Maskerade

In den darauffolgenden Wochen musste ich nicht nur für die Schule lernen, sondern auch meine Kampftechniken verbessern. Darin investierte ich die meiste Zeit und Kraft. Das hatte ich selbst so gewollt. James fand, dass ich mich etwas zurücknehmen und es langsamer angehen lassen sollte, aber ich hatte ihm gesagt, dass es meine eigene Entscheidung ist, was ich tue.
Ich machte mir selbst ziemlichen Druck, um zumindest einen Hauch einer Chance gegen die erfahrenen Killer zu haben. Mir war klar, dass ich nicht einmal annähernd so gut werden würde, wie sie, aber das hieß für mich nicht aufgeben und sich hängen lassen. Ich hatte nicht sehr viel Zeit, daher musste ich jetzt so viel, wie möglich, von James lernen.
Deshalb trainierten wir seit zwei Wochen jeden Tag vier Stunden. Anfangs hatte ich ein schlechtes Gewissen gehabt, weil ich James viel zumutete, obwohl er noch nicht ganz auf den Beinen war, doch er hatte mir versichert, dass ihm die Trainingseinheiten nichts ausmachten. Es wäre für ihn nicht das erste Mal, dass er seinen Körper überstrapazierte.
In den ersten Tagen hatte mich das Einprägen der verschiedenen Techniken, das präzise Ausführen und die ständige Konzentration angestrengt. James war stets streng zu mir gewesen und hatte mich auch bei dem nur kleinsten Fehler die Übung gleich dreimal hintereinander durchführen lassen, bis sie perfekt geklappt hatte. In solchen Momenten wäre ich James am Liebsten an die Gurgel gesprungen.
Später hatte ich jedoch verstanden, dass er solch einen Wert auf Perfektion legte, weil jeder Fehler, den ich machte, tödlich für mich sein konnte. Das Training war aber nicht nur wichtig wegen des Beherrschens der Techniken und dem Ausbau meiner Fähigkeiten, sondern mir war auch wichtig, dass James mit meinen Erfolgen zufrieden war. Ich wollte ihn keinesfalls enttäuschen, nachdem er sich bemühte mir vieles, was er wusste, beizubringen.
Denn er hatte mich in den letzten Wochen in allem möglichen geschult. Ich hatte verschiedenste Griffe gelernt, die ich in unterschiedlichen Situationen einsetzen konnte. Ich wusste, wie ich mich befreite, wenn ich festgehalten wurde, was ich tat, wenn ich wieder von Ophelia gewürgt werden sollte und vieles mehr. Aber James hatte mich nicht nur in Verteidigungspraktiken unterwiesen, sondern auch im Nahkampf.
Ich hatte mit viel Mühe gelernt, wie ich schneller und effektiver zuschlagen oder wie ich meinen Gegner zu Fall bringen konnte. Ich war stolz auf meine Vorschritte, aber ein Teil von mir zweifelte daran, dass ich sie in der Realität; an seinen Ex-Kollegen tatsächlich anwenden würde. Zwar hatte ich James dies versichert, aber schlussendlich war es ja immer anders, als man sich das vorstellte.
Vielleicht war es reines Wunschdenken von mir, dass ich jemals einen von ihnen angreifen würde und könnte. Ich hatte keine Ahnung, ob sich überhaupt in nächster Zeit eine Situation ergab, in der einer der Killer mir auflauerte und ich testen konnte, welcher Teil von mir stärker war: der Teil, der sich fürchtete oder der Teil, der zu allem bereit war.
Es war ja nicht so, dass ich versessen auf eine Begegnung mit einem dieser Wahnsinnigen war, aber ich hielt es für eine Verschwendung das Gelernte nicht zu nutzen, schließlich wollte ich mich an ihnen rächen und nicht mehr schwach sein.
„Worüber denkst du nach, Holly?“ Der Klang von James´ rauer Stimme ließ mich leicht zusammenzucken. Ich setzte mich ruckartig in meinem Bett auf und sah zu ihm herüber. Nur mit einem Handtuch bekleidet stand er in der Mitte meines Zimmers. Da er sich nicht ordentlich abgetrocknet hatte, tropfte fröhlich Wasser auf den Parkettboden. Seine Haare lagen platt auf seinem Kopf und waren noch klitschnass.
„Über nichts Besonderes“, erwiderte ich, während ich ihn weiterhin musterte.
„Hast du noch nie etwas von Abtrocknen gehört?“, fragte ich ihn vergnügt und gluckste.
„Klar doch, aber Olivia hat ständig gegen die Tür geklopft und wollte unbedingt ins Badezimmer“, meinte er und verdrehte die Augen.
„Darum hatte ich keine Zeit mich richtig abzutrocknen, stattdessen bin ich rausgegangen.“ Belanglos zuckte er mit den Achseln.
„So bist du raus gegangen?“ Wie selbstverständlich nickte er. Ich fing an zu kichern.
„Und wie hat Olivia reagiert?“ Gespannt wartete ich auf seine Antwort. James´ Lippen umspielten ein arrogantes Grinsen.
„Du hättest ihren Blick sehen sollen, aber eigentlich kennst du diesen Blick gut genug. Schließlich schaust du mich genauso an, wie sie.“ Mir klappte die Kinnlade herunter.
„Tja, ich bin einfach unwiderstehlich“, meinte er überheblich und sein Grinsen wurde nur noch breiter.
„Wie gucke ich dich denn an?“, wollte ich empört von ihm wissen und stemmte die Hände in die Hüften. Darauf entgegnete er nichts.
Er schlenderte zu mir herüber, beugte sich herunter und küsste mich innig. Zuerst genoss ich den Kuss, doch dann stieß ich ihn gespielt verärgert von mir. Seine Haut war nass und kalt.
„Was soll das denn bitte?“ James zog irritiert eine Augenbraue in die Höhe.
„Das war dafür, dass du mir keine Antwort auf meine Frage gegeben hast und weil du viel zu selbstverliebt bist.“
„Das interessiert mich im Moment ganz und gar nicht“, hauchte er und küsste meinen Hals. Augenblicklich wurde mir brühend heiß.
Ich nahm sein Gesicht in meine Hände und legte meine Lippen sanft auf seine. Ein elektrischer Impuls schoss durch mich hindurch und raubte mir den Atem.
Wie mechanisch zog ich mich bis auf die Unterwäsche aus. Dann ließ ich mich auf die Matratze fallen und zog ihn zu mir nach unten. Ich biss mir auf die Unterlippe und sah ihn gierig an, bevor ich ihm das Handtuch wegzog.

Still lagen wir nebeneinander. Ich starrte an die Decke und hörte James beim Atmen zu. Ich genoss es seine Herzschläge unter meiner Hand und seine Wärme auf meiner Haut zu spüren. Für eine kurze Zeit hatte ich an gar nichts gedacht. Das war nichts Neues mehr für mich. Wenn James bei mir war, besonders, wenn er mich küsste und berührte, dann war mein Kopf frei von Sorgen, Angst, Verzweiflung und Trauer.
Jetzt wurde ich regelrecht von einer Flut aus Gedanken überschwemmt. Ich dachte wieder daran, wie es weitergehen; wie wir mit den Killern fertig werden sollten. Einerseits spürte ich noch die Angst vor ihnen fest in mir verwurzelt. Andererseits war meine Sehnsucht nach Rache jedoch stärker, als je zuvor. Ich wollte und musste etwas unternehmen. Es musste endlich etwas passieren. Ich hatte es satt mich noch länger zu verstecken und in ständiger Angst zu leben.
