Kaum dass es fünf war, höre ich den Schlüssel im Schloss unserer Haustür und mein Mann betritt das Haus. Nach einem leisen rumoren in der Diele, erscheint er freudestrahlend in der Küche. »Jetzt noch die aufgekochte Milch ins Kartoffelpüree fügen, einen klecks Butter dazu, Muskat, Pfeffer und Salz, ein paar Mal kräftig mit dem Schneebesen gerührt und schon ist es fertig, mein hausgemachtes Schweizer Sahnepüree –  cremig im Geschmack und zart schmelzend auf der Zunge, genauso, wie es mein Schatz liebt«, sage ich und schaue lächelnd zu ihm hinüber.  
»Mein Gott, riecht das gut. Hallo Spatz«, sagt er verzückt, gibt mir einen Kuss auf die Wange und lässt sich, wie gewöhnlich, auf dem Stuhl am Küchentisch nieder. Er legt einige Prospekte auf den Tisch und bevor er etwas sagen kann, komme ich ihm zuvor: »Jetzt nicht, Schatz. Leg das bitte ins Wohnzimmer, wir können nachher darüber reden.«

»Ja, aber unser Urlaub, Liebling … ich hab da schon mal ein wenig vorsondiert. Du weißt, wir haben jetzt April und wenn wir nicht rechtzeitig reservieren, dann…«, beginnt er, doch ich winke ab.

»Das können wir alles nach dem Essen besprechen«, unterbreche ich ihn.

»Maja … Tim, essen ist fertig!« rufe ich und augenblicklich höre ich, wie die beiden die Treppe herunter stürmen.  

»Hey Paps«, sagen sie fast wie im Chor und versetzen ihm einen Kuss  auf die Wange. Tim fast im gleichen Atemzug: »Mmh, das riecht aber lecker, Ma.«

»Habt ihr euch die Hände gewaschen«, hake ich nach, denn ich kenne meine Pappenheimer – vor allem, Tim. Nachdem auch dieser Punkt geklärt ist und mein Mann die Prospekte in die gute Stube verlegt hat, essen wir zu Abendbrot.

Später sitzen wir zusammen und wälzen Urlaubsprospekte. Tim wird es schon nach kurzem zu langweilig und er verzieht sich wortlos in sein Zimmer um sich seinen Computer Games zu widmen. Maja ergeht es ähnlich, nur zieht sie den Kontakt zu einer Freundin vor, die gleich um die Ecke wohnt.

»Um acht bist du aber wieder hier«, gebe ich ihr mit auf den Weg und ich weiß, dass ich mich auf sie verlassen kann.

Knapp zwei Stunden später zur Tagesschau Zeit, klingelt das Telefon.  

»Hallo Mama«, sage ich, nachdem ich den Hörer abgenommen habe und höre ihr zu. Irgendetwas stimmt nicht, denn ihr sprechen klingt seltsam. Ich entnehme ihren Worten etwas von schlecht sehen und Taubheit – Plötzliche Stille.

»Mama, Mama was ist los. Rede mit mir«, rufe ich in den Apparat, doch ich bekomme keine Antwort.

»Manfred, hol sofort den Wagen aus der Garage. Mit Mama stimmt was nicht. Sie antwortet nicht mehr, wir müssen sofort hin«, rufe ich meinem Mann zu, drücke auf die Gabel und wähle die Nummer der Feuerwehr. Ich erkläre kurz worum es geht und beeile mich aus dem Haus zu kommen. Gott Lob, wohnt meine Mutter nur wenige Minuten entfernt und so sind wir noch vor dem Rettungswagen bei ihr.

In sich zusammen gesunken hockt sie in einer Ecke auf ihrer Couch und rührt sich nicht. Mein Mann und ich legen sie lang hin. Sanft bettete ich ihren Kopf in meinen Schoss, streichelte ihre Wange, küsse sie auf die Stirn und rede mit ihr – keine Reaktion. Tränen steigen in mir auf, mein Blick verklärt sich.

»Das… «, meine Stimme versagt. Ich schlucke, habe einen Kloß im Hals. »Das kommt alles wieder in Ordnung, Mama«, flüstere ich ihr leise zu, bin mir jedoch nicht sicher, ob ich mir selbst Glauben schenken kann.

