budget von zwanzig auf nur dreizehn Euro verringerte.

Da ich kein Handy dabei hatte, war ich dazu gezwungen, mir die Zeit damit zu vertreiben, die Leute im Café zu beobachtete. Meist handelte es sich um größere Gruppen lachender Jugendlicher, die sich – ebenso wie ich – mit Kaffee und Zucker für eine lange Nacht bereit machten. Links von mir saß ein Typ mit schulterlangen Locken, der wie ein ausgehungertes Tier seinen Muffin verschlang. An seinem Sitz lehnte eine schöne Gitarre, die lange Zeit meinen Blick gefangen hielt. Ich sah erst weg, als ich seinen Blick spürte.

In der kommenden Stunde spürte ich oft, wie er mich musterte und ich fragte mich, was er sehen mochte, wenn er mich ansah. Eine einsame Landstreicherin in teuren Klamotten? Jemanden, der gerade aus seiner Wohnung geworfen worden ist? Eine Frau, die ihren Job verloren hatte und nun wie paralysiert ihre Zeit in diesem Café totschlug?

Ich wünschte, er hätte mich einfach angesprochen. Dann hätte ich ohne Probleme in die Rolle der schlagfertigen Georgie schlüpfen können. Doch sein Schweigen machte mich zu einer namenlosen Fremden, auch vor mir selbst.

Er verharrte auf seinem Stuhl, während andere kamen und gingen. Selbst als es elf schlug und ich das Café verließ, saß er noch da und starrte mir stumm nach. Seinen Blick behielt ich den ganzen Weg zur Discothek in meinem Kopf.

Beim Einlass verschwand er allerdings, da mich beide Türsteher so kritisch musterten, dass ich fürchtete, mich trotz allem doch von meinem Tanzabend verabschieden zu müssen. Schnell schenkte ich ihnen ein solch verführerisches Lächeln, dass es meine zerknitterte Kleidung überstrahlte und sie ließen mich wohlwollend ein.

Nachdem ich vier von meinen dreizehn Euro für den Eintritt bezahlt hatte, verschwand ich zuallererst auf der Toilette, wo über den Waschbecken wie immer Haarspray und Lippenstift bereitstanden. Da ich zu dieser Uhrzeit sonst nie hier aufschlug, war es das erste Mal, dass ich die Kosmetik nutzen konnte. Dem Discothekbetreiber unendlich dankbar, schnappte ich mir eines der Haarsprays, warf meinen Kopf nach unten und verteilte die halbe Ladung auf meiner blonden Lockenpracht. Als ich mich wieder aufrichtete, zupfte ich sie nur noch kurz zurecht und fertig war die Löwenmähne. Ich hatte das große Glück, mit wunderschönen Haaren gesegnet zu sein.

Ich wählte einen Lippenstift in einem leichten Rosaton, den ich – nachdem ich meine Lippen damit verziert hatte – umsichtig als Rouge-Ersatz auf meinen Wangen verteilte. Als ich die Damentoilette Richtung einer der Tanzflächen verließ, fühlte ich mich bereit für die Nacht.

Es dauerte beinahe zwei Stunden bis der Club sich endlich füllte. Aufgrund meiner finanziellen mehr als knapp begrenzten Möglichkeiten, hielt ich mich seit meiner Ankunft an ein –und demselben Cocktail fest.

Ich versuchte, nicht daran zu denken, wie es weitergehen sollte, wenn ich am nächsten Morgen vor meiner verschlossenen Wohnungstür stünde. Oder wie viel ein Schlüsseldienst am Wochenende kostete. Da setzte er sich zu mir.

Ich nahm seine Erscheinung aus dem Augenwinkel in Sekunden wahr. Er war groß, schlank und muskulös mit blonden Haaren. Er besaß ein markantes Kinn und etwas in seinen Augen ließ mich vermuten, dass es mir die Sprache verschlüge, wenn er mich direkt ansähe. Ich irrte mich, seine Stimme reichte dafür völlig aus.

