Leidensgeschichte

Clara Downham

Ich sitze auf einer Parkbank an einem kleinen Teich. Trotz des heftigen Regens und den irritierten Blicken der Passanten sitze ich unbeirrt dort. Nass. Ängstlich. Niedergeschlagen. Bis vor wenigen Minuten war alles noch in bester Ordnung gewesen. Ich habe an meiner neuesten Mode-Kollektion gearbeitet, die schon so gut wie fertig ist. Habe mich an dem trist-grauen Wetter erfreut, das endlich eine Abkühlung in die bullige Hitze der letzten Tage gebracht hat.

Und jetzt bricht meine Welt zusammen - und ich mit ihr. "Sie haben Krebs im Endstadium. Wir können leider nichts mehr für Sie tun, außer Ihnen die letzten Wochen so angenehm wie möglich zu gestalten", hatte der Arzt vor nicht einmal einer Viertelstunde gesagt. - "Wie lange habe ich noch?", war meine einzige Frage gewesen. - "Tage, vielleicht ein paar Wochen. Es tut mir leid, dass ich keine besseren Nachrichten für Sie habe, doch der Befund ist eindeutig...", erklärte er einfühlsam und warf dann mit medizinischen Begriffen um sich, doch ich hörte bereits längst nicht mehr zu.

Ich verließ das Krankenhaus und rannte so schnell und so weit ich konnte. Als könnte ich damit meinem Schicksal entkommen, denke ich nun verbittert. Meine brennenden Lungen hielten mich nicht davon ab, mich so weit von dem Krankenhaus zu entfernen, dass ich nicht einmal weiß, wo ich gerade bin. Alles was ich nun noch habe, sind durchweichte Klamotten, eine Krebsdiagnose und die Parkbank bei dem kleinen Teich. Resigniert schließe ich meine Augen und lege den Kopf in den Nacken. Der strömende Regen prasselt mir ins Gesicht und ich beginne abzudriften. Abzudriften in bessere Zeiten, als alles noch gut gewesen ist.

Wenige Monate zuvor

"Ich liebe Dich!", flüsterte er mir ins Ohr und brachte mein Herz zum Rasen. "Ich liebe Dich auch!", rief ich aufgeregt und konnte es nicht fassen, dass er genauso empfand. Es war so befreiend, diese lang verborgene Wahrheit zu gestehen. All die Zeit war ich in ihn verliebt und nun - ausgerechnet nach einem so tragischen Ereignis - kommen wir uns endlich näher. Der Tod meines Bruders hatte uns im Schmerz vereint und die Liebe tat ihr Übriges. Es scheint wirklich wahr zu sein: Liebe überwindet einfach alles, ging mir durch den Kopf, während die Schmetterlinge in meinem Bauch einen Looping nach dem anderen machten. Sein Atem ging schwer und beraubte mich aller Sinne, als seine Lippen sich den meinen näherten. Unser erster Kuss war elektrisierend und die Stunden vergingen wie im Flug. Mein Handy ging just in diesem Moment und als ich beim Wegdrücken des Anrufers auf die Uhr sah, waren jedoch nicht einmal Sekunden vergangen.

Im Hier und Jetzt

Trotz des eisigen Regens und meiner durchnässten Kleidung fühlt sich mein Inneres bei dieser Erinnerung warm an und ich fühle mich geborgen. Ich muss zu ihm!, beschließe ich, als plötzlich der Regen aufhört, auf mich herabzuprasseln. Irritiert öffne ich die Augen und sehe einen Regenschirm über mir. Mein Blick wandert zu dem ernsten Gesicht eines Mannes, der einen grauen Anzug trägt. "Miss Downham, darf ich?", fragt der etwas ältere Herr und weist mit seiner Hand auf die Bank. Verwirrt nicke ich, setze mich aufrecht hin und wende mich ihm vorsichtig zu. In dieser Stadt kennt mich eigentlich absolut niemand, außer vielleicht das Krankenhauspersonal, weshalb ich jetzt in höchster Alarmbereitschaft bin.

"Bitte verzeihen Sie mir meine Direktheit! Ich wollte Sie nicht erschrecken. Doch das Anliegen, wegen dem ich hier bin, ist von absoluter Wichtigkeit und betrifft die nationale Sicherheit", erklärt er mir und hält mir eine Marke mit einer Abkürzung, die ich noch nie gesehen habe. Dennoch erscheinen mir sein Erscheinungsbild und seine Ausstrahlung passend für einen Regierungsbeamten. "Was...?", setze ich zum Fragen an und muss mich kurz räuspern, "Was kann ich für Sie tun, Sir?". Sein Blick hellt sich auf und er schenkt mir ein freundliches Lächeln: "Die Frage ist, Miss Downham, was können wir für Sie tun? Wissen Sie, wir haben bereits vor wenigen Tagen von Ihrer Diagnose erfahren, bevor diese endgültig bestätigt war und möchten Ihnen ein Angebot unterbreiten, das Ihr Leben retten wird".

