Lævas Zorn

Jorunns Entscheidungen wären manchmal für einen Beobachter schwer zu durchschauen gewesen, wenn es ihn denn gegeben hätte. An jenem Tag, als die Gefährtin Ragnars mit zwei Wünschen zu ihr kam, erfüllte sie der stolzen Schildmaid beide. Sie erhielt die Mischung für einen Tee, der ihr vielleicht helfen würde, ein weiteres Kind zu empfangen. Und die Völva gab ihr auch einen kleinen Lederbeutel, in dem ein unscheinbares Pulver darauf wartete, jede ungewollte Schwangerschaft sicher zu beenden.
Jorunn hatte dieses Behältnis mit ernstem Blick in der Hand gewogen, bevor es vorsichtig seine Besitzerin wechselte.
"Es mag Gründe geben, ein ungeborenes Leben vorzeitig zu beenden", gab die Heilerin zu. "Und ich kann verstehen, dass du Ragnar nicht mit einer Sklavin teilen willst." Aufmerksam musterte die Alte ihr Gegenüber. "Doch bevor du dich zu diesem Schritt entschließt, musst du dir ganz sicher sein, jede mögliche Konsequenz in Kauf zu nehmen. Du wirst dieses Kind auf dem Gewissen haben, ein Geschöpf, das an seiner Entstehung keinerlei Schuld trägt. Und es mag sein, dass seine Mutter ihm durch die Fehlgeburt zu Hel folgt. Die Blutungen danach sind oft unberechenbar. Wenn es so kommt, dann will ich kein einziges Wort von dir hören, dass du bei mir die Verantwortung dafür suchst. Es ist deine Entscheidung, und nur deine!"
Sie hatten danach noch ein paar belanglose Worte gewechselt, dann war Lathgertha zurückgegangen, viel stiller, als sie gekommen war.

Und nun lag der unscheinbare kleine Beutel mit dem so harmlos aussehenden Pulver vor ihr und wartete darauf, benutzt zu werden. Missmutig schob die Schildmaid das kleine Behältnis über die Tischplatte. Ja, sie wollte Ragnars Einzige sein. Und ihre Kinder sollten keine Halbgeschwister haben, die in einer so niederen Schicht geboren worden waren. Eine Sklavin als Mutter - ha! Wie konnte der Jarl nur so weit sinken, dass er das nicht verhindert hatte. Er wusste doch genau, wie es ging und er dennoch zu seinem Vergnügen kam! In den letzten Jahren hatte er bei vielen Weibern gelegen und noch nie …
Innerlich fluchte Gertha wie ein verwahrloster Hafenknecht. In ihrem Gesicht ließ sich der Zorn über die unbequeme Situation gut ablesen. Und dennoch! Hätte jemand genau hingesehen, wäre ihm nicht entgangen, dass dort auch Unsicherheit zu lesen stand und eine Spur Wehmut, ihrem Gefährten nicht so genügen zu können, dass er neben ihr keine anderen Frauen brauchte.
"Mistkerl!"
Gerthas Hand fuhr wütend auf die Tischplatte herab. Wie konnte er sie vor so eine Entscheidung stellen? Noch dazu wegen einem solchen wertlosen Weib?
Einen Moment lang war Gertha wirklich versucht, das Pulver einfach in Lævas Trinkbecher auszuleeren und dem Schicksal seinen Lauf zu lassen. In der Schlacht hatte sie schließlich schon mehrfach getötet und es belastete ihr Gewissen nicht. Doch der Kampf gegen einen würdigen Gegner war dennoch anders als das hier …
Die Schildmaid schob den Beutel in ihr Mieder. Es gab keinen Grund, sofort einen Entschluss zu fassen. Vielleicht gab es ja noch andere Wege? oder - und das wäre für alle das beste - Læva trug gar kein Kind in sich und kränkelte aus anderen Gründen?
Jene, über die sich ihre Herrin in den nächsten Tagen mehr Gedanken machte, als gut für sie war, ahnte nicht, dass es für sie bereits um Leben oder Tod ging.
Læva war noch immer wütend auf Lathgertha, die sie ohne mit der Wimper zu zucken aus ihrem herrschaftlichen Haus verbannt hatte. Das mochte ihr gutes Recht sein, wie ihr der väterliche Hofaufseher Ragnars mehrfach rügend versichert hatte. Sie, Læva, aber verdiente Besseres. Sie hatte bei Ragnar gelegen und ihrem Herrn höchsten Genuss geschenkt. Dafür stand ihr Respekt zu und keine … Schweinemist!
Die junge Sklavin war eine gute Beobachterin und da es für sie gerade um alles ging, nahm sie jedes Detail des alltäglichen Lebens auf dem Hof des Jarl in Augenschein. So konnte es ihr nicht lange entgehen, dass Lathgertha inzwischen einen Ersatz für Rúna gefunden hatte. Læva platzte fast vor Zorn, als sie es bemerkte. Sædís! Ausgerechnet Sædís, diese kleine Metze, die nach außen hin immer so schüchtern tat und gegen die sie bereits gnadenlos um den Platz auf dem Schoß des Jarls gekämpft hatte! Sie musste es auch gewesen sein, die Lathgertha das von Ragnar und ihr zugetragen hatte. Warum sonst war die Schildmaid so schnell damit gewesen, sie aus Ragnars Nähe zu entfernen?
Und nun drückte sich das kleine, verschlagene Biest fast ständig in der Nähe der Herrin herum. Was für eine Ungerechtigkeit!
Während Ragnars ehemalige Geliebte in den nächsten Tagen ihren ungeliebten Pflichten nachging, grübelte sie wieder und wieder darüber nach, wie sie Sædís, die ihr im Weg war, wollte sie den Gedanken an Ragnars Lager noch nicht aufgeben, eine Lektion erteilen konnte. Dass sie damit erneut Lathgerthas Unwillen hervorrufen würde, die das stille Mädchen offensichtlich gern um sich hatte, störte sie dabei nicht. Noch immer vertraute sie darauf, dass der Jarl sein Verlangen nach ihr nicht ewig bezwingen konnte. Dann aber, wenn er seinen Trieben nachgehen musste, würde sie da sein. Und sie würde ihn verführen, bis keine andere mehr …

