Kapitel Zwei


Kapitel Zwei

 

Es war einer dieser Tage, die man einfach nur aus dem Kalender seines Lebens streichen möchte. Einfach alles war schief gelaufen. Dabei hatte ich mich am Tag zuvor so sehr auf diesen Freitag gefreut. Ein Tag, der mir einmal in der Woche einen Grund gab, mich auf den bevorstehenden Arbeitstag zu freuen, da ich ihn mit dem Wissen des näher rückenden Wochenendes verbrachte.

Aber Fortuna meinte es an diesem speziellen Freitag ganz und gar nicht gut mit mir. Die ganze Misere begann damit, dass mein Wecker – eine unzuverlässige App auf meinem Smartphone – nicht klingelte, weil der Akku meines Handys sich über Nacht verabschiedet hatte, nachdem ich den Vorabend stundenlang mit Sarah telefoniert hatte, um mir ihre Beziehungsprobleme mit Steven anhören zu können.

Richtig gehört. Ich spreche von der Sarah mit den einstmals so vielen Jungs. Sie steckte nun seit sage und schreibe sechs Jahren in einer wahrlich ernsthaften Beziehung. Im Gegensatz zu mir hatte sie es tatsächlich geschafft, sich einen Kerl anzulocken, bei dem es sich aushalten ließ. Nicht nur das, zudem holte er ihr noch die Sterne vom Himmel. Steven war ein Engel von einem Mann. Gutmütig und bescheiden. Sarah dagegen war ein Tyrann. Sie fand ständig etwas an Steven zu kritisieren. Dabei war es egal, ob er es mitbekam oder nicht. Ihn hingegen schien das nicht zu stören. Doch je ruhiger und lieber er wurde, desto mehr brauste Sarah auf. Manchmal benahm sie sich so daneben, dass ich es kaum mit ansehen konnte, doch da Sarah mit allen Menschen – einschließlich mir – so umsprang, dachte ich mir nichts dabei und war trotz allem neidisch auf ihre Beziehung.

Kommen wir also zurück zu meinem Horror-Tag. Ich verschlief also und hetzte ohne meine geliebte morgendliche Dusche und Frühstück zur Haltestelle. Dort angekommen ging der Horror weiter. Anscheinend hatte es irgendwo einen Unfall gegeben, weshalb die Straßenbahn zwar schon bereit stand, aber sicher so bald nicht los fahren würde. Völlig resigniert setzte ich mich in die hinterste Ecke der Bahn und holte mein Schminkzeug aus meiner Handtasche. Wenn ich schon Stunden zu spät auf Arbeit antanzte, konnte ich mich wenigstens noch etwas zurechtmachen. Ich ärgerte mich, dass ich die Dusche hatte sausen lassen, um mir jetzt hier den Hintern wund zu sitzen, während ich darauf wartete, dass sich die Bahn in Bewegung setzte. Mental machte ich mich schon auf eine Moralpredigt vom Feinsten seiten meines Chefs gefasst und lehnte stöhnend das Gesicht gegen das Fenster.

Nach zehn Minuten war immer noch keine Durchsage erfolgt, wie lange sich die Weiterfahrt verzögern würde und ich begann, unruhig auf meinem Sitz hin und her zurutschen wie man es in solchen Fällen immer tut – als könnte man damit irgendetwas beschleunigen.

In der nächsten Sekunde beantwortete eine Lautsprecherdurchsage des Fahrers die stumme Frage in meinem Kopf. „Sehr geehrte Fahrgäste, die Weiterfahrt der Bahn verzögert sich um vierzig Minuten. Wir bitten Sie, dies zu entschuldigen.“

Ich ließ mich mit einem verzweifelten Stöhnen in den Sitz zurückfallen, während die Leute um mich herum in laute Schimpftiraden ausbrachen. Einige von ihnen stiegen wieder aus und nutzten sicher die Möglichkeit, mit dem Taxi oder einer anderen Bahn zur Arbeit zu kommen. Ich allerdings saß fest und musste ausharren, da ich kein Geld für ein Taxi dabei hatte und dies die einzige Bahn war, welche direkt zu meiner Arbeit fuhr. Jede Ausweichmöglichkeit hätte länger als vierzig Minuten gedauert, weshalb ich getrost sitzen bleiben konnte, zumal es in dieser Sekunde draußen heftig anfing zu regnen.

Das aller schlimmste an der ganzen Sache war, dass ich keine Zeit gefunden hatte, mein Handy an den Strom zu hängen, sodass ich nicht einmal meinen Chef anrufen konnte, um ihm die Sachlage zu erklären. Ich sah zur Uhr bei der Anzeigetafel und realisierte, dass er schon sage und schreibe drei Stunden Zeit gehabt hatte, sich heftig in seine Wut auf mich herein zu steigern. Das konnte er gut.

Ich kapitulierte und lehnte mich in meinem Sitz zurück. Ganz toll. Jetzt hatte ich vierzig Minuten hier auszuharren, ohne dass ich mich mit Musik oder Whatsapp ablenken konnte. Ich hasste es, mich mit mir selbst beschäftigen zu müssen.

Keine zehn Minuten später hatte ich den Salat – ich stellte mir das Horror-Szenario zwischen mir und meinem Chef in allen erdenklichen Farben vor, wenn ich ohne Entschuldigen drei Stunden zu spät im Büro auftauchte. Was für ein Freitag! Von meinem pünktlichen Feierabend konnte ich mich wohl verabschieden. Erschwerend kam hinzu, dass ich mit heute mit Sarah in einer unserer Lieblingskneipen, dem Leos, verabredet hatte und ihr nicht einmal absagen konnte. Sarah konnte noch schlimmer werden als Chris. Das sollte schon etwas heißen.

