Offene Felder meterhoch bedeckt mit Schnee. Flüsse und Bäche unter dicken Eisschichten begraben. Kein Baum, kein Busch, kein Grashalm, den dieser Puderzucker nicht in eine kalte, weiche Decke hüllte. So weit das Auge reichte, versank alles in einer einzigartigen Symphonie aus Weiß. Und mittendrin ein kleiner Junge mit Schneeschuhen, der vor lauter Staunen über diese beinahe junonische Schönheit nicht nur den Weg, sondern auch Zeit und Raum verloren hatte. Allein inmitten dieses diffusen Meeres aus Eis und Schnee, umgeben von Einsam- und Unendlichkeit. Bis er irgendwann eins würde mit ihnen und all seine Spuren von weißen Flocken bedeckt verschwänden.
     Ich musste Stunden so verweilt haben. Stunden, die mir wie Sekunden erschienen. Allein die Sonne ließ die verstrichene Zeit erahnen. Zögernd sank sie hinter den Horizont und tauchte die ihr zu Füßen liegende, weiße Wüste allmählich in Dämmerung. Wie kleine Quellbäche zogen ihre roten Schatten über den bleichen Schnee, bevor sie mir in großen Lachen immer weiter entgegenflossen. Für einen Moment hatte es den Anschein, als blutete der Schnee. Wie ein riesengroßes Grab, das erst mit dem vergehenden Tageslicht sein dunkles Geheimnis preisgab. Ein Anblick, der mir den Atem raubte. Ich wusste, ich hatte meine letzte Ruhestätte gefunden.
     „Wenn ich irgendwann sterbe, möchte ich hier, genau hier, begraben werden. Niemand wird es wissen, aber alle werden es sehen, wenn bei Sonnenuntergang mein Blut den Schnee tiefrot färbt.“
     Eine unbeschreibliche Wärme durchflutete meinen Körper bei diesem Gedanken und Tränen der Freude und des Glücks schossen mir in die Augen, wo sie binnen Sekunden zu kleinen, zarten Eisblumen gefroren. Die Schatten erreichten meine Füße und ich sank langsam auf die Knie. Es hieß Abschied nehmen für heute, bald für immer. Aber ich wollte nicht gehen. Nicht heute, nicht morgen, niemals. Ich wollte für immer Teil dieser unvergänglichen Schönheit sein.
     „Was, wenn ich einfach hier bleibe?“
     Ich schloss die Augen und ließ mich nach hinten fallen. Es war so einfach. Und es war auch überhaupt nicht schlimm. Ich hatte ein weiches Bett, eine kuschelige, weiße Decke und brauchte mich vor nichts zu fürchten. Ich würde einfach einschlafen und wenn ich aufwachte, wäre ich das schönste aller Schneeglöckchen, ewig schlummernd unter dem Schnee.
     Ein leiser Windhauch wirbelte die oberste Schicht der Schneedecke auf und mir tanzende Flocken ins Gesicht. Ich horchte und da hörte ich sie, die Stimme des Winters. Säuselnd wogte sie auf unsichtbaren Wellen umher und flüsterte mir süße Dinge ins Ohr. Ich schloss erneut die Augen und lauschte ihren Worten. Worte, die so grausam und kalt waren wie der nächtliche Frost, aber ebenso herrlich und unvergänglich wie die winterliche Pracht dieses unberührten Fleckchens Erde. Und je länger ich ihr zuhörte, desto mehr verstand ich sie.
     Der Wind wurde rasch böiger und deckte mich zu, aber das störte mich nicht. Ich wurde langsam müde und atmete ruhig ein und aus. Trotz des Windes war es auch abends so lautlos wie den ganzen Tag über und ich hörte mein kleines Herz ruhig und kräftig in meiner Brust schlagen.
     Doch plötzlich schwebten seltsame Laute durch die abendliche Stille. Laute, die der Stimme des Windes sehr ähnelten und doch viel schöner, viel melodischer klangen. Als ob die winterliche Welt mir ein Gute-Nacht-Lied sang. Dunkle, satte Klänge durchzogen die kühle Abendluft, schwermütig und voller Sehnsucht. Ich blinzelte, richtete mich auf und drehte meinen Kopf nach allen Seiten. Ich musste einfach wissen, woher diese Melodie kam, die mir mit einen Mal das Herz zuschnürte. Der Wind trug sie von hier nach da, nie verweilte sie lange an einem Ort.