Dann, aus heiterem Himmel, kam mir eine Idee. Mir fiel ein, wie ich bald auf seine Ex-Kollegen treffen und meine gelernten Techniken anwenden konnte. Ein Lächeln stahl sich auf mein Gesicht, doch zwei Sekunden später war es auch schon wieder verschwunden. Ich war mir nicht sicher, ob James meine Idee gut finden und unterstützen würde. Höchstwahrscheinlich würde er mich für verrückt und lebensmüde halten und versuchen, mich von meinem Vorhaben abzubringen. Trotz meiner Vermutung beschloss ich ihn dennoch in mein Vorhaben einzuweihen.
„An diesem Freitag ist ein Maskenball in meiner Schule. Eigentlich wollte ich nicht dorthin gehen, aber ich habe es mir anders überlegt. Ich vermute, dass ein paar deiner Ex-Kollegen auftauchen werden. Ich will hingehen, um mich an ihnen zu rächen. Ich will sie verletzen. Ich will sie töten“, klärte ich ihn entschlossen auf.
Während meiner Ansage hatte ich aus den Augenwinkeln James´ geschockte Miene bemerkt, doch mir war seine Reaktion völlig egal. Wenn er mich davon abhalten wollte zum Ball zu gehen, dann wäre mir das ebenfalls gleichgültig. Ich würde am Freitag zu meiner High School gehen, um jeden Preis.
James schnappte energisch nach Luft, bevor er sich aufsetzte und mich entsetzt anstarrte.
„Ich hoffe immer noch, dass das ein Witz war. Sag mir bitte, dass du diese Worte nicht ernst gemeint hast, Holly.“ Sein Ton klang beinahe schon flehend.
Ich schüttelte sogleich den Kopf. Mein Entschluss stand fest. Er konnte sagen, was er wollte, ich würde meine Meinung definitiv nicht mehr ändern. Daraufhin machte er ein merkwürdiges, erstickendes Geräusch. Er beugte sich mit seinem entblößtem Oberkörper über mich, stützte seine Arme rechts und links von meinem Kopf ab und schaute mich wie vom Donner gerührt an.
„Du weißt nicht, was du da sagst“, raunte er. Sein gesamter Körper bebte. Mir fielen seine angespannte Muskelstränge ins Auge.
„Keine Sorge, James. Ich weiß, was ich tue“, meinte ich angriffslustig. Ich wusste, dass mein Tonfall für ihn reinste Provokation war. Zornig schob er seine Augenbrauen zusammen und schnaubte.
„Ich lasse es nicht zu, dass du so leichtsinnig dein Leben aufs Spiel setzt, weil du dem Glauben unterlegen bist, gut genug für einen Kampf vorbereitet zu sein. Tut mir leid, dass ich dein Enthusiasmus bremsen muss, aber du bist nicht soweit es mit ihnen aufzunehmen“, wies James mich harsch zurecht. An seiner Stirn pochte deutlich eine Ader.
Ich presste wütend meine Lippen aufeinander und verschränkte die Arme vor meiner Brust, die bloß von einem Lacken bedeckt wurde.
„Wieso traust du mir nichts zu, James?“, warf ich ihm vor. „Wieso unterschätzt du mich immer wieder?“ Tränen der Wut schossen mir in die Augen und liefen meine Wangen hinab, ohne, dass ich es kontrollieren konnte. In diesem Moment ärgerte mich meine Emotionalität noch mehr, als üblich.
Als James mich weinen sah, wurde seine Miene sanft und er wischte mir die heißen Tränen weg.
„Ich unterschätze dich ganz sicher nicht, Holly. Ich weiß genau, wie stark und entschlossen du bist“, redete er ruhig auf mich ein. „Du hast in den vergangenen Wochen sehr viel gelernt…“
„Aber?“
„Aber ein Kampf mit meinen Ex-Kollegen ist immer noch zu gefährlich.“ Er appellierte an meine Vernunft. Zumindest versuchte er es. Ich blieb jedoch stur. Ich würde mir von ihm nichts vorschreiben lassen.
„Dasselbe würdest du auch in einem halben Jahr sagen, weil du nicht objektiv sein kannst, wenn es um mich und meine Sicherheit geht“, brach es aus mir heraus.  
James machte ein unzufriedenes Gesicht. Er hatte seine Augen geschlossen und seine Stirn lag in tiefen Falten. Er schien mit sich kämpfen.
Ich atmete laut hörbar ein und schluckte meine Wut herunter. Mir wurde bewusst, dass er mich bloß vor all dem Bösen dieser Welt schützen wollte. Auch, obwohl er mich für den Ernstfall in einigen Kampftechniken geschult hatte.
Zärtlich nahm ich sein Gesicht in meine Hände und strich ihm über die Wangen.
„James“, flüsterte ich. Ich wartete so lange, bis er seine Lider hob und mich ansah. In seinen grauen Augen erkannte ich sowohl Verzweiflung, als auch Unverständnis.
„Ich werde zu diesem Maskenball gehen, ob du willst oder nicht.“ Seine Mundwinkel zuckten nervös.
„Das ist eine der wenigen Chancen auf die Killer zu treffen. Sie werden mit Sicherheit auf dem Ball auftauchen. Ich weiß es“, versicherte ich ihm mit vollster Überzeugung.
„Lassen wir sie einfach kommen.“
Meine Stimme zitterte vor Unerschrockenheit und Hass. Nichts und niemand würde mich daran hindern ihnen entgegenzutreten und mich zu rächen. Niemand, nicht einmal James.
„Du bist verrückt geworden, Holly“, sagte er schroff und zog sein Gesicht aus meinen Händen. Ruckartig setzte er sich auf und streifte sich seine Boxershorts über. Dann erhob er sich.
„Ich werde dich nicht zu diesem Ball gehen lassen. Du bist momentan nicht fähig klar zu denken und vernünftige Entscheidungen zu treffen“, brüllte er mich ungehalten an. Hektisch lief er im Zimmer auf und ab.
„Du kannst mich nicht daran hindern zu gehen, James“, entgegnete ich nicht weniger leise.
„OH, DOCH!!!“ Er war am Fußende des Bettes stehen geblieben und stierte mich missmutig an.
„Und wie willst du das machen? Willst du mich etwa einsperren?“, spottete ich, während ich aufstand und mich anzog.
„Wenn es nicht anders geht, dann ja.“
Ich konnte nicht anders, als in schallendes Gelächter auszubrechen. Ich fand die Vorstellung, dass James mich in meinem eigenen Haus festhalten wollte, einfach nur lächerlich.
„Hör auf über mich zu lachen. Ich mache mir doch nur Sorgen um dich und will dich vor deinen eigenen unüberlegten und bescheuerten Ideen beschützen.“
„Wie bitte?!“, fragte ich empört und drehte mich zu ihm.
„Ausgerechnet du sagst mir, dass meine Ideen bescheuert sind? Derjenige, der nie einem Risiko aus dem Weg gegangen ist und den es dabei niemals interessiert hat, was ich davon halte?“, schrie ich ungehalten. Von Minute zu Minute wurde ich aufgebrachter, weil er meinen Standpunkt nicht verstehen wollte.
„Wie oft habe ich nachgegeben, dir vertraut und dich einfach machen lassen?“ James drehte seinen Kopf zur Seite und vermied es mich anzusehen. Verärgert stellte ich mich demonstrativ vor ihn.
„Jetzt bist du mal an der Reihe meinen Instinkten zu vertrauen, James. Das schuldest du mir“, meinte ich energisch und schaute ihn herausfordernd an.
„Außerdem weiß ich, was ich tue.“ Nach diesen Worten stieß er ein verächtliches Schnauben aus.
„Das weißt du nicht, Holly, aber aus irgendeinem Grund willst du das nicht einsehen.“ Er fuhr sich hastig durch die Haare, ehe er meinen Blick endlich erwiderte.
