Lila Nebel, gelbe Steine

Der Nebel schluckte sie und umgab sie mit dem wattigen, süßen Geschmack von Zucker. Sehen konnten sie nichts, nur Lila und ein helles Licht dahinter.

Pippa war an Kristoffs Hals zu einer Salz-, oder vielmehr Zuckersäule erstarrt, doch dem Jungen wurde das Warten darauf, dass sich die Sicht besserte, zu lang. Entschlossen machte er einen Schritt vorwärts. Pippa fürchtete, sie würden jeden Moment fallen und niemals unten ankommen, doch mit einem Schlag verpuffte der Nebel und Kristoffs Fuß trat auf sorgfältig gelegtes Katzenkopfsteinpflaster. Überrascht sahen die beiden sich um.

Es war helllichter Tag, der Himmel war blau und sie standen mitten auf einer alten Steinbrücke. Die Tür, durch die sie gekommen waren, war allerdings verschwunden.

»Karotte, schau mal!« Pippa war von seinem Arm gehüpft und streckte den Kopf durch das steinerne Geländer. Der Junge lehnte sich darüber und beide blickten sie in den Abgrund. Die massiven Säulen der Brücke trafen nicht etwa auf Wasser. Sie steckten in dem selben wattigen Nebel, der sie hergelockt hatte.

»Das ist ja abgefahren!«, rief der Junge und das Echo seiner Worte wurde von dem Nebel geschluckt. Er ließ seinen Blick schweifen. Er konnte umwölkte Bergketten erkennen und mitten dazwischen ragten hohe Säulen hervor. Die Sonne traf auf etwas Goldenes an der Spitze der Säulen und die beiden Ankömmlinge gingen darauf zu. Je näher sie kamen, desto deutlicher wurden die goldenen Globen auf den Säulen. Dazwischen war ein massives, gusseisernes Tor angebracht, welches mit einer Blätterranke aus Gold geschmückt war. In geschickter Schmiedekunst war ein Schriftzug über dem Tor angebracht. Kristoff neigte den Kopf so hoch es ging, um diesen zu lesen.

»Regnum Plutonis Myffeland«, entzifferte er. »Noch nie gehört. Was soll das heißen?«

Pippa zuckte mit den Schultern und kaute nervös auf dem Trageriemen des Rucksackes herum.

»Fragen wir jemanden«, entschied Kristoff vergnügt und berührte das eiserne Tor. Als er es aufdrücken wollte, erklang jedoch ein lauter, abwehrender Ton. Der Junge zuckte zurück und sah sich um.

»Nanu?«

Eines der vergoldeten Blätter öffnete sich auf Kristoffs Augenhöhe. Es entrollte sich wie eine Blüte und brachte ein winziges Kerlchen mit einem spitzen Hut zum Vorschein.

»Guten Tag«, sagte Kristoff aus Reflex und der kleine Blumenelf verneigte sich.

»Seid gegrüßt, junger Herr. Dies Tor ist versperrt. Das Betreten des Reiches König Plutos möge verwehrt bleiben demjenigen, der außerstande ist, mir der Fragen eine zutreffend zu beantworten.«

»Hä?«, kam es von Pippa, doch Kristoff nickte. »Wie ist die Frage?«

Der behütete Blumenelf erhob sich zu seiner vollen Größe von fünf Zentimetern, räusperte sich und fragte dann: »Was hat ein Rabe mit einem Schreibtisch gemeinsam?«

Kristoff zog die Augenbrauen hoch und machte ein überraschtes Geräusch. Pippa hatte sich völlig ausgeklinkt. Ratespiele lagen ihr gar nicht.

Fieberhaft grübelte der Junge nach. Immerhin mussten sie durch dieses Tor. Die Tür war verschwunden und auf der Brücke herumstehen war ja wohl auch dämlich.

Der kleine Wächter hatte eine Engelsgeduld und drängte den Jungen nicht. Pippa wühlte in dem Rucksack herum in der Hoffnung, Süßigkeiten zu finden und Kristoff lief murmelnd im Kreis herum.

Lautes Schreien über sich am Himmel ließ ihn zusammenzucken. Ein Schwarm schneeweißer Gänse flog über seinen Kopf hinweg und eine davon verlor etwas, das langsam und wolkenzart zur Erde schwebte.

Kristoff traf die Erkenntnis wie ein Schlag. Natürlich! Vögel, auch Raben, könnten ohne es nicht fliegen und Menschen haben früher an Schreibtischen damit geschrieben.

»Federn!«, brüllte er dem kleinen Mann mit dem Hut förmlich entgegen. »Die Antwort ist Federn!«

Pippa hob erschrocken den Kopf, das Maul voller Schokolade, und der Blumenelf neigte das Haupt.

»Ihr habt Euch den Eintritt verdient, junger Herr. Willkommen in Myffeland.«

Die goldenen Globen auf den Säulen begannen, sich zu drehen, und ohne das leiseste Geräusch schwang das Tor nach innen auf. Der Junge warf sich den Rucksack auf den Rücken und nahm die Ponydame auf den Arm.

»Um dem König Eure Aufwartung zu machen, folgt der gelben Straße nach Osten. Und nehmt Euch in Acht vor Trollen. Ihr werdet sie erkennen.«

Das Tor schwang hinter dem Jungen wieder zu und der Elf war verschwunden.

»Trolle... meinst du, er meint die, die unter Brücken leben und besonders gern Ponys fressen?« Pippa klammerte sich an Kristoff.

