Liebe, Eifersucht und eine traurige Geschichte

(Flash)
Die Dämmerung erreichte uns kaum im Dunkel des Waldes. Das einzige Licht war bisher von unseren Fackeln gekommen. Mittlerweile hatte Usongu sogar seine Stiefel ausgezogen und ging mit den Füßen gegen das Unkraut vor, das uns weiterhin hartnäckig den Weg versperrte. Die Neugier trieb uns alle voran. Wer hatte da geweint im Wald?

"Wartet!" Relkúag blieb stehen. "Da gurrt etwas."

"Zum Kuckuck! Sollen wir jedes Mal anhalten, wenn ein Eichhörnchen scheißen geht?" schimpfte Marselion.

"Sei ruhig, um Gottes Willen!" zischte Riko. "Es könnten genauso gut Gremlins sein, die sich da erleichtern!"

"Nein, Gremlins sind es nicht, wenn euch das beruhigt." amüsierte sich der Blinde. "Ich glaube vielmehr es handelt sich um Gothank."

"Also doch die Ratte!" triumphierte der Zwerg. Der Gaukler schnüffelte mit seiner enormen Nase in der Luft.

"Ich rieche Blut. Boss, die Lichtung ist nicht mehr weit entfernt, ich habe den Eindruck, das alles Übel von dort ausgeht."

"Können wir diesen Ort nicht umgehen?" erblasste Funny.

"Wenn sich Gothank dort aufhält wird Béilo nicht weit sein. Ich bin dafür, das wir zumindest mal überprüfen, was vorgefallen ist." entgegnete ich.

"Wer ist dieser Béilo?" erkundigte sich Elias.

"Nur ein Bekannter, der uns begleitet." winkte Chase ab.

"Und ein guter Freund" betonte Funny gereizt.

"Außerdem besteht Grund zu der Annahme, dass sich Arnuk bei ihm aufhält." verriet ich.

"Wenn das so ist, bestehe ich darauf, dass wir nachsehen." Usongu nahm seine Arme hoch und zerstörte einige Pflanzen, die ihn offensichtlich von hinten erwürgen wollten. Er ging voran und zerstörte das Grün. Bald schon waren wir auf der Lichtung angekommen. Doch ein riesiger Berg behinderte uns.

"Der war gestern noch nicht da." stieß ich hervor.

Karsten und Torsten schoben sich nach vorne. "Er ist noch warm." "Aber schon tot."

"Hm." nickte Usongu. "Ein Drachenweibchen. Vermutlich erst vor wenigen Minuten verschieden."

"Drachenweibchen?" riefen Chase, Funny und ich wie aus einem Mund.

"Oh ja lecker, Drachenfleisch!" rief Marselion. "Darf ich ihn auseinander nehmen, Boss?"

"Na meinetwegen, hier im Wald stört er nur. Emre, Eray! Helft ihm, der Drache wird unseren Vorrat erweitern." Die drei Zwerge gingen mit Feuereifer an die Arbeit und rissen große Stücke aus dem schwarzen Körper des Ungetüms. Schon bald lagen nur noch Knochen und ungenießbare Innereien herum.

"Ieh, wie eklig." fröstelte Funny.

"Seltsam..." nuschelte Eray, während er die Drachenleber in einem Ledersack verstaute. "Ja, seltsam." meinte nun auch Emre. "Boss,..." "Das Herz." "Es fehlt." erklärten die Brüder.

"Das Herz fehlt? Hat Arnuk etwa ganz alleine...?" stammelte Usongu.

'Wie kommt er auf Arnuk?' Plötzlich fiel mir etwas ein...

 

"Wirst du mir jetzt auch das Herz ausreißen?" "Du machst mir Spaß, an einen Menschen verschwende ich doch keine ûrkait..."

 

Ein schrilles Gequietsche ertönte und Augenblicke später lag Chase am Boden und rang mit einer kleinen grauen Gestalt.

"Gothank!" Funnys erster Schreck hatte sich in Erleichterung verwandelt. Sie hob den wild gewordenen Mauxie hoch. "Na mein Kleiner, hast du Béilo gefunden? Kannst du uns zu ihm führen."

Zufrieden gurrend schmiegte sich das Biest an Funny.

"Pah. Und was ist mit mir?" schmollte Chase und alle lachten, weil Gothank ihm die Zunge bleckte. Doch schon hüpfte er davon und wir rannten ihm nach wie eine Herde Wölfe, die ein Wildschwein jagt.

"Arnuk!" schrie Usongu auf, als wir sie auf dem Boden liegend vorfanden.

"Um Gottes Willen, Béilo!" rief Funny entsetzt.

Gemurmel kam auf. Konnte es wirklich sein, dass außer Usongu und mir niemand wusste, was wirklich unter dem Mundschutz Arnuks gesteckt hatte?

"Wer ist das?" Entgeistert näherten sich die Söldner. "Sind das tatsächlich Snift?" Elias kam vor um die Katzenmenschen genauer zu betrachten. "Boss, die Frau scheint verletzt zu sein. Ihre Hüfte muss geblutet haben."