Einen Augenblick lang denke ich über das nach, was der Mann gerade gesagt hat und frage mich, wo der Haken liegt und was ich mit der nationalen Sicherheit zu tun haben könnte. Als hätte er meine Gedanken gelesen, fügt er hinzu: "Der Punkt ist der: Sie stellen für die Regierung eine mögliche Bereicherung hinsichtlich einer laufenden Ermittlung und Forschung dar, die streng geheim ist. In diesem Moment befinden sich übrigens mehrere Agenten in unserer Umgebung, die unser Gespräch abhörsicher machen". - "Sie sind mir also gefolgt?!", stelle ich erschrocken fest und blicke mich verstohlen um. - "Ich fürchte, das war zu Ihrem und unserem Schutz notwendig, aber ja, wir sind Ihnen gefolgt", gesteht er, "Doch nun, lassen Sie uns zum Thema kommen, wegen dem wir hier sind: Sie haben durch Ihren medizinischen Fall und Ihrer geringen sozialen Verwicklungen ein besonderes Interesse bei der Regierung geweckt. Wir sind mittels neuester technologischer und medizinischer Errungenschaften in der Lage, Ihren Krebs vollständig zu heilen, doch dafür müssen Sie sich verpflichten, der Regierung zu dienen".

"Was genau heißt 'der Regierung dienen'? Was muss ich tun?", frage ich daher gezielt nach dem Haken an der Sache. - "Es gefällt mir, wie Sie direkt zur Sache kommen, doch ich muss leider zuerst einige Details zum Hintergrund dieser Situation erläutern. Ich fasse mich kurz: Bevor wir Sie heilen können, müssen Sie - es hört sich schlimmer an, als es ist - für die Öffentlichkeit sterben, damit wir Ihren Körper vollständig und mit den entsprechenden Modifikationen versehen können". - "Wovon reden Sie eigentlich?!", frage ich hinsichtlich der Tatsache, dass ich immer noch nicht weiß, was genau die Regierung von mir verlangt. Beschwichtigend hebt und senkt er die Hände, bevor er fortfährt: "Immer mit der Ruhe, Miss Downham. Haben Sie jemals etwas über 'Anomalien' gehört? Es gab scheinbar einen Sprung in unserer menschlichen Entwicklung, der es einigen wenigen Menschen ermöglicht, Zeit und Raum zu manipulieren. Um es mit anderen Worten zu formulieren: Sie gehören zu den möglichen Kandidaten, die in der Lage sind, die Zeit fast bis zum Stillstand zu verlangsamen oder gar in begrenztem Ausmaß zurückzudrehen".

Okay, jetzt reicht es mir mit diesem Spinner!, denke ich verärgert und stehe sichtlich empört auf. Auch der angebliche Regierungsbeamte erhebt sich und redet mit sanfter Stimme auf mich ein: "Ich kann verstehen, dass Sie in Ihrer derzeitigen Lage nicht nachvollziehen können, wovon ich da rede. Für Sie muss das alles nach verrückten Tagträumereien klingen, doch ich garantiere Ihnen, dass es die Wahrheit ist. Aber glauben Sie mir: Sie haben die Wahl zwischen Leben im Dienste für die Regierung oder einem völlig unnötigen, qualvollen Tod. Wie Sie sich auch entscheiden, ich kann Ihnen nur das Angebot machen und respektiere jede der Möglichkeiten, die Sie wählen". Erneut sehe ich mich um und suche diesmal nach einer versteckten Kamera, bevor ich ihm etwas verärgert antworte: "Ich warne Sie! Wenn das alles ein schlechter Witz ist, dann können Sie sich auf etwas gefasst machen. Ich klage Sie in Grund und Boden! Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden, ich möchte gerne mit meinem Freund darüber reden".

Überraschend verständnisvoll nickend, bietet mir der Mann seinen Schirm an und sagt: "Das kann ich gut verstehen. Sie müssen erst einmal verarbeiten, was Sie heute alles erfahren haben. Die Regierung hat Ihnen und Ihrem Gefährten, Mister Goodwin, die höchste Sicherheitsfreigabe erteilt. Sie erhalten nun einige Tage Zeit zum Überlegen. Wir kommen dann auf Sie zu, um Ihre Entscheidung - wie auch immer sie ausfällt - in Erfahrung zu bringen. Bis dahin wünsche ich Ihnen und Ihrem Freund alles Gute, Miss Downham".