„Du hast keine Vorstellung davon, wie ein Kampf mit einem erprobten Killer aussieht. Auch ich hatte manchmal erhebliche Schwierigkeiten es mit ihnen aufzunehmen. Ich, der über Jahre gelernt hat, wie man kämpft und tötet“, führte er weiter an.
„Du bist noch nicht bereit. Du würdest bei einem Kampf sterben. Du…“ Seine Stimme brach ab. James wandte sich von mir ab und holte tief Luft. Ich konnte nicht sagen, ob er eher wütend oder verzweifelt war.
Egal, wie sehr es mich auch schmerzte ihn so aufgelöst zu sehen, seine Sorgen würde mich nicht von meinem Vorhaben abbringen.
„Ich werde zum Maskenball gehen“, sagte ich zum gefühlten hundertsten Mal. „Ich kann dir nur das Angebot machen mitzukommen, wenn du unbedingt darauf bestehst mich nicht alleine zu lassen.“ Ich ging zu ihm und legte eine Hand auf seinen rechten Oberarm. Ich spürte, dass er ganz  leicht zitterte.
„Dann habe ich wohl keine andere Wahl, als dein Angebot anzunehmen“, gab er bekümmert nach.
Daraufhin umfasste er sanft, aber bestimmt mein Handgelenk und entfernte meine Hand von seinem Arm. Wortlos ging er an mir vorbei und verließ das Zimmer.

Die kommenden Tage sprachen James und ich kaum ein Wort miteinander. Stets hatte ich versucht ein Gespräch zu beginnen, doch er hatte immer wieder abgeblockt. Es war eindeutig, dass ihm meine Entscheidung gegen den Strich ging und er sauer war, weil ich nicht auf ihn hören wollte.
Natürlich tat es mir weh, dass er mich ignorierte, aber meinen Entschluss brachte er dadurch nicht ins Wanken.
Ich stand vor dem Ganzkörperspiegel in meinem Zimmer und bürstete gedankenverloren meine schwarzen Haare. Ich trug ein pastellblaues, schulterfreies Satinkleid, das oben eng und unten breit geschnitten war. Das  Kleid hatte ich vorgestern in der Stadt gekauft. Ich war mit Linda und Vanessa unterwegs gewesen.
Eigentlich hatte ich mich sonst immer auf den jährlichen Maskenball gefreut, doch dieses Jahr war es anders. Trotz meiner anhaltenden Entschlossenheit, fürchtete ich mich vor einer Begegnung mit den Killern. Es erklärte sich wohl von selbst, dass ich James davon nichts erzählte. Ich seufzte.
James. Vor drei Stunden hatte er das Haus verlassen, ohne mir Bescheid zu sagen. Erst von Olivia hatte ich erfahren, dass er weggegangen war.
Seitdem war ich verunsichert und machte mir Sorgen. Ich fragte mich, wohin er gegangen war und was er vorhatte.
Kaum merklich schüttelte ich den Kopf, um meine Gedanken zu verscheuchen. Heute Abend konnte ich keine Ablenkungen gebrauchen. Mein Verstand musste klar sein.
Ich legte mir zum Schluss noch das Medaillon von James um den Hals, bevor ich mich vom Spiegel wegdrehte. Zu meiner Überraschung stand James im Türrahmen und betrachtete mich mit einem Lächeln auf den Lippen. Er hatte einen edlen schwarzen Anzug an. Sein Hemd und die Schuhe waren ebenfalls, wie sollte es auch anders sein, pechschwarz.
„Du siehst bezaubernd aus, Holly“, hauchte er und trat in mein Zimmer. In seiner Hand hielt er eine schön verpackte Schachtel.
„Wo warst du?“ Ich versuchte weder besorgt, noch vorwurfsvoll zu klingen.
„Ich habe mir diesen Anzug gekauft und das…“ Er hielt mir die Schachtel entgegen.
„…ist für dich.“ Perplex nahm ich sein Geschenk an.
„Ich habe gar nicht mitbekommen, dass du dir etwas von dem Geld genommen hast.“ Ich sah ihn verwundert an. James zuckte mit den Achseln.
„Ich habe gewartet, bis du nicht in deinem Zimmer warst, ehe ich mir ein paar Dollar aus dem Versteck genommen habe.“
Mit Versteck meinte er einen Schuhkarton im hintersten Winkel meines Kleiderschranks, in dem ich die von James mitgebrachten 250.000$ verstaut hatte.
„Ich wollte dich überraschen.“ Dafür, dass er nicht gerade begeistert war, dass ich zum Maskenball ging, war er sehr gut gelaunt. Ich kam nicht umhin mich darüber zu freuen.
„Willst du die Schachtel nicht öffnen?“, fragte James mich neugierig.
„Klar“, meinte ich und fummelte an der Schleife herum. Nach einem zweiminütigen Kampf hatte ich die Schleife endlich entfernt und den Deckel abgehoben.
Im Innern der Schachtel befand sich eine filigrane, silberne Halbmaske, die mit kleinen Strasssteinen verziert war und deren Form einem Schmetterling ähnelte. Vorsichtig nahm ich die Maske in die Hand. Zwei schwarze Satinbänder, mit denen die Maske am Hinterkopf fest gemacht wurde, baumelten an den Seiten herunter.
„Das wäre nicht nötig gewesen, James“, äußerte ich, sah ihn aber trotzdem dankbar an. Für mich war sein Geschenk ein Friedensangebot.
James kam zu mir und umarmte mich von hinten. Ich schloss meine Augen und war erleichtert, dass alles wieder gut zwischen uns war.
„Es war nötig“, flüsterte er mir zu und gab mir einen Kuss auf den Kopf. Ich schmunzelte. Liebevoll strich er mir über die Oberarme, ehe er meinen Hals küsste. Eine wohlige Gänsehaut überfiel mich.
„Bist du dir immer noch sicher, dass du das machen willst; dass du bereit bist?“, wollte James von mir wissen. Vermutlich hoffte er, dass ich es mir in den vergangenen Stunden anders überlegt hatte. Ich drehte mich in seinen Armen um.
„Ich bin mir sicher“, antwortete ich rasend schnell. „Dir gefällt meine Entscheidung nicht, dass ist mir klar, aber ich versichere dir, dass mir heute Abend nichts passieren wird. Uns beiden nicht.“ Ich schlang meine Arme um seinen Nacken und schaute ihn an.
„Wir überleben das.“ Nach meinem Versprechen verzog sich James´ Mund zu einem geraden Strich.
„Ja, weil ich dich beschützen werde, Holly. Ich werde dafür sorgen, dass du dich nicht leichtsinnig in Gefahr begibst und dass nur, weil du deine Fähigkeiten überschätzt“, meckerte er mich an.
Augenblicklich machte ich einen Schritt zurück.
„Du bist nicht gut vorbereitet. SIEH ES DOCH EIN!!!“ Ich war über seinen Ausraster entsetzt. Meine Lippen bibberten.
„James, was….“ Ich brachte kein weiteres Wort mehr heraus. Wie konnte er von einem Moment auf den Anderen dermaßen ausflippen?
„Es…es tut mir leid“, sagte er plötzlich reumütig und seine Miene wurde sanft.
„Ich bin nur…Ach, ich weiß nicht“, jammerte er und stöhnte gequält. Die Situation war für ihn sichtlich schwer. Ich nahm ohne ein weiteres Wort seine rechte Hand und lächelte ihn aufmunternd an.
Danach entfernte ich mich von ihm und öffnete die Tür.
„Wir sollten jetzt los, James“, meinte ich und sah zu ihm zurück. Bewegungslos verharrte er in seiner Position und machte keinerlei Anstalten mir zu folgen. Etwas ungeduldig wartete ich darauf, dass er irgendetwas tat.