Chris war mein Chef. Wir waren zur Verbesserung des Klimas dazu angehalten, uns alle beim Vornamen zu nennen, doch meiner Meinung nach brauchte es schon ein Wunder, um das Klima in dieser Firma retten zu können. Mit ausgestreckten Ellbogen bekämpften sich die unteren Stufen im Organigram dermaßen, dass alle zwei Monate eine Sitzung des Betriebsrates wegen Mobbing angesetzt war. Ich selbst hatte das vermeintliche Glück als Untersekretärin des Chefs nur aus der Ferne gehasst zu werden, weil ich mein eigenes Büro besaß, während die meisten anderen in einem lärmigen Großbüroraum festsaßen, wo jeder jeden hasste. Als hätte ich dadurch irgendwelche Vergünstigungen. Ich hatte vielleicht mein eigenes Büro, aber ich saß gleichzeitig auf derselben Etage wie mein Chef und war somit seinen Launen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

Unsere Firma saß in fünf Etagen eines gläsernen Hochhauses mit Blick auf den Wielandplatz, auf den ich von meinem Büro aus einen zugegeben fantastischen Ausblick hatte, was ungelogen das beste an diesem miesen Job war. Aber eben auch der Grund dafür, dass nicht wenige meiner lieben Kollegen munkelten, ich hätte Vergünstigungen aus fraglichen Gründen erhalten, anstatt mir meinen Status hart erarbeitet zu haben. Nur Alex hielt zu mir und das, obwohl er der einzige in dem ganzen Haufen war, der wirklichen Grund dafür gehabt hätte, mich zu hassen.

Wir hatten vor acht Jahren zusammen die Ausbildung bei Pharmamedia begonnen. Kennengelernt hatten wir uns an der Haltestelle vor der Haustür des Blocks, in dem ich zu der Zeit noch mit meinen Eltern gelebt hatte. Wobei Haltestelle vielleicht zu viel gesagt war. Es war eher ein im Wind hin und her schwankendes Schild mit einem großen H darauf gewesen. Die Fahrpläne hatte jemand bis zur Unkenntlichkeit mit Graffiti beschmiert.

An besagtem Tag hatte ich ein Bushäuschen mehr denn je vermisst, denn es hatte wie aus Kübeln geschüttet. Der Regen hatte schon langsam begonnen, mein Haar unter der durchgeweichten Kapuze zu kräuseln, als Alex scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht war und mir seinen Schirm über den Kopf gehalten hatte. Wir waren sofort ins Gespräch gekommen und hatten relativ schnell herausgefunden, dass an diesem Tag für uns beide der erste Tag in unserer Ausbildungsstätte anbrach. Begeistert hatten wir uns wilden Spekulationen darüber hingegeben, was uns dort erwarten würde.

Es war ein Glück gewesen, dass wir uns sofort sympathisch gewesen sind, denn die Ausbildung war – wie auch die Arbeit jetzt – schlicht und ergreifend die Hölle gewesen. Doch wir hatten immer ein aufmunterndes Wort für den anderen gefunden. Aus dieser Sympathie war schnell Freundschaft und bald darauf Liebe geworden. Zumindest bei Alex.

Ich erwachte aus der Erinnerung, als sich die Bahn mit einem Ruck in Bewegung setzte. Ein Blick zur Uhr sagte mir, dass es bereits viertel vor zwölf war. Um acht hätte ich im Büro sein müssen. Das gab Ärger, so viel war klar. Eine Station vor meiner Haltestelle positionierte ich mich an der Tür, um mich als eine der Ersten aus der Bahn quetschen zu können. Das war die beste Idee, die ich an diesem Morgen gehabt hatte, denn kaum hatte die Bahn die Haltestelle am Wielandplatz erreicht, drängten sich die anderen wütenden Passagiere am Eingang. Als sich die Tür öffnete, spie mich die Menge auf den Bahnsteig. Für einen weiteren Blick auf die Uhr war keine Zeit, ehe die gehetzte Meute mich von allen Seiten anrempelte. Es war beruhigend, dass ich nicht die einzige war, die in einen scheußlichen Freitag startete und sich jetzt die Moralpredigt von ihrem Chef abholte.

Ich versuchte, es so schnell es ging hinter mich zu bringen, indem ich die Strecke von der Haltestelle bis zur Firma im Laufschritt zurücklegte. Es war nicht mehr weit, ich sah das Hochhaus schon, wie es sich unter dem bleischweren Himmel über den Platz zu lehnen schien. Pharmamedia war – wie der Name schon vermuten ließ – ein Onlineshop für nicht verschreibungspflichtige Medikamente. Eine Art Onlineapotheke.

Dazu sei gesagt, dass ich jede Form von chemischen Medikamenten strikt ablehnte. Ich arbeitete also seit gut sieben Jahren tagtäglich gegen meine Prinzipien, indem ich Leuten Angebote über den Kauf von Dingen unterbreitete, die ich alles andere als gut hieß. Doch das war nur einer von unzählig vielen Gründen, warum ich meinen Job hasste. Es war ein totlangweiliger trockener Bürojob, bei dem ich – trotz meines Postens als Chefsekretärin – all die Jahre nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte als das Büro, in dem ich arbeitete. Wir gingen weder auf Außentermine, noch besuchten wir Messen. Und das obwohl mich das Reisen schon immer gereizt hatte.