Mit diesen Worten wendet er sich mit der typischen Verbeugung eines britischen Gentleman zum Gehen und lässt mich mit dem Schirm zurück. Was zum Geier war das gerade?, frage ich mich und blicke ihm, immer noch völlig verwirrt, hinterher. Höchste Zeit, nach Hause zu gehen, stelle ich fest und blicke mich um. Noch immer weiß ich nicht, wo ich bin und wohin ich jetzt gehen muss, also zücke ich mein Smartphone und nutze die Navigationfunktion, um zu der zuletzt aufgerufenen Adresse zu gelangen. Erschrocken stelle ich fest, dass ich fast 19 Kilometer vom Krankenhaus entfernt bin und blicke auf die Uhr. Der Termin war etwa gegen 14:30 Uhr zu Ende gewesen. Und jetzt ist es gerade einmal 15:03 Uhr, erkenne ich und frage mich, wie um alles in der Welt ich in so kurzer Zeit so weit laufen konnte. Ich versuche mich daran zu erinnern, was zwischen dem Arzttermin und dem Gespräch auf der Parkbank geschehen ist.

Vielleicht ist an dem, was dieser Mann gesagt hat, ja etwas dran, überlege ich, da mir keine logische Begründung für diese Situation einfallen will. Dennoch überzeugt mich das Ganze noch immer nicht vollkommen und ich lasse es darauf ankommen. Ich konzentriere mich auf meine Uhr und denke daran, die Zeit rückwärts laufen zu lassen. Als nichts passiert fühle ich mich wie ein Volltrottel und beschließe, mir ein Taxi zu rufen. Auf dem Weg aus dem Park fällt mir auf, dass absolute Windstille herrscht. Mehr noch: Selbst der Regen hat aufgehört und ich blicke mich genauer um. Was zum...?!, denke ich und stelle fest, dass die Tropfen in der Luft gestehen geblieben sind. Ich laufe zur Straße und erkenne, dass nicht nur Wind und Wetter einen Aussetzer haben. Die Autos sind alle liegengeblieben und niemand ist auf der Straße unterwegs. Ein genauerer Blick jagt mir Schauer über den Rücken: Da sitzen Leute auf den Fahrersitzen und bewegen sich keinen Milimeter. Fast so, als wären sie eingefroren... Ich blicke erneut auf meine Uhr und sehe, dass der Sekundenzeiger sich nicht mehr bewegt.

Okay, Zeit für einen Versuch!, sage ich mir und denke gezielt daran, die Zeit zurückzuspulen. Die Tropfen in der Luft und die Autos bewegen sich wieder und geben mir Rätsel auf. Entweder das was der Mann gesagt hat ist wahr oder die Physik hat beschlossen, den Geist aufzugeben: Alles bewegt sich rückwärts - Regentropfen, die nach oben fallen, rückwärts fahrende Autos. Doch ein Detail lässt mir keine Ruhe: Der Mann, der gerade eben gegangen war, taucht nicht wieder auf. Eigentlich müsste er doch gleich rückwärts durch diesen Parkeingang gehen, denke ich und betrachte diese seltsame Situation fasziniert. Und warum bewege ich mich nicht rückwärts, wenn ich doch die Zeit zurückdrehe?, frage ich mich und blicke zur leeren Bank hinter mir, an der nun die Passanten erscheinen, die mich vorhin so seltsam angeschaut haben, weil ich bei diesem Wetter auf einer Parkbank gesessen habe.

Egal! Ich muss jetzt auf jeden Fall so schnell wie möglich nach Hause!, schießt mir durch den Kopf und ich blicke auf meine Armbanduhr, die langsam aufhört, sich rückwärts zu bewegen und bei 14:33 Uhr stehen bleibt, um dann ihren gewohnten Gang zu nehmen. Ich nehme meine Finger zu Hilfe, um mit einem Pfiff eines der wieder normal vorbeifahrenden Taxis anzuhalten und steige ein. "Zum Flughafen, bitte!", sage ich zum Fahrer des Yellow Cab-Fahrzeugs und lehne meinen Kopf erschöpft an die Fensterscheibe. Was für ein Tag!, denke ich und schließe die Augen und frage mich, was in aller Welt Alex wohl dazu sagen wird.

