Martha

Er hatte sie schon aus der Ferne erkannt. Hochgewachsen wie sie war, stach Martha aus der Gruppe, die die Treppenstufen hinaufstieg, heraus. Sie trug ein marineblaues Kleid, das sie mit beiden Armen versuchte festzuhalten, während der Wind es hoch wehte. Ihr Begleiter sah ihr dabei amüsiert zu. "Lach nicht!", rief sie, woraufhin dieser noch herzhafter lachte. Obwohl er nie mit ihr gesprochen hatte, hatte Karl das Gefühl sie zu kennen. Während er sie vom Treppenaufstieg aus beobachtete, dachte er an die vielen Erzählungen über Martha aus Annas Briefen.

Seit seiner Rückkehr hatte ihn Anna gedrängt sich am Sonntag in der Kirche links in den ersten Gang zu setzen, damit sie ihm endlich Martha vorstellen konnte. "Beeil dich!", rief Anna jetzt. Die Glocken läuteten bereits zum Gottesdienst. Schnell folgte er seiner Schwester. Er eilte den Gang hinunter und setzte sich neben Anna, die neben Martha auf der Bank Platz genommen hatte.

Anna nahm Marthas Hand und legte sie in seine. Ihre Hand fühlte sich klein und weich an. Sie schüttelten einander die Hände. "Martha, das ist Karl! Karl, das ist Martha! Ich freue mich so, dass ich euch endlich einander vorstellen kann!" sagte Anna und strahlte dabei wie ein Honigkuchenpferd. "Hi!", flüsterte sie ihm zu und lächelte. "Hi!", flüsterte er ebenfalls lächelnd zurück. Für mehr war keine Zeit, denn der Pastor begrüßte schon die Gemeinde.

Karl folgte mechanisch den pastoralen Anweisungen. Aufstehen, beten, setzen, singen, aufstehen, beten, setzen; dann schaute er auf seine Schuhe. Während der Predigt beobachtete er Martha verstohlen von der Seite. Das Gesangbuch lag in ihrem Schoß, sie saß aufrecht, hatte die Augen auf die Kanzel gerichtet und hörte dem Pastor aufmerksam zu. Ihre kurzen Haare waren in Locken gelegt und ihre Lippen waren zu einem Lächeln geformt. Er fühlte sich ertappt, als sie ihn plötzlich direkt ansah. Er lächelte verlegen und senkte den Blick wieder auf seine Schuhe.

"Sie hat grüne Augen." dachte er.

Nach dem Gottesdienst brabbelte Anna drauflos. "Komm lass uns noch schnell einen Kaffee im Gemeindehaus trinken." Gesagt, getan. Und dann war Anna verschwunden. Sie wollte noch schnell mit Lina sprechen, die ihr ein neues Rezept versprochen hatte, so dass er plötzlich allein mit ihr stand.

"Hi", sagte er erneut. Warum fiel ihm nur nichts Besseres ein?
"Ich habe das Gefühl als würden wir uns schon ewig kennen.", sagte er weiter. Als er ihr erstauntes Gesicht sah, fügte er schnell hinzu: "Wegen Annas Briefen." Ihr Blick erhellte sich. "Ich weiß, was du meinst.", sagte sie erleichtert. Dann hielt sie inne. Nach einer kurzen Pause flüsterte sie leise: "Es ist seltsam, dass du Dinge von mir weißt, die ich nur Anna erzähle." Sie schaute ihn beschämt an. Warum hatte er das bloß gesagt? Offensichtlich war es ihr unangenehm. Um sie zu beruhigen, nahm er ihre Hand. Schnell ließ er sie wieder los. Was war bloß in ihn gefahren? "Entschuldige bitte."

Noch bevor Martha darauf reagieren konnte, stand Anna schon wieder neben ihr. "Karl, wir sollten jetzt besser gehen, wenn wir pünktlich zum Mittagessen daheim sein wollen." Sie gab Martha einen Kuss auf die Wange und schaute sie verschmitzt an "Du weißt ja wie Mutter ist. Wir sehen uns am Dienstag beim Chor?" "Ja, natürlich.", sagte Martha. Sie gab Karl die Hand "Bis bald."




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