Weit weg von hier, mitten in der afrikanischen Steppe, wohnt Karl-Heinz Hasenfuß. Na ja, Hasenfuß ist eigentlich nicht sein richtiger Name. So nennen ihn nur die anderen Tiere, weil Karl-Heinz nämlich so ein Feigling ist und sogar vor dem Schatten einer Maus Angst hat. Und das ist ganz schön peinlich, wenn man, wie Karl-Heinz, ein Löwe ist. 
Karl-Heinz hat noch niemals ein Tier gejagt. Er hat viel zu viel Angst vor den scharfen Hufen der Zebras und den spitzen Hörnern der Antilopen. Darum muss er immer das essen, was ihm die anderen Löwen übrig lassen. Und das ist sehr wenig. Deshalb ist Karl-Heinz auch sehr dünn und schwächlich. Die anderen Tiere haben gar keinen Respekt vor ihm, im Gegenteil, wo immer er sich blicken lässt, lachen ihn alle aus.

Karl-Heinz ist sehr einsam. Und er schämt sich, weil er so ängstlich ist. Er wäre so gerne ein richtig großer, starker, mutiger Löwe. Aber wie soll er das bloß werden? Das beste wäre, er würde den weisen Vogel Strauß um Rat fragen, aber der wohnt weit weg, am Rande des Dschungels. Was auf so einer weiten Reise alles passieren kann, daran mag Karl-Heinz gar nicht denken.
Aber eines Tages ärgern die anderen Tiere ihn so schlimm, dass er sich trotz seiner Angst doch auf den Weg zum Strauß macht. Mit ängstlich eingekniffenem Schweif und immer wieder ängstlich um sich schauend, schleicht Karl-Heinz über die Steppe, bis er zu einem Wasserloch kommt. Karl-Heinz hat Durst, darum geht er ans Ufer, um zu trinken. Dabei hält er die Augen weit offen, um nach Krokodilen Ausschau zu halten. Vor denen hat er nämlich auch sehr große Angst. Zum Glück ist weit und breit kein Krokodil zu sehen.

"TRÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖT!"

Karl-Heinz macht vor Schreck einen riesigen Satz, mitten hinein ins Wasser. Zitternd hockt er da und traut sich nicht, sich umzudrehen. Da hört er hinter sich eine tiefe Stimme:
"Oh, habe ich dich erschreckt? Tut mir leid, das wollte ich nicht. Aber jetzt komm doch mal lieber aus dem Wasser raus, bevor dich ein Krokodil in den Popo beißt."
"I...ich ka... kann nicht, i... i... ich hab so Angst, da... dass ich mi... mich nicht bewe... bewegen kann."
"So? Na, dann helfe ich dir mal besser, bevor du dir noch einen Schnupfen holst."
Etwas langes, weiches, graues legt sich plötzlich um Karl-Heinz, hebt ihn hoch und setzt ihn am Ufer wieder ab. Karl-Heinz hat vor Angst die Augen geschlossen und zittert.
"He, Mieze, ist ja gut, du bist in Sicherheit. Mach doch die Augen auf. Ich tu dir auch nichts."

Zögernd öffnet Karl-Heinz das rechte Auge. Vor sich sieht er vier mächtige graue Säulen. Die sind so groß, dass er schnell wieder das Auge zukneift um das Ungeheuer nicht im Ganzen sehen zu müssen.
"Sag mal, warum hast du denn eigentlich solche Angst? Hast du denn noch nie einen Elefanten gesehen?"
"Nein, hab ich nicht. Willst du mich jetzt nicht endlich auffressen, damit ich es hinter mir habe?"
Harald, der Elefant, muss lachen.
"Mieze, ich bin ein Elefant. Elefanten fressen nur Gras und Blätter und sowas, aber ganz bestimmt keinen Löwen. Elefanten sind nämlich Vegetarier, so heißt das, wenn man kein Fleisch ißt"
Vorsichtig blinzelt Karl-Heinz.
"Und du willst mich auch nicht zertrampeln, oder so was?"
"Nein, warum sollte ich das denn tun?"
Da erzählt ihm Karl-Heinz, dass er ein riesengroßer Feigling ist und die anderen Tiere ihn immer auslachen und ärgern und dass er nun auf dem Weg zum weisen Vogel Strauß ist, damit der ihm sagt, wie er mutiger werden kann.

Harald schüttelt den Kopf mit den großen Ohren. Karl-Heinz zuckt vor Schreck zusammen, aber Harald sagt ganz freundlich:
"Ich finde, du bist schon sehr mutig. Weißt du, normalerweise machen Löwen nämlich einen großen Bogen um Elefanten. Aber du redest mit mir und hast doch eigentlich gar keine Angst mehr vor mir, oder?!"
"Nein, ich finde dich sogar sehr nett", antwortet Karl-Heinz.
"Siehst du, und darum bist du viel mutiger als all die anderen Löwen, die immer vor mir weglaufen."
Karl-Heinz denkt darüber nach.
"Stimmt, so hab ich das noch gar nicht gesehen."
"Weißt du, vor neuen Situationen und anderen Leuten haben viele Angst. Die meisten lassen sich das nur nicht anmerken. Und jetzt verrate ich dir mal was: ehrlich zu sein und zuzugeben, dass man Angst hat, das ist so ziemlich das Mutigste, was man tun kann."
"Dann bin ich also vorhin mutig gewesen, ohne es zu wissen?", fragt Karl-Heinz. Harald nickt.
"Ja, so ist das. Und, willst du jetzt immer noch zum Vogel Strauß gehen?"
Karl-Heinz schüttelt den Kopf.
"Nein, ich glaube, das ist nicht mehr nötig. Und das habe ich dir zu verdanken, Harald. Du bist echt nett."
"Danke, Karl-Heinz, du bist auch sehr nett."
"Du, Harald, was hältst du davon, wenn wir Freunde werden würden?"
"Gar nichts!", sagt Harald.
Karl-Heinz guckt traurig, aber Harald fährt fort:
"Wir können gar keine Freunde mehr werden - weil wir doch schon längst Freunde sind!"
Karl-Heinz atmet tief ein und aus und sagt dann glücklich:
"Ja, Harald. Wir sind Freunde!"

Seit diesem Tag sind Karl-Heinz und Harald immer zusammen. Durch den klugen Elefanten hat Karl-Heinz mehr Selbstbewusstsein bekommen. Und die anderen Tiere haben jetzt großen Respekt vor ihm. Denn, so sagen sie, wer mit einem so großen und starken Elefanten befreundet ist, der muss wirklich ein ganz besonders mutiger Löwe sein!

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    Süss - und weise!

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