Comments

  • Author Portrait

    Herzlich Willkommen zur Leseprobe von Lambda Force! Wie manche von euch wissen, war das Werk zunächst laufend veröffentlicht worden und ich habe es vor wenigen Tagen auf die ersten 10 Kapitel heruntergekürzt, um die Verlagsfähigkeit des Buches zu gewährleisten. Wer unbedingt weiterlesen möchte, kann mich gerne unter JohnCross@gmx-topmail.de oder auf Belle per PM anschreiben, um als Testleser das ganze Werk noch vor der Veröffentlichung lesen zu können. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und bedanke mich an dieser Stelle nochmal ausdrücklich bei meinen Lektorinnen ShariMaya und AthanasiasTraum sowie bei meinen Testlesern aus meinem persönlichen Umfeld!

  • Author Portrait

    Ein wirklich interessante geschichte. Aber du hast geschrieben es seien kurzgeschichten. Dass hier klingt wie der anfang eines romans. Ich bin gespannt wie es weiter geht und finde du machst sehr neugierig. Ausserdem ist dass ein völlig neurs joree für mich. Nun ins Detail Die beschreibung des Zeitzurückdrehens hatt mir am bestengefallen. Es war genauso wie in filmen. Die gefühle waren in zusammen hang mit krebs. Waren realistisch. Worüber icj gernevnehr wissen möchte ist die beziehung zu ihrem freund. Der regierungsbeamte war sehr interessant. Er ist auch ein zeitreisender oder? Sonst wäre er ja aufgetaucht als die zeit zurück gedreht wurde. Sehr spannend nur das wo und wann hat gefehlt. Spielt es in deutschland amerika usw. Lg rebi

  • Author Portrait

    Ein spannender Auftakt, der sogleich Lust auf mehr macht, Neugierde weckt! Wenn ich es mit dem Erstellen eines Bildes vergleichen würde, hast du hier eine Skizze geliefert, welche teilweise schon recht detailliert gezeichnet ist. Was mir persönlich noch etwas fehlt, sind genauere Infos, was die Regierung von der Protagonistin will. Ob sie sich mit den wenigen Auskünften zu einer Entscheidung durchringen kann?

  • Author Portrait

    Wenn ich den Auftakt "Leidensgeschichte" in einem Wort beschreiben müsste, dann wäre dieses Wort "lebendig". Du besitzt über einen umfangreichen Wortschatz, den du in deinen flüssigen, lebhaften Schreibstil sehr gut einzuarbeiten weißt. Ich hatte sehr viel Spaß beim lesen, mein Blick flog die Zeilen nur so entlang und ich hatte eher das Gefühl, ein richtiges Buch zu lesen als "irgendeine Geschichte aus dem Internet". Ich habe in dieser Sprache, der Wortwahl, in den Sätzen gebadet, es war herrlich. So muss eine Geschichte schmecken und sich anfühlen. Auch der Titel scheint gut gewählt, sticht heraus, ist aber auch nicht übermäßig absurd. Aber auch der Inhalt ist mehr als vielversprechend! Man hat in dem ersten Kapitel so viel erfahren, dass das Interesse geweckt wurde, aber so wenig, dass man sich sehr gespannt das nächste Kapitel auf der Zunge zergehen lassen will. Gekonnt beschreibst du Details, ohne den Faden zu verlieren, zügig treibst du die Geschichte voran, ohne dabei plumpe Stichworte zu bilden oder die Spannung zu vernichten. Wenn ich einen guten Text lese, bildet sich in meinem Kopf ein deutlicher Film - und so ein Film bildete meine Phantasie während des Lesens deiner Geschichte. Man hat keine Probleme, dem Handlungsstrang zu folgen. Auch wenn man über die Charaktere bisher kaum etwas erfahren hat, so ist mir dennoch positiv aufgefallen dass du scheinbar die Sprache den Charakteren anpasst - der Regierungsbeamte hat zum Beispiel besonders gehoben gesprochen. Zeitreisen sind ja eher ein komplexes und vor allem hochphilosophisches Thema, was ich dir aber voll zutraue. Ich bin ein großer Fan von Kurzgeschichten und gespannt wie du dieses mehrdimensionale Thema in diesen Rahmen hineingießen willst. Ich freue mich schon darauf, mich dem nächsten Kapitel zu widmen! :)

  • Author Portrait

    Weckt auf jeden Fall Interesse. Total mein Ding. :-))

  • Author Portrait

    Schon mal ein sehr spannender Auftakt, der Lust auf mehr macht. Herzlich willkommen auf Belletristica! :-)

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media