Trippel-trappel, trippel-trappel, trippel-trappel...
Hörst du das? Das sind die kleinen Mäuse, die im Keller des Theaters wohnen. Es sind sieben, eine ganze Mäusefamilie. Da, der mit dem langen Schnurrbart, das ist Fred, der Mäusevater. Den ganzen lieben langen Tag sitzt er an seinem Schreibtisch und schreibt Stücke für das Mäusetheater.
Die dicke Maus mit der rosa Schürze ist Adelheid, die Mäusemutter. Sie hat immer viel zu tun, denn sie muß kochen, putzen und auf die Mäusekinder aufpassen. Die Kinder, das sind Elvira, die Älteste, die immer die Hauptrolle im Mäusetheater spielt, Johannes, der im Mäuseorchester die Klarinette spielt, die Zwillinge Flips und Flaps, die immer nur Unsinn im Kopf haben, und Knöpfchen, der jüngste der Familie.

Alle Mäuse lieben das Theater. Aber nur Knöpfchen traut sich, durch das ganze Gebäude bis zum Dachboden zu laufen, obwohl doch der böse Kater Schnurre durch die Gänge schleicht. Aber Knöpfchen ist schlau, er trickst den Kater immer wieder aus.
Mitten im Fußboden des Dachbodens ist ein kleines Loch, gerade groß genug, daß eine kleine Maus hindurch sehen kann. Und das tut Knöpfchen oft. Von hier aus kann er die große Bühne im Menschentheater sehen. Die Menschen können wundervoll Theaterspielen, findet Knöpfchen. Aber das sagt er lieber nicht laut, denn sonst gibt`s vom Mäusevater eins hinter die Ohren. Der findet nämlich, daß Mäuse sich unbedingt von Menschen fern halten müssen. Und wenn Knöpfchen so begeistert vom Theater ist, dann soll er gefälligst im Mäusetheater mitspielen. Sagt Fred. Aber Knöpfchen will nicht. Er ist nämlich ein bißchen schüchtern und wenn er auf der Bühne steht, dann wird ihm immer ganz heiß und er zittert und wird rot und vergisst seinen Text.
Aber zusehen - zusehen kann er stundenlang. Nur findet er eben das Menschentheater besser. Wenn er da so auf dem Dachboden sitzt und den Menschen zusieht, dann vergißt er alles um sich herum.

Adelheid, die Mäusemutter, weiß das und deshalb hat sie immer Angst, daß der Kater Schnurre Knöpfchen in so einem Moment erwischt. Sie läuft dann immer ganz aufgeregt hin und her und seufzt mit ihrer Piepsstimme:
"Oje, oje, oje, oje, oje!!!"
Das stört Fred dann immer ganz gewaltig beim Schreiben und wenn Knöpfchen dann endlich heil und munter nach Hause kommt, gibt`s ein paar hinter die Ohren und Stubenarrest. Aber Knöpfchen büxt trotzdem immer wieder aus.
Ja, wer das Theater so sehr liebt, den halten auch Ohrfeigen und Stubenarrest nicht fern davon. Und so schlüpft Knöpfchen jeden Abend, eine halbe Stunde bevor die Theaterglocke läutet, heimlich aus der Mäusewohnung und saust hoch zum Dachboden.

Eines abends hat Knöpfchen ein ganz besonderes Erlebnis. Zu seiner Überraschung tritt im Menschentheater eine ganz berühmte Ballettgruppe auf. So was hat Knöpfchen noch nicht erlebt. Er ist ganz verzaubert von der wundervollen Musik. Und wie schön die Menschen tanzen! Diese Drehungen und Sprünge - Knöpfchen kann sich gar nicht satt sehen. Noch lange nachdem die Lichter im Theater gelöscht worden sind, sitzt er auf dem Dachboden und erlebt in Gedanken die ganze Vorstellung noch einmal. Wie im Traum steht er auf und beginnt die Schritte der Tänzer nachzuahmen. Es fällt ihm ganz leicht.
Doch mitten in einer Drehung packt ihn plötzlich jemand ganz fest ans Ohr. Zuerst glaubt Knöpfchen, daß der Kater Schnurre ihn nun doch erwischt hat, aber dann sieht er, daß es der Mäusevater Fred ist. Und das ist schlimmer als der Kater...
Fred ist sehr böse auf seinen Sohn. Nicht nur, das der Bengel mal wieder heimlich ausgebüxt ist, nicht nur,daß er viel zu lange weg war und die Mäusemutter sich die größten Sorgen macht, nein, dieses verflixte Mäusekind wagt es auch noch, Ballett zu tanzen. Ausgerechnet Ballett! Das ist nur etwas für kleine Mäusemädchen, findet Fred, aber auf gar keinen Fall für Mäusejungs. Die sollen Fußball spielen!
Fred zieht Knöpfchen so fest am Ohr, daß dieser laut jammert.
"Auauauauaua, nicht, Papa, du tust mir weh!"
"Pscht, du freches Mäusekind, willst du, daß der Kater uns hört?", zischt Fred.
"Dann lass mein Ohr los", bittet Knöpfchen.
Fred lässt das Ohr wirklich los, aber dafür fasst er Knöpfchen ganz fest am Oberarm und zieht ihn zur Dachbodenluke. Dabei schimpft er:
"Warte nur, Bengel, bis wir wieder zuhause sind!"

