Knochenwald

                                                          ***Keeda***

Das dichte Blätterdach der Bäume hüllte Keeda und Harbek in Dunkelheit während sie sich langsam vorwärts schoben. Hinter jedem Stamm erwarteten sie einen Feind der nur darauf wartete sich auf sie zu stürzen, sodass sie nicht überrascht waren, als sich ihnen der erste von Valindras Untoten säbelschwingend entgegen warf.
Er bestand nur als blanken Knochen, an denen stellenweise noch Fetzen von Haut und Fleisch klebte. Sein weißer Schädel zeigte keinerlei Gefühlsregungen und um die Hüfte hatte er sich einen Waffengurt gebunden, während seinen knöcherne Hand einen verrosteten Krummsäbel hielt.
Augenblicklich trat Harbek vor, während Keeda nach einem Pfeil in ihrem Köcher griff. Einmal mehr vermisste sie ihr Beil mit dem sie den Untoten in Einzelteile hätte schlagen können, denn ihr Geschoss blieb wirkungslos in den leeren Rippen des Skeletts hängen.
Harbeks Angriff war wirkungsvoller. Als er sein Siegel hob begann es erst hell zu erstrahlen, bevor sich in dem Eisenring eine heiße Lichtkugel bildete, die er auf den Angreifer schoss und ihn in Asche verwandelte.
Überlegen drehte er sich zu Keeda um und grinste sie stolz an. Sie verdrehte nur die Augen, das Letzte was sie tun würde war, diesen Zwerg in seinem Hochmut zu bestätigen.

Wortlos schlichen sie weiter durch den kleinen Wald, bis Keeda zischte und die Hand hob. Alarmiert hob Harbek erneut sein Siegel und folgte ihrem Blick.
Einige Schritt entfernt hatte etwas eine breite Schneise durch den Wald geschlagen und die dicken Stämme wie dünnes Geäst zerbrochen.
Keeda nickte mit dem Kopf in Richtung der Verwüstung und Harbek erwiderte die Geste grimmig, während er seine Faust fester um den Eisenstab schloss. Sie näherten sich leise und erstarrten, als sie sahen was sich ihnen für ein Anblick am Ende der Schneise bot.
Der gewaltige Körper eines Drachenlichs lag auf einem Wall aus Erde und herausgerissenen Bäumen. Seine eisblauen Augen starrten blicklos in den Himmel und weißer Rauch stieg aus seinem weit aufgerissenen Maul auf. Die Flügel standen in unnatürlichen Winkeln von seinem zum Teil skelettierten Rumpf ab, die weiße Membran bestand jediglich aus Fetzen und aus seiner linken Hälfte ragte der zerbrochene Schaft eines gewaltigen Speeres hervor. In der Luft hing der süßliche Geruch von verwesendem Fleisch und Feuer.
Vor dem Reptilienkörper kniete in tiefer Konzentration ein Tiefling. Seine rote Haut und die geschwungenen Hörner verliehen ihm ein bestialisches Aussehen, während sein langer Schwanz unablässig über den Boden pendelte.
Keeda sah sich konzentriert um bevor sie näher an die Gestalt herantrat und ignorierte dabei Harbeks wütendes Grunzen. Sie räusperte sich leicht und der Tiefling wandte ihr langsam sein Gesicht zu, um sie traurig aus rein schwarzen Augen anzustarren.
"Es ist eine Schande nicht wahr? So wunderschöne Tiere ... dazu verdammt einer dunklen Königin zu dienen und missverstanden von aller Welt." Er seufzte schwer und fast hätte Keeda ihm tröstend ihre Hand auf die Schulter gelegt. Noch immer starrte er sie an, nun mit einem mitfühlenden Blick.
Missverstanden von aller Welt ... Ja, dieses Gefühl kannte sie, wie auch der Tiefling nur zu gut. Ihre beiden Völker wurden verachtet, die Drow wegen ihrer Lebensweise und die Tieflinge wegen ihrer Abstammung. Ihre Rasse war erst durch einen Pakt zwischen den dunklen Mächten und den Menschen entstanden, sodass sie nun heimatlos und nirgendwo dazu gehörend zwischen den Welten leben mussten, weder als Menschen, noch als Dämonen.
Keeda blickte zu dem toten Drachenlich und teilte für einen Moment die Trauer des Tieflings. Auf der Haut des Tieres waren noch immer Spuren alter Narben zu erkennen. Noch nie hatte sie darüber nachgedacht was einen Drachenlich zu dem Ungeheuer machte, als das jeder ihn bezeichnete. Sie waren Sklaven der Dunkelheit, die nicht die Freiheit besaßen einen neuen Meister zu wählen.

