Leben und leben lassen

Hauchdünne, kaum erkennbare Wolkenfetzen zogen an mir vorbei. Die weißen Schleier hatten jedoch keine Chance gegen die Sonne, die mit voller Kraft arbeitete und somit eine unerträgliche Hitze auf der Erde entstehen ließ.
Schwitzend und nach Luft schnappend wartete ich auf meine Freundin. Seit fünf Minuten war der Unterricht offiziell beendet, doch Holly war bis jetzt noch nicht aufgetaucht.
Daher saß ich angespannt und nervös auf der Motorhaube ihres verdreckten Fords. Ich wusste nicht, ob ich mir Sorgen machen sollte oder nicht. Vielleicht war sie von einem Lehrer aufgehalten worden oder sie unterhielt sich mit ihren Freunden oder…
Oder Ophelia hatte das Schulgebäude nicht verlassen und Linda oder vielleicht sogar Holly etwas angetan. Auf einen Schlag bildete sich ein schwerer, dicker Kloß in meinem Hals, den ich nicht herunterschlucken konnte. Wenn dass der Fall sein sollte, dann hatte ich schon wieder nicht richtig auf Holly Acht gegeben. Dann wäre ich schon wieder gescheitert.
Ich bin ein Versager, dachte ich frustriert. Die letzten Monaten, in denen ich sie jeden Tag zur Schule begleitet und in vielen Nächten draußen geschlafen hatte, waren umsonst gewesen.
Die Killer hatten von Anfang an gewusst, wo Holly und ich uns aufhielten. Als ich daran dachte, dass sie uns beobachtet und verfolgt hatten, ohne, dass ich etwas mitbekommen; ohne, dass ich auch nur einen Verdacht gehabt hatte, überwältigte mich eine Welle brennenden Zornes. Aber ich war nicht nur wütend auf meine Ex-Kollegen, sondern auch auf mich selbst. Wieso war ich bloß so dumm gewesen? Wie hatte ich ernsthaft glauben können, dass ich Jericho irgendetwas verheimlichen konnte?
„Hi, James.“ Hollys sanfte Stimme unterbrach jäh meine negativen Gedanken. Ich stieg von der Haube herunter. Als ich vor ihr stand, musste ich mich zu einem heiteren Lächeln zwingen.
„Hi“, presste ich mühsam hervor und gab ihr einen flüchtigen Kuss. Ich versuchte mir die Ereignisse der letzten zwei Stunden nicht anmerken zu lassen. Ich versuchte nicht an all das zu denken, was Ophelia gesagt hatte oder an ihren kaltblütigen Mord.
„Wo bist du eben gewesen?“, fragte sie mich besorgt. „Ich habe dich in der Pause gesucht.“
Wie ein aufgescheuchtes Reh starrte ich sie mit aufgerissenen Augen an. Was sollte ich ihr nur sagen? Wie sollte ich ihr bloß meine Abwesenheit erklären?
„Ich war unterwegs“, log ich ihr mitten ins Gesicht. Holly runzelte verwirrt die Stirn.
„Unterwegs?“ Eifrig nickte ich. Wahrscheinlich, um mir selbst meine Lügen zu glauben.
„Ich bin über das Gelände gegangen und habe mich ein wenig umgesehen.“
„Ach so. Ich hatte schon Angst, dass dir irgendwas passiert ist“, meinte sie erleichtert und lächelte zaghaft.
„Du brauchst keine Angst zu haben, Holly.“ Ich nahm sie fest in meine Arme und gab ihr einen Kuss auf die Nasenspitze.
Das komische Gefühl in der Magengegend, das mich seit Hollys Auftauchen befallen hatte, verstärkte sich. Es war mein schlechtes Gewissen, das sich durch die Lügen in mir aufbäumte, aber ich hatte keine andere Wahl. Ich wollte einfach nicht, dass Holly von Ophelias „nettem Abstecher“ hierher erfuhr. Sie sollte nichts von dem toten Schüler wissen; nichts von dem Deal, den meine Ex-Kollegin mir angeboten hatte. Ich wollte sie unbedingt aus der Sache herauslassen.
„Lass uns fahren, Holly“, schlug ich vor, da ich nicht länger hier bleiben konnte. Mir war klar, dass sich nichts an dem Chaos in meinem Kopf ändern würde, nur, weil ich das Schulgelände verließ, aber mir ging es ums Prinzip. Ich wollte nur noch weg. Weg von dem Ort, an dem ich von nun an Tag für Tag kämpfen musste und zwar nicht nur um das Leben von Holly, sondern auch um die Leben fremder Menschen, die mit der ganzen Geschichte nichts zu tun hatten.
Zumindest für ein paar Stunden wollte ich der Verantwortung entfliehen und nicht darüber nachdenken, wie ich Ophelia davon abhalten sollte ihren Auftrag auszuführen.
„Okay.“ Holly küsste mich innig, bevor sie sich aus meiner Umarmung löste und anfing in ihrem Rucksack nach dem Autoschlüssel zu suchen.
Derweil wandte ich mich blitzschnell um, was ich sofort bereute, denn meine Kopfschmerzen und der heftige Schwindel meldeten sich wieder zurück. Ich war zwar kein Arzt, aber ich vermutete eine Gehirnerschütterung hinter meinen Symptomen. Bei den Tritten und Schlägen gegen meinen Kopf war diese Vermutung auch gar nicht so abwegig.
Stark zitterte und schwankte ich. Die Hoffnung, dass meine Freundin nichts von meinem schlechten Gesundheitszustand bemerkte, wurde mit einem Mal zerschlagen, als Holly die Suche nach ihrem Schlüssel abbrach und mich panisch ansah.
„Was ist los, James? Geht´s dir gut?“ Sie ließ ihren Rucksack auf den Asphalt fallen und eilte an meine Seite. Ich achtete nicht auf die Schmerzen, die meinen Schädel zum Dröhnen brachten, sondern ich setzte eine sorglose Miene auf.
„Es ist alles in Ordnung Holly. Die Hitze macht mir nur zuschaffen.“ Mit einem breiten Grinsen versuchte ich sie zu beruhigen, doch so einfach funktionierte das nicht.
„Bist du dir sicher, James? Wenn es dir schlecht geht, dann sag´s mir bitte“, verlangte sie energisch. Ich rollte mit den Augen, was sofort mit Übelkeit bestraft wurde. Die Farbe wich mir aus dem Gesicht und der Schweiß rann in Strömen. Mir ging es richtig beschissen.
„Du siehst gar nicht gut aus“, stellte Holly fest, nachdem sie mich eindringlich gemustert hatte.
„Wirklich?“, fragte ich mit schwacher, leiser Stimme. Ich war verwundert, dass sich mein Zustand so rapide und drastisch verschlechtert hatte.
„Ja“, hielt sie an ihrer Meinung fest. „Vielleicht sollten wir zu einem Arzt fahren.“
„Nein!“, widersprach ich. „Ich brauche keinen Arzt.“
„Ich glaube aber schon.“
Holly stemmte ihre Hände in die Hüften und schaute von unten zu mir herauf.
„Mir ist bloß schwindelig. Deswegen gehe ich bestimmt nicht zum Arzt.“ Meine Freundin schnaubte verärgert.