„Mir ist klar, dass ich dich nicht mehr umstimmen kann, aber es ist ein Fehler heute Abend zu diesem Ball zu gehen. Ein großer Fehler“, prophezeite James mit düsterer Stimme. Dann ging er schnurstracks an mir vorbei und verließ das Zimmer.

Dunkelheit umschloss meinen Ford, der über die Straßen glitt. Das einzige Licht spendeten die Straßenlaternen, die unseren Weg säumten. Zum Glück hatte es seit Langem nicht mehr geschneit. Jedoch waren die Temperaturen unverändert und so waren die Straßen stark vereist.
James saß am Steuer, weil ich mit meinen hohen Schuhen nicht gut Auto fahren konnte. Stur starrte er geradeaus. Mit einer Hand steuerte er galant meinen Wagen über die Straßen.
Ich hatte mich entschieden nicht mit James zu reden.
Ich wollte mich nicht weiter mit ihm streiten und darüber diskutieren, wer von uns beiden Recht hatte. James schien das Schweigen nicht zu stören. Er hing einfach seinen Gedanken nach. Hin und wieder hatte er einen Seitenblick auf mich geworfen. Vielleicht hatte er dadurch versucht, herauszufinden, was ich dachte und wie ich mich fühlte.
Wenn ich ehrlich war, dann war ich froh, dass er nicht mehr mit einer unglaublichen Leichtigkeit meine Gedanken lesen konnte. Denn sonst hätte er sicherlich meine Unsicherheit und Angst erkannt.
Ich konnte nicht sagen, ob seine negative Haltung mich nun doch verunsichert hatte oder ich mir selbst nichts mehr zutraute. Wo war meine Unerschrockenheit geblieben? Hatte ich mir selbst etwas vorgemacht? Hatte ich die Augen vor der Realität verschlossen? Ich war durcheinander. Zwar wusste ich, was ich von James gelernt hatte und dass ich diese Techniken perfekt ausführen konnte, doch ich hatte keine Ahnung, wie es bei einem Kampf mit den Killern für mich ausgehen würde. Sie würden gegen mich all ihre Kraft einsetzen. Nicht wie James, der sich beim Training zurückgehalten hatte. Er…
„Wir sind da“, brummte James missmutig neben mir und schaltete den Motor aus.
Ich war so sehr in Gedanken versunken, dass mir gar nicht aufgefallen war, dass wir bereits die High School erreicht hatten. Durch die breiten Fenster der Schule drang helles Licht, das die Umgebung beleuchtete und nicht mehr ganz so trostlos aussehen ließ. Hart schluckte ich. Jetzt wurde es langsam ernst.
Als ich ausstieg, bemühte ich mich meine schlotternden Knie wieder unter Kontrolle zu bekommen, bevor James etwas bemerkte. Ich schlug die Beifahrertür zu und machte einen tiefen Atemzug. Ich war bereit.
„Ich halte es immer noch für vernünftiger zurückzufahren und nicht zu diesem Ball zu gehen“, stellte er erneut klar. Ich verdrehte die Augen, als er nicht hinsah.
„Ich habe mich entschieden, James“, entgegnete ich mutiger, als erwartet. Zwar wurde ich jede Minute nervöser und angespannter, doch ich würde jetzt bestimmt keinen Rückzieher mehr machen. Auf gar keinen Fall.
Trotzig reckte ich mein Kinn und schaute ihn herausfordernd an.
„Ich werde meine Meinung nicht ändern, egal, wie oft du mich fragst“, fuhr ich fort.
Dann zog ich die silberne Maske aus meiner trägerlosen Handtasche und setzte diese auf.
„Du bist wunderschön, Holly“, meinte James auf einmal mit leiser Stimme. Dabei sah er mich mit schmerzverzerrter Miene an. Ehe ich fragen konnte, was ihn bedrückte, setzte er seine eigene schwarze Halbmaske auf und schritt an mir vorbei.
Er wollte mir offensichtlich aus dem Weg gehen, um ein Gespräch mit mir zu vermeiden. Eilig hastete ich hinter ihm her.
Neben James herlaufend näherte ich mich dem Schulgebäude. Es dauerte nicht lange und Gelächter und laute Stimme drangen an meine Ohren. Ich betrachtete die anderen Schüler, die gut gelaunt und voller Vorfreude die Schule betraten. Es war deprimierend, dass ich an nichts anderes denken konnte, als an James´ Ex-Kollegen. Ich war mir hundertprozentig sicher, dass sie heute hier waren und nur darauf warteten uns anzugreifen. Doch sie würden sich noch wundern, schließlich war ich vorbereitet. Das hoffte ich zumindest.
Am Haupteingang blieb James abrupt stehen. Atemlos hielt ich ebenfalls an. Etwas grob packte er mein linkes Handgelenk.
„Was ist?“, fragte ich verblüfft. Ich hatte die Befürchtung, dass er seinen Willen durchsetzen und mich zurück zum Auto zerren wollte.
„Wenn wir jetzt da rein gehen, dann gibt es kein zurück mehr. Das ist dir hoffentlich bewusst“, sagte er mürrisch und belegte mich mit einem vielsagenden Blick.
„Das ist mir bewusst“, erwiderte ich mit fester Stimme. Anschließend nahm ich, ohne ein weiteres Wort, seine Hand und zog ihn hinter mir her ins Schulgebäude.
Im langen Korridor war es brechend voll. Der Lärm war ohrenbetäubend. Viele Schüler warteten noch auf ihre Freunde, bevor sie zur Turnhalle gingen, wo der Ball stattfand. Alle waren festlich gekleidet. In den Gesichtern konnte ich eine Vielfalt an unterschiedlichen Masken erkennen.
„Hey, Holly!“ Ich erschrak, als ich von hinten energisch an den Schultern gefasst wurde. Als ich mich umdrehte, stand eine aufgeregte Vanessa vor mir, die mich anstrahlte.
Flüchtig schaute sie zu James herüber und grinste ihn an.
„Hallo“, grüßte ich sie und schloss sie in meine Arme. Meine Stimmung hob sich etwas und ich hatte doch noch die Hoffnung, dass es ein halbwegs normaler Abend werden könnte. Wenigstens für ein paar Stunden.
„Du siehst wirklich toll aus“, sagte sie fröhlich und betrachtete mich. „Linda und ich wussten, dass dir das Kleid gut stehen würde.“ Ich spürte, wie meine Wangen augenblicklich rot wurden.
„Danke“, meinte ich etwas verlegen. „Du siehst aber auch toll aus.“ Vanessas Reaktion war ein breites Lächeln. Dieses verschwand jedoch auf einen Schlag und ihre Miene zeigte Verwunderung.
„Stimmt irgendetwas nicht? Dein Freund verhält sich irgendwie eigenartig.“ Ihre Augen hatte sie auf James geheftet, der ein Stückchen hinter mir stand. Ich folgte ihrem Blick. James wirkte nervös und angespannt. Er stand kerzengerade im Korridor und blickte sich hektisch um. Wie unauffällig.
„Ähm…er ist nur aufgeregt, weil er noch nie auf einem Maskenball war“, log ich. Meine Lüge war dermaßen schlecht, dass ich stark bezweifelte, dass Vanessa sie mir abkaufte. Ein Stirnrunzeln ließ nicht lange auf sich warten.
„Bist du dir sicher?“, erkundigte sie sich besorgt und ließ James keine Sekunde mehr aus den Augen.
„Ja, bin ich. Wir sollten langsam zur Turnhalle gehen“, rasselte ich in einer Wahnsinnsgeschwindigkeit herunter. Ich wollte unbedingt, dass Vanessa aufhörte Fragen über meinen Freund zu stellen.