Nicht, dass ich seit dem Auszug aus meinem Elternhaus viel von der Welt gesehen hätte – im Gegenteil. Aufgrund der Notwendigkeit, ständig Überstunden zu machen, um auszubügeln, was meine lieben Kollegen verbockten, war ich seit meiner Ausbildung nicht mehr aus Leipzig heraus gekommen. Meine verbleibende Kraft am Ende jeder Woche reichte gerade noch für den freitäglichen Diskobesuch mit Sarah. Meine Reisen beschränkten sich auf Träume von fernen Ländern, während komaartiger Tiefschlafphasen, die sich manchmal über einen kompletten Samstagnachmittag erstrecken konnten. Nichtsdestotrotz ging jeden Monat ein beträchtlicher Anteil meines Lohnes auf ein Sparkonto, das ich ausschließlich für meine Reisen angelegt hatte und das nun bereits ein stattliches Vermögen beherbergte. Einen Vorteil hatte mein Job tatsächlich – ich verdiente wirklich gut. Und so sagte ich mir immer wenn mich die Unzufriedenheit über mein Leben wieder einmal zu verschlingen drohte: „Einestages bist du auf und davon!“

Sarah sagte, wenn die Sprache darauf fiel immer nur zynisch: „Ja, sicher. Wenn du den Löffel abgibst, bist du auf und davon. Und was nützt dir dann dein ganzer Zaster?“

Vermutlich hatte sie dieses eine Mal sogar Recht. Ich fragte mich selbst, was passieren musste, damit ich über meinen Schatten sprang, eine Reise buchte und einfach in den nächsten Flieger stieg. Vielleicht zu einer meiner Traumstädte Los Angeles oder New York. Doch ich fürchtete, dass ich – einmal dort – mit der Aussicht, zu diesem Leben zurückkehren zu müssen, die Reise nicht einmal hätte genießen können. Deprimierend oder?

Den alles entschiedensten Punkt auf meiner persönlichen Punkteliste, was ich an meinem Job am meisten hasste, habe ich euch noch nicht einmal genannt. Es waren mein Chef und meine Kollegen. Alle bis auf Alex natürlich. Mein Chef war das absolute Chef-Arschloch. Und er genoss seine Rolle in vollen Zügen. Er tat den lieben langen Tag nichts anderes als seine Mitarbeiter zu kontrollieren und sie gegeneinander aufzustacheln. Worin er Meister war. Einmal hatte er mich in sein Büro zitiert, weil er der Meinung war, dass ich zu oft zur Toilette ging und er überlegte, ob er diese Zeit nicht lieber von meiner Arbeitszeit abziehen sollte, denn - Achtung, ich zitiere: „Ausbeuten lasse ich mich nicht!“ Seit dem benutzte ich die Toilette eine Etage weiter unten, wo ich unbemerkt mit dem Fahrstuhl hingelangte, ohne an seinem verglasten Büro vorbei zu müssen.

Meine Kollegen waren leider nicht viel besser. Anstatt ihm ein Schnippchen zu schlagen, in dem sie zusammenhielten, ließen sie sich voll und ganz auf seine Intrigen ein und mischten eifrig mit, wenn er sie gegen einander ausspielte, nur um vor ihm besser dazustehen. Als ob das irgendeinen Unterschied gemacht hätte.

Doch egal, wie sehr sie sich stritten und hinter dem Rücken übereinander hetzten, keine hassten sie so wie mich, weil ich über ihnen stand. Ich benahm mich nie wie ein Chef und delegierte lediglich Aufgaben, doch ich spürte die plötzliche Stille jedes mal, wenn ich eines der Büros betrat. Es war nicht so, dass ich auf einen von ihnen Wert gelegt hätte, doch es war schon mehr als hinderlich bei der Arbeit, wenn man ein wichtiges Telefonat weiterleiten wollte und die andere Seite den Hörer nicht abnahm, weil sie meine Nummer auf dem Display erkannte.

Nur Alex wurde wie durch ein Wunder von allen respektiert, was vielleicht daran lag, dass er – bis auf Chris – der einzige Mann in der Firma war und nicht wenige meiner Kolleginnen wie läufige Hündinnen hinter ihm her waren. Davon bekam er selbst allerdings kaum etwas mit, da er mit mir zusammen auf der Chefetage arbeitete. Sein Büro lag direkt gegenüber von meinem. Ein Umstand, der kurz nach unserer Trennung nicht leicht zu ertragen gewesen war.

Heute waren wir wieder unzertrennlich, wenngleich als Freunde. Von mir aus hätten wir sogar zusammen wohnen bleiben können. Ein Vorschlag, den er mir – zwei Wochen nachdem ich ihn sitzen gelassen hatte – sogar gemacht hatte. Ich hatte ernsthaft darüber nachgedacht, da es für mich die einfachste Lösung gewesen wäre und ich seine Gesellschaft nach wie vor genoss. Doch das wäre egoistisch von mir gewesen. Ihn hatte die Trennung tief getroffen, obwohl er immer damit gerechnet hatte – wie er mir gestanden hatte, als ich ihm sagte, dass es für mich so einfach nicht mehr weiter ging. Mir war klar, dass er niemals über mich hinwegkäme, blieben wir in unsrer gemeinsamen Wohnung. Die erste Zeit war es schon schwer genug, Tür an Tür miteinander arbeiten zu müssen.

Inzwischen hatte ich das Gefühl, dass er damit klarkam, schließlich war es über zwei Jahre her. Doch hin und wieder gab es diese kleinen Momente, in denen ich mir einbildete, dass er mich mit derselben Sehnsucht ansah, die ich auch empfand. Nur eben nicht nach ihm. Genau das war der Grund dafür gewesen, warum ich mich nach vier Jahren Beziehung und zwei Jahren harmonischem Zusammenlebens für eine Trennung entschieden hatte.

Auch der liebevolle Alex hatte es nicht geschafft, meine tief verwurzelten Sehnsüchte nach was oder wem auch immer zu stillen. Es war mir mit jedem Jahr schwere zu fallen, die Fassade der glücklichen Freundin aufrechtzuerhalten, bis mir klar geworden war, dass ich weder Alex noch mir einen Gefallen tat, wenn ich die Jahre weiter so verstreichen ließe, wohlwissend, dass ich ihn niemals so lieben könnte, wie er es verdient hatte.

Als der Aufzug die Etage erreichte, in der sich mein Büro befand, stürmte ich sofort in Alex Büro und lehnte mich mit einem Seufzer von Innen gegen die Tür.

„Weißt du, wie spät es ist?“, begrüßte er mich, ohne von seinem Aktenstapel aufzusehen.