„Ich fände es trotzdem vernünftiger, wenn du dich untersuchen lassen würdest“, beharrte sie.
„Vergiss es, Holly. Fahren wir lieber.“
Dass ich ihren Vorschlag, einen Arzt aufzusuchen, so vehement ablehnte, missfiel Holly sichtlich und machte sie misstrauisch.
„Was ist passiert, als ich im Unterricht war?“, wollte sie gereizt von mir wissen. „Und wag es ja nicht mich weiter zu belügen, James.“
Verdammt, wieso bin ich nur so leicht zu durchschauen? Warum sind meine Lügen nicht besser?
Ein Seufzer entfleuchte meiner Kehle. Ich konnte Holly unmöglich die Wahrheit sagen. Es ging einfach nicht.
„Jetzt sag doch was!“ Meine Freundin wurde zunehmend ungeduldig und wütend. Wie wild schüttelte ich den Kopf.
Sogleich übermannten mich die Schmerzen und die Übelkeit. Vor meinen Augen wurde es schwarz und ich sackte auf dem Parkplatz zusammen.
„James!“, kreischte Holly und ließ sich neben mir auf die Knie fallen. „Was ist mit dir?“
„Ich habe dir schon gesagt, dass mir schwindelig ist“, jappste ich und atmete schwer. Innerlich verfluchte ich Ophelia aufs Übelste, weil sie der Grund für meine Gehirnerschütterung war.
„Aber das kann doch nicht nur von der Hitze kommen“, mutmaßte Holly und legte ihre Stirn in Falten.
„Was willst du von mir hören?“, fuhr ich meine Freundin ungehalten an, was ich in derselben Sekunde bereits bereute.
„Sag mir endlich die Wahrheit, James“, forderte sie mich auf, während sie mir eine Wasserflasche aus ihrem Rucksack reichte. Kurzerhand schraubte ich den Verschluss auf und trank fast den gesamten Inhalt aus. Den Rest kippte ich mir über den Kopf.
Das kalte Wasser lief mir in den Nacken und über das ganze Gesicht. Die Abkühlung kam zur richtigen Zeit und war eine wahre Wohltat.
Für wenige Minuten genoss ich, dass es mir etwas besser ging. Dabei spürte ich unentwegt Hollys drängenden Blick, der auf mir ruhte. Ich ließ mir Zeit, bevor ich das Gespräch zwischen uns wieder aufnahm.
„Ich kann dir nicht erzählen, was passiert ist“, zischte ich leise und starrte wie gebannt auf meine Hände.
„Wieso nicht?“
„Ich will dich nicht in die Sache mit reinziehen, Holly“, erklärte ich ihr.
„Wie bitte?“, brach es aus ihr heraus.
Ihr zorniger Unterton ließ mich meinen Kopf heben. Hollys blaue Augen durchbohrten mich und spiegelten ihre Fassungslosigkeit wieder.
„Wahrscheinlich ist dir entgangen, dass ich bereits seit Monaten in der Sache mit drin hänge, genau wie du. Also, raus mit der Sprache.“
Hollys Hartnäckigkeit überraschte und verunsicherte mich gleichermaßen, doch sie zeigte mir auch, dass sie Recht hatte. Ich war ihr die Wahrheit schuldig, weil sie nicht weniger an der ganzen Geschichte beteiligt war, als ich.
„Mir geht es so schlecht, weil ich mit hoher Wahrscheinlichkeit von Ophelias Angriff eine Gehirnerschütterung davongetragen habe“, gab ich dann doch widerwillig zu.
Bei der Erwähnung meiner Ex-Kollegin wurde das Gesicht meiner Freundin bleich und ihre Lippen fingen an zu zittern.
Jegliche Bewegungen froren augenblicklich ein, denn sie war vor Angst wie gelähmt.
„Ophelia war hier?“, fragte sie schockiert. Langsam nickte ich.
„Aber warum? Was wollte sie hier?“ Hollys panische Stimme überschlug sich. Sanft legte ich meine Hände auf ihre Schultern, um sie zu beruhigen.
„Sie ist gekommen, um mir einen Deal von Jericho zu unterbreiten.“
Als sie nichts entgegnete, wusste ich, dass ich weitersprechen sollte. Ich atmete erst einmal tief durch, bevor ich fortfuhr.
„Er schlägt mir vor, dein Leben zu verschonen, wenn ich bei ihm im Büro auftauche. Sollte ich den Deal jedoch nicht annehmen, dann schickt er Ophelia jeden Tag hierher, um unschuldige Schüler zu töten.“
Bei jedem weiteren Wort, das über meine Lippen kam, wurden Hollys Augen immer ein Stückchen größer. Nun saß sie völlig verängstigt an meiner Seite.
„Was hast du zu Ophelia gesagt?...Ich meine, dieser Deal ist doch…“
„Lächerlich? Bescheuert? Hirnrissig?“, zählte ich zerknirscht auf. Auch Holly schien nicht viel von Jerichos Angebot zu halten.
„Ich habe ihr gesagt, dass ich den Deal auf keinen Fall eingehen werde. Selbst, nachdem sie…“ Ich stockte. Jetzt musste ich ihr beibringen, dass es bereits ein Opfer gegeben hatte.  
„Selbst, nachdem sie einem Jungen das Genick gebrochen hat.“
„SIE HAT WAS?!“, schrie Holly und sah dabei aus, als fiele sie gleich in Ohnmacht.
„Ophelia hat einen Jungen getötet, der zufällig im Flur aufgetaucht ist. Er war zur falschen Zeit am falschen Ort.“
„Ich kann es nicht glauben“, flüsterte sie ungläubig. Die ersten Tränen sammelten sich in ihren Augenwinkeln und liefen ihre blassen Wangen hinab.
„Ist denn jetzt niemand mehr sicher vor…vor den Killern?“, stammelte sie und schluchzte herzzerreißend.
„Was sollen wir bloß tun? Wir können doch nicht zulassen, dass Ophelia noch mehr Menschen umbringt, die…“
Auf einmal unterbrach sie ihre Rede und schlug entsetzt eine Hand vor den Mund.
„Wie sah der Junge aus, dem Ophelia das Genick gebrochen hat?“ Ihre Frage irritierte mich, trotzdem bemühte ich mich, mich an sein Aussehen zu erinnern.
„Er war ziemlich groß, hatte eine kräftige Statur und dunkelbraune Haare“, antwortete ich.
„Dann weiß ich, wer der Junge gewesen ist“, presste Holly gequält hervor. Mir blieb das Herz stehen.
„Kanntest du den Typen etwa?“ Es wäre furchtbar, wenn schon wieder ein Mensch aus Hollys Bekanntenkreis gestorben wäre.
„Nein, nicht persönlich. Der Junge heißt Taylor Watson und ist ein Jahrgang über mir. In der Cafeteria haben ein paar Schüler über ihn geredet, weil er nicht mehr aufgetaucht ist, seit er seinen Klassenraum verlassen hat, um zu seinem Spind zu gehen. Jetzt ist klar, warum er nicht wiedergekommen ist“, sagte Holly niedergeschlagen und sah mich mit todtraurigen Augen an. Mittlerweile waren die einzelnen Tränen zu einem unaufhörlichen Schwall geworden.