„Okay“, stimmte sie mir leicht verwirrt zu. Kein Wunder, schließlich war es offensichtlich, dass ich sie von James komischen Verhalten ablenken wollte. Vanessa setzte sich in Bewegung und ging voraus. Ich schnappte mir erneut James´ Hand und zog ihn hinter mir her. Ich achtete darauf, dass genug Abstand zwischen Vanessa und uns bestand, bevor ich ihn ansprach.
„Ist es eventuell möglich, dass du es unterlässt, dich so auffällig zu benehmen?“, zischte ich und sah ihn erbost an. Ihn schien meine Wut nicht zu interessieren. Gelassen erwiderte er meinen Blick.
„Mir ist es gleichgültig, ob ich mich auffällig benehme und was deine Freunde über mich denken. Mir ist es wichtiger wachsam und auf alles vorbereitet zu sein. Das solltest du auch“, wies James mich zurecht. Empört klappte mir die Kinnlade herunter.
„Das kann unmöglich dein Ernst sein.“ Unkontrolliert verstärkte ich den Druck auf seine Hand. Er verzog keine Miene.
„Das ist mein Ernst. Also tu mir den Gefallen und pass auf, schließlich wolltest du zu diesem Ball gehen und dein Leben riskieren.“ Er riss seine Hand ruckartig aus meiner und ging voraus. Er hechtete sogar an Vanessa vorbei. Sekunden später war er bereits aus meinem Blickfeld verschwunden.
Seine Vorwürfe hoben meine schon miese Stimmung nicht gerade.
Ich hasste es, wenn er mich anschnauzte und dann einfach abhaute, anstatt mit mir zu reden. Ich hatte es satt von ihm zu hören, wie leichtsinnig und dumm meine Entscheidung war hierher zu kommen. Obwohl ein kleiner Teil von mir ihn durchaus verstehen konnte, sah ich es nicht ein mich bei ihm zu entschuldigen und von hier zu verschwinden.
„Ist alles klar bei euch?“ Vanessa stand plötzlich neben mir und schaute mich besorgt an.
„Ja, ja“, war meine knappe Antwort. „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.“ Daraufhin lächelte sie mich erleichtert an.
„Da bin ich ja froh“, meinte sie und legte einen Arm um meine Schultern. Gemeinsam schlugen wir den Weg zur Turnhalle ein. Unterwegs trafen wir Zack, der einen aschgrauen Anzug trug, welcher seine rundliche Körperform noch zusätzlich betonte. Er war genauso fröhlich und aufgedreht, wie Vanessa. Es deprimierte mich, dass ich nicht dieselbe Begeisterung aufbringen konnte.
Mit einer Mischung aus Angst, Anspannung und Nervosität betrat ich endlich gemeinsam mit Vanessa und Zack die große Turnhalle. Hier war die Musik, die man bereits im Korridor hatte hören können, sehr laut. Ein Rauschen legte sich auf meine Ohren und der dumpfe Bass brachte den Boden unter meinen Füßen zum Vibrieren.
Ich ignorierte das Gefühl der vorübergehenden Taubheit und schaute mich lieber um. Die hohen Wände waren mit einem leichten, weißen Stoff verkleidet, genauso wie die Basketballkörbe, die dadurch überhaupt nicht mehr zu sehen waren.
Scheinbar waren in den Stoff unzählige kleine Lämpchen angebracht worden, denn von überall strahlte mir Licht entgegen. Mir kam es so vor, als leuchteten hunderte Sterne.
Dann sah ich nach oben. Unter der Decke schwebten an die zweihundert weiße und silberne Luftballons.
„Die Dekoration ist wirklich gelungen“, meinte überraschenderweise Zack, der sich mit glänzenden Augen umschaute. Ich musste ein Lachen unterdrücken.
„Da hast du Recht“, stimmte ich ihm zu und warf Vanessa einen Seitenblick zu, der sie zum Grinsen brachte. Während wir beide uns anlächelten und Zack sich weiterhin umsah, tauchten Linda, Cassidy und Daphne plötzlich auf.
Alle drei waren ausgelassen und fröhlich. Dementsprechend stürmisch fiel die Begrüßung aus.
Ich spürte, wie die erdrückenden Gedanken, die meinen Verstand beherrscht hatten, in den Hintergrund rückten und ich mich glücklich fühlte. Es tat gut endlich wieder eine Situation mit meinen Freunden zu erleben, in der die meisten von ihnen nicht mies gelaunt waren oder Linda und ich uns stritten. Und das nur, weil James nicht da war. Egal, wie schmerzhaft diese Erkenntnis auch für mich war, es war nun mal so und dass musste ich akzeptieren. Ändern würde sich schließlich nichts daran. James gehörte für meine Freunde einfach nicht dazu. Für sie passte er nicht in unsere Welt. Es schien, als spürten sie, dass James´ Leben so ganz anders verlaufen war, als unseres.
„Wo ist eigentlich James geblieben?“ Vanessas Stimme drang erst einige Sekunden später zu mir durch. Mein Kopf schnellte zu den Gesichtern meiner Freunde. Bis auf Daphne und Vanessa sahen alle aus, als ob ihnen fürchterlich schlecht geworden wäre. Es ärgerte mich, dass Vanessa diesen Moment voller Harmonie mit dieser einen Frage zunichte gemacht hatte.
„Ich weiß nicht, wo er ist“, zischte ich gemeiner, als beabsichtigt. Vanessas darauffolgender Blick schien mich fragen zu wollen, ob sie etwas falsch gemacht hatte.
„James ist also auch hier“, meinte Linda mit einem aggressiven Unterton. Augenblicklich verdrehte ich die Augen und seufzte. Ich hatte geahnt, dass solch eine Reaktion kommen würde. Es war ja nicht das erste Mal, dass James´ Anwesenheit die gute Stimmung zwischen uns zerstörte.
„Ja, er ist hier“, blaffte ich sie an. „Es ist wohl besser, wenn ich ihn suchen gehe. Und keine Sorge, ich werde nicht mit ihm zusammen zurückkommen. Ihr könnt euch also ruhig darüber unterhalten, wie wenig ihr ihn leiden könnt und dass er der schlechteste Mensch auf diesem Planeten ist.“ Blitzschnell war meine aufgekommene gute Laune wie weggeblasen. Vor Zorn zitterte mein gesamter Körper. Mit einem letzten zornigen Blick auf meine Freunde wandte ich mich ab und ließ sie einfach stehen.
Wild schnaubend drängte ich mich auf der Suche nach James durch die Schülermassen. Ich hatte keine Ahnung, wo ich ihn finden konnte. Ich war mir nicht mal sicher, ob ich ihn überhaupt finden wollte, denn er war momentan nicht gut auf mich zu sprechen.
Super. James war sauer auf mich, weil ich nicht auf ihn gehört und zum Maskenball gegangen war und ich war sauer auf meine Freunde, weil sie James nicht mochten.
Was für ein Abend, dachte ich enttäuscht. Ich blieb mit einem Mal stehen und ließ den Kopf hängen. Den Geräuschpegel um mich herum blendete ich aus. Ich brauchte Ruhe. Unbedingt.
Doch lange war mir die Ruhe nicht vergönnt. Eine warme Hand legte sich urplötzlich auf meine rechte Schulter. Ich brauchte nur die langen Finger zu sehen, um zu wissen, dass es sich um James handelte. Ich ließ meine Augen von seiner Hand, bis zu seinem Gesicht wandern. Im ersten Moment schien seine Miene ausdruckslos zu sein, doch bei genauerer Betrachtung fiel mir auf, dass er erleichtert war.
„Ich habe dich gesucht“, flüsterte ich. James nickte kaum merklich. Dann hob er seine Hand von meiner Schulter und berührte mich zart an der Wange. Ich erschauderte.