„Der Akku meines Handys hat schlapp gemacht. Darum hat der Wecker nicht geklingelt und darum konnte ich nicht bescheid sagen.“, spulte ich automatisch herunter und lauschte angespannt auf die sich nähernden Schritte meines Chefs auf dem Flur. Noch war alles still.

„Wie oft habe ich dir gesagt, dass du dir einen richtigen Wecker besorgen sollst?“, fragte er tadelnd, doch mit einem sanften Lächeln auf seinen geschwungenen Lippen, das mich stets aufheitern konnte.

„Dazu vielleicht gleich eine Zeitmaschine, um sämtliche Fehler meinerseits rückgängig machen zu können?“ erwiderte ich, ließ mich auf einer Ecke seines Schreibtisches nieder, wo wie immer eine zweite Tasse Kaffee auf mich wartete. Er war noch warm, da Alex extra einen Untersetzer mit Thermoeinlage gekauft hatte, damit ich immer den Anreiz einer Tasse heißen Kaffees hatte, wenn ich ihn hier besuchte.

Als ich danach griff und mich zurücklehnte, um ihn aus verführerischen Augen ein dankbares Lächeln zu schenken, legte er seine Unterlagen bei seite, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah zu mir auf. „Genau für diesen Anblick lohnt es sich, jeden Tag drei Kannen Kaffee zu kochen.“

„Alex, sei ehrlich. Wie schlimm steht es?“, fragte ich bang und nahm einen großen Schluck aus der Tasse, der sofort meine Lebensgeister weckte.

„Du hast deinen Zwölf-Uhr-Termin verpasst.“

Ich sprang so ruckartig auf, dass der Kaffee aus der Tasse auf den Boden schwappte. Zum Glück verfehlte er mein sündhaft teures Business-Kostüm. „Oh Alex, entschuldige.“, jammerte ich, griff nach der Tempobox auf seinem Schreibtisch und wischte den Kaffee zu meinen Füßen auf.

Er war sofort bei mir und legte mir eine Hand auf den Arm. „Georgie, beruhige dich. Egal, was Chris auch sagt das ist nicht das Ende der Welt. Weder die Kaffeeflecken, noch der verpasste Termin.“

„Aber es ging um eine Großabnahme von…“

„Ich weiß.“, unterbrach er mich sanft. Endlich hielt ich in meiner manischen Aufwischerei inne und sah ihn an. „Ich habe den Termin kurzerhand übernommen.“

Mir fielen vor Erstaunen fast die Augen aus dem Kopf. „Du? Aber du warst doch gar nicht vorbereitet.“

„Georgie, wir haben den Auftrag.“, informierte er mich.

Einen Moment konnte ich ihn nur fassungslos anstarren. Dann stürzte ich mich in seine Arme. Lachend riss er mich mit sich hoch, als er aufstand. „Alex Hartmann, wie zur Hölle hast du das schon wieder hinbekommen?“

„Ganz einfach. Ich habe den Herrschaften einfach mitgeteilt, dass meine Kollegin wegen Krankheit ausfällt und habe sie gefragt, ob sie stattdessen mit mir Vorlieb nehmen können oder einen neuen Termin mit dir vereinbaren wollen. Sie entschieden sich schnell und unkompliziert für die erste Variante. Jeder kann wegen Krankheit ausfallen. Das verstehen normale Menschen.“, erwiderte er, als er sich von mir gelöst hatte.

„Ja, aber ich bin doch gar nicht krank!“, erwiderte ich, mit nun wieder wachsender Verzweiflung. „Was wird Chris dazu sagen?“

„Es ist wie es ist. Lass dir bloß deine Panik nicht anmerken.“, erwiderte Alex und warf die Kaffeegetränkten Taschentücher in seinen Papierkorb. „Du marschierst ganz cool in sein Büro und sagst ihm, was passiert ist. Das mit der Bahn war nicht deine Schuld. Dass du verschlafen hast allerdings schon. Wie kann man sich nur in allen Lebensbereichen so blind auf sein Handy verlassen? Was dabei raus kommt, sieht man ja.“

Ich verzog das Gesicht. „Bist du jetzt fertig?“

„Wirst du dir einen richtigen Wecker kaufen?“, stellte er die Gegenfrage.

„Wenn ich mal an einem Uhrengeschäft vorbei komme.“, erwiderte ich genervt.

Wir wussten beide, dass ich es nicht tun würde. „So und nun reden wir über den angenehmen Teil des Tages. Es ist Freitag.“, sagte Alex.

„Ich bin mit Sarah verabredet. Zuerst essen, danach Cocktails im Leo’s.“, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen.

Er nahm eine meiner blonden Locken und wickelte sie sich um den Finger wie er es früher immer gern getan hatte. Da war er wieder, einer dieser Momente. „Was dagegen, wenn ich euch Gesellschaft leiste?“

Ich dachte nach. Sarah und mir waren unserer Mädelsabende heilig. Schon allein deshalb, weil wir immer über die Männer herzogen. Aber ich konnte ihn unmöglich einfach abschmettern, wo er mir heute derart den Hals gerettet hatte. „Nein, komm gern mit.“

Sein Lächeln war so hell wie die Sonne, doch es verschwand so schnell wie es gekommen war, als ich hinter mir die Tür aufschlagen hörte. Es folgte eine Explosion. „Was glauben Sie eigentlich, was sie da machen, Georgie? Meinen Sie nicht, nach Ihrer ausufernden Tiefschlafphase hätte Ihr erster Weg in mein Büro führen müssen? Wie lange stehen Sie da schon mit einer Kaffeetasse in der Hand?“

„Ich versichere Ihnen, dass sie noch nicht lange hier ist, Chris. Und den Kaffee habe ich ihr gekocht, ehe sie kam.“, schritt Alex eifrig ein.