„Wieso schlägt Jericho dir diesen Deal vor? Wieso will er unbedingt, dass du zu ihm kommst? Wieso soll Ophelia unschuldige Menschen umbringen? Wieso…“
„Das weiß ich leider auch nicht, Holly“, fiel ich ihr ins Wort. „Es ist sinnlos sich Gedanken über Jerichos Hintergründe zu machen.“ Meine Freundin starrte mich panisch an.
„Aber…aber was machen wir denn jetzt, James?“
„Wir machen gar nichts. Der Einzige, der etwas tut, bin ich“, stellte ich klar und meine Miene wurde ernst.
Holly öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch ich ließ sie nicht zu Wort kommen.
„Keine Widerrede, Holly. Du kommst nicht in die Nähe meiner Ex-Kollegen. Nie mehr.“
„Warum nicht? Ich kann dir doch helfen“, warf sie ein. Entgeistert schaute ich sie an.
„Wie willst du mir denn helfen?“, raunte ich. „Mit den Kampftechniken, die ich dir beigebracht habe?“ Holly blieb stumm, da sie wusste, auf welches Thema ich jetzt zu sprechen kann.
„Dass wird bestimmt genauso gut funktionieren, wie auf dem Maskenball, meinst du nicht?“ Meine Stimme triefte vor Sarkasmus.
„Ich lasse es nicht zu, dass du wieder deine Fähigkeiten überschätzt und von den Killern verletzt wirst. Es ist das Beste und Vernünftigste, wenn ich das alleine regle und du dich nicht einmischt. Ist das klar?“
„James, du kannst nicht darüber bestimmen, was ich tun soll und was nicht“, protestierte sie.
„Und ob ich das kann, Holly. Du hälst dich aus allem raus, ganz einfach.“ Damit war für mich die Diskussion beendet. Ich erhob mich und ging zur Beifahrertür. Holly stattdessen verharrte stocksteif in ihrer Position und bemühte sich, ihre Tränen zu unterdrücken; ihre Gefühle unter Kontrolle zu bringen.
Erst dieser Anblick verdeutlichte mir, wie sehr die Nachricht von Ophelias Auftauchen und der Tod eines Mitschülers sie schockierte und belastete. Ich fragte mich, wie viel noch passieren musste, bis es Holly endgültig zu viel wurde. Wie viel konnte sie in ihrem jungen Leben noch ertragen?
„Lass uns fahren, Holly“, meinte ich und ging zu ihr zurück. Von hinten legte ich meine Arme um sie und verdrängte meine Schmerzen, die mich in die Knie zwingen wollten.
Dass es Holly besser ging, war mir jetzt eindeutig wichtiger, als meine Gesundheit.
„Mach dir keine Sorgen. Ich werde alles dafür tun, damit niemand mehr stirbt. Versprochen“, flüsterte ich ihr ins Ohr und hielt sie fest. Ihr Körper bebte wie verrückt.
„Es ist unsere Schuld.“ Sie redete eher mit sich selbst, als mit mir. „Es ist unsere Schuld, dass Taylor tot ist.“ Leise wimmerte sie.
„Die Killer wollen uns beide töten und dass um jeden Preis“, sprach sie weiter. „Wegen uns werden unschuldige Menschen in die Sache hineingezogen; wegen uns lässt Jericho sie von Ophelia umbringen. Es ist alles unsere Schuld.“
„Es ist nicht deine Schuld.“ Ich betonte jedes einzelne Wort. „Wenn jemand Schuld hat, dann ich.“
Mit einem Mal wurde Holly ganz still. Es war kein Schluchzen oder Wimmern mehr von ihr zu hören. Dass ich zugab, der Schuldige zu sein, nahm ihr das schlechte Gewissen; die Last von den Schultern und beruhigte sie.
„Du hast nichts mit dem Tod des Jungen zu tun, Holly. Hast du das verstanden?“ Geistesabwesend nickte sie. Ihre blauen Augen waren seltsam trüb und ihre Lippen farblos.
„Ich…ich will nach Hause, James“, stammelte sie plötzlich und löste sich aus meiner Umarmung. Wie mechanisch bückte sie sich und hob ihren Rucksack auf.
„Ich fahre lieber“, bestimmte ich, da Holly sich in ihrem Zustand nicht hinters Steuer setzen sollte.
Erneutes Kopfnicken.
Dann griff sie in ihren Rucksack, zog den Autoschlüssel heraus und drückte ihn mir in die Hand.
Ich verlor keine Zeit und öffnete den Ford. Geduldig wartete ich, bis Holly eingestiegen war, ehe ich mich selbst ins Auto setzte, den Motor startete und losfuhr.

Nachdenklich hockte ich auf Hollys Bett und stierte ins Leere. Schon seit Stunden zerbrach ich mir den Kopf darüber, was ich morgen tun sollte, wenn Ophelia mir wieder gegenüber stand.
Der sicherste und effektivste Weg, sie daran zu hindern ihren Auftrag auszuführen, war es, sie zu töten. Es würde nicht leicht werden, keine Frage, aber ich hatte keine andere Wahl, wenn ich Holly und weitere unschuldige Menschen retten wollte. Doch vorher musste ich mir gründlich überlegen, wie ich vorgehen wollte, denn es gab einige Schwierigkeiten, die mit Sicherheit auf mich zukommen würden.
Zu allererst müsste ich Ophelia in der Schule finden. Das Problem war, dass ich nicht wusste, wann und wo genau sie aufkreuzen würde. Des Weiteren musste ich es schaffen, meine Ex-Kollegin möglichst schnell und lautlos zu töten. Dafür würde es nötig sein, in ihre Nähe zu kommen, was nicht einfach werden würde, wie sie mir heute eindrucksvoll bewiesen hatte.
Daher entschied ich mich, für den äußersten Notfall, meine Waffe aus Hollys Schreibtisch mitzunehmen. Sicher ist sicher.
„Wie geht´s dir, James?“ Meine Freundin tauchte wie aus Geisteshand auf und setzte sich neben mich.
„Gut“, war meine knappe Antwort. Holly schien meinen Worten jedoch keinen Glauben zu schenken, denn sie nahm mein Gesicht in ihre Hände und begutachtete mich.
„Du siehst blass aus. Du solltest dich hinlegen“, schlug sie mir besorgt vor.
„Dass ist nicht nötig, Holly. Mir geht´s gut“, versicherte ich ihr ein weiteres Mal. Zwar brummte mein Schädel noch immer, doch ich hatte momentan Wichtigeres zu tun, als mir um meine verdammte Gehirnerschütterung Gedanken zu machen.
„Bist du dir sicher?“
„Ich bin mir sicher. Mach dir keine Sorgen.“ Aufmunternd lächelte ich Holly an, doch ich konnte ihr ansehen, dass sie mich am Liebsten in den Arm genommen und keine Sekunde aus den Augen gelassen hätte. Es war nicht das erste Mal, dass sie überfürsorglich war und nur an meine Gesundheit dachte. Dabei ging es ihr selbst viel schlechter als mir, auch wenn sie das nicht zeigen; wenn sie es sich nicht eingestehen wollte. Holly verdrängte ihre eigenen Gefühle, die die Nachricht von Ophelias Auftauchen in ihr ausgelöst hatten.