Ich reiß mich zusammen und während im Hintergrund die Sirene des Unfallwagens ertönt, raffe ich mit zittrigen Händen ein paar Sachen fürs Krankenhaus zusammen.

Die Männer sind Profis und so erreichen wir in Windeseile die Erste Hilfe Station einer nahegelegenen Klinik. Der begleitende Unfallarzt und ein Pfleger fahren meine Mutter auf Station. Ich laufe nebenher und halte ihre Hand, sie ist eiskalt. Ich kann meinen Blick nicht von ihrem Gesicht wenden. Es ist blass, die Wangen sind eingefallen, ihre Augen geschlossen und die Atmung ist flach. Ist das der Hauch des Todes, der da über dich schwebt? Frage ich  mich.  Bleib bei mir, Mama. Ich liebe dich, denke ich und wieder werden meine Augen feucht, trüben meinen Blick. Ich nehme um mich herum kaum etwas war. Ein Arzt? Ein Pfleger? Ich weiß nicht Wer – Sie drängen mich sanft zur Seite. Ich sehe, wie sie meine Mutter in einen Raum schieben. Er ist hell erleuchtet. Ärzte und Schwestern stehen bereit, dann werden die Türen geschlossen.

Manfred berührt mich. Er führt mich zu einer Bank im Wartebereich. Erst jetzt erwache ich aus meiner geistigen Abwesenheit, schaue ihn an als sehe ich ihn das erste Mal.

»Sie wird doch wieder gesund, Liebling! Oder?« frage ich unsicher und schaue ihm erwartungsvoll ins Gesicht, so als ob er die Antwort auf meine Frage kennt.

Er lächelt. »Sicher, Liebling. Ich bin mir ganz sicher, dass Mam wieder in Ordnung kommt. Das sind doch alles Profis hier«, erwidert er und küsst mich auf die Wange.

»Du bist der charmanteste Lügner der mir je begegnet ist«, sage ich lächelnd.

»Im Ernst, Schatz. Jedenfalls kann und will ich mir einen anderen Ausgang gar nicht vorstellen und das ist nicht gelogen« ist seine Antwort, dann holt er sein Handy hervor.                                

Mein Mann gibt unseren Kindern kurz durch was geschehen ist und die Anweisung ins Bett zu gehen, nicht auf uns zu warten. Insgeheim glaube ich nicht, dass sie dieser Weisung Folge leisten werden, denn auch sie sorgen sich um ihre Oma, die sie beide lieben.

Egal, so mein Gedanke. Die derzeitige Sorge um meine Mutter überwog. Glücklicher Weise, hat der Rettungsarzt sofort erkannt, dass es sich bei Mam um einen Schlaganfall handelt und sie in eine Klinik gefahren, die über ein Stroke Units Zentrum verfügt, dachte ich.

Jetzt können wir nur noch warten.  

Nachdem die Ärzte der neurologische Abteilung, die auf solche akuten Schlaganfälle spezialisiert sind, anhand einer Computertomografien sichergestellt haben, dass keine Hirnblutung vorliegt, sondern der Schlaganfall durch ein Blutgerinnsel in einer Gehirnarterie verursacht wurde, machten sie sich daran die Verschlussstelle auflösen. Hierzu geben sie der Patientin eine Infusion mit einem pfropfauflösenden Medikament. Klingt recht einfach, ist es aber nicht, denn in den meisten Fällen, so auch in diesem Fall, wird eine Katheterthrombolyse vorgenommen. Ein dünner Schlauch wird durch die Gefäße geschoben, bis zu der verstopften Stelle. Überwacht wird das Ganze von einem speziellen Röntgengerätes, das diesen Arbeitsvorgang auf einem Bildschirm sichtbar macht. Zusätzlich müssen zum Schutz der Patientin während der Behandlung die unterschiedlichsten Messungen vorgenommen werden, zum Beispiel, Messung der Herzfrequenz, der Körpertemperatur, der Hirn- und Nierenfunktion und, und, und.

All das und noch mehr im Detail, hat uns der Oberarzt zu einem späteren Zeitpunkt erklärt. Im Augenblick bekommen, mein Mann und ich, von all den Maßnahmen nichts mit.