                                                              ***Harbek***

Harbek räusperte sich leise, um Keeda aus ihrer Beklommenheit zu reißen. Er wusste nicht was die Gedanken der Drow fesselte, doch er wurde mit jedem verstreichenden Moment beunruhigter. Den Drachenlich hatte er nur einen Moment betrachtet, um seinen Tod festzustellen und sich wieder der unmittelbaren Gefahr zu widmen, die zwischen den Bäumen lauerte.
Er verstand nicht was die Dunkelelfin und der Tiefling an dem toten Körper eines Ungeheuers interessant fanden.
Fast hätte er bei seinen nächsten Gedanken aufgelacht, er hätte jedem der ihm gesagt hätte, dass er eines Tages mit einer Drow und einem Gehörnten an seiner Seite auf einem Schlachtfeld stehen würde, für verrückt gehalten.
Deine Wege bleiben für mich am Ende immer unergründlich Moradin! dachte er und wandte sich damit an den Gott und Erschaffer der Zwerge, einem gerechten aber strengen Vater, der immer versuchte seine Schützlinge auf dem rechten Weg zu neuen Errungenschaften und Erkenntnissen zu leiten.
Er räusperte sich erneut und endlich sah Keeda ihn aus traurigen Augen an, bevor sie sich mit einem letzten Blick zu dem Drachenlich zu ihm wandte und in Richtung des Lagers an ihm vorbei ging.

                                                              ***Keeda***

Keeda konnte schon das Licht des Lagerfeuers zwischen den dichten Baumstämmen erahnen, als das Knirschen von bloßen Gelenken sie herumfahren ließ. Erneut trat Harbek vor sie und fing mit dem Siegel den Säbel eines Untoten ab, bevor dieser die Drow enthaupten konnte. Zwei weitere Angreifer stürzten sich hinter den Bäumen hervor und Keeda duckte sich in einer seitlichen Rolle unter ihrem Angriff durch. Fast wäre sie über die Leiche eines Soldaten gerollt, der mit aufgeschnittener Kehle und dem Gesicht nach unten auf dem Waldboden lag.
Instinktiv griff Keeda nach einem Pfeil und spannte den Bogen, bevor sie sorgfältig zielte. Der Pfeil traf eines der Skelette genau dort wo der Oberarm auf das Schulterblatt traf und riss ihrem Angreifer die Waffe samt Arm vom Körper. Der Tote öffnete den Mund zu einem tonlosen Schrei, doch der zweite Angreifer stürzte sich auf Keeda bevor sie den nächsten Schuss abgeben konnte.
Nur knapp wich sie der Klinge aus und landete abermals hart auf den Knien. Ihre rechte Hand ergriff das Erste was ihr auf dem laubbedeckten Boden in die Finger kam und als das Skelett zu einem weiteren Angriff ansetzte schlug sie mit dem dicken Ast in ihrer Hand zu. Der Schädel des Toten verdrehte sich auf unnatürliche Weise und er wurde zurück geschleudert. 
Durch den leeren Brustkorb hindurch konnte Keeda den Zwerg erkennen, der bereits das erste Skelett in Asche verwandelt hatte und sich dem Einarmigen stellte, das nun seine Waffe in der linken Hand hielt.
Keedas Angreifer hatte sich von dem Schlag erholt und hob erneut seine Waffe, die sie mit ihrem Bogen ungeschickt abblockte, der Ast war bedauerlicherweise bei ihrem Angriff zerbrochen. Sie schubste den knöchernen Arm beiseite und umfasste mit einer Hand das Rückgrat des Skeletts, während die andere noch immer die Waffenhand ihres Angreifers umschloss, um ihn von einem erneuten Schlag abzuhalten.
Sie rangen einen Moment miteinander, bevor ein heftiger Schlag den Schädel des Skeletts vom Rest seines Körpers trennte. Die Knochen fielen zwischen Keedas Händen auseinander und gaben den Blick auf Harbek frei, der sein Siegel wie eine Keule hielt.