»Egal. Die sind doch voll doof und langsam. Denen laufen wir schon davon.«

Pippa war noch nie die Mutigste und versteckte sich gern oder schimpfte mit Kristoff, wenn der etwas Waghalsiges tun wollte.

Kristoff lachte, machte den ersten Schritt und berührte damit die von dem Elf erwähnte, gelbe Straße. Sie war wirklich mit sonnengelben Ziegeln gebaut, ein Band, das sich über die saftig-grüne Ebene schlängelte, bis es hinter einem kleinen Hügel verschwand.

In der nächsten Sekunde jedoch lag er mit dem Gesicht auf ebenjener Straße. Ein plötzlich enormes Gewicht hatte ihn nach unten gedrückt und hielt ihn fest.

»Geh' runter von mir«, presste er hervor und rappelte sich wieder auf.

Pippa sah ganz verdattert an sich herunter. Wo eben noch Hufe aus Stoff und Plüsch waren, waren nun echte, harte Hufe. Das Stofffell war echtem gewichen und die ursprünglich aufgenähten farbigen Flicken hatten ein auffälliges, hellblau-pinkes Muster hinterlassen. Fell und Mähne waren noch immer leuchtend rosa und die Mähne hatte noch immer eine kesse Föhnwelle. Jeder, der schon einmal ein echtes Pony gesehen hatte, würde merken, dass mit diesem etwas faul war. Allein die großen, blauen Augen und das begeisterte Zahnpastalächeln würden jeden stutzig werden lassen.

»Ooh«, machte Pippa und tänzelte hufklackernd über die Ziegelstraße. Sie war kaum größer als ein Schäferhund oder ein Zwergpony. Kristoff verabschiedete sich von dem spontanen Gedanken, auf ihrem Rücken zum Königspalast reiten zu können. Er war zwar klein für seine 12 Jahre, aber für Pippa war er zu groß.

»Zauberstraße«, freute sich das Pony weiter.

»Pass' nur auf, dass du das nächste Mal kein Frosch wirst«, grinste Kristoff und richtete seinen Schlafanzug.

Entschlossen marschierten die beiden los, immer der goldgelben Straße entlang. Lange sahen sie nichts als eine weite, fruchtbare Graslandschaft. Zu ihrer Linken, im Norden, erkannten sie hohe Berge, deren Gipfel hinter Wolken verborgen waren. Rechtsseitig, im Süden, fiel das Gelände etwas ab und Kristoff glaubte, weit am Horizont einen großen Wald zu erkennen.

»Weit und breit nichts als Gras und Kräuter«, murmelte Pippa, die dem Klang ihrer neuen Hufe noch nicht überdrüssig geworden war.

Für andere, normale Ponys musste das wie ein übervoller Salatteller voller Leckereien aussehen. Pippa sah nur jede Menge Grün, ein paar duftende und bunte Blumen und ansonsten einen Haufen Insekten. Eben das, was ein Pony sah, das nur Frischkäsebrote, Schokolade und Kuchen fraß.

»Ich bin müde«, murrte sie, als die beiden nach gefühlten Stunden noch immer mitten auf einer Grasebene standen. Die Sonne war gewandert, der Himmel hatte eine andere, wärmere, sattere Farbe angenommen und der Junge vermutete, dass bald der Abend und dann die Nacht anbrechen würde. Er hatte keine große Lust, diese mitten in der Wildnis, in einem Land, das er nicht kannte, zu verbringen. Denn da war noch immer die Erinnerung an die Warnung wegen der Trolle, von denen der Elf am Tor gesprochen hatte.

»Haben wir etwas Nützliches in dem Rucksack, oder ist da nur wieder Schokolade drin?«

Pippa blieb stehen und gemeinsam leerten sie die Tasche aus. Es kamen unerklärliche Mengen an Schokobonbons zum Vorschein, von denen fünf in Pippas Mund verschwanden, bevor Kristoff überhaupt richtig hinsehen konnte. Aber auch eine Steinschleuder war da, ein Fernrohr, eine Babyrassel (wieso auch immer), eine Taschenlampe und ein aufblasbares Iglu.

»Na, auf dem Gras werden wir wohl nicht liegen müssen«, folgerte der Junge, schob die Sachen wieder in den Rucksack zurück, der so leicht blieb, als wäre er leer, und stand wieder auf.

»Und jetzt?«

»Wir gehen, bis es dunkel wird. Da vorn den Hügel, den will ich erreichen. Von da aus sieht man sicher, wie lang dieser langweilige Weg noch dauert.«

Pippa murrte. Plötzlich war es nicht mehr so toll, ein richtiges Pony zu sein. Wäre sie noch aus Plüsch, würde sie getragen werden. Nun musste sie selbst gehen, da Kristoff sie nicht einmal mehr anheben konnte.

Kristoff hingegen, dessen Energie unerschöpflich zu sein schien, marschierte munter weiter. Er wunderte sich zwar kurz, wie ein Tag vergehen konnte, ohne dass er Hunger bekommen hatte, Durst, oder hatte auf Klo gehen müssen, doch wirklich wichtig war das nicht.

Aufgeregt begann er, zu rennen, als der Hügel sich vor ihnen aufbaute. Oben angekommen fuhr ihm ein milder Abendwind durch die Haare und er lachte. Pippa kroch fast am Boden, als sie neben ihm ankam, so erschöpft war sie.

Hinter dem Hügel führte die Straße weiter über Grasland, doch der Junge entdeckte noch mehr als das.

»Da, schau. Eine Brücke!«


Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media