Vorsichtig nach dem Kater Ausschau haltend, huschen die beiden Mäuse zurück durch das Theater bis in den Keller zur Mäusewohnung. Fred hält seinen Sohnemann ganz fest an der Hand. Erst als die Wohnungstür hinter ihnen verriegelt ist, läßt Fred Knöpfchen los. Adelheid will sich sofort auf ihr jüngstes Kind stürzen und abknuddeln, weil es zum Glück und entgegen ihren Befürchtungen heil und gesund ist. Aber Vater Fred hindert sie daran.
"Lass das jetzt, Adelheid! Für seinen ständigen Ungehorsam verdient er eher eine Tracht Prügel. Hör dir nur an, was er diesmal angestellt hat."
Adelheid macht große Augen. Obwohl sie nicht weiß, was Knöpfchen angestellt haben könnte, stellt sie sich, wie alle Mütter, sofort auf die Seite ihres Kindes.
"Aber Fred, so schlimm kann es doch nicht sein. Mäusekinder machen eben ab und zu Blödsinn, da warst du damals bestimmt auch keine Ausnahme."
Aber als sie dann erfährt, daß Fred Knöpfchen beim Ballett  tanzen erwischt hat, wird sie auch ein bißchen böse.
"Knöpfchen", sagt sie, "das gehört sich wirklich nicht für einen Mäusejungen!"
"Aber warum denn nicht?", fragt Knöpfchen, "beim Menschenballett waren auch Männer dabei. Warum soll Tanzen dann nicht auch was für Mäusejungs sein? Das verstehe ich nicht!"
"Du brauchst es auch nicht zu verstehen. Das einzige, das du verstehen mußt, ist, daß ich nie wieder sehen will, daß du Ballett tanzt. Hast du das verstanden?!", fragt Fred ärgerlich.
Knöpfchen nickt, obwohl er es gar nicht versteht.
"Gut", sagt Fred, "und jetzt gehst du auf der Stelle ins Bett. Und zwar ohne Abendessen. Und denk darüber nach, was ich dir gesagt habe!"
Knöpfchen gehorcht und geht ins Bett. Aber sobald er sie Augen zumacht, sieht er wieder die Tänzer auf der Menschenbühne und hört die Musik. Er ist sehr traurig darüber, daß er so etwas wundervolles nicht machen darf.
Kurz bevor er einschläft, hat er aber eine Idee. Ihm fällt ein, daß sein Vater nur gesagt hat, daß er Knöpfchen nie wieder tanzen sehen will - also wird er es ganz einfach heimlich machen! Dann kann sein Vater sich auch nicht aufregen. Lächelnd schläft er ein und träumt vom Tanzen.

Ein paar Tage lang herrscht dicke Luft bei der Mäusefamile. Fred spricht nicht mehr mit Knöpfchen. Adelheid schaut ihren Jüngsten oft ganz traurig an und die Geschwister machen sich ständig über Knöpfchen lustig. Aber Knöpfchen beißt die Zähne zusammen und denkt an sein Geheimnis. Denn ein Geheimnis hat er jetzt. Am Tag nach der Ballettaufführung war er nämlich heimlich bei der alten Mäusedame Dorothea. Die war früher nämlich eine Primaballerina. Knöpfchen hat ihr alles von seinem Erlebnis erzählt und Dorothea findet es gar nicht schlimm, wenn ein Junge Ballett tanzen will. Im Gegenteil! Und deshalb gibt sie Knöpfchen heimlich Tanzunterricht. Jeden Tag lernt Knöpfchen etwas mehr, er ist schon richtig gut. Dorothea ist sehr stolz auf ihren Schüler und meint, daß er bestimmt mal ein ganz großer und berühmter Tänzer wird. Darüber ist Knöpfchen sehr glücklich. Nur manchmal wird er sehr traurig, weil ausgerechnet seine Familie kein Verständnis für ihn hat. Zuhause wird er immer stiller. Er sitzt oft in seinem Zimmer und hat gar keine Lust mehr, mit seinen Geschwistern zu spielen. Auf den Dachboden geht er auch nicht mehr. Was ist schon selbst das schönste Theaterstück im Vergleich zum Ballett!
Adelheid und Fred wundern sich zwar ein bißchen, aber sie sind viel zu froh darüber, daß Knöpfchen seine gefährlichen Ausflüge aufgegeben hat, um genauer nachzufragen. Sie glauben, daß Knöpfchen eben langsam doch vernünftig und erwachsener wird.