Doch es war zu spät. Unser Chef war voll in Fahrt. „Wenn Sie so viel Zeit haben, für Ihre Kollegin den Diener zu spielen, solle ich Ihnen wohl mehr Aufgaben geben, Alexander. Im Grunde weiß ich gar nicht, warum ich zwei Gehälter bezahlen soll, wenn Sie Georgies Aufgaben offenbar spielend erledigen.“

„Es war das erste mal, das ich einen Termin verpasst habe.“, versuchte ich mich wütend zu verteidigen.

Chris war einer dieser Menschen, für die alles Gute nicht der Rede Wert war und die auf jeden Fehler warteten, um sich dann gnadenlos und ausufernd daran hochschaukeln zu können.

„Soll ich dir jetzt vielleicht auch noch dankbar dafür sein? Und wie lange willst du hier noch herum stehen?“

Ich biss mir auf die Zunge, um nichts zu erwidern, was mich Kopf und Kragen kosten konnte und stürmte erhobenen Hauptes an ihm vorbei aus dem Raum. Endlich in meinem Büro angekommen, warf ich frustriert die Tür hinter mir ins Schloss und hätte am liebsten einen Schreikrampf bekommen, als ich die Aktenberge auf meinem Schreibtisch sah. Mit schnellen Schritten ging ich näher. Auf jedem Stapel lag ein Vermerk von Chris mit immer derselben Notiz, die da hieß: „Noch heute zu erledigen!“

Mir traten Zornestränen in die Augen, als ich einige der Akten durchsah, von denen die meisten alles andere als dringlich waren. Mir war klar, dass er das nur tat, um mir eins rein zu würgen; wahrscheinlich mit dem Wunsch, dass ich in sein Büro stürmte und um Aufschub bat. Darauf konnte er lange warten! Dem würde ich es zeigen und wenn ich die ganze Nacht hier säße!

Eine Stunde später wühlte ich mich schon gnadenlos durch die Papierstapel und ignorierte geflissentlich das Klopfen an der Tür. Mein Telefon hatte ich einfach ausgestöpselt und in mein E-Mail-Postfach sah ich gar nicht erst hinein. Nun galt ausschließlich: Ich gegen meinen Chef! Es war ein Wunder, dass er nicht nachsehen kam, wie meine Reaktion auf die viele Arbeit ausfiel, schließlich waren Kontrollgänge seine liebste Beschäftigung. Aber so war es mir bedeutend lieber.

Als viel später – draußen war es aufgrund des Regens fast schon dunkel - ein Klopfen an meiner Tür ertönte, stöhnte ich genervt auf und ignorierte es auch dieses mal. Doch nun öffnete sich die Tür dennoch. Als ich mit kampfbereitem Blick aufsah, stellte ich zu meiner ungeheuren Erleichterung fest, dass es sich um Alex handelte.

„Meinst du, es ist klug, wenn er uns noch einmal zusammen erwischt?“, fragte ich, ohne aufzusehen.

So sah ich auch nicht, wie er seine Brauen hob und lächelte. Dennoch wusste ich, dass er es tat. „Du klingst, als hätte dein Ehemann uns inflagranti erwischt.“

Jetzt konnte auch ich mir das Grinsen nicht mehr verkneifen. „So hat es sich auch fast angefühlt.“

Alex lachte und schloss die Tür hinter sich. „Woher willst du das denn wissen? Keine Sorge, dein Göttergatte hat vor drei Stunden das Gebäude verlassen.“

„Vor drei Stunden?“, fragte ich schockiert. „Wie spät ist es denn?“

„Kurz nach vier und Zeit für einen Kaffee. Ich wette, du hast heute noch keinen gehabt, bis auf den Schluck in meinem Büro. Von etwas Essbarem ganz zu schweigen.“ Damit stellte er eine Tasse frischen Kaffee zwischen meinen Aktenbergen ab.

„Danke, aber ich habe ja kaum Zeit, um Luft zu holen.“, sagte ich deprimiert und warf einen Blick auf den Berg an noch zu erledigender Arbeit. „Kein Wunder, dass er so früh Feierabend machen konnte, wenn er seine ganze Arbeit auf mich abgewälzt hat. Mal wieder.“

„Wirklich, Georgie. Warum bist du noch hier?“, fragte Alex.

Ich runzelte die Stirn, legte einen Stoß an erledigten Papieren beiseite und griff mir den nächsten. „Weil ich das alles heute noch erledigen muss.“

Er zog sich einen Stuhl heran, griff sich ebenfalls einige Akten und begann, sie zu sortieren. „Ich meine nicht nur heute, sondern generell.“

„Du musst mir nicht helfen.“, sagte ich.

„Du hast Feierabend, oder?“

„Und du weichst meiner Frage aus.“, lächelte er.

„Ach Alex! Das könnte ich dich doch genauso gut fragen. Das Thema hatten wir doch schon tausend mal. Niemand liebt es, hier zu arbeiten.“

„Aber keiner hasst es so wie du. Mich tyrannisiert keiner und ich verdiene gut. Du wahrscheinlich auch, dafür wirst du von allen Seiten getriezt. Und seien wir doch mal ehrlich, der Job passt nicht zu dir.“, erwiderte er.

Gereizt schmiss ich den Kugelschreiber über den Tisch und sah ihm wütend ins Gesicht. „Fein, dann erzähl mir doch bitte, welcher Job zu mir passt und da draußen nur darauf wartet, von mir entdeckt zu werden.“

„Dass du ständig so gereizt reagierst, wenn das Thema zur Sprache kommt, verrät mir, dass ich richtig liege.“, erwiderte er ernst. „Georgie, ich kann dir nicht sagen, wonach du suchst, aber wenn du hier bleibst und dich für dieses Arschloch krumm schuftest – der es nicht einmal zu schätzen weiß – wirst du es nie herausfinden.“

„Aber das ist nicht so einfach!“, rief ich frustriert und ignorierte die kleine hässliche Stimme in meinem Kopf, die mir widersprach und mich einen Feigling nannte.