Zur Untätigkeit verurteilt sitzen wir unruhig im Wartebereich, starren uns immer wieder fragend an und können vor Ruhelosigkeit und Herzklopfen Hände und Füssen nicht still halten. Unsere Blicke wandern, entlang der weißen Wänden, hinauf an die mit Leuchtstoffröhren bestückte Deck oder die gähnend leeren Gänge entlang. Doch meistens hält es uns nicht auf dem Platz und so wandere mal ich, mal mein Mann abwechselnd mit bangem Herzen, feuchten Händen und in stiller Hoffnung den Flur entlang und wieder zurück. Das einzige was sich uns Aufdrängt ist der antiseptische Geruch des Krankenhauses, das Odeur von Krankheit, Leid und Tod, hervorgerufen durch Wundheilmittel und Desinfektionslösungen.

Nach endlos langen Stunden – so unser Gefühl – trat der behandelnde Oberarzt an uns heran:

»Machen sie sich keine Sorgen, Frau Berkheim. Die Operation ist gut verlaufen. Eine vollständige Erholung ist so gut wie gewiss. Es braucht anschließend nur etwas Geduld. Das hat ihre Mutter ihrem schnellen Handeln zu verdanken. Um jedoch eine spätere Hirnblutung nach dieser Lyse Therapie auszuschließen, muss die Patientin noch eine Zeitlang engmaschig überwacht werden. Alles was sie Momentan braucht ist Ruhe. Sie können jetzt also unbesorgt nach Hause fahren.«

Uns fällt ein riesiger Stein vom Herzen. Wir bedanken uns und fahren Heim, denn es ist, wie wir mit einem Blick auf die Uhr feststellen, schon weit nach Mitternacht.

Natürlich lasse ich es mir nicht nehmen meine Mama tags darauf auf der Intensivstation zu besuchen. Der leblose Eindruck vom gestrigen Tag ist, Gott Lob, verschwunden, so mein erster Gedanke. Ihr Gesicht ist immer noch weiß, liegt aber entspannt auf dem Kissen und sie atmet in regelmäßigen Zügen. Erleichtert setze ich mich dazu und nehme ihre Hand die schlaff in der meinen liegt. Ich streichele sie. Sie ist weich und zart, wirkt leicht verletzlich, wie ein Neugeborenen Kindes. Ihre Haut ist durchscheinend transparent, macht im Ganzen einen fragilen, zerbrechlich Eindruck. Ich spreche mit ihr, bilde mir ein sie versteht mich und während ich ihre Stirn küsse, ist es als wäre mir eine Last genommen – ich bin erleichter, kann es jedoch nicht verhindern, dass mir wieder ein paar Tränen über die Wange rollen. In punkto Mama habe ich halt nahe am Wasser gebaut. Zwanzig Minuten später lasse ich sie wieder allein, gönn ihr die Ruhe die sie jetzt braucht.

Die anschließende postoperative Mobilisation ist reibungslos verlaufen. Nach wenigen Tagen der Überwachung, kann ich meine Mutter schon wieder mit nach Hause nehmen. Als Hausfrau habe ich nun alle Möglichkeiten meine Mama nach allen Regeln der Kunst zu pflegen und zu verwöhnen.  

Ich weiß, dass die Farbe Violett bei meiner Mam zu den absoluten Favoriten zählt und das nutze ich indem ich frische Violen kaufe und sie in einer Schale auf dem Wohnzimmertisch präsentiere. Meine Mutter entdeckt sie mit Begeisterung, was ich sofort an dem Leuchten ihrer Augen erkenne. Das Sprechen bereitet ihr noch ein paar Probleme, also beschränken wir uns auf das Nötigste.

Ich benutze wirklich alles was auch nur annähernd ihren Lieblingsfarbton enthält, wie Tischdecke, Bettwäsche, Nachthemd, ja sogar den von mir selbst aromatisierten Zucker. Gerade weil meine Mam diesen violetten Farbton so mag, ist mir vor ein paar Wochen der Gedanken gekommen, ein Glas Zucker mit Lavendelblüten aus unserem Garten zu vermischen und ihr auf diese Weise einen selbstgemachten Lavendelzucker zu schenken. Die Freude war echt riesengroß.

Momentan verständigen wir uns vorwiegend mit Handzeichen, mit Blicke und mit Berührungen, doch eine Geste, ein liebevoller Blick oder eine zärtliche Berührung, sagt zwischen uns mehr als hundert Worte.