„Wieso habe ich nur das Gefühl, du sitzt hier schon sehr lange und wartest nur darauf, von mir auf einen Drink eingeladen zu werden?“

Vielleicht waren seine Worte plump. Doch die Art wie er sie sagte, war es nicht. Charmant war nur ein kleines Wort, dass sich zur Bezeichnung seiner Art mit mir zu sprechen nicht als würdig erwies.

Ich lächelte und sah weiter stur geradeaus, als ich erwiderte: „Tu es doch einfach und wir finden es heraus.“

Wir wandten uns einander zeitgleich zu; es traf mich wie ein Schlag. Ich wusste sofort, dass er mein nächster Fehler sein würde. Obwohl ich mir nach meiner Affäre mit Pablo geschworen hatte, mich nie mehr auf einen solchen Womanizer einzulassen, war das nun einmal genau der Typ Mann, auf den ich stand.

Ich verknallte mich sofort in seine wahnsinnig blauen Augen und sein Lächeln, als er grinste. „Deal.“

Für mich wurde es weitaus mehr als das. Wir lernten uns beim Tanzen näher kennen und vollendeten es in seinem Bett, nachdem ich ihm die Geschichte mit meiner verschlossenen Wohnung erzählt und ihm damit den perfekten Vorwand dazu geliefert hatte, mich mit zu sich nach Hause zu nehmen.

So war aus einem Discothekbesuch, den es beinahe nie gegeben hätte, eine Liebschaft geworden mit einem Mann, in den ich mich – wie ich bis heute glaube – einestages richtig hätte verlieben können.

Wenn er mir die Chance dazu gegeben hätte. Ein dreiviertel Jahr später hatte er mich verlassen, um sich ins nächste Abenteuer zu stürzen.

 

„Du schwelgst in Erinnerungen.“, stellte Randy fest.

Ich schreckte schuldbewusst hoch, was sie zum Lachen brachte. „Nur zu. Die meisten Leute, die hierher kommen tun nichts anderes als das.“

„Ich bin aber nicht hergekommen, um in Erinnerungen zu schwelgen.“, erwiderte ich ehrlich, während sie unaufgefordert mein Glas nachfüllte. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht einmal, warum ich hergekommen bin.“

Sie strahlte mich an. „So beginnen immer die besten Geschichten.“

Ich lachte. „Ich wette, du hast sie schon alle gehört.“

„Worauf du dich verlassen kannst.“, erwiderte sie grinsend.

Ich hätte es im Leben nicht geglaubt, wenn man mir einen Tag zuvor gesagt hätte, dass ich morgen in eine abgefuckte Spelunke gehen würde, um dort der Bedienung mein Herz auszuschütten. Doch genauso war es. Dennoch war es kein einseitiges Geschwafel meinerseits. Bis auf ihren richtigen Namen erzählte Randy mir so ziemlich ihre komplette Lebensgeschichte. So erfuhr ich zum Beispiel, dass sie nach der Trennung ihrer Eltern ab dem siebzehnten Lebensjahr bei ihrem Großvater gelebt hatte, der letztes Jahr verstorben war. Und dass sie seitdem Ende ihrer Ausbildung zur Bankkauffrau – die sie als so abschreckend empfunden hatte, dass sie eine Bank noch heute nur betrat, wenn ihr Kühlschrank drohte, Spinnweben zu bekommen – in dieser Kneipe arbeitete. Dass der Job nur als Übergangslösung gedacht gewesen war und es ihr so gut gefallen hatte, dass sie geblieben war.

Am besten gefiel mir die Geschichte, dass jedes ihrer Tattoos ein Symbol für eine ihrer verflossenen Liebschaften war. Im Dämmerzustand zwischen dem vierten und fünften Whiskey dachte ich darüber nach, auf meiner Haut eine ähnliche Timeline einzuführen. Dann fiel mir allerdings ein, dass ich mich nach der Trennung von Alex selbst zu lebenslangem Zölibat verdammt hatte und so verwarf ich die Idee wieder.