Viele Wochen vergehen. Knöpfchen trainiert immer noch fleißig mit Dorothea. Er ist die einzige Maus in der Gegend, die sich für Ballett interessiert, Wie erstaunt ist er daher, als er eines Tages ein kleines Mäusemädchen bei Dorothea antrifft.
"Knöpfchen, das ist meine Nichte Feodora. Sie ist für ein paar Wochen hier bei mir zu Besuch. Feodora nimmt schon seit einigen Jahren Ballettunterricht. Wenn du einverstanden bist, könnt ihr ja in der nächsten Zeit zusammen trainieren", sagt Dorothea.
Aber Knöpfchen weiß nicht so recht. Er hat Angst, daß Feodora ihn auslacht. Aber Feodora lacht nicht. Sie lächelt nur ganz süß und sagt leise:
"Darüber würde ich mich sehr freuen."
Und so trainieren die beiden Mäusekinder miteinander.
Knöpfchen freut sich nun noch mehr auf die Tanzstunde, denn Feodora ist nicht nur eine tolle Tänzerin, sondern auch sehr nett... Und sie findet es toll, daß Knöpfchen das Tanzen genau so sehr liebt wie sie.
Eines Tages, als Knöpfchen zu Dorothea kommt, läuft Feodora ihm ganz aufgeregt entgegen.
"Stell dir vor, der Intendant des Mäusetheaters hat mich gefragt, ob ich einmal im Mäusetheater auftreten würde. Ich soll vor allen Mäusen hier tanzen. Ist das nicht großartig?!", fragt sie.
Knöpfchen weiß, daß er sich eigentlich für seine Freundin freuen sollte, aber statt dessen wird er sehr traurig. Feodora schaut ihn an und weiß Bescheid. Sie überlegt nicht lange.
"Ich weiß was, Knöpfchen: wir treten zusammen auf. Wenn erstmal alle sehen, was für ein toller Tänzer du bist, sind sie sicher nicht mehr der Meinung, daß Ballett nichts für Jungs ist.", schlägt sie vor.
Knöpfchen zögert noch, aber Dorothea ist begeistert.
"Das ist eine tolle Idee! Ich werde einen ganz besonders schönen Tanz mit euch einstudieren. Kommt, wir wollen sofort anfangen, denn viel Zeit haben wir nicht mehr bis zur Aufführung" sagt sie.
Knöpfchen ist sich immer noch nicht sicher, ob das wirklich so eine gute Idee ist, aber als er Dorotheas und Feodoras erwartungsvolle Gesichter sieht, kann er nicht anders, als "Ja" zu sagen.