"Was?!" Usongu stürzte zu der leblosen Snift. "Arnuk! Arnuk, wach doch bitte auf!" schluchzte er.

Betreten standen wir herum und ich fragte mich, was für Gefühle der Boss wohl für die Katzenfrau hegte.

"Sieht so aus..." "...als müsste der Boss uns..." "...noch einiges erklären..." äußerten sich die Zwillinge.

"Und wer ist der andere?" wollte Marselion wissen. Gothank sprang zu seinem Freund und legte sich schützend auf seine Brust, als der Zwerg dazu anhob ihm seine Axt spüren zu lassen. "Geh da weg, Ratte!" grollte er.

"Boss, sie lebt noch, alles in Ordnung." Elias untersuchte Káilanba. "Sie müssen die ûrkait angewendet haben. Das ist ein uraltes Ritual, bei dem das Herzblut des geschlagenen Gegners getrunken wird um sich selbst vor dem Tod zu retten. Es setzt die körpereigenen Selbstheilungskräfte frei, wirkt aber nur wenn es rechtzeitig durchgeführt wird."

"Alleine in ihrem Zustand hätte sie niemals einem Drachen das Herz ausreißen können. Dieser Snift hier muss ihr geholfen haben." bemerkte Eray.

"Weckt ihn auf! Gebt ihm frisches Wasser! Ich will wissen, was vorgefallen ist!" Befehlsgewohnt führten die Männer aus, was Usongu ihnen sagte, während er selbst bei den Beiden am Boden blieb. Ich ging zu ihm und wollte ihm erklären, wer Béilo ist und warum er hier war, aber er starrte nur stur auf die Frau und murmelte vor sich hin.

"Mein kleiner Engel, warum musste das passieren? Hab ich dich nicht gewarnt davor, alleine gegen die Wesen des Waldes zu kämpfen? Du hättest bestimmt fliehen können, also warum hast du es nicht getan?..." Er war unansprechbar, also ließ ich es bleiben und kehrte zu Chase und Funny zurück.

"Was ist den mit dem los?" erkundigte sich Chase. "Ist da etwa mehr zwischen ihm und Káilanba?"

"Shhhht!!!" fuhr ich ihm über den Mund. "Niemand hier muss ihren Namen kennen." Das er sofort darauf gekommen war, wunderte mich kein Stück. Wer hätte sie sonst sein sollen. So viele Snift laufen schließlich nicht herum.

"Geht es Béilo gut?" besorgt blickte Funny mich an.

"Ja, er schläft nur. Aber Arnuk hat es an der Hüfte erwischt."

"Quiiieeeek!" Wir wirbelten herum. Verbissen hatte der Mauxie Kampfstellung bezogen und ließ keinen der Männer auch nur einen Schluck Wasser zu Béilo bringen.

"Gebt mir das mal." verlangte Chase und schnappte sich einen Wasserbeutel von Emre. "So du Biest. Lass mich deinen Freund wecken, oder ich fessle dich wieder und diesmal so fest, dass du dich nicht befreien kannst." drohte er dem Tier. Knurrend fauchte Gothank ihn an, seltsamerweise machte er aber Platz und Chase kniete sich zu Béilo. "Ich kann dich zwar immer noch nicht leiden, aber wenn Funny so viel an dir liegt..." Mit diesen Worten drückte er dem Snift den Wasserbeutel ins Maul, bis dieser spuckte und röchelte. "Na also, geht doch." grinste Chase zufrieden.

"Bist du verrückt!?" hustete der Snift und rappelte sich auf.

"Ein einfaches Danke hätte mir auch gefallen." rümpfte mein Schwertbruder die Nase, stand auf und ging zu Funny. "Es geht ihm blendend wie du siehst, Schatz." brummelte er und verzog sich zu den Elben, die dabei waren ein Feuer zu entfachen, um das Drachenfleisch zu garen.

"Warte!" Funny lief ihm nach...

"Ahh! Flash! Sag diesem verrückten Idioten, dass ich Arnuk nichts angetan habe!" Béilo hatte Usongu in die Mangel genommen und hielt ihm seine Krallen an die Kehle. Doch da ließ der Snift schon von ihm ab.

"Ich bin kein Idiot. Nur vorsichtig." knurrte er.

"Béilo, was ist geschehen?" Der Gesichtausdruck des Katzenmenschen wurde düster.

"Ein Drachenweibchen hat uns angegriffen. Sie hatte es auf mich abgesehen, also hat Arnuk mich dazu gebracht zu fliehen, während sie es ganz alleine mit dem Biest aufnahm..." Seine Stimme bebte und seine Krallen bohrten sich so tief in seine geballten Fäuste, dass Blut hervortrat. "Verdammt ich hab sie im Stich gelassen!" Weinend brach er zusammen.

"Nein, dass hast du nicht." Simon kam und gab dem Snift eine Art weißes Elbenbrot. "Iss, die ûrkait kostete auch dich viel Kraft. Ohne dich hätte sie es nicht geschafft."