Die schrecklichen Nachrichten nahmen einfach keinen Abbruch. Für meine Freundin wurde das alles zu viel, aber sie riss sich zusammen. Sie wollte mir und sich selbst beweisen, dass sie stark genug war, um mit den Herausforderungen und Gefahren zu Recht zu kommen.  
Obwohl ich wusste, dass dieses Verhalten; dieses Unterdrücken ungesund war, konnte ich nicht anders, als ihr meinen Respekt zu zollen.
„Wir sollten schlafen gehen, James“, schlug Holly vor und klemmte sich die Haare hinter die Ohren.
„Es ist schon spät und morgen…“ Plötzlich brach ihre Stimme ab. Ich sagte nichts, sondern erwiderte nur ihren unsicheren, furchtsamen Blick. Uns beiden war bewusst, was uns ab morgen jeden Tag bevorstand.
Ich würde gegen Ophelia kämpfen und alles daran setzen sie zu töten, während Holly Ängste um mich ausstehen musste.
„Schaffst du es wirklich alleine gegen Ophelia?“, flüsterte sie so leise, dass ich sie fast nicht verstanden hätte.
Den Wunsch mir zu helfen, konnte sie dabei nicht vor mir verbergen. Ihre Miene, ihre Augen, ihr Tonfall, alles zeigte mir, wie sehr sie hoffte, dass ich meine Meinung ändern und sie um Hilfe bitten würde. Aber um nichts in der Welt konnte Holly mich umstimmen. Dafür brauchte ich mich nur an den Maskenball zu erinnern.
Damals hatte sich Holly mit Patton angelegt; mit einem muskelbepackten Mann von 1,98m, obwohl sie genau gewusst hatte, dass sie ihr Leben riskieren und nach wenigen Wochen Training keine Chance gegen ihn haben würde. Das sollte und würde kein weiteres Mal geschehen.
„Ich schaffe das, Holly“, brachte ich entschlossen hervor und nahm ihre Hände. Sie waren eiskalt.
„Versprich mir, dass du auf dich aufpassen; dass du überleben wirst, James“, flehte Holly mich mit feuchten Augen an. Ihr Körper bebte und zitterte, als sie laut schluchzte. Sie befand sich am Rande der Verzweiflung.
Ich drückte fest ihre Hände, bevor ich ihr das ersehnte Versprechen gab. Daraufhin atmete Holly erleichtert aus. Ihr schien eine tonnenschwere Last von den Schultern zu fallen.
„Du musst mir auch etwas versprechen, Holly“, wandte ich ein, als ich ihr die ersten Tränen, die über ihre Wangen liefen, wegwischte.
„Und was?“, krächzte sie mit hoher Stimme.
„Du mischt dich nicht ein. Du kommst mir nicht zur Hilfe. Solange du in der Schule bist, will ich dich nicht ein einziges Mal sehen“, befahl ich ihr in einem strengen Ton.
Holly war nicht begeistert. Ihr Gesicht sprach Bände. Dennoch nickte sie, ehe sie meine Hände losließ und aufstand.
„Lass uns schlafen gehen, James“, meinte sie. Dann, ohne ein weiteres Wort, schlug sie die Decke auf der rechten Seite zurück und legte sich ins Bett. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich neben sie zu legen, die Augen zu schließen und versuchen zu schlafen; zumindest ein paar Stunden Ruhe zu finden, bevor ich mich einem erneuten Kampf stellte.

Nach Wochen hatte ich wieder einen Traum. Ich träumte von meiner ersten Begegnung mit Ophelia Monroe. Ich erinnerte mich noch ganz genau an das Treffen; ich sah alles genau vor mir, so, als sei es erst gestern gewesen.
Es war schon fast vier Jahren her, als mein Adoptivvater Patton und mich ins 38°, die angesagteste Diskothek der Stadt, geschickt hatte, um Ophelia zu treffen.
Obwohl der Club wie jede Nacht überfüllt war und ich meine Kollegin bis dahin noch nie gesehen hatte, erkannte ich sie sofort. Patton musste mir nicht einmal sagen, dass die Frau auf der Tanzfläche Ophelia Monroe war.
Ich glaubte einen wahrhaftigen Engel vor mir zu sehen, der sich passend zum Rhythmus der dröhnenden Musik bewegte. Ein Engel von solch überirdischer Schönheit und Eleganz, dass mir der Atem stockte. Sofort zog mich diese Frau in ihren Bann und ich konnte nicht anders, als sie wie ein Besessener unentwegt anzustarren.
Doch ich war nicht der Einzige, dessen Aufmerksamkeit nur ihr gehörte. Ausnahmslos alle Männer in ihrer Nähe sahen sie gierig oder lüstern an. Kein Wunder, denn sie war in ein kurzes, hautenges und rotes Chiffonkleid gehüllt, das ihren wohlgeformten Körper perfekt zur Geltung brachte. Dazu trug sie Diamantohrringe und silberne High Heels.
Grazil und anmutig drehte sie sich mehrmals um die eigene Achse. Dabei umspielte ein Lächeln ihre vollen Lippen und ihre seidigen langen Haare wirbelten durch die Luft.
Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, schien sie Patton und mich zu bemerken, denn sie hörte auf zu tanzen und kam mit federnden Schritten auf uns zu.
Schlagartig wurde ich nervös und ein riesiger Kloß bildete sich in meinem Hals.
Je näher Ophelia kam, desto breiter wurde ihr Lächeln und desto schneller schlug mein Herz heftig gegen meine Brust.
„Hi, Patton“, begrüßte sie meinen Begleiter mit einer zarten, melodischen Stimme, die meinen Verstand vernebelte, wie der Gesang einer Sirene.
Anschließend wandte sie sich mir zu und musterte mich mit ihren großen Augen, die von langen dichten Wimpern geziert wurden.
„Wie ich sehe, hast du jemanden mitgebracht.“ Der durchdringende, hypnotische Blick, mit dem sie mich bedachte, verursachte bei mir eine Gänsehaut.
„James Roddick, nehme ich an.“
Es dauerte einige Zeit, bis ich meine Stimme wiederfand und in der Lage war ihr zu antworten.
„Stimmt und du musst Ophelia sein“, entgegnete ich mutiger, als ich mich fühlte. Diese atemberaubende Frau, mit ihrer außergewöhnlichen und starken Ausstrahlung, schüchterte mich einfach ein.
Die Reaktion meines Gegenübers war für mein Selbstbewusstsein auch nicht gerade besser, denn ohne Vorwarnung fing sie herzhaft an zu lachen.  
„Für dich erstmal Monroe, Süßer“, hauchte sie und kam mir ganz nahe.
Ihr Duft, eine Mischung aus Kirsche und Nikotin, stieg mir in die Nase und trieb mein Herz zu Höchstleistungen. Das Blut rauschte blitzschnell durch meine Adern und pumpte mich voll mit Adrenalin.
„Tut mir leid, Ophelia. Der Kleine weiß noch nicht, was Anstand ist“, mischte sich Patton in unser Gespräch ein und gluckste.
Ich verengte meine Augen zu Schlitzen und traktierte ihn mit bösen Blicken. Was fiel ihm ein mich Kleiner zu nennen und dass auch noch vor Ophelia?
„Das macht nichts.“ Die bildschöne Killerin zuckte mit den Achseln.