„Zufällig weiß ich, dass du fast dein ganzes Gehalt sparst. Was hält dich davon ab, einfach alle Zelte hinter dir abzubrechen?“

„Klingt fast, als wolltest du mich loswerden.“, grummelte ich und verfluchte mich in der nächsten Sekunde dafür, als ich seinen Gesichtsausdruck sah. „Glaub mir, wenn es nur um mich ginge, würde ich dir etwas völlig anderes raten. Aber ich kann es nicht mehr mit ansehen, wie du dich kaputt machen lässt, während die Welt da draußen auf dich wartet.“

Schockiert sah ich ihn an. Den letzten Satz hatte ich ihm haargenau so bei unserer Trennung an den Kopf geworfen. Er hatte Recht. Ich hatte es nicht mehr ausgehalten, dass ich mich mit etwas begnügte, was mir nicht genug war. Kein Wunder, dass er wütend darüber war, dass ich mich leichter von unserer Beziehung hatte lösen können, als von einem Arbeitsplatz, den ich von Tag zu Tag mehr hasste. Trotzdem fand ich es unglaublich, dass er mir gerade jetzt diesen Satz entgegen schleuderte.

Das schien er selbst zu bemerken. „Es tut mir Leid. Lassen wir das. Komm, lass uns weiter arbeiten. Umso schneller sind wir hier raus.“

Ich gab es auf, ihm ausreden zu wollen, mir helfen zu müssen und so arbeiteten wir stumm und effizient. Unglaublicherweise waren wir schon um sechs Uhr fertig. Wir waren so stolz auf diese Leistung, dass wir unseren kleinen Disput vergaßen.

„Jetzt aber nichts wie raus hier!“, rief Alex erleichtert, sprang auf und lief zur Tür. „Ich gehe noch schnell mein Zeug holen!“

„Ich rufe kurz Sarah an. Sie hat mein Handy mit Nachrichten gesprengt, bei denen ich mir lieber nicht die Mühe mache, sie zu öffnen.“

Als er lachend aus dem Zimmer geeilt war, hatte ich meine fuchsteufelswilde beste Freundin schon am anderen Ende der Leitung. „Sag mal ist dir klar, dass ich schon sage und schreibe zwanzig Minuten auf dich warte?“

„Es tut mir Leid. Mein Handy hatte jetzt erst wieder Strom, sonst hätte ich mich eher gemeldet.“; sprudelte ich hervor, um ihr gar nicht mehr Zeit zu geben, sich weiter in Rage zu reden. „Eine Stunde wirst du mindestens noch warten müssen. Ich bin noch im Büro.“

„Eine Stunde? Eine Stunde???“ Wie zu erwarten ging sie hoch wie eine Bombe. „Soll ich hier jetzt noch eine Stunde allein sitzen, oder was?“

„Du kannst auch nach hause gehen, wenn es dir zu lange dauert. Das verstehe ich doch.“, erwiderte ich begütigend.

„Dann lache ich mir lieber eine Begleitung an.“, grummelte sie.

„Tu das.“, erwiderte ich erleichtert. „Ich bringe Alex mit.“

Hätte ich gewusst, was meine Worte für eine Reaktion bei ihr auslösen würden, hätte ich sie stecken gelassen. „Du tust was? Sag mal was läuft denn bei dir falsch? Zuerst lässt du mich zwanzig Minuten ohne ein Lebenszeichen von dir auf dich waren, dann knallst du mir an den Kopf, dass ich noch eine Stunde warten muss, und jetzt lässt du die Bombe platzen und erzählst, dass du deinen Ex zu unserem Mädelsabend mitschleppst.“

Als Alex wieder ins Büro kam und meine unglückliche Miene sah, hob er lediglich die Brauen. „Sarah, jetzt benimm dich nicht so kindisch. Es ist heute alles blöd gelaufen. Wenn es dir lieber ist, verschieben wir das Treffen.“, versuchte ich verzweifelt, sie zu beruhigen.

Doch Sarah war da ähnlich wie mein Chef – einmal in Fahrt gekommen, walzte sie alles wie eine Dampflok nieder. „Es ist der freitägliche Mädelsabend. Auf wann willst du den bitte verschieben?“

Sie war inzwischen so laut, dass Alex jedes ihrer Worte verstand. Mit düsterer Miene kam er zu mir und nahm mir – ehe ich mich versah- entschlossen das Telefon aus der Hand. „Sarah, jetzt halt mal die Luft an. Georgie hatte einen Scheißtag im Büro, was sie dir sicher gern erklären mochte, wenn du sie auch mal zu Wort kommen lässt. Je länger du wetterst, desto länger sitzt du noch allein. Ich an Georgies Stelle hätte gar keine Lust mehr auf das Treffen. Wir sind in einer Stunde im Leos. Entweder du bist noch da oder nicht.“

Damit legte er auf und drückte mir das Handy wieder in die Hand. „Alex! Jetzt hast du doch alles nur noch schlimmer gemacht!“, sagte ich schrill.

„Das werden wir noch sehen. Ich kann es nicht leiden, wenn du dich derart von ihr auseinander nehmen lässt. Sie ist nicht die Herrscherin über dein Leben!“, erwiderte er, rauchend vor Zorn.

Es war nicht die erste Auseinandersetzung dieser Art, die wir wegen Sarah führten. Während unserer Beziehung hatte Alex mich immer wieder ermahnt, dass Sarah zu viel Einfluss in meinem Leben nahm. Worauf ich immer wieder geantwortet hatte, dass sie nun mal meine beste Freundin war. Doch es war eher die Gewohnheit, die da stets aus mir gesprochen hatte, denn ehrliche Überzeugung.

Jetzt – da sich mir alles drehte, von einem Horror-Tag, über den Sarah rein gar nichts hatte wissen wollen – spielte ich ernsthaft mit dem Gedanken, die jahrelange Tradition unseres Mädelsabends heute zu brechen.

Doch es blieb bei einem Gedankenspiel. Natürlich fuhr ich mit Alex in meine Wohnung, wo ich in Rekordzeit duschte, mich Umzug und zurecht machte, während er auf meiner Schlafcouch wartete.