„Ich habe dich auch gesucht.“ Er küsste mich auf die Stirn, ehe er seine Hände in meine legte. „Es tut mir leid, dass ich dich dermaßen unfair behandelt und dich angeschrien habe.“ Seine Stimme war sanft.
„Egal, wie sehr es mir auch missfällt, dass wir beide hier sind, ich hätte dich nicht anschnauzen und alleine lassen dürfen. Besonders dann nicht, wenn meine Ex-Kollegen mit Sicherheit anwesend sind und nur darauf warten uns anzugreifen.“
Bei der Erwähnung der Killer wurde ich sofort nervös und unruhig. Mein Herzschlag beschleunigte sich und mir schnürte sich die Kehle zu. Für einige Minuten hatte ich den eigentlichen Grund, warum wir hier waren; die eigentliche Gefahr vergessen. Ich hatte nicht mehr daran gedacht, dass uns eine Begegnung mit den Killern bevorstand. Dabei war ich diejenige von uns beiden gewesen, die mit allen Mitteln darum gekämpft hatte hierher zu kommen und ihnen entgegen zu treten.
Doch je näher der Augenblick eines möglichen Kampfes rückte, desto unsicherer und ängstlicher wurde ich. Ich war beinahe soweit zu sagen, dass James möglicherweise Recht gehabt hatte und ich noch lange nicht bereit war es mit ihnen aufzunehmen.
„Holly?“
„Ja?“, krächzte ich automatisch.
„Geht es dir gut? Du wirkst so abwesend“, brachte er besorgt hervor, während er aufmerksam meine Miene studierte.
„Mit mir ist alles in Ordnung“, log ich ihm mitten ins Gesicht. Zu meiner Überraschung hatte ich diesen Satz mit einer Entschlossenheit ausgesprochen, die mich selbst zum Staunen brachte. Dennoch schien James zu ahnen, ja fast schon zu spüren, dass ich nicht die Wahrheit sprach.
„Irgendetwas stimmt doch nicht“, vermutete er misstrauisch und schob seine Augenbrauen zusammen.
„Alles ist gut, James. Wirklich.“ Ich drückte fest seine Hände.
„Oder denkst du, dass ich dich belüge?“, fragte ich ihn betrübt. Mir war klar, dass es nicht die feinste Art war ihm seine Sorgen zum Vorwurf zu machen und ihm die Verletzte vorzuspielen, aber ich wollte es unbedingt vermeiden, dass er herausfand, was mich bedrückte. Er sollte nicht erfahren, dass ich meine Furchtlosigkeit in Punkto Auftragskiller verloren hatte, so, wie er es vorausgesehen hatte.
„Natürlich denke ich nicht, dass du mich belügst“, versicherte er mir. Dann beugte er sich zu mir herunter und küsste mich innig. Einen Augenblick lang war ich sorglos und unbeschwert. Ein Kuss von James wirkte bei mir wahre Wunder. Das war schon immer so gewesen.
„Wie wäre es mit einem Tanz?“, schlug er mir vor, nachdem der Kuss zwischen uns beendet war. Ich musste mich zu einem Lächeln zwingen, als ich sein Angebot annahm. Zwar freute es mich, dass James mich auf andere Gedanken bringen und mit mir tanzen wollte, doch meine Verunsicherung und Angst konnte er mir nicht nehmen.
James führte mich galant zur Tanzfläche, die sich in der Mitte der Turnhalle befand. Gerade spielte die Schulband einen schnellen Rocksong. Etwas zurückhaltend und zaghaft begann ich mich zum Takt der Musik zu bewegen, da ich noch nie in einem langen Abendkleid getanzt hatte. Mit der Zeit gewöhnte ich mich jedoch an das Kleid und ich traute mir schnellere Bewegungen zu.
Nebenbei beobachtete ich James neugierig. Ich war gespannt, ob er nicht nur die Standardtänze beherrschte, sondern ob er auch Freestyle tanzen konnte. Als er anfing zu tanzen, überraschte es mich nicht, dass ich nun einen weiteren Punkt auf die Liste von James´ Fähigkeiten setzen konnte. Ich fragte mich ernsthaft, ob es etwas gab, was James Roddick nicht konnte.
„Sehe ich beim Tanzen komisch aus oder warum starrst du mich unentwegt mit einem Lächeln im Gesicht an?“, wollte er amüsiert von mir wissen.
„Du siehst nicht komisch aus, ganz im Gegenteil“, antwortete ich bewundernd. „Ich bin bloß erstaunt, dass es anscheinend nichts gibt, was du nicht kannst.“ Meine Worte ließen ihn sogleich überheblich grinsen.
„Jetzt bilde dir bloß nichts darauf ein“, ermahnte ich ihn spaßeshalber. Sein Grinsen wurde daraufhin nur noch breiter.
„Das wäre mir im Traum nicht eingefallen“, sagte er und zwinkerte mir zu. Dann nahm er meine linke Hand und wirbelte mich herum. Meine langen schwarzen Haare schnitten durch die Luft. Vor meinen Augen flackerten unzählige Formen und Farben auf, die zu einem Strudel verschmolzen und mich verzauberten.
Plötzlich verschwand jedoch das herrliche Gemisch und James zog mich an sich. Erst jetzt merkte ich, wie schwindelig mir war. Ich schloss meine Augen und schmiegte mich an ihn. Genüsslich sog ich den unverwechselbaren herben Duft ein, den er verströmte und den ich so sehr liebte.
„Ich liebe dich, James“, hauchte ich gegen seine Brust. So leise, dass ich bezweifelte, dass er mich verstanden hatte.
„Ich dich auch“, entgegnete er und fuhr mit seinen Fingerspitzen über meinen Rücken.
„Entschuldigung?“ Meine Muskeln verkrampften sich und mein Herz blieb augenblicklich stehen, als ich plötzlich diese Stimme hörte. Panisch riss ich die Augen auf und da stand sie wahrhaftig vor mir: Ophelia.
Sie war in ein schwarzes, trägerloses Spitzenkleid gehüllt, das einen aufwendig verzierten und gewagten Ausschnitt besaß und in einer eleganten Schleppe endete. Ihre Füße steckten in schwindelerregend hohen High Heels, die sie noch viel größer erscheinen ließen. Das seidige dunkle Haar fiel ihr locker über die Schultern und betonte zusätzlich ihre elfenbeinfarbene Haut.
Als ich ihr ins Gesicht sah, fielen mir ihre Halbmaske, die passend zu ihrem Kleid ebenfalls aus Spitze bestand, und ihre rot geschminkten Lippen auf, die zu einem zuckersüßen Lächeln verzogen waren. Ihre Augen ruhten auf mir, während ich atemlos und starr vor Angst neben James stand. Dieser schob mich direkt schützend hinter seinen Rücken.
Obwohl ich nichts mehr gewollt hatte, als hierher zu kommen, um den Killern zu begegnen und gegen sie zu kämpfen, wünschte ich mir nun nichts sehnlicher, als zu Hause zu sein.
„Endlich habe ich euch gefunden“, kam es erleichtert über ihre Lippen.
„Wir suchen euch beide schon die ganze Zeit.“ Ich musste hart schlucken. Die Killer hatten uns erwartet und sich auf unser Kommen gut vorbereitet.
„Verschwinde und die anderen kannst du gleich mitnehmen“, raunte James aggressiv und blickte sie hasserfüllt an.
Ophelias Reaktion war, wie sollte es auch anders sein, lautes hämisches Gelächter.  
Als sie sich endlich wieder beruhigt hatte, kam sie einen Schritt auf uns zu, was James dazu veranlasste mich weiter nach hinten zu schieben. Ich wollte schon protestieren, doch letztlich blieb ich still.