Minutenlang stand ich zur Eissäule erstarrt da und lauschte. Dann setzte ich mich langsam in Bewegung und folgte der unsichtbaren Krumenspur, die einzelne Töne im Schnee hinterließen. Mit jedem Schritt, den ich tat, wurde es schwerer, die Füße zu heben, aber ich stapfte unbeirrt tapfer vorwärts. In welche Richtung wusste ich nicht. Wie in Trance steuerte ich auf die kleine Tannengruppe des vor mir liegenden Hügels zu und als die Melodie immer klarer wurde, wusste ich, dass ich mein Ziel fast erreicht hatte.
     Je näher ich kam, desto flehender, klagender wurden die Klänge. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, was auf dieser Welt solch bezaubernde und gleichzeitig traurige Laute von sich geben konnte, dass selbst die Stimme des Winters vor ihnen kapitulierte.
     Ich lief die letzten Meter, so schnell ich konnte, und dann sah ich ihn. Ein Junge, kaum älter als ich, stand mutterseelenallein mit einer Geige auf dem höchsten Punkt des Hügels und spielte diese Melodie. Enttäuscht und doch fasziniert von der Schönheit der Töne stapfte ich vorsichtig näher. Doch als er mich bemerkte, brach der Junge auf einmal ab und fuhr ruckartig herum.
     „Was willst du hier?“
     Ich antwortete nicht, wich aber instinktiv zurück. Fragend sah der Junge mich an und wartete auf meine Antwort. So standen wir uns schweigend mehrere Minuten gegenüber. Immer wieder schielte ich auf seine Geige, die bei genauerer Betrachtung keine Geige, sondern ein Cello war, und wunderte mich, wie ein derart plumpes Stück Holz solch steinerweichende Töne produzieren konnte.
     „Du störst.“
     Ohne weiter auf mich zu achten, wandte sich der Junge, der auf den zweiten Blick auch zwei, drei Jahre älter als ich wirkte, wieder seinem Cello zu. Doch anstatt seiner unausgesprochenen Bitte zu folgen und zu verschwinden, trat ich näher heran und setzte ich mich keine drei Schritte neben ihn in den Schnee. Von diesem Platz aus hatte man eine phantastische Aussicht und alles erschien noch größer, noch weiter, noch endloser, als ich es ohnehin schon empfand.
     Der Junge setzte den Bogen an und Millionen zierlicher Schneeflocken begannen, im Schein des letzten Tageslichts anmutig zu seiner Melodie zu tanzen. Ein kalter Luftzug blies sie ungestüm durcheinander und zerrte wild an den langen, blonden Haaren des Jungen, der sich davon nicht beirren ließ. Ich blickte hinab in die weiße Einöde und konnte förmlich sehen, wie der Wind seine Melodie an silbernen Fäden in alle Himmelsrichtungen trug. Wieder schien die Zeit stillzustehen und ich vergaß alles um mich herum.