„Gutes Benehmen muss man lernen.“
Keck zwinkerte sie mir zu und grinste verführerisch. Ich musste hart schlucken.
„Ja, ja“, brummte Patton und verschränkte die Arme. „Können wir uns endlich über den Auftrag unterhalten?“
Ophelias Erscheinung hatte mich so sehr geblendet, dass ich völlig den Grund dieses Treffens vergessen hatte.
Mein Adoptivvater hatte Patton einen wichtigen Auftrag zugeteilt, für den er Ophelias Hilfe benötigte. Bis jetzt hatte mir niemand etwas Genaueres über den Auftrag sagen wollen.
Tja, für die Anderen war ich mit meinen 15 Jahren eben noch ein kleines Kind, das sie mitschleppen mussten, weil ihr Boss es ihnen befahl.
„Muss das jetzt sein, Patton?“, schmollte sie und schob die Unterlippe nach vorne. Ophelia schien zu wissen, welche Tricks sie anwenden musste, um die Männer um den Finger zu wickeln.
„Ich möchte vorher meinen neuen Kollegen etwas besser kennenlernen.“ Als sie über mich redete, überfiel mich ein Hochgefühl, das mir Flügel verlieh.
„Vor allem, wenn es sich um Williams Sohn handelt“, fügte sie begeistert hinzu. Daraufhin rollte Patton mit den Augen und seufzte.
„Von mir aus, aber beeil dich mit dem Kennenlernen.“
„Ja, Sir“, spottete Ophelia und kicherte. Patton setzte nach dem Seitenhieb auf seine Militärvergangenheit ein zorniges Gesicht auf.
„Komm mit, Süßer, lass uns tanzen.“ Umgehend schnappte sie sich meine rechte Hand und zog mich hinter sich her auf die Tanzfläche.
Sogleich wurde ich nervös und fing an zu schwitzen. Nur bei dem Gedanken, dass Ophelia in wenigen Augenblicken ihren Körper an mich presste, wurde mir brühend heiß.
Auf einmal blieb sie in der Menschenmenge stehen, ließ meine Hand los und drehte sich zu mir um.
Sie strahlte über das ganze Gesicht, als sie ihre Arme um meinen Nacken schlang und anfing zu tanzen. Die kreisenden Bewegungen ihrer Hüften und ihre warme, weiche Haut unter meinen Fingern betörten mich, wodurch mein Herz raste. Ich schloss die Augen und genoss ihre Berührungen und Nähe in vollen Zügen.
Minuten vergingen, in denen Ophelia und ich eng umschlungen miteinander tanzten und die Luft stetig stickiger und schwüler wurde. Mir fiel das Atmen schwer und ich glaubte ersticken zu müssen, doch dass störte mich nicht im Geringsten, denn in diesem Moment war ich einfach der glücklichste Mann der Welt.
„Willst du auch mal, Süßer?“ Mit ihrer Frage riss sie mich brutal aus meinen Gedanken. Kaum merklich zuckte ich zusammen und hob meine Lider.
Ophelias Augen glühten mysteriös, als sie mir eine qualmende Zigarette hinhielt. Erneut musste ich schlucken. Erwartete sie von mir, dass ich ihr Angebot annahm? Würde sie mich für einen Schwächling halten, wenn ich nein sagte?
Während ich mir den Kopf zerbrach, sah sie amüsiert dabei zu, wie mein Blick zwischen ihr und der Zigarette hin und her schnellte.
Plötzlich brach sie in schallendes Gelächter aus, was meine Stimmung ins Bodenlose stürzen ließ.
„Mach dir keinen Stress, Süßer. Es ist nicht schlimm, wenn du nicht willst“, flüsterte sie mir mit sanfter Stimme zu. Meine Nackenhaare stellten sich augenblicklich auf.
„Umso mehr bleibt für mich“, fuhr Ophelia fort und nahm einen tiefen, genüsslichen Zug. Der Rauch, den sie mir anschließend ins Gesicht blies, ließ mich husten. Meine neue Kollegin grinste von einem Ohr zum Anderen, sagte zum Glück aber nichts.
„Erzähl mal, hast du schon einen Menschen getötet?“, wollte sie wie selbstverständlich von mir wissen und befeuchtete ihre Lippen. Automatisch nickte ich.
„Ja“, brachte ich mühsam hervor. „Ich habe jemanden getötet.“
Unverzüglich schossen mir Bilder meines ersten Auftrags in den Kopf und infizierte meinen Verstand. Ich sah blutbespritzte Wände und eine Frau mit einem Einschussloch genau in der Mitte ihrer Stirn.
Sie lag vor meinen Füßen und starrte mich fast schon vorwurfsvoll aus ihren glasigen, toten Augen an. Der metallene und übelriechende Gestank des geflossenen Blutes, das im ganzen Raum verteilt war, brannte mir unangenehm in den Nasenhöhlen.
In meinen Ohren klingelten markerschütternde, schrille Schreie, die mein Inneres aufbäumten und mich in ein tiefes Loch zogen. Heftig schüttelte ich den Kopf, um diese Erinnerungen zu vertreiben. Mit Erfolg.
„Alle Achtung, Süßer. Du bist ja noch früher dran, als ich“, lobte Ophelia mich anerkennend und fuhr mit ihrer rechten Hand zärtlich über meinen Rücken. Sogleich fuhr mir ein wohliger Schauer über den Rücken und der Schweiß auf meiner Stirn rann meinen Nacken hinab.
„Wie war es für dich, einen Menschen zu töten; einen Menschen sterben zu sehen?“ Ophelias Stimme war nicht mehr, als ein geheimnisvolles Hauchen.
Meine Muskeln verkraften sich und ich blieb wie versteinert auf der Tanzfläche stehen, während die anderen Leute um mich herum ausgelassen feierten. Warum wollte sie ausgerechnet das von mir wissen?
„Eine heikle Frage, nicht wahr?“
Wie mechanisch wanderten meine Augen zu Ophelia. Auf ihrer blassen Haut tanzten fröhlich die bunten Lichter der Scheinwerfer, was sie überraschenderweise noch schöner machte. In ihrem Blick lag etwas, das meine verborgenen Ängste zum Vorschein brachte und mich das Fürchten lehrte.
Es war unmöglich für mich ihr eine Antwort zu geben, zu sehr quälten mich meine Gewissensbisse, die meinen Verstand und mein Herz zerfraßen. Ein höllischer Schmerz schoss wie ein Blitz durch meinen Körper und lähmte mich.
„Im Moment hälst du dich für ein Monster. Du hast ein schlechtes Gewissen und fühlst dich elend, aber das musst du nicht. Es gibt keinen Grund dir Vorwürfe zu machen. Glaub mir, Süßer“, redete sie auf mich ein.
Auf die Wirkung ihrer Worte musste ich nicht lange warten, denn auf einmal hörten die Schmerzen auf und mein Kopf wurde frei von jeglichen Gedanken an dem Mord, den ich begangen hatte.
Ophelia hatte Recht, schließlich wusste sie, wovon sie sprach. Aber egal, was sie mir auch sagte, ich würde ihr einfach alles glauben.
Ich nickte eifrig und stierte sie wie hypnotisiert an. Ich schien unter einem Bann zu stehen.