„Ich halte es für besser, wenn wir alle hier bleiben, schließlich sind wir gekommen um Spaß zu haben“, freute sie sich und klatschte begeistert in die Hände.
Ich bemerkte, wie James seine Muskeln anspannte und die Luft anhielt. Durch Ophelias Auftauchen hatte sich seine schlimmste Befürchtung bewahrheitet. Er hatte mich mit allen Mitteln davon abhalten wollen, zu diesem Ball zu gehen; er hatte mich schützen wollen. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie voreilig ich gewesen war und wie sehr ich meine eigenen Fähigkeiten überschätzt hatte.
Es tat mir unendlich leid, dass ich so leichtsinnig gewesen; dass James bloß meinetwegen mitgekommen war. Nun war sein Leben erneut in Gefahr und dass war nur meine Schuld.
„Hau sofort ab, sonst…“
„Sonst was, Jimmy? Willst du mich dann etwa vor all diesen Leuten angreifen?“, spottete sie und ließ ihren Blick über die anderen Schüler schweifen. Darauf konnte James nichts erwidern, denn er wusste, dass sie Recht hatte.
„Seid doch nicht so betrübt“, sagte sie belustigt. „Wir sind hier auf einer tollen Party, also sollten wir uns auch amüsieren.“ Ophelia lächelte und entblößte eine Reihe strahlend weißer, gerader Zähne.
„Ich persönlich habe Lust zu tanzen“, verkündete sie und sah mir dabei tief in die Augen. Ich bekam eine Gänsehaut und mir gefror das Blut in den Adern.
„Dürfte ich mir deinen Freund für einen Tanz ausleihen?“, fragte sie mich direkt heraus. Bevor ich irgendeinen Ton herausbringen konnte, antwortete James für mich.
„Vergiss es. Deine Spielchen mache ich nicht mit. Keiner von uns“, schnauzte er sie wutentbrannt an. Er würde vor Zorn bald explodieren, da war ich mir sicher.
„Das ist wirklich schade“, schmollte sie und schob ihre Unterlippe vor. „Vielleicht solltest du es dir noch mal überlegen, ob du mit mir tanzen möchtest, Jimmy“, meinte sie geheimnisvoll und ging ganz nahe an James heran. Schweigend beobachtete ich die Szene.
„Wenn du nein sagst, dann bin ich dazu gezwungen deine Meinung zu ändern“, fuhr Ophelia mit einem affektierten Grinsen im Gesicht fort. Ihre Augen blitzten unheilvoll.
„Du kannst mich jetzt genauso wenig angreifen, wie ich dich“, belehrte er sie mit rauer Stimme. Augenblicklich lachte Ophelia laut auf.
Ihr hohes, glockenähnliches Lachen erfüllte den gesamten Raum. Viele meiner Mitschüler hatten bereits ihre Köpfe zu der Killerin gewandt und beäugten sie neugierig. Sehr unauffällig verhielt sie sich nicht gerade, dafür, dass sie und ihre Kollegen hierher gekommen waren, um James und mich zu töten.
„Wer hat denn gesagt, dass ich dir wehtun will?“, wollte sie von meinem Freund wissen. Nach ihren Worten hatte ich das Gefühl einen Herzinfarkt zu bekommen.
„Was willst du damit sagen?“
Für zwei Sekunden entgleisten James´ Gesichtzüge, doch er hatte sich schnell wieder unter Kontrolle.
„Ich will damit sagen, dass ich mich einem deiner Freunde widmen werde, wenn ich meinen Willen nicht bekomme, Püppchen“, äußerte sie an mich gewandt.
Nachdem ich das von ihr gehört hatte, verschwand von einer Sekunde auf die Andere meine Angst und ich kam aus meiner Starre heraus.
Es war eine Sache, wenn sie es auf mich abgesehen hatte, aber eine ganz andere, wenn sie drohte meinen Freunden, die nichts mit der Sache zu tun hatten, etwas anzutun.
Ich trat hinter James´ Rücken hervor und baute mich vor ihr auf. Ophelia schmunzelte und schaute abwertend auf mich herab.
„Tu also lieber nichts Unüberlegtes und hör auf das, was ich sage. Ich hoffe wir verstehen uns“, äußerte sie melodramatisch. Schockiert fiel mir die Kinnlade herunter.
„Du…du…“, presste ich hervor, aber mehr kam nicht über meine Lippen. Unbewusst ballte ich meine Hände zu Fäusten und bohrte meine Fingernägel schmerzhaft in meine Haut. Die Killerin stand weiterhin unbeeindruckt vor mir und grinste unverschämt. Mir reichte es. Das war genug.
Wie ein wild gewordener Stier schnaubte ich, als ich mich auf sie stürzte. Ich schlug nach ihr und traktierte sie mit boshaften Blicken, doch sie wich mir aus.
Bevor ich noch mehr anrichten konnte, schlang James seine Arme um mich und hielt mich mit aller Kraft fest.
„Beruhige dich, Holly“, raunte er mir ins Ohr.
„Ich will aber nicht“, entgegnete ich schroff. „Sie will meine Freunde verletzen. Ich muss sie aufhalten.“ Ich wand mich in seinem Griff. Für einen Augenblick kam ich in Versuchung an James die Techniken, die er mir selbst beigebracht hatte, anzuwenden, um frei zu kommen. Im letzten Moment überlegte ich es mir jedoch anders.
„Du kannst sie nicht aufhalten. Sie wird ihre Drohung nur dann nicht wahrmachen, wenn sie bekommt, was sie will.“ Er ließ mich los und schritt auf seine ehemalige Kollegin zu. Diese hielt ihm bereits elegant ihre rechte Hand entgegen.
Ich musste dabei zusehen, wie James ihre Hand ergriff und sich ein triumphales Lächeln auf ihre Lippen stahl. Ehe er mit Ophelia auf die Tanzfläche verschwand, drehte er sich noch einmal zu mir um.
„Bleib genau hier stehen und geh nicht weg. Ich bin gleich wieder da“, flüsterte er. Seine Miene war dabei todernst. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu nicken und ihn gehen zu lassen. Mir war zwar alles andere, als wohl dabei, aber ich war mir sicher, dass ihm nichts passieren würde. Ich vertraute darauf, dass er wusste, was er tat und wohlbehalten zu mir zurückkehren würde.

Ich hatte das Gefühl, dass die Welt zum Stillstand gekommen war. Alle Menschen um mich herum bewegten sich wie in Zeitlupe. Dazu kam eine unheimliche Stille, die mich wie eine Hülle umgab und mich gefangen hielt. Seit einer halben Ewigkeit starrte ich wie hypnotisiert auf einen Punkt. Eigentlich wollte ich wegsehen, doch aus unerfindlichen Gründen konnte ich es nicht.
Meine Augen waren auf James und Ophelia gerichtet. Die Beiden tanzten passend zur langsamen Musik, die gespielt wurde. Sie wiegten sich im Takt und sahen sich ununterbrochen an. Ich konnte es nicht verhindern, dass ein stechender Schmerz mein Herz durchzog, obwohl mir klar war, dass James diese Frau hasste und verabscheute.
Trotzdem war ich eifersüchtig, schließlich tanzte eine äußerst attraktive Frau mit meinem Freund. Eine Frau, die mit ihren fließenden und grazilen Bewegungen jedes weibliche Wesen in diesem Saal vor Neid erblassen ließ.
Nachdem James und sie mich zurückgelassen hatten, hatte es nicht lange gedauert, bis ich meine Entscheidung bereut hatte. Niemals hätte ich auf James hören und Ophelia ihren Willen lassen dürfen. Seit Längerem spielte ich schon mit dem Gedanken zu den beiden herüber zu gehen und Ophelia endlich alles heimzuzahlen.