Ich weiß nicht mehr, wie es dazu gekommen war, aber irgendwann erzählte ich Randy von der Geschichte und erstaunlicherweise verstand sie mich. „Ja, irgendwann hat man keine Lust mehr auf Enttäuschungen. Aber hast du nicht Angst, dass du jetzt dadurch genau den Mann verpasst, auf den du dein ganzes Leben lang gewartet hast?“

Ich drehte das Glas in meiner Hand und sah zu, wie das Licht hinter der Theke den Whisky darin in flüssigen Bernstein verwandelte. „Ich glaube längst nicht mehr daran, dass es diesen Mann überhaupt gibt.“

In exakt diesem Augenblick hörte ich seine Stimme zum allerersten Mal. Ich nahm zwar noch wahr, dass Randy etwas erwiderte, doch ihre Worte erreichten mich nicht mehr. Alles – bis auf die Stimme dieses Mannes – war weit außerhalb meiner Umlaufbahn. Als wäre er die Mitte meines Sonnensystems. Mein persönlicher Urknall. Als hätte ich jeden Tag meines Lebens für diesen Moment verstreichen lassen.

Seine Stimme kam nicht etwa von einem Mann, der mit seinen Freunden gerade den Pub betrat. Nein, sie ertönte aus den Lautsprechern des Radios, die in jeder Ecke des Raumes angebracht waren. So war er allgegenwärtig und doch meilenweit entfernt – wer wusste das schon. Das einzige, was ich wusste war, dass das der Mann war, über den wir gerade philosophiert hatten. Der Mann, auf den ich mein Leben lang gewartet hatte.

Ich nahm seinen Gesang nicht ausschließlich über meine Ohren wahr. Er floss wie ein unsichtbarer Sog direkt in mein Herz und flutete es wie die See den Fels an einem sonnigen Morgen. Seine Stimme war die perfekte Mischung aus Sandpapier und Seide. Ein nie gekanntes Gefühl stieg in mir auf. Als würde Gott in meinem Herz eine Kerze entzünden.

„Bist du noch da?“ Randy schnippe vor meinen Augen mit zwei Fingern.

Ich blinzelte. Zu gern hätte ich geantwortet, dass ich so da war wie noch nie. Stattdessen fragte ich benommen: „Wer ist das? Der da singt?“

„Oh, Green Lemon heißt die Band.“, erwiderte sie lächelnd und sah mich dann fragend an. „Sag bloß nicht, dass war es, was dich so sprachlos gemacht hat? Hätte ich gar nicht erwartet, dass du auf solche Musik stehst.“

Kurz fragte ich mich, ob es zu weit ginge, Randy zu fragen, wie der Sänger der Band hieß. Ich entschied mich dafür, dass diese Peinlichkeit in Zeiten von Google nicht nötig war.

„Willst du noch einen?“ Fragend hielt sie die Flasche hoch.

„Nein, ich glaube, meine Laune ist gut genug, um in meine einsame Wohnung zurückkehren zu können.“, erwiderte ich schnell, rutschte vom Barhocker und kramte meine Geldbörse aus der Tasche.

„Wow. Ich nehme an, deine einsame Wohnung ist ein Loft.“, kommentierte sie das großzügige Trinkgeld.

„Alles andere als das.“, erwiderte ich lachend. „Ich spare mein Geld für etwas Besseres.“

„Für das Trinkgeld von uns Kellnern?“, fragte sie grinsend.

„Unter anderem.“, erwiderte ich lachend.

„Ich hoffe, ich sehe dich wieder einmal.“, sagte sie und legte fragend den Kopf auf die Seite.

Ich lächelte, während die sanfte Knospe, die das Lied aus dem unsichtbaren Samen in mir geformt hatte, langsam erblühte. „Ich verspreche es dir.“

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beta
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