Der Zwist unter den Frauen eskalierte. Dazu war kein großer Anlass vonnöten und es musste auch nur ganz wenig Zeit verstreichen, bis Lævas Zorn überkochte wie ein zu heiß geratener Milchbrei.
Wieder einmal stank sie, wie sie fand, bis zu den letzten Spitzen ihrer langen Haare nach Schweinen. Diese Viecher machten aber auch einen Dreck, für den es keine passenden Worte gab. Dabei grunzten sie dümmlich und rannten ihr wieder und wieder zwischen den Beinen hindurch, als gelte es, sie samt ihrer Mistgabel aus dem Stall zu verdrängen. Læva hatte ihr Kleid bis zu den Knien gerafft und stand mit den nackten Füßen im Mist, als ein vorlautes, halbwüchsiges Ferkel ihren großen Zeh ins Auge fasste. Das rosige, wackelnde Ding schien ein gutes Futter zu sein und so biss der Kleine herzhaft hinein. Der Schmerz, den die spitzen Zähne verursachten, jagte gnadenlos durch den Fuß der Sklavin, während sie dem vorlauten Vierbeiner ihren blutenden Fuß entzog und ihn mit einem kräftigen Tritt belohnte. Wütend auf einem Fuß hüpfend, entging ihr dabei die Schlüpfrigkeit des Bodens und sie fiel rutschend und schlitternd auf ihren Hintern. Noch einmal schrie sie auf, sich den malträtierten Zeh haltend, und dieses Gebrüll lockte nun auch den Hofaufseher an den Ort des Geschehens. Sture war ein ruhiger Mann und kam in der Regel gut mit allen Bewohnern des Hofes aus, egal, ob sie Freie oder Sklaven waren. Genau darum war er von seinem Jarl auf für diese Aufgabe ausgewählt worden. Ragnar wollte keine Zwist unter seinen Untergebenen. Læva aber war selbst dem geduldigen Sture zu vorlaut und zu aufmüpfig. Als er die unliebsame Sklavin nun vor sich im Mist liegen sah, konnte er nicht anders und lachte laut auf. Das Bild war aber auch zu komisch, der blau angelaufene Zeh, die nackten, schmutzigen Beine und ihr wilder, zorniger Blick … Sture konnte in ersten Moment gar nicht anders, als sich darüber zu amüsieren.
Dann aber, als ihm klar wurde, dass die junge Frau seine Hilfe brauchen könnte, versuchte er wieder ernst zu werden. Doch da war es schon zu spät.
Das Feuer unter dem Milchtopf loderte hell auf, der Brei kochte über und Læva stürmte zornig aus dem Stall. Blind vor Wut rannte sie auf den Hof und kam erst am Brunnen zu stehen, wo sie tief durchatmete, innerlich noch immer tobend vor Zorn über all die Ungerechtigkeit, die ihr zuteil wurde.
Vielleicht war es Zufall, vielleicht würde es die Völva Schicksal oder den Willen der Götter nennen - wer wusste das schon so genau? Lathgertha jedenfalls, die ein Treffen der Ältesten für den Abend erwartete, hatte Sædís damit beauftragt, die Schildhalle zu reinigen und die junge Frau trat gerade in jenem Moment mit ihrem Eimer auf den Hof, als auch Læva sich dort zu beruhigen versuchte. Verwirrt musterte die Jüngere die schwer atmende Frau am Brunnen, nicht verstehend, was mit der aufgebrachten Sklavin passiert sein könnte. Schon wollte sie nachfragen, ob die andere Hilfe bräuchte, als diese zornentbrannt auf sie losstürmte.
Alles um sich herum vergessend, ließ Læva nun der ganzen aufgestauten Wut ihren Lauf.
"Du!", schrei sie zusammenhanglos. "Du! Was glaubst du, wer du bist, dass du mich gegenüber diesem Schildweib so schlecht machen kannst? Ragnar gehört mir, du Metze!"
Sædís bekam keine Gelegenheit, der aufgebrachten Angreiferin eine wie auch immer geartete Antwort zu geben. Ja, sie verstand noch nicht einmal, warum sie angegriffen wurde, als der Stiel der Mistgabel schon auf sie niederfuhr. Drei oder vier Mal krachte das harte Holz auf den Körper der jungen Frau, traf ihre Schultern, ihren abwehrenden Arm und schließlich ihren Kopf. Dann, als Læva sie endlich vor sich am Boden sah, drehte sie das Werkzeug in ihren Händen um. Schon schloss sie beide Arme um das Holz, um zu Ende zu bringen, was sie begonnen hatte, als Sture aus dem Stall kam. Und es war nur seinem regen Verstand und seiner Schnelligkeit zu verdanken, dass das Schlimmste verhindert werden konnte. Mit einem Schrei stürzte er sich auf die verrückte Sklavin und riss sie im letzten Moment ein paar Schritte zurück. Die Zinken der Mistgabel prallten an dem gefrorenen Boden ab, ohne Schaden anzurichten und auch der Mann ging mit der um sich schlagenden Frau erst einmal zu Boden.

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    Einmal mehr schaffst du es, Spannung aufzubauen und bildhaft die Ereignisse zu beschreiben!

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