Aber mein Gefühlschaos hielt mich davon ab, auf sie loszugehen. Ich wechselte stetig zwischen lähmender Panik und flammendem Hass hin und her. Kämpfen oder nicht? Kämpfen oder nicht? Kämpfen oder nicht? Mir schwirrte der Schädel. Wieso konnte ich mich nicht für eins von Beidem entscheiden?
„Holly?“ Daphne tauchte urplötzlich neben mir auf und wedelte mit einer Hand vor meinen Augen herum. Mir fiel es schwer meinen Blick von James abzuwenden und meine Freundin anzusehen.
„Was ist?“, fragte ich sie mit genervtem Unterton. Da Daphne mich unbeirrt fröhlich anlächelte, schien ihr meine schlechte Laune nicht aufgefallen zu sein.
„Ich suche dich bereits seit über fünfzehn Minuten“, warf sie mir gespielt empört vor und stemmte die Hände in die Hüften.
„Warum denn?“ Ich wandte mich ihr zu. Dennoch beobachtete ich aus den Augenwinkeln weiterhin das Tanzpaar.
„Weil so ein blonder, großer Typ nach dir gefragt hat. Er meinte er würde dich kennen und gerne mit dir reden, weil er dich lange nicht mehr gesehen hat“, erklärte sie mir. Mir wich die ganze Farbe aus dem Gesicht.
„Wie bitte?“, krächzte ich. Meine Kehle war staubtrocken. Daphne runzelte verwirrt die Stirn. Vermutlich hielt sie mich für begriffsstutzig.
„Ich habe gesagt, dass ein Typ nach dir gefragt hat“, wiederholte sie und beäugte mich besorgt.
„Hat er…hat er seinen…Na…Namen genannt?“, stammelte ich. Ich hatte nicht die Kraft meine sorglose Fassade aufrecht zu erhalten.
„Ja.“ Daphne nickte eifrig. „Er heißt Patton.“
Auf einen Schlag wurde mir speiübel und alles drehte sich vor meinen Augen. Patton war gekommen, um mir zu zeigen, was richtige Schmerzen waren, so, wie er es mir bei unserer letzten Begegnung angedroht hatte.
„Stimmt etwas nicht?“
„Nein, nein“, sprudelte es mir heraus. Ich musste mich zusammenreißen, egal, wie sehr mich die Nachricht, dass Patton nach mir suchte, in tierische Panik versetzte.
„Bist du dir sicher? Du siehst so blass aus.“ Daphne legte eine Hand auf meine linke Schulter und betrachtete meine Haut.
„Ja“, presste ich angestrengt hervor. „Hat er sonst noch irgendetwas zu dir gesagt?“ Kurz dachte sie nach, bevor sie mir antwortete.
„Jetzt, wo du es sagst…“ Ungeduldig wartete ich darauf, dass sie weitersprach.
„Er hat gesagt, dass du ihn nicht suchen musst, weil er dich schon finden wird.“ Nach dieser Aussage, hinter welcher sich so viel verbarg, wurden meine Beine weich wie Pudding.
Patton würde mich finden. Mit Sicherheit. Daran gab es gar keinen Zweifel.
Was sollte ich tun? Sollte ich auf James warten und ihm Bescheid sagen? Sollte ich ihn auf eigene Faust suchen und mich ihm entgegenstellen oder doch lieber weglaufen?
„Was ist das überhaupt für ein Kerl?“ Daphnes Frage unterbrach jäh meine Gedanken und brachte mich völlig aus dem Konzept. An ihrer Miene konnte ich ablesen, dass sie versessen darauf war zu erfahren, woher ich Patton kannte.
„Er ist ein alter Bekannter“, murmelte ich. Das stimmte sogar, auch wenn ich mir wünschte, dass ich ihm niemals begegnet wäre.
Ohne, dass ich es beeinflussen konnte, schossen mir blitzschnell Bilder vom Tod meiner Mom in den Kopf. Wie sie verängstigt und am Rande eines Nervenzusammenbruchs vor Patton gesessen hatte. Wie ich sie hatte schützen wollen, doch er mich daran gehindert und sie getötet hatte.
Die ersten Tränen ließen nicht lange auf sich warten. Mit größter Not konnte ich sie zurückhalten und verhindern, dass sie mir über die Wangen liefen. Ich wollte nicht weinen. Ich wollte nicht, dass Daphne sich Sorgen machte oder mir unangenehme Fragen stellte.
„Ich hol mir mal was zu trinken“, kam es ganz plötzlich über meine Lippen. Daphne wirkte darauf wie vor den Kopf gestoßen. Mir war klar, dass sie das als Ausrede oder Flucht von mir auffasste, doch mir war es gleichgültig.
Ich musste etwas tun und endlich aktiv werden. Ich konnte nicht weiter herumstehen und darauf warten, dass die Killer sich auf mich stürzten. Meine Entschlossenheit kehrte mit einem Mal zurück und ich entschied mich dafür zu kämpfen.
Daphne schaute mir entgeistert hinterher, als ich sie stehen ließ.  Unerschrocken bahnte ich mir einen Weg durch die Menschenmenge. Wohin ich ging, wusste ich nicht.
Was geschehen würde, wenn ich Patton begegnete, wusste ich genauso wenig.
Aber ich…  
Ungebremst stieß ich mit Jemandem zusammen. Der Aufprall war hart und schmerzhaft, wie beim Zusammenstoß mit einer Wand. Ich taumelte und sah für ein paar Sekunden hunderte Sterne vor mir.
Als ich einen Schritt nach hinten machte, knickten meine Beine weg. Ich wäre auf den Boden gesackt, wenn mich mein Gegenüber nicht festgehalten hätte.
Unter meinen Fingern fühlte ich Muskelstränge und warme Haut. Ein undefinierbarer Geruch, der Kopfschmerzen bei mir auslöste, stieg mir in die Nase.
„Du solltest vorsichtiger sein, sonst verletzt du dich noch, Süße, und das wollen wir doch nicht, oder?“ Pattons gewaltige Stimme bebte über mich hinweg.
Scheiße. Ich war ihm im wahrsten Sinne des Wortes in die Arme gelaufen. Der blonde Killer verstärkte seinen Griff um mich, so, dass meine Rippen zusammengedrückt wurden und ich nicht mehr atmen konnte.
Ich blinzelte so lange, bis ich ihn klar vor mir erkennen konnte. Ein übertriebenes Grinsen zierte sein Gesicht, als er mich mit seinen blauen Augen anstarrte.
Er beugte sich zu mir herunter. Der Geruch wurde stärker und brannte mir unangenehm in der Nase. Mir wurde speiübel.
„Ich wusste, dass ich dich finden würde“, hauchte er. Sein heißer Atem brachte meine Nackenhärchen dazu sich aufzustellen.
„Was willst du von mir?“, keuchte ich und zog meinen Kopf zurück. Patton schmunzelte.
„Ich will mein Versprechen einlösen, Süße. Das Versprechen, das ich dir in Ophelias Haus gegeben habe. Erinnerst du dich?“
Mit seiner rechten Hand strich er mir eine Strähne aus dem Gesicht. Stille.
„Bekomme ich keine Antwort?“ Nach seiner Frage kam er so nah an mich heran, dass sich unsere Lippen beinahe berührten. Die Erinnerung an den Kuss zwischen uns beiden kam in mir hoch.
„Dein Versprechen habe ich nicht vergessen“, zischte ich. Meine Angst war vollkommen verflogen. „Lass uns rausgehen und das zwischen uns regeln.“
Patton war über meinen Mut sichtlich überrascht. Er zog eine Augenbraue in die Höhe und nickte anerkennend.
„Du