"Das stimmt." bestätigte Usongu. "Ich danke dir, dass du meine Pflegetochter gerettet hast."

*

(Chase)
"Warte!" rief Funny mir nach.

"Wozu?" ich blieb nicht stehen, sondern stapfte weiter Richtung Feuerplatz, wo die Elben Teile des Fleisches brieten und unter die hungrigen Mannen verteilten. Sie hatte mich eingeholt und von hinten umarmt.

"Warum bist du sauer? Weil ich mir um einen guten Freund Sorgen mache?" Als sie mich umschlang, wusste ich, warum.

"Nein, nur weil ich dich liebe." Funny stellte sich vor mich. "Und weil ich ein einfältiger Trottel bin, der viel zu schnell eifersüchtig wird, weil seine warmherzige, wunderschöne, wunderbare Frau so gut zu allen ist."

"Ach halt die Klappe, du Spinner." lächelte sie und küsste mich so innig, dass mir alle Sinne vergingen.

"Na ihr Turteltäubchen? Auch ein Stück Fleisch?" Bruno hielt uns einen Sperr mit riesigen Fleischbrocken hin.

"Nein danke." lachte ich. "Wo will Simon denn hin?"

"Der hat so ein komisches Brot dabei, dass einem Kraft verleiht." brummte der Riese und zog sich ein paar Brocken vom Stock.

"Bruno, wo ist eigentlich Pedro?" fragte Funny.

"Der sitzt da hinten und schnitzt sich ne Flöte." antwortete er.

"Komm lass uns zu ihm gehen, Chase." bat sie mich.

"Er versteht uns doch kaum, was willst du denn bei ihm?"

"Ich glaube er versteht mehr als er zugeben möchte." lächelte sie verschmitzt und zog mich zu dem Dunkelhäutigen.

*

(Flash)
"Pflegetochter?" verwirrt glotzten wir den Boss an.

"Ja. Ihre Mutter war meine Geliebte, aber sie ist nicht meine Tochter. Ihr Vater starb bei einem Jagdunfall. Als er einen Steinbock erlegen wollte, stürzte er die Klippen hinab und starb. Ihre wunderschöne Mutter war eine Kämpferin. Sie brachte sich und ihr Kind alleine durch, bis sie mich traf. Es war Liebe auf den ersten Blick, als ich im Herbst durch den Wald bei Kertófu zog und sie dort auf einem Baum sitzen sah. Wir spielten Fangen und sie fand Gefallen an mir. Wir waren viele Monate heimlich zusammen. Doch dann kam Eros zu uns und alles änderte sich.“ Ein Lächeln umspielte seine Lippen, wurde jedoch abgelöst von einem düsteren Gesichtsausdruck. „Später brachte er uns und das Volk der Snift dazu mit ihm und den Menschen gegen die Dämonen zu kämpfen, die immer weiter ins Königreich Kertófu vordrangen. Aber keiner von unserem Stamm wollte anfangs für den König kämpfen. Warum auch? Er hatte die Snift nie als sein Volk betrachtet und das waren wir auch nicht. Doch dein Vater blieb und redete mit uns. Er machte uns klar, dass es hier nicht darum ging, wer wir waren, sondern um unser aller Überleben. Fünf Tage und Nächte redete er auf uns ein, bis wir schließlich so weit waren und ihm glaubten und vertrauten. Ich weiß nicht, ob es ein Fehler war. Fei-Ling starb vor meinen Augen und ich konnte nichts dagegen tun. Von diesem Tag an kam ich nicht mehr zur Ruhe und als der Kampf endlich vorbei war, verließen Káilanba und ich das Königreich und zogen nach Westen. Wir wurden zu denen, die wir heute sind. Ich, Kopf einer Söldnergruppe. Sie, eine Einzelgängerin, die die Suche nach den Ihren schon längst aufgegeben hatte. Und hier schließt sich also der Kreis. Denn jetzt stehst du vor mir Flash, als Nachkomme von Eros. Ich habe diesen Auftrag angenommen, um zu sehen, ob du deinem Vater ähnelst."

"Und zu welchem Schluss bist du gekommen?"

"Ähnlicher geht’s nicht." grinste er.

"Hust, hust." keuchte Káilanba. Béilo, der gebannt gelauscht hatte, erwachte aus seiner Starre. Er beugte sich zu ihr.

"Kuál tum-la*? Ist alles in Ordnung?" (*Wie geht es dir?)

"Es tut gut echtes Sniftisch zu hören." lächelte sie schwach. "Mir geht es gut."

"Dem Himmel sei Dank." seufzte Usongu.

"Catpa*? Seit wann seid ihr hier?" Die Augen der Katzenfrau weiteten sich, als sie den Menschen erkannte, der neben ihr kauerte. (*Vater?)

Erleichtert umarmte der Mann seine Pflegetochter. "Das werd ich dir sagen, wenn du versprichst dich ruhig zu halten und zu schonen." Die Snift nickte ergeben und Usongu begann von unserer Wanderung durch den Wald zu erzählen.

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