Eine halbe Stunde später war ich abfuhrbereit. Alex zog die Brauen zusammen. „Georgie, du hast heute noch nichts zu dir genommen außer einer beträchtlichen Menge Kaffee.

„Den du mir vorgesetzt hast.“, erwiderte ich grinsend, und fügte beim Anblick seiner steinernen Miene hastig hinzu: „Ich esse dort etwas. Ich habe ohnehin nichts da.“ Das entsprach der puren Wahrheit und mir war klar, dass er nur nachgab, weil er es wusste.

„Na schön!“, sagte er endlich und erhob sich. „Dann isst du wenigstens mal etwas anderes als diesen Dosenfraß.“

Ich begnügte mich damit, wütend das Gesicht zu verziehen, da keine Zeit für eine weitere Auseinandersetzung war.

Wir waren fünfzehn Minuten eher als geplant im Leos, doch Sarah verlor kein Wort darüber. Überhaupt war sie nicht sehr gesprächig, als wir eintrafen. Sie saß noch immer allein an einem Tisch am Fenster und warf uns, als wir in ihre Richtung steuerten, einen so feinseligen Blick zu, dass Alex belustigt in mein Ohr flüsterte: „Können wir uns nicht einfach an einen anderen Tisch setzen?“

Ich sah ihn vorwurfsvoll an „Das ist nicht lustig! Ich muss es jetzt ausbaden!“

„Gott Georgie! Sie kann dich nur tyrannisieren, weil du dich seltsamerweise von ihr tyrannisieren lässt. Warum wird mir wohl auf ewig ein Rätsel bleiben. Das ist auch dein Freitagabend und den wirst du jetzt genießen!“

Meine Antwort darauf war lediglich ein resignierter Seufzer, weil ich – wie immer, wenn ich mit Sarah und Alex gleichzeitig in einem Raum war – das Gefühl hatte, zwischen zwei Stühlen zu stehen. Oder was es noch besser traf: von zwei heranrasenden Sieben-Tonnern zermalmt zu werden.

„Sarah, du strahlst wie immer so schön wie die Sonne!“, begrüßte Alex meine beste Freundin laut.

Ich knirschte wütend mit den Zähnen. Musste er sie jetzt auch noch provozieren? Das tat man mit aggressiven Hunden schließlich auch nicht. Aber anscheinend empfand Alex es als unbefriedigend, dass er sie bisher zu keiner neuerlichen Explosion hatte hinreißen können, denn er fuhr fort: „Warum hast du Stevie denn nicht mitgebracht?“

Dieses mal verfehlten seine Worte die von ihm beabsichtigte Wirkung bei weitem nicht. Sarah schrie nicht, doch sie spie die Worte hervor wie ein feuerspeiender Drache. „Sein Name ist Steven, wie oft denn noch! Und er ist nicht hier, weil das ein reiner Mädelsabend sein soll, also verpiss dich!“

Jetzt riss selbst mir allmählich der Geduldsfaden. „Sarah, ich habe Alex gesagt, dass er mich begleiten darf. Im Grunde wäre ich nicht so zeitig hier, wenn er mich nicht gefahren hätte.“

„Zeitig?“, schnappte sie.

Zum Glück kam uns in diesem Moment ein attraktiver Kellner zu Hilfe, der unsere Bestellungen aufnahm. Fast schien es, als würde sich die Situation entspannen, doch auf Alex war wie immer Verlass. „Ach und für unsere Freundin bitte einen doppelten Whisky. Die Runde geht auf mich. Du kannst ihn vertragen.“ Letzteres fügte er mit einem mitleidigen Tätscheln von Sarahs Hand hinzu.

„Nimm deine Pfoten weg oder ich hacke sie dir ab!“, fuhr sie ihn an, ehe sie ihm so eilig die Hand entzog, als hätte er eine ansteckende Krankheit.

Ich begrub den Kopf in meinen Händen. „Ich flehe euch an, reißt euch zusammen. Ich hatte einen beschissenen Tag, Sarah! Du weißt, sonst ist immer auf mich Verlass. Bitte, bitte lass es endlich gut sein.“

Sie wusste, dass sie daraufhin kein Gegenargument finden würde und so ließ sie es bei einem gereizten Zungenschnalzen.

Eine dreiviertel Stunde später hatte sie bereits so viel getankt, dass sie endlich vergaß, sauer auf mich zu sein. Auf Alex war sie noch immer wütend, doch es war erträglich, da ihre Wut ihm gegenüber ihr ursprüngliches Maß angenommen hatte. Damit konnte sie sich nun wieder ihrer Lieblingsbeschäftigung widmen, welche darin bestand, mir Männer im Raum zu zeigen, die augenscheinlich perfekt zu mir passen würden. Heute schien ihr das noch mehr Freude zu bereiten als sonst.

„Siehst du den Typ an der Bar? Der mit den dichten schwarzen Haaren und den wahnsinnig braunen Augen? Ich wette, der spricht dich an, sobald du zur Toilette gehst.“

„Dann ist es ja gut, dass ich nicht muss.“, erwiderte ich kühl, während ich spürte, wie Alex sich neben mir anspannte.

„Oh, da haben wir ihn wieder!“, grinste Sarah und schlürfte genüsslich an ihrem Mai Tai. „Den A-H-Effekt!“

Alex knallte so heftig sein leeres Bierglas auf den Tisch, dass ich befürchtete, es würde zerspringen. Ehe er überstürzt aufstand. „Ich bestelle mir noch einen Drink!“

Dieser blöde A-H-Effekt war ein Running-Gag von Sarah, den bloß sie witzig fand. Sie hatte ihn kurz nach meiner Trennung von Alex erfunden, was ihn noch viel weniger witzig machte. Da ich aufgrund von Alex Verletztheit über meine Unfähigkeit, jemanden zu lieben, beschlossen hatte, mich von allen Männern fernzuhalten, kam sie jedes mal damit an, wenn ich wieder einem Typen einen Korb gab. Das A und das H standen hier für die Initialen von Alex Hartmann.

