Es ist ja nicht so, dass ich nicht gerne Besuch hätte.
Wirklich nicht.
Bloß: Es gibt Gäste, die sich, einmal da, einquartieren, ausbreiten und ganz offenbar bleiben wollen.
Mademoiselle Solitude war  so ein Gast.
Beklagen konnte ich mich zwar nicht über sie, denn sie war äusserst ruhig, diskret und hatte ein sanftes Wesen. Ihre Kleider trug sie immer sehr wohl geordnet, in dezenten Farben. Ihr Umgangston war höflich und gleichzeitig zurückhaltend.
Was mich trotzdem manchmal störte, war ihre anhängliche Art. Es gab  Zeiten, da begleitete sie mich auf Schritt und Tritt. Stand ich morgens auf, sass sie bereits im Wohnzimmer und blätterte in einem Buch. Was hätte ich darum gegeben, wenn sie mir wenigstens einmal das Frühstück zubereitet hätte! Schweigend sassen wir dann also bei Tee und Müesli, kümmerten uns um den Einkauf, den Haushalt, den Besuch beim Zahnarzt. Selbstverständlich begleitete mich Mademoiselle Solitude auch auf allen meinen Spaziergängen.
Mehrere Male bat ich sie, ihre Sachen zu packen und wieder zu gehen. Ein leises Lächeln spielte dann jeweils um ihren Mund, während sie einfach nur den Kopf schüttelte.
"Es ist noch zu früh!" meinte sie einmal und schaute mich ruhig an.
Ich seufzte innerlich, liess sie aber gewähren.
Mit der Zeit begann ich zu spüren, dass ich mich wohler fühlte in ihrer Gegenwart. Zufrieden und still sassen wir oft einfach nebeneinander und verstanden uns ohne Worte.
Mademoiselle Solitude begann sich zu verändern. Sie kleidete sich nun in farblich warme Stoffe, die sie weich umhüllten. Ihr Blick wurde sanfter, liebevoll sogar. Wenn ich am Morgen aufstand, hatte sie bereits Feuer gemacht im Kamin und die Katzen gefüttert.
Ein harmonisches Zusammenleben begann. Ich empfand sie nicht länger als Gast, sondern als Familienmitglied, mehr noch, wie eine Schwester.
Bis sie eines Tages auf einmal verschwunden war.
Ich suchte sie überall - in der Küche, im Wohnzimmer, im Keller. Hielt Ausschau nach ihr beim Einkaufen, auf meinen Spaziergängen.
Mademoiselle Solitude blieb verschwunden.
In mir begann sich ein nie gekanntes Gefühl von Freude und Stolz auszubreiten: Ich hatte die Kraft gehabt, Mademoiselle Solitude auszuhalten, bis sie von sich aus wieder gegangen war!
Fröhlich öffnete ich das Fenster und liess die Frühlingssonne herein.
 


Comments

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    Oh schön.

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    Hey Shari. Wäre dein Text ein Bild, dann sicher ein Aquarell im Stile des Impressionismus. Luftig leicht, schwebend und so schön umschrieben, dass man die Ernsthaftigkeit und Traurigkeit dahinter und darin fast vergisst. Bewahre dir dieses Bild.

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    Sehr schön beschrieben! Gefällt auch mit sehr gut :)

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    Deine Aussage, hast Du meisterhaft beschrieben..LG Carmen

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    Wie wunderschön! Auch mir gefallen dein zarter Schreibstil und die fast liebevollen Beschreibungen sehr gut. 5:5 :)

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    Deine Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Du hast es geschafft, ein ernstes Thema so sanft und zart zu beschreiben. Statt böse raunender und zermürbender Dauergast beschreibst du sie als fast freundliches, gar wissendes Wesen. So habe ich es noch nie gesehen. Vielleicht ist es aber genau diese Einstellung, die hilft zu heilen. Lieber zweisam mit der Einsamkeit als einsam unter Vielen. 5/5

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    Wie immer eine sehr schöne, berührende Geschichte! Ja, nicht immer ist so eine Mademoiselle einfach auszuhalten, doch schön dass sie schliesslich wieder gegangen ist und ein weiterer Schritt zur Selbstheilung möglich wurde. ;-) 5/5

beta
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