Kindertage

»Henry, wenn wir groß sind, fahren wir zur See und werden mächtige Männer, oder? Und dann müssen wir nie wieder Hunger haben.«

 

Die Stimme meines Bruders Lachlan klingt noch in meinem Ohr, als hätte ich sie gestern zum letzten Mal gehört und nicht bereits vor einigen Jahrhunderten. Die Erinnerung an ihn ist eine der wenigen angenehmen, die ich an meine Kindertage habe.

 

Denn im Allgemeinen erinnere ich mich nicht gern an meine Kindheit. Wenn man diese Zeit denn überhaupt so nennen konnte. Denn anders als heute war es nicht leicht, im 13. Jahrhundert einfach nur ein Kind zu sein.

Meine Familie hatte nicht viel.

Eine schäbige Hütte, die eigentlich viel zu klein für uns alle war, einen kleines Feld, dem meine Mutter in harter Arbeit das Nötigste abrang und ein altes, heruntergekommenes Boot, mit dem mein Vater jeden Tag aufs Meer fuhr und Leib und Leben riskierte.

Das Leben an der irischen Küste war hart für die einfachen Menschen, die ihre Familien mit Landwirtschaft und Fischfang ernähren mussten. Das Wetter war rau, Stürme zogen mit eisigem Regen und heftigen Winden über das Land und der Winter kam früh und war lang.

 

Mein ein Jahr jüngerer Bruder Lachlan war mir immer der Wichtigste, doch wir beide waren nicht die einzigen Kinder meiner Eltern.

Im Gegenteil.

Ich war das Vierte von 13 Kindern, der zweite Sohn nach meinem älteren Bruder Patrick und meinen Zwillingsschwestern Agnes und Siobhan.

Viele meiner Geschwister, deren Geburt ich noch miterlebt habe, bevor ich meine Familie verlassen musste, überlebten die kalten Winter nicht oder starben an Hunger durch zu heiße Sommer und schlechte Ernten. Für uns Ältere war es daher üblich, sich anfangs nicht zu sehr an neue Kinder zu gewöhnen. Meistens ignorierten wir die Schreihälse, die uns nachts mit ihrem Geheule aus dem Schlaf rissen und gaben uns erst mit ihnen ab, wenn wir einigermaßen sicher sein konnten, dass sie überleben würden.

 

Während Patrick, Siobhan und Agnes meist unter sich blieben, verbrachte ich meine Zeit mit Lachlan. Er war klein für sein Alter, immer etwas schmächtig und erkrankte im Alter von 6 Jahren an der Schwindsucht, was meine Eltern zu der Überzeugung brachte, dass er den Winter in jenem Jahr wahrscheinlich nicht überleben würde.

Es ist unnötig, zu erklären, wie viele Nächte ich an seinem Lager gewacht und gezittert habe, aus Angst, ihn tatsächlich zu verlieren.

Doch er verfügte über einen immensen Lebenswillen und war stärker, als wir dachten.

Er erholte sich zwar nie wieder richtig, aber er lebte. Und für mich zählte nur das.

 

Zu meinen anderen Geschwistern habe ich im Lauf der Jahre, die ich fern meiner Familie verbracht habe, völlig die Bindung verloren. Sie hätten Fremde für mich sein können. Waren es wahrscheinlich auch. Ich hätte sie nach meiner Rückkehr auf der Straße treffen können, ohne sie zu erkennen.

Ebenso meine Mutter oder meinen Vater, den ich im Alter von 9 Jahren zum letzten Mal lebend gesehen hatte.

 

Wenn ich an die Tage meiner Kindheit zurückdenke und versuche, mir die wenigen, an denen ich glücklich war, in Erinnerung zu rufen, sehe ich immer Lachlans Gesicht vor mir.

Seine blauen Augen, die so anders waren als meine und sein unbeschwertes Lachen, welches im Wind mitschwang, verfolgt mich auch nach 700 Jahren noch in meinen Träumen.

Und häufig sehe ich ihn und mich an jenem Tag und höre die Worte, die seine kindliche Hoffnung auf ein besseres Leben für uns ausdrückten.

 

»Wir fahren zur See und müssen nie wieder Hunger leiden.«

 

Wir standen an der Küste, blickten auf die Irische See und sahen den weißen Segeln der Schiffe hinterher. Seine Augen sahen zu mir hoch und sein unschuldiges Gesicht drückte Hoffnung aus.

Die unschuldige Hoffnung eines Kindes, dass unser hartes Leben inmitten von Hunger und Kälte sich irgendwann zum Besseren wenden würde.

Um seine Unschuld habe ich ihn bis zuletzt beneidet und ich bin froh, dass er diese bis zum Schluss bewahren konnte...

 

Während ich meine früher verlor, als mir lieb war.

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