Man kann nicht sagen dass es dunkel war, denn der Schnee zauberte ein hell sanftes Licht auf die Wege. Die Sonne war schon lange untergegangen, doch meine Füße trugen mich gerade erst hinaus. Ein langer Tag voller Dinge, die ich lieber gemieden hätte. Unnötige Streitereien, nervige Halsschmerzen, langweilige Termine.
Selbst das vertraute Knirschen, die kühle und auf eine schöne Weise schneidende Luft konnten mich kaum aufmuntern.
Mitte Januar ist nicht die Zeit um sich Gedanken um den letzten Schnee zu machen, doch diese volle Pracht an weißem Glanz zwang sie mir unweigerlich auf.
Was alles darin steckt. Schnee ist nicht vor allem gefrorener Regen, Schnee ist Erinnerung und Liebkosungen von Gedanken. Schnee ist Liebe, auf eine Art.
Ich gehe noch ein Stück auf die vollkommen bedeckte Wiese hinaus und lasse mich dann in den weißen Staub fallen.
Über mir ein schwarzer Himmel, der doch so rot wirkt. Wenige Sterne, ein großer Mond. Ich starre nach oben ins nichts und beobachte, wie mein Atem Wölkchen formt. Ein heiteres Schauspiel, das mich noch immer an meine Kindheit erinnert. An die Wintermorgende an denen ich auf dem Weg zum Kindergarten vor meinem Vater auf dem Fahrrad saß, an die Tage auf dem Rodelberg um die Ecke, die voll von Kälte, Schneemännern und Lachen waren. Wie lang ich keinen Schneemann mehr gebaut habe! Ein Privileg, das uns vom Alter genommen wird. Das Spielen und Bauen. Das Herumwälzen in Schnee und Matsch. Das Zeit-haben und das Fehler-machen-dürfen.
Nachdem ich jahrelang nur älter werden wollte, packt mich dieser Tage eine solche Sehnsucht nach Kindertagen, nach dem Austoben auf dem Spielplatz, nach der Jugend, in der man noch nicht alt genug ist. Manchmal tun einfache Dinge gut.
Ich kann spüren wie die Nässe langsam durch meine dünne Hose kriecht. Schwereren Herzens stehe ich auf, klopfe notdürftig Hose und Jacke ab. Ich mache mich auf den Weg zurück, froh mich mit einem warmen Kakao aufwärmen werden zu können.
Vor meiner Tür fällt mir ein kleines Päckchen auf, das jemand in den letzten Minuten dort hinterlassen haben muss. Darin ein Stück Marzipantorte und eine Karte.
"Ich bin diese Tage in der Stadt" kann ich in der Schrift einer alten Freundin lesen. "Morgen komm ich mit dem Schlitten vorbei, und dann gehen wir bei dem ganzen Schnee rodeln! Was hältst du davon? Ach, und natürlich: Alles Gute zum Siebzigsten!"

Comments

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    EIne sehr schöne Geschichte und ja da gäbe es auch bei mir so einiges was in den Kindertagen geblieben ist, was ich nur allzugerne wiederholen wollte. ^-^

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    Was für eine süße Geschichte! Auch ich habe Sehnsucht nach den schönen Momenten meiner Kindheit. Damals war alles viel einfacher, als es jetzt ist..

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    Ich habe auch Sehnsucht nach den wenig schönen Gefühlen meiner Kindheit, sei es die langersehnte Fahrt auf einen Tretroller oder die Umarmungen meiner Oma..LG. Carmen

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    Eine schöne kleine Geschichte, die mir ein breites Lächeln ins Gesicht gezeichnet hat. Schnee Ende Januar ist wirklich nicht jedermanns Sache. Doch wenn er so frisch und neu gefallen ist wie bei Dir, dann kann er den Menschen eigentlich nur gefallen. Ich mag es, wenn der Neuschnee alle Geräusche dämpft, wenn die feinen Stäubchen beim geringsten Wind von den Zweigen rieseln oder der Frost unter den Schuhen knarrt. Doch es gab auch Zeiten, wo ich dafür einfach keinen Blick hatte, weil mich der Alltag viel zu sehr eingespannt hat. Es ist schön, solche Momente erleben und richtig wahrnehmen zu können. Vielleicht war Dein Rodelausflug mit Freundin ja nicht nur fiktiv? Liebe Grüße! Sophie

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