Ich bin den ganzen Tag für sie da, bringe sie zur Ergotherapie und bringe sie zu den Sprechübungen. Ich mache ihr essen, unterstütze sie bei der täglichen Hygiene, gehe, so es denn möglich ist, mit ihr spazieren und lese ihr vor.

Die Wochen vergehen wie im Flug. Sprache, nervliche Reize und Reaktionsvermögen haben sich weitgehend stabilisiert, allem Anschein nach ist sie wieder die Alte. Ein paar Kleinigkeiten, wie das flimmern ihres Augenlids, ein minimales Zittern um die Mundwinkel und ein unregelmäßiges Zucken ihrer Handgelenke kann ich manchmal ausmachen.

Der August neigt sich dem Ende.

Mein Mann und die Kinder haben in den letzten Tagen, mit meiner Zustimmung, einen gemeinsamen Urlaubsplan ausgeheckt und gebucht. Unsere alten Pläne haben wir verworfen. Es soll jetzt kein Urlaub in Portiönchen werden, sondern drei Wochen an einem Stück, denn meine Mama soll die Gelegenheit zur vollständigen Genesung bekommen. Nur eine Kleinigkeit fehlt uns noch und das ist ein Geschenk, Mutter begeht nämlich, während dieser Tage ihren sechsundsiebzigsten Geburtstag.

Wir haben auch etwas gefunden –  etwas, was sie sich schon sehr lange gewünscht hat – aber selbst immer zu geizig war es sich zu gönnen … gemeint ist ein Strohhut. Er sollte, wie wir später feststellten, das Nonplusultra dieses Urlaubs werden. Durch Zufall haben wir das gute Stück, während eines abendlichen Spaziergangs entdeckt und uns sofort darin verliebt … schon die Beschreibung im Schaufenster klang einzigartig.  

Ein sommerlich modischer Strohhut, gefertigt aus leichtem Papierstroh, in einem Feminin abgerundeten Design. Die Oberfläche brilliert durch ihren edlen Glanz und ihrer violetten Ton in Ton Färbung. Die gewellte Krempe bietet einen exzellenten Sonnenschutz. Na, das ist es doch, dachte ich. Gekrönt wird das elegante Stück durch eine zur Schleife gelegten Ripsbandgarnitur und durch einen luftig, leichten Tragekomfort.

Für uns steht fest, den müssen wir haben.

Das Reiseziel, nach unserer letzten Beratung, fällt auf die Insel Sylt.  

Sieben Tage Sonne, Strand und der immer wiederkehrende Klang der Wellen, das beruhigt und entspannt, wobei die jodhaltige Luft an der Nordsee als zusätzlicher heilender Faktor gilt. Es ist herrlich, niemand drängt uns, wir haben massig Zeit, Mutter geht es gut und der größte Teil unseres Urlaubs liegt noch vor uns, so meine Gedanken.

Im Moment jedoch hat der Geburtstag von Mama den Vorrang und die ist regelrecht aufgeblüht, strotzte vor Unternehmungslust und jedes Lachen von ihr tat meiner Seele gut.

Manfred hat sich heimlich abgesetzt, ist zum Hotel zurück um die Hutschachtel zu holen, wir können sie ja schlecht mit zum Spazieren gehen mitnehmen, da wäre die Überraschung schnell aufgeflogen. Und während Maja und Tim ihre Oma beschäftigen, ist es an mir eine Flasche Sekt und ein paar Gläser zu besorgen. Endlich haben wir alles beisammen, stellen uns auf der Promenade in einer Reihe auf und singen: Happy Birthday to you…

Die Leute um uns herum schauen, sie lächeln und Mama sitzt in ihrem Strandkorb hält sich ein Taschentuch vors Gesicht und weint Tränen der Rührung. Mir ergeht es nicht besser. Ich muss das Singen unterbrechen, bekomme keinen Ton mehr heraus, so falle ich meiner Mama um den Hals und wir heulen um die Wette.

Manfred macht die Flasche Sekt auf, gießt ein und wir trinken genüsslich das prickelnde Nass.

In diesem Augenblick war ich überglücklich, dass mir dieser Moment meine Mama zu Umarmen noch vergönnt war.  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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