Kindische Starrköpfigkeit

Am nächsten Morgen wurde Ben unsanft aus den Kissen geworfen. Es war Sonntag, Tag des Herrn, Tag der Messe und Tag des Badens. Mühsam wurde Ben von seiner noch immer verärgerten Tante in die Wanne gescheucht, um sich den Schmutz der letzten Woche von der Haut zu schrubben. Er war sich sicher, dass ihm beinahe Kiemen wuchsen, als er endlich ihren Segen bekam das kalte Wasser zu verlassen und zur nächsten Tortur zu schlurfen.

Wie jeden Sonntag waren seine Tante und er eine der letzten, die die Kirche betraten und wie üblich mussten sie sich auf die hintersten und natürlich ungepolsterten Sitze quetschen. Der Gottesdienst selbst zog sich ebenfalls wie gewohnt in furchtbare Länge und Ben wäre am liebsten gleich nach den Begrüßungsworten des Pfarrers aufgesprungen, um mit seinen Freunden eine neue und natürliche Schutzschicht aus Staub und Schmutz aufzutragen.

Ein lautes und markerschütterndes Quietschen ließ ihn zusammenfahren und aus seiner chronischen Kirchenlangeweile hochschrecken. Wie alle anderen fuhr er abrupt zu der schweren Eingangstür herum, um zu sehen, wer die Frechheit oder Gnade besaß den Gottesdienst zu unterbrechen und danach mit langsamen, schweren Schritten den Gang entlang zu schreiten.
Er riss die Augen auf, als er in dem Störenfried den Fremden des gestrigen Tages erkannte und unwillkürlich nach seiner Westentasche tastete. Der alte Mann ignorierte die entsetzten Blicke der Gemeinde und schlenderte gemächlich nach vorne, wo er sich zwischen die empörten Gesichter drängte. Fassungsloses Schweigen herrschte, selbst der Pfarrer schwieg, aber niemand wagte die Stille zu unterbrechen. Unschuldig sah der Alte sich zu allen Seiten um, bevor er lächelte und dem Pfarrer mit einer Geste bedeutete, weiter zu sprechen.
Selten hatte Ben während einer Messe derart aufmerksam in Richtung Altar und zu dem grauen Kopf des Alten gespäht, der jedoch ebenso wenig wie Ben auf die leidenschaftliche Predigt achtete. Stattdessen saß er wie schon am Tage zuvor unbewegt auf seinem Platz und starrte mit leerem Blick auf Dinge, die außer ihm niemand zu sehen schien.

Als die Messe in Bens Augen endlich überstanden und er nach einem letzten Amen in die Freiheit entlassen wurde, verschwand der Alte als erster in den trüben Morgen hinaus. Ben streckte sich, doch der graue Filzhut verschwand spurlos in der zähfließenden Menschenmenge. Leise fluchend sah er sich nach Freunden um, als ihn die feste Hand seiner Tante packte und nach draußen zog, widerstandlos folgte er ihr in die Kälte.
Auf dem Heimweg, oder für sie auf dem Weg zur Arbeit, sprach seine Tante kein Wort, bis Ben sich zögernd nach dem Alten erkundigte. Das Desinteresse der Gemeinde verwunderte ihn, war doch ein fremdes Gesicht für jeden in Fahlbrun eine Absonderlichkeit, doch seine Tante zuckte lediglich die Schultern, während sie die Erzählungen ihrer Gäste wiedergab.
Ihre Antwort überraschte ihn mehr, als er sich vorgestellt hatte, denn absolut Nichts war an dem alten Herrn, laut seiner Tante, besonders. Er war wohl ein alter Einwohner namens Bree, der nach langer Zeit und auf der Durchreise nach Süden in seine Heimat zurückkam und sich für die Dauer seines Aufenthalts ein Zimmer in ihrer Bierstube genommen hatte. Letzteres erklärte auch ihr offenkundiges Desinteresse. Neugier war bei ihr nicht nötig, sollte etwas geschehen, so klein und unbedeutend es auch war, wäre sie die Erste die davon erfuhr.


Den ganzen Vor-und Nachmittag versuchte Ben die langweiligen Neuigkeiten seiner Tante zu verarbeiten und sich einzugestehen, dass Herr Bree nur ein langweiliger, alter Mann war, den er in seine Suche nach dem Außergewöhnlichen hineingezogen hatte. Es wäre vernünftig sich einzugestehen, dass er in seiner Vorstellung sogar eine langweilige Feder zu etwas Besonderem fantasiert hatte und die Geschichte auf sich beruhen zu lassen.
Doch wie so oft, war er zu stur, um auf seine eigenen Ratschläge zu hören (geschweige denn auf die anderer Personen) und konnte sich nicht davon abhalten in einer freien Minute in das obere Stockwerk zu schleichen. Das Zimmer von Herrn Bree lag am Ende des Flures und noch während er sein Ohr gegen die Tür drückte, verfluchte er sich für seine kindische Starrköpfigkeit. Was erwartete er zu hören? Zwielichtige Gespräche? Dunkle Geheimnisse?
„Ich werde einmal wie meine Tante“, schoss es ihm durch den Kopf und allein der Gedanke brachte ihn zum frösteln. Dennoch drückte er das Gesicht gegen die Tür und schloss bei dem Versuch die leise Stimme dahinter zu verstehen die Augen. Gemurmelte Worte drangen durch das dicke Holz, Schritte die Auf-und Abgingen, während irgendetwas rhythmisch polterte.

Plötzlich wurde die Tür mit einem Ruck nach innen geöffnet und bevor sich Ben auffangen oder wegrennen konnte fiel er mit einem leisen Schreckensschrei mit dem Gesicht voran in das Zimmer. Er stöhnte, als er auf dem Bauch landete und auf ein paar schmaler, glänzender Stiefel starrte. Zögerlich hob er den Blick, erwartete eine Standpauke, dass der Alte nach seiner Tante schrie oder sogar eine kräftige Ohrfeige. Aber stattdessen starrte er mit zusammengebissenen Zähnen in das verschmitzt grinsende Gesicht von Herrn Bree, der im locker eine Hand zur Hilfe reichte.

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Fairy Dust

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