Meine neue Kollegin schenkte mir ein zufriedenes und atemberaubendes Lächeln, ehe sie ihre linke Hand in meinem Hemd vergrub, mich beherzt zu sich zog und leidenschaftlich küsste.

Schweißgebadet und mit rasendem Herzen wachte ich auf. Es war mitten in der Nacht. Das einzige Licht kam von der digitalen Anzeige des Weckers. Während ich meine Gedanken ordnete und versuchte mich zu beruhigen, hörte ich in der Dunkelheit Hollys regelmäßige Atemzüge. Zum Glück hatte ich sie nicht aufgeweckt.
Vorsichtig und lautlos setzte ich mich auf. Mit beiden Händen fuhr ich mir durch die feuchtnassen Haare und atmete tief durch.
Warum hatte ich von Ophelia geträumt? Weil sie mir heute begegnet war und mich geküsst hatte? Oder weil ich vorhatte, sie zu töten? Diese und andere Fragen überfluteten meinen Verstand, doch keine Einzige konnte ich beantworten.
Ich stieg aus dem Bett, ging zum Fenster herüber und riss es auf. Aber statt frischer, kühler Luft kam mir drückende Hitze entgegen. Selbst in der Nacht war es schwül und warm.
„Mist“, fluchte ich und schloss wütend das Fenster. Mir machte dieses Wetter zu schaffen. Dabei brauchte ich jetzt unbedingt frische Luft, um meinen Kopf wieder frei zu kriegen; frei von Gedanken und Erinnerungen an Ophelia Monroe.
Es ärgerte mich, dass ich selbst in meinen Träumen nicht von meiner Ex-Kollegin verschont wurde. Sie verfolgte mich, nicht nur am Tag, sondern auch in der Nacht.
Ein zorniges Grollen kam aus den Tiefen meiner Brust, als ich mich auf den Schreibtischstuhl fallen ließ. Ich wollte nicht an sie denken; nicht von ihr träumen. Vor allem wollte ich mich nicht an den Kuss erinnern; an die Zeit, in der ich Ophelia verfallen war. In der ich…
NEIN. NEIN. NEIN. Diese Zeit war endgültig vorbei. Dieser Abschnitt meines Lebens gehörte zu meiner Vergangenheit. Holly war mein neues Leben. Sie war meine Zukunft.
Und für diese Zukunft würde ich kämpfen, bis zum Schluss.

Im Laufschritt überquerte ich den Parkplatz und suchte nach meiner Ex-Kollegin. Bereits seit einer halben Stunde lief ich planlos hin und her. Zuerst war ich im Schulgebäude gewesen, doch dort hatte ich Ophelia nicht gesehen. Meine Befürchtung, dass es problematisch werden würde, sie zu finden, schien sich zu bewahrheiten.
Je mehr Zeit verging, desto angespannter und nervöser wurde ich.
Hoffentlich hatte Ophelia noch niemanden getötet. Hoffentlich konnte ich sie noch rechtzeitig aufhalten. Das….
Plötzlich blieb ich stehen und hielt inne. Aus den Augenwinkeln hatte ich eine Bewegung; einen Schatten ausgemacht. Meine Muskeln verhärteten sich, als ich mich umdrehte. Mit der rechten Hand fasste ich nach hinten, denn in meinen Hosenbund steckte meine Waffe.
Es war niemand zu sehen. Hatte ich mir diesen Schatten bloß eingebildet? Ich war mir nicht sicher. Beinahe lautlos atmete ich, während ich meinen Blick über das Gelände schweifen ließ. Zur Sicherheit ließ ich meine Hand immer noch an der Waffe.
Irgendetwas stimmte nicht, dass konnte ich spüren. Ophelia war hier, aber warum versteckte sie sich vor mir? Das war einfach nicht ihre Art. Irrte ich mich vielleicht doch?
„Hallo, James.“ Hektisch wirbelte ich herum, als ich eine Frauenstimme hinter mir vernahm, die jedoch nicht Ophelia gehörte.
Keine zehn Meter von mir entfernt, zwischen zwei Autos, stand Emilia McDermott in einem pastellrosanen Sommerkleid. In ihren blonden Haaren steckte, wie so oft, ein Haarreif. Diesmal war ihr Kopfschmuck schneeweiß und war auf einer Seite mit zwei Blumen verziert.
Wie gelähmt verharrte ich in meiner Position und sah Emilia ungläubig an. Mein Erstaunen war grenzenlos.
„Was machst du hier?“, blaffte ich sie ohne Umschweife an. Ihre Anwesenheit machte mich misstrauisch. Wo war Ophelia?
„Jericho hat mich anstelle von Ophelia beauftragt…“, fing sie an, doch sie brach mitten im Satz ab.
„Heute einen weiteren Schüler zu töten“, ergänzte ich. Emilias Miene war wie eingefroren, als sie nickte. Ich schnaubte.
„Und wieso hat Jericho dich geschickt? Hatte Ophelia keine Zeit?“, spottete ich verächtlich. Ich mimte den überheblichen Kerl, der alles unter Kontrolle hatte, obwohl mich die unerwartete Situation völlig aus dem Konzept brachte.
„Eigentlich hat Jericho diesen speziellen Auftrag nur Ophelia überlassen, da er der Meinung war, dass sie die Beste für den Job ist“, meinte sie und verdrehte genervt die Augen.
„Aber egal.“ Sie winkte ab. „Heute braucht er Ophelia für einen anderen Auftrag, darum hat er ausnahmsweise mich hierher geschickt“, schloss sie ihre Erklärung.
Danach herrschte eisiges Schweigen zwischen uns, in dem Emilia mich entschuldigend ansah und ich darüber nachdachte, was ich tun sollte.
Ophelia hätte ich augenblicklich und ohne mit der Wimper zu zucken umgebracht, aber bei Emilia war es etwas anderes. Trotz ihres Verrates fühlte ich, tief in meinem Inneren verborgen, die Freundschaft, die mich einst mit ihr verbunden hatte.
Ich hatte geglaubt, dass ich sie genauso hassen würde, wie die Anderen, aber das stimmte nicht. Ich hatte mir etwas vorgemacht; mir den grenzenlosen Hass gegen Emilia bloß eingeredet. Ich…
„Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, James“, unterbrach Emilia jäh meine Gedanken.
„Ich habe nicht vor irgendjemanden zu verletzten, geschweige denn zu töten. Weder einen unschuldigen Schüler, noch dich“, versprach sie, als sie sich mir, gleich wie eine zierliche Elfe, näherte.
Vor Überraschung war mir die Kinnlade heruntergeklappt. Das konnte doch nur ein Scherz sein. Nein, das musste ein Scherz sein.
„Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich deine Worte ernst nehme, Emilia“, raunte ich und fletschte die Zähne. Von einer Sekunde auf die Andere verdrängte ich gekonnt die Gedanken an unsere einstige Vertrautheit, die sich in mir auftürmten und meinen Entschluss, meine Ex-Kollegin zu töten, gewaltig in Gefahr brachte. Dabei hatte ich mir vorgenommen jeden der Killer zu töten, ohne Ausnahme.
Emilias Gesichtzüge entgleisten und eine tiefe Trauer trat in ihre blauen Augen, was ihr ein schauriges Aussehen verlieh. Ihre Reaktion konnte ich beim besten Willen nicht nachvollziehen.