Der Abend des Auftritts ist gekommen. Die beiden Mäusekinder sind schon ganz aufgeregt. Dorothea hat für die zwei ganz tolle Kostüme genäht und fleißig mit ihnen trainiert. Sie beherrschen den Tanz perfekt. Aber Lampenfieber haben sie trotzdem, als sie hinter der Bühne stehen und auf den Beginn ihres Auftritts warten.
Dann ist es soweit. Die Musik erklingt.  Feodora betritt die Bühne und beginnt zu tanzen. Wunderschön sieht das aus, das Publikum ist begeistert. Dann ist es Zeit für Knöpfchen, ebenfalls auf die Bühne zu gehen. Aber er zögert, denn er hat seine Familie in der ersten Reihe sitzen gesehen. Was werden sie nur sagen? Knöpfchen hat Angst. Dorothea bemerkt es und sagt leise zu ihm:
"Knöpfchen, es ist nicht wichtig, was andere von dir halten. Daß du glücklich bist, das ist wichtig. Und das Tanzen macht dich doch glücklich, oder?"
Knöpfchen nickt.
"Dann geh jetzt da raus und zeig ihnen, was du kannst!", fordert Dorothea.
Und Knöpfchen geht, nein, er tanzt auf die Bühne und stellt sich in Position. Für einen Augenblick sieht er das entsetzte Gesicht seines Vaters, aber schon beim ersten Tanzschritt hat Knöpfchen alles um sich herum vergessen. Er tanzt wie im Traum und bemerkt kaum, daß seine Füße den Boden berühren. Er fühlt sich so leicht und glücklich wie nie zuvor. Und plötzlich ist es ihm auch völlig egal,was seine Familie von ihm hält. Ja, Dorothea hatte Recht: nur das hier ist wichtig, dieses Gefühl, das ihm nur der Tanz geben kann. Das Glück erfüllt ihn von Kopf bis Fuß. Und etwas von diesem Glücksgefühl scheint von ihm auf das Publikum überzugehen...
Denn als die Musik verklingt und Knöpfchen und Feodora sich Hand in Hand verbeugen, springen alle Mäuse im Zuschauerraum auf und applaudieren wie wild. Hochrufe werden laut und begeisterte Pfiffe hallen durch den Saal.
Knöpfchen erwacht wie aus einem tiefen Traum und sucht mit den Augen nach seinem Vater. Fred ist als einziger nicht aufgestanden. Still sitzt er auf seinem Platz und schaut Knöpfchen ernst an. Dann steht er ganz langsam auf und beginnt ebenfalls zu klatschen. Er lächelt Knöpfchen voller Stolz an. Und dieser begreift, daß er es geschafft hat! Seine Familie akzeptiert, daß er tanzt. Er sieht, daß seine Mutter weint, aber ihr Gesicht leuchtet dabei so sehr vor Glück, daß es sich nur um Freudentränen handeln kann. Da bekommt auch Knöpfchen feuchte Augen.
Feodora zupft ihn leicht am Ärmel. Er schaut sie an und sie nickt ihm begeistert zu. Da kann Knöpfchen nicht anders, er nimmt sie ganz fest in die Arme, hebt sie hoch und wirbelt sie herum. Die vielen Zuschauer applaudieren noch lauter bei diesem Anblick. Knöpfchen setzt Feodora vorsichtig wieder ab, wendet sich zum Publikum und verbeugt sich noch einmal. Sein Gesicht strahlt vor Glück.

Der Vorhang fällt und langsam gehen die Lichter aus.
Knöpfchen ist in der Garderobe und zieht sich um, als es an der Tür klopft und seine Familie herein kommt. Knöpfchen geht langsam auf sie zu und einen Moment lang stehen sich alle wortlos gegenüber. Dann legt Fred Knöpfchen seine Mäusepfoten auf die Schultern und sagt:
"Ich bin stolz auf dich, mein Sohn!"
Knöpfchen spürt, daß ihm schon wieder Tränen in die Augen steigen. Er schnieft und fällt Fred um den Hals. Die anderen kommen dazu und dann umarmen sich alle ganz fest.
An diesem Abend liegt ein sehr glücklicher Knöpfchen in seinem Bett. Seine Familie ist stolz auf ihn und verbietet ihm nun nicht länger zu tanzen. Sie haben verstanden, wie wichtig ihm der Tanz ist. Er darf seinen Unterricht bei Dorothea fortsetzen. Und Feodora hat versprochen, ihre Tante von nun an ganz oft zu besuchen, um gemeinsam mit ihm tanzen zu können. Und wer weiß, vielleicht eines Tages... aber da schläft er schon.

Heute ist Knöpfchen ein ganz berühmter Balletttänzer in der Mäusewelt. Die Mäuse drängeln sich zu Tausenden vor den Sälen, in denen er auftritt. Immer an seiner Seite ist Feodora, die er inzwischen geheiratet hat. Doch lange wird sie nicht mehr mit ihm tanzen, denn ein Mäusekind hat sich bei den beiden angemeldet. Die beiden freuen sich schon sehr auf den Nachwuchs. Und eines hat Knöpfchen seinem noch ungeborenem Kind bereits fest versprochen: ob Junge oder Mädchen, es darf später mal jeden Beruf ergreifen, den es will. Denn es soll einmal genauso glücklich werden, wie seine Eltern es sind!





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    Oh, ist das schön! Du bist eine echte Zauberin, Phantasia! Du entführst mich mit wenigen Sätzen in die Märchenwelt!

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