„Ist dir kalt?“
     Völlig unvermittelt brach der Junge ab und verwirrt sah ich ihn an. Ich fühlte mich wie aus einem wunderschönen Traum gerissen und wusste im ersten Moment weder wer noch wo ich überhaupt war.
     Es musste mindestens eine Stunde vergangen sein, denn jetzt war es dunkel und eiskalt. Und zum ersten Mal an diesem Tag spürte ich die unerbittliche Kälte des Winters auch. Fühlte, wie der Frost meine Arme und Beine hinaufkroch. Ich sah, wie meine Knie zitternd gegeneinander schlugen und mein Atem in glitzernden Wolken gefror. Trotzdem schüttelte ich den Kopf.
     „Du zitterst.“
     Lächelnd sah der Junge mich an, dann zog er eine dicke Wolldecke aus seinem Cellokoffer und legte sie mir über die Schultern.
     „Entschuldige meine unfreundliche Begrüßung vorhin. Du hast mich ganz schön erschreckt. Weißt du, ich spiele oft hier draußen und bin immer allein, da kann man schon einmal vergessen, dass es noch andere Menschen auf diesem Planeten gibt.“
     Das Gesicht des Jungen hellte sich kurz zu einem leichten Lächeln auf und unwillkürlich grinste ich zurück. So wie er das sagte, klang es durchaus einleuchtend. Ich hatte ja auch gedacht, ich wäre das einzige Lebewesen im Umkreis von mehreren Meilen, bis ich sein Spiel hörte.
     „Ich bin übrigens Eino.“
     Ich rappelte mich auf und schrieb meinen Namen in Großbuchstaben in den Schnee.
     „Du bist stumm? Oh … cool.“
     Verdattert blickte ich auf. Der Junge sah mich für einen Moment grinsend an, dann seufzte er.
     „Ich hasse Leute, die … zu viel reden. Deshalb bin ich so gern hier.“
     Ich wusste, was er meinte, und nickte verstehend.
     „Du willst wohl auch nicht nach Hause?“
     Energisch schüttelte ich den Kopf. Nein, ich wollte nicht nach Hause zurück. Um keinen Preis der Welt wollte ich das. Denn das, was Eino so leichtfertig Zuhause nannte, gab es nicht mehr. Mein Zuhause – die Welt, wie ich sie kannte – lag in Schutt und Asche. Sie war in Milliarden scharfe Splitter zerbrochen, die einem stündlich tiefere Wunden in Körper und Seele rissen. Und nichts auf der ganzen weiten Welt konnte diesen Trümmerhaufen je wieder kitten.
     „Wolltest du deshalb der Schneekönigin folgen?“
     Erschrocken biss ich mir auf die Lippen. Auch wenn er das Kind nicht beim Namen nannte, wurde mir erst in diesem Moment wirklich klar, zu was ich bereit gewesen war. Das, was ich noch vor wenigen Stunden als kuscheliges Winterbett bezeichnet hatte, sollte nichts anderes als mein kaltes, frostiges Grab werden. Der friedliche Schlummer ein ewiger Traum, eine Reise ohne Wiederkehr. Und selbst mit meinen gerade einmal neun Jahren erkannte ich plötzlich die Verzweiflung, die hinter diesen, meinen eigenen Gedanken steckte und die ich mir und der Welt bis auf den heutigen Tag niemals eingestehen würde.
     „Weißt du was? Wenn ich erwachsen bin, werde ich der beste Cellist der Welt sein. Und mit meiner Musik werde ich den Winter in die Welt tragen. Aber das versteht niemand. Vielleicht ja du.“
     Ich verstand ihn. Ich verstand ihn, wie kein anderer ihn je verstehen würde. Denn diesen Winter, den er in die Welt hinaustragen wollte, sollte ich seit jener Zeit tief in mir tragen.
     „Hey, Mico! Ich hab ein Lied komponiert. Mein erstes. Vielleicht gefällt es dir.“
     Die Sonne war längst untergegangen, als Einos Spiel die dunkle, eisige Nacht erfüllte. Hier stand ich nun am Scheideweg meines jungen Lebens, im Winter meiner Kindheit, blickte in die unendliche grau-weiße Dunkelheit, lauschte der herzzerreißenden Melodie und ließ meinen Tränen freien Lauf. Die Atmosphäre des Augenblicks, dieses wunderschöne Lied … Einos ganzes Spiel nahm mich gefangen und berührte mich so tief in meinem Herzen, wie mich bis heute nie wieder etwas berühren sollte. So todtraurig und schmerzerfüllt die Melodie auch klang, sie gab mir die Möglichkeit, all meine Angst, meinen Schmerz und meine Verzweiflung in die Nacht hinauszutragen.

Und plötzlich wollte ich kein schlafendes Schneeglöckchen mehr sein, ich wollte leben!


© by Noia


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Liebe Community,

dies ist mein Beitrag zur Winterchallenge und eines meiner ersten Werke, das ich mir auf Grund der derzeitigen Wetterlage und für die Challenge noch einmal zur Brust genommen und feingeschliffen habe. Nebenbei ist es auch eine kleine Hommage an einen meiner Lieblingsmusiker. Na, wer hat erkannt, um wen es sich handelt? So schwer ist es ja nicht. ;)

Viele Grüße

Noia

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Comments

  • Author Portrait

    Ich kann mich Sharimayas Worten nur anschliessen, diese Geschichte ist wirklich wundervoll und hat mich tief berührt. Du schreibst sehr gut und bildgewaltig. Danke für dieses Geschenk! Leider kann man hier keinen Sternenhimmel verschenken. So will ich dir wenigstens die hier mögliche Höchstwertung geben: 5/5 keine Frage!

  • Author Portrait

    Deine Geschichte ist wunder- wunderschön! Die großartig gezeichnete Winterlandschaft, die einfühlsam beschriebenen Gefühle und Stimmungen - du hast hier ein kleines, feines Kunstwerk geschaffen! 5/5

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