Das andere Lager, wie Linkletter es bezeichnet hatte, war um einiges kleiner als das in Küstenähe. Jediglich ein kleines Feuer brannte an dem müde aussehende Soldaten kauerten und mit weißen Gesichtern ihre Waffen umklammerten.
"Den Göttern sei Dank, Linkletter hat also endlich jemanden gefunden!" Ein kleine Person kam händeringend, gefolgt von ein paar Soldaten auf sie zu. Seine Mundwinkel zuckten als er Keeda sah, doch das minderte nicht seine Freude über die Pfeile die sie seinen Begleitern überreichte. Die Männer ergriffen dankbar die Bündel und verschwanden augenblickblick mit ihnen.
"Ich bin Dell McCourt, Leuntnant dieses erbärmlichen Lagers. Danke, dass ihr mutig genug wart durch den Wald zu kommen, meine Männer hat der Mut schon lange verlassen. Aber wer könnte es ihnen verdenken? Die Toten erheben sich aus ihren Gräbern und sie kennen weder Schmerz noch Furcht!"
"Ich kann es ihnen verdenken!", erwiderte Harbek zu Keedas Verwunderung zornig, "Jeder von ihnen ist ein Soldat Neverwinters und wenn sie schon der Mut bei einer handvoll Skelettkrieger verlässt, dann sind wir alle dem Untergang geweiht. Valindra wird noch weit aus schlimmeres in den Kampf schicken." Seine Stimme bebte vor Zorn und die Soldaten am Feuer sahen verärgert auf.
Einer von ihnen stand auf und deutete mit wütenden Blick auf den Zwergen: "Was wisst ihr schon? Seit Tagen sitzen wir hier und werden nacheinander abgeschlachtet. Ihre Anzahl wird einfach nicht kleiner, wenn wir einen von ihnen töten nehmen zwei andere seinen Platz ein!" Die restlichen Soldaten nickten zustimmend und sahen sich mitleidig an.
Dell McCourt sah bei Harbeks Worten betreten zu Boden und ließ die Worte seines Soldaten ungestraft. Stattdessen holte er einen kleinen Beutel heraus und drückte ihm und Keeda eine Münze in die Hand.
"Es ist nicht viel, doch mehr kann ich euch nicht geben. Danke für eure Hilfe Meister Zwerg, doch habt Verständnis. Meine Männer sind müde, der Krieg nagt an ihnen." Er wartete Harbeks Reaktion nicht ab und verließ beide ohne eine Verabschiedung.
Keeda betrachtete die Münze in ihrer Hand und steckte sie dankbar ein. Harbek dagegen wendete sie missmutig in seiner Hand und nuschelte esistwirklichnichtviel.
Sie wollte gerade den Zwerg zu Vernunft rufen, als ein leises Husten ihre Aufmerksamkeit auf sich zog.

Ein großer, doch schlanker Mann in langem Mantel verbeugte sich bei ihrem Blick leicht und erlangte schließlich auch Harbeks Aufmerksamkeit, der missmutig von seiner Hand aufblickte.
"Ihr scheint über eure Belohnung nicht glücklich zu sein? Was würdet ihr sagen, wenn ich euch etwas weitaus Kostbareres anbieten würde?"
Harbek richtete sich prompt auf: "Ich würde euch sagen, dass ihr meine volle Aufmerksamkeit genießt!"
Auch Keeda richtete sich auf und betrachtete den Fremden argwöhnisch. Er schien ihr zu freundlich mit seinem Lächeln, den sauberen Händen und den Augen, in denen sie keine Verachtung oder Abscheu entdecken konnte.
"Wenn ich mich zuerst vorstellen darf, ich bin Gefreiter Hawthidon! Und ich bräuchte ein paar Männer ... und Frauen", fügte er mit wohlwollenden Blick zu Keeda hinzu, "Die dabei helfen das letzte freie Königreich Faerûns zu beschützen.
Wie ihr wisst greifen gerade Horden von Untoten Neverwinter an. Sie strömen aus der Burg Never und über die Brücke des schlafenden Drachen. Wenn diese Brücke fällt, ist ihnen das Herz von Neverwinter, die Protector Enclave, schutzlos ausgeliefert. Ich brauche tapfere Krieger die sich den Toten entgegen stellen und die Brücke sichern!" Hawthidon legte wie um seine Worte zu unterstreichen seine Hände in einer bittenden Geste zusammen, "Werdet ihr meine tapferen Krieger sein?"
"Ihr versprecht eine Belohnung?" fragte Harbek und zog seine Augenbrauen nachdenklich zusammen, bevor er Keeda einen prüfenden Blick zuwarf. Er bat sie um ihre Meinung.  Hawthidon nickte.
"Versprecht ihr auch, dass wir nach dem Kampf ohne Hindernisse in die Protectors Enclave dürfen?" hakte Keeda nach und verschränkte die Arme vor der Brust.
Hawthidon nickte erneut und sein Lächeln wurde breiter als Keeda zustimmend nickte.
"Dann haben wir eine Vereinbarung, wir befreien eure Brücke von Valindras Bestien und ihr haltet euer Wort!" Harbek streckte dem Gefreiten seine Hand entgegen der sie dankbar und mit einer weiteren Verbeugung ergriff.
"Ich muss hier bleiben und dem Leutnant zur Seite stehen, doch Wilfred kann euch zu der Brücke bringen, sie ist nicht weit entfernt. Wie ich hörte hat auch er den Wald erfolgreich durchquert und sich freiwillig gemeldet. Viel Erfolg!" Hawthidion verließ sie mit einer weiteren Verbeugung und Harbek wandte sich mit glänzenden Augen zu Keeda.
"Eine Brücke voller Monster und Bestien? Das kann lustig werden!" Er lächelte sie grimmig und entschlossen an.
Keeda erwiderte seinen Blick skeptisch, diese Worte hätte sie nicht bei dem Gedanken an ihren möglichen Tod gewählt.

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beta
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