„Sag mal, muss das sein? Was ist bloß in dich gefahren?“, sagte ich, als er außer Hörweite war.

„Ich kann einfach nicht anders.“, kicherte Sarah. „Und irgendwie habt ihr es auch nicht anders verdient, so verkorkst wie ihr zwei seid. Ich meine, er kommt nicht von dir los und hofft so offensichtlich, dass du deine Meinung noch mal änderst, dass er einem fast schon leid tun könnte. Und du suchst so verzweifelt nach einem Mann, der erst noch für dich gebacken werden muss, dass du mir tatsächlich leid tust.“

Es war dasselbe blöde Gerede, was sie immer von sich gab, doch der Alkohol ließ es besonders bösartig klingen. Oder er machte mich nur besonders sentimental. Jedenfalls trafen mich ihre Worte so tief, dass ich aufstand und aus dem Lokal stürmte. Ich hörte noch, dass sie mir nachrief, dass sie es nicht so gemeint hätte, aber ich ignorierte sie und rannte allein in die Nacht.

Sie konnte nicht verstehen, wie es für mich war – dieses Warten auf das Unerklärliche. Ich hatte auch nie versucht, es ihr begreiflich zu machen. Sie hätte mich nur ausgelacht. Sarah war wirklich nicht die typische beste Freundin. Doch sie war von allen Freundinnen, die ich hatte, die Beste. Das machte es schwer für mich, auf sie zu verzichten, was ich vermutlich längst hätte tun sollen. Ich glaube, das war ihr klar und sie nutzte es in vollen Zügen aus. Es war nicht so, dass ich nicht mehr Freunde hätte haben können – ich wollte es einfach nicht. Ich fühlte mich in Gegenwart anderer Altersgenossen nur noch andersartiger mit dem seltsamen Brennen in meiner Brust. Doch indem ich Sarah auswählte, meine einzige Freundin zu sein, machte ich mich auch abhängig von ihr. Denn eine Freundin brauchte selbst ich. Doch leicht machte sie es mir nie.

„Dann hör doch einfach mal auf zu warten!“, pflegte sie oft zu sagen, wenn ich ihr versuchte zu erklären, was in mir vor sich ging.

Tolle Idee. Als ob ich eine Wahl gehabt hätte. Ich hatte es mehr als einmal versucht. Immer, wenn ich es fast geschafft hatte, war der Gedanke dieser einen Möglichkeit in mir aufgestiegen. Der Möglichkeit, dass irgendwo da draußen in der großen weiten Welt jemand war, der genauso verzweifelt wartete. Und zwar auf mich. Es war nichts Ganzes und nichts Halbes. Ich wollte das Gefühl nicht mehr ertragen, doch loslassen konnte ich es erstrecht nicht.

Als sich eine Hand auf meine Schulter legte, wirbelte ich aufgewühlt herum und sah in Alex besorgtes Gesicht. Ich hatte nicht einmal bemerkt, dass er mir gefolgt war.

„Georgie, was ist denn passiert?“

„Ach, das Übliche!“, erwiderte ich schwer atmend. „Du hattest von Anfang an Recht. Ich hätte zuhause bleiben sollen. Das ist der krönende Abschluss für diesen Horrortag.“

„Dass Sarah eine Hyäne sein kann, muss ich dir nicht erst sagen. Aber meinst du nicht, es liegt an deinem vom Tag schon angespannten Nervenkostüm, dass dich ihre Sprüche heute so sehr treffen?“

Es war ein weiteres Zeichen dafür, dass Alex ein Engel war, dass er immer noch versuchte, zu schlichten, obwohl sie den ganzen Abend so ekelhaft zu ihm gewesen ist. Er wusste ja auch nicht, was sie vom Stapel gelassen hatte und mir lag es fern, ihn damit zu belasten.

Doch egal wie wütend ich auf Sarah war, dass sie voller Schuldgefühle allein zurück blieb, wollte ich auf keinen Fall. „Tust du mir den Gefallen und gehst bitte zu ihr zurück, Alex? Ich bringe es einfach nicht über mich, aber ganz allein will ich sie auch nicht sitzen lassen.“

Sein Blick verfinsterte sich. „Verdient hätte sie es. Und dich soll ich allein nach hause laufen lassen?“

„Ich kann gut auf mich selbst aufpassen.“

„Klar, du bist eine Heldin.“, erwiderte er spröde. „Damit du es weißt, ich mache das nur, damit du abschalten kannst! Aber schreib mir wenigstens, sobald du in deiner Wohnung bist.“

Manche Gewohnheiten ließen sich einfach nicht ablegen. „Versprochen. Ich danke dir wirklich!“

„Das war das letzte Mal, dass ich dich aus ihren Klauen befreit habe. Du musst endlich lernen, auf deine eigenen Bedürfnisse einzugehen!“ Damit wandte er sich um und ließ mich fröstelnd in der Nacht zurück.

Ich ließ mich auf dem kalten Stein des kleinen Brunnens auf dem Platz vor der Thomaskirche nieder und fragte mich, wie ich auf meine eigenen Bedürfnisse eingehen sollte, während ich gleichzeitig das Gefühl hatte, keinen Deut in das Leben zu passen, welches ich zu diesem Zeitpunkt führte.

Comments

  • Author Portrait

    Auch wenn das nicht gerade mein Genre ist, habe ich mich erneut mit deiner Story auseinandergesetzt und bin nach wie vor über die Autenzität der geschilderten, ja durchaus erlebten Gefühle begeistert. Du beschreibst hier sehr treffend die Gefühle eines Mädchens, dass nicht begreift, dass die Dominanz ihrer Freundin zu weit geht... (Auch die Herrn der Schöpfung kennen das...) Schön, dass ich dich überzeugen konnte; wirklich toll zu Papier gebracht, Jo!

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