„Sei nicht so entsetzt“, schnauzte ich sie an. „Ich halte dein Versprechen, niemanden umzubringen, für lächerlich. Wir beide wissen, dass du gekommen bist, um Jerichos Auftrag zu erledigen. Also kannst du aufhören, mir das Unschuldslamm vorzuspielen.“
„Ich hatte nicht vor…“
„Halt deinen Mund, Emilia. Wag es ja nicht, mich noch weiter zu belügen“, fiel ich ihr ins Wort. Flammender, unzügelbarer Zorn stieg augenblicklich in mir hoch und schnürte mir die Kehle zu.  
„Von mir geht keine Gefahr aus, James, glaub mir“, brachte sie verzweifelt hervor. Meine Reaktion war ein kaltes, bösartiges Lachen.
„Ich glaube dir kein Wort. Ich lasse mich nicht mehr von dir hereinlegen.“ Immer weiter steigerte ich mich in meine Wut hinein. Emilia war nicht umsonst hierher gekommen, da konnte sie mir erzählen, was sie wollte.
Sie war genauso gefährlich, wie die Anderen. Nicht nur für die zahlreichen Schüler, sondern auch für Holly. Darum würde ich alles tun, um sie aufzuhalten.
Derweil wirkte meine Ex-Kollegin wie vor den Kopf gestoßen. Was hatte sie denn erwartet? Dass ich mit ihr eine nette Unterhaltung führen; dass ich ihr jedes Wort glauben würde?
„Nur damit das klar ist: wenn du einen Schüler töten willst, dann musst du erstmal an mir vorbei“, drohte ich und zog energisch meine Waffe hervor, denn ich hatte es satt mit ihr zu reden und zu diskutieren.
Sogleich wich Emilia ein Stück zurück. Die Waffe hielt sie dabei immer Blick.
„Beruhig dich, James. Ich will niemanden verletzen“, wiederholte sie.
„Warum bist du dann hier, huh? Uns beiden ist klar, dass du den Auftrag ausführen; dass du jemanden umbringen musst, sonst brauchst du dich bei Jericho gar nicht mehr blicken zu lassen“, zischte ich, bevor ich auf ihre Stirn zielte. Emilias Augen wurden groß und spiegelten Panik wieder.
„Dass ist mir durchaus bewusst, aber dass macht für mich keinen Unterschied. Ich werde keiner Menschenseele etwas tun. Das verspreche ich.“
Ihre Stimme, ihre Miene, ihre Augen; mit allen Mitteln schien sie mich davon überzeugen zu wollen, dass sie die Wahrheit sprach, aber ich traute ihr nicht. Schon einmal war ich auf Emilia hereingefallen. Schon einmal hatte ich ihr vertraut und es hatte in einer Katastrophe geendet.
„Auf deine Versprechen lege ich keinen Wert, Emilia. Nicht, nachdem du…“
„Natürlich kannst du mir nicht mehr vertrauen, James. Was ich damals getan habe ist unverzeihlich. Ich hätte dich und Holly niemals verraten dürfen“, platzte es aufgeregt aus ihr heraus. Ihre Wangen waren knallrot und sie atmete schwer.
Die Erinnerungen an die Nacht, in der Hollys Eltern gestorben; in der sich unser beider Leben verändert hatte, kamen in mir hoch. Ich sah die Trauer und die tiefe Enttäuschung in Hollys Augen, die Leichen ihrer Eltern und meine blutbespritzten Ex-Kollegen.
Mein Zorn und der Hass gegen die Killer kehrten schlagartig zurück und versetzten mein Blut in Wallung. Emilias Heuchelei war dabei der letzte Rest, der mich zum Ausrasten brachte.
Blitzschnell schoss ich auf Emilia zu und riss sie zu Boden. Ein erstauntes, hohes Quietschen kam über ihre Lippen, als sie auf dem harten Asphalt aufkam. Ich verlor keine Zeit und setzte mich auf sie. Dann umschloss ich mit einer Hand ihren Hals, während ich mit der Anderen die Mündung der Waffe gegen ihre Stirn presste.
Jämmerlich wimmerte Emilia, als ich sofort den Druck auf ihre Kehle erhöhte und ihr langsam, aber sicher, die Luft ausging. Verängstigt und verzweifelt zugleich umklammerte sie mein Handgelenk und versuchte zumindest zu verhindern, erwürgt zu werden.
„James, bitte…“, krächzte sie und zerrte weiter an meinem Handgelenk herum. Unterdessen wechselte ihre Gesichtsfarbe von normal zu dunkelrot, was merkwürdig aussah.
„Bitte töte mich nicht, James. Ich flehe dich an!“, heulte Emilia und schluchzte.
Gleichzeitig schossen Tränen in ihre Augen, die ihr Gesicht herunter liefen und auf den Asphalt klatschten. Ihre Bettelei war erbärmlich, armselig und einfach nur widerlich.
„Wie kannst du es wagen, um dein Leben zu flehen, nach allem, was du mir angetan hast?“, wollte ich wutentbrannt von ihr wissen. Emilia bemühte sich meine Frage zu beantworten, doch sie bekam kein einziges Wort heraus. Süffisant grinste ich, als ich meinen Oberkörper nach vorne beugte und ihrem Gesicht ganz nahe kam.
„Du wirst für deinen Verrat bezahlen; dafür, dass du mein Vertrauen missbraucht und Hollys Leben zerstört hast“, knurrte ich aggressiv und drückte mit meinem rechten Zeigefinger bereits gegen den Abzug der Waffe, als ich plötzlich innehielt und in Emilias blaue Augen starrte.
Dort entdeckte ich, neben Trauer, Schmerz und grenzenlosem Entsetzen, Todesangst. Die Vorstellung, in wenigen Sekunden zu sterben, war so entsetzlich und grauenvoll, dass selbst eine Killerin, wie Emilia, Angst hatte.
In diesem Augenblick erkannte ich seit Langem die Emilia, mit der ich gelacht, der ich immer alles erzählt und der ich vertraut hatte.
Ich sah meine Verbündete von damals, die mir zugehört und mich bei allem unterstützt hatte.
Bei diesen Gedanken erinnerte ich mich automatisch an unsere gemeinsame Zeit. Bilder blitzten vor meinem inneren Auge auf, in denen wir beide zusammen saßen, miteinander redeten und diskutierten. Wir waren füreinander da gewesen. Wir hatten es geschafft, in einer grausamen Welt; in unserer Welt eine Freundschaft aufzubauen, die mir früher alles bedeutet hatte. Ich war mir sicher, dass diese Freundschaft mich vor dem endgültigen und unwiderruflichen Absturz in die Emotionslosigkeit gerettet hatte.
Ohne Emilia hätte ich die Fähigkeit verloren, echte und aufrichtige Beziehungen zu führen. Ich wäre bestimmt nicht in der Lage gewesen, mich in Holly zu verlieben…
Emilias plötzlich auftretendes, qualvolles Röcheln brachte mich schlagartig ins Hier und Jetzt zurück. Abrupt zog ich die Waffe zurück und ließ ihre Kehle los. Sofort saugte meine Ex-Kollegin gierig die Luft in ihre Lungen, was so klang, als würde sie gleich tatsächlich ersticken.
Je mehr Luft sie durch den Mund aufnahm, desto gesünder sah ihre Hautfarbe aus.
Mein Entschluss stand fest. Ich konnte Emilia McDermott nicht töten. Das war für mich unmöglich. Darum steckte ich die Waffe wieder in meinen Hosenbund und stieg von ihr herunter. Keine fünf Sekunden später versuchte sie sich bereits aufzurichten, aber sie scheiterte kläglich. Durch meinen Angriff war sie zu sehr geschwächt.
Trotz ihres Zustandes schaute sie mich von unten her dankbar an. Kein Wunder, schließlich hatte ich ihr Leben noch im letzten Moment verschont. Dennoch irritierte mich ihr Blick, der es schaffte, dass mein Herz sich wie in einem Schraubstock eingezwängt fühlte.
„Ich…“
„Sag nichts, Emilia!“, fuhr ich dazwischen. „Verschwinde und damit meine ich, dass du untertauchst und nie wiederkommst. Du kehrst nicht mehr zu Jericho zurück. Ist das klar?“
Zu meiner Verwunderung zögerte sie nicht, sondern nickte unverzüglich. Vielleicht, weil das ihre erste und letzte Chance war auszusteigen. Ich wusste, dass sie schon seit geraumer Zeit über ihren Verbleib in diesem Metier nachdachte und nun konnte sie endlich ein neues Leben beginnen.
„Sollte ich dich trotzdem nur noch ein einziges Mal sehen, dann bringe ich dich um, Emilia. Dass schwöre ich dir.“
„Du wirst mich nie wiedersehen. Ich verspreche es, James“, meinte sie aufrichtig. Danach rappelte sie sich unter größter Anstrengung und mit wackligen Beinen auf.
„Danke“, sagte Emilia leise, bevor sie mir den Rücken zuwandte und für immer aus meinem Leben verschwand.  

Schnellen Schrittes ging ich durch die überfüllte Innenstadt. Die meisten Menschen um mich herum waren glücklich und gut gelaunt, weil nach etlichen Wochen, in denen Kälte und Regen vorgeherrscht hatten, endlich die Sonne ihr Gesicht zeigte.
Doch es gab auch Menschen, für die die Hitze und die knallende Sonne ein wahrer Albtraum waren. Sie schwitzten und schimpften über das Wetter, genau wie ich. Aber ändern ließ es sich nun mal nicht.
Also blieb mir nichts anderes übrig, als ohne zu Murren meinen Weg fortzuführen. Schließlich war ich unterwegs zu Ophelia, um sie zu töten, denn ich musste unbedingt verhindern, dass sie morgen erneut in Hollys Schule auftauchte. Im Gegensatz zu Emilia würde sie nämlich ihren Auftrag eiskalt ausführen.
Holly hatte ich von meinem Vorhaben nichts erzählt. Auch die Begegnung mit Emilia hatte ich ihr lieber verschwiegen. Wenn sie erfahren würde, dass ich meine Ex-Kollegin verschont und laufen gelassen hatte, dann würde sie mich dafür hassen. Holly würde niemals verstehen, warum ich Emilia nicht umgebracht hatte.
Also hatte ich ihr nach Unterrichtsschluss gesagt, dass Ophelia einfach nicht da gewesen sei, ich aber vermutete, dass sie nur einen anderen Auftrag gehabt hatte und am nächsten Tag sicherlich wiederkommen würde. Vermutlich hatte ich mit diesen Worten den kleinen Funken Hoffnung, den Holly durch die Abwesenheit von Ophelia gehabt hatte, zunichte gemacht.
Aber durch Emilia wusste ich genau, dass sie Ophelia bloß vertreten hatte und diese morgen ihren Auftrag wieder aufnehmen würde. Das durfte ich nicht zulassen und deswegen ging ich zu ihr.
Mir war dabei durchaus bewusst, dass ich mich in die Höhle des Löwen begab und dies tödlich für mich enden konnte, doch ich hatte es endgültig satt abzuwarten. Jetzt werde ich die Kontrolle übernehmen. Jetzt bestimme ich.

Nach einer Dreiviertelstunde stand ich endlich vor einem großen Eingangstor, das in einen hohen, schön verzierten und schwarzen Metallzaun eingegliedert war und das riesige Anwesen umrandete.
Die gepflasterte Auffahrt aus edlen, hellen Natursteinen führte von der Straße, bis zu Ophelias luxuriösen Villa. Wie immer parkten ihre rote Corvette, der violette Bugatti und der weiße Maserati vor dem Gebäude, das schneeweiß angestrichen war und ein beigefarbenes Dach besaß. Meterhohe, prächtige Säulen dienten als Stützen für das Vordach und die Balkone, dessen Geländer dem Zaun ähnelten.
In den vielen Fenstern spiegelte sich die langsam untergehende Nachmittagssonne, welche das Ende des Tages ankündigte. Ohne noch einen weiteren Blick auf das Haus zu werfen, stieß ich das große, schwere Tor ein Stück weit auf. Ich war bereits oft genug hier gewesen, um zu wissen, dass meine Ex-Kollegin das Tor tagsüber niemals verschloss.
Also quetschte ich mich durch den schmalen Spalt und ging die Auffahrt hinauf.
Auf dem Weg kam ich an mächtigen Kiefern und farbenfrohen Blumenbeeten vorbei, die einen himmlischen Duft verbreiteten. Bienen schwirrten um mich herum und suchten nach Nektar.
Als ich in den Schatten des gigantischen Hauses trat, verkrampften sich meine Eingeweide. Es herrschte eine merkwürdige, erdrückende Atmosphäre, die mir die Luft abschnürte. Dennoch überwand ich die letzten Meter bis zur imposanten Eingangstür und betätigte die Klingel, die eine einzigartige und sehr hohe Melodie im Haus ertönen ließ.
Ich brauchte auch nicht lange zu warten, bis mir von der Hausbesitzerin höchstpersönlich die Tür geöffnet wurde. Zu meiner Verwunderung lächelte diese mich freundlich an.
Ophelia war in ein weißes Minikleid mit kurzen Puffärmeln gehüllt, das überall mit kleinen Perlen bespickt und sehr tief ausgeschnitten war. Ihre langen Haare hatte sie komplett zu einer Seite gekämmt. An ihren Füßen trug sie rote High Heels, die von Satinbändern gehalten wurden und mich an Ballettschuhe erinnerten.
„Hi, Jimmy“, begrüßte sie mich heiter und ihr Lächeln wurde noch breiter. Meine Miene blieb dagegen emotionslos.
Sie schien in keinster Weise überrascht zu sein mich zu sehen. Wahrscheinlich hatte sie bereits geahnt, dass ich ihr irgendwann einen Besuch abstatten würde.
„Egal, wie sehr es mich auch freut dich zu sehen, ich habe leider keine Zeit.“ Ophelia legte den Kopf schräg und sah mich bedauernd an.
„Ich werde dich nicht lange stören, versprochen“, erwiderte ich barsch und sah ihr in die Augen. Dort entdeckte ich blitzende Funken.
„Na gut, komm rein“, sagte sie nach ein paar Sekunden. Sie machte die Tür weit auf und ging zur Seite. Ich atmete tief durch. Dann trat ich über die Türschwelle, mit dem Wissen, dass nur einer von uns dieses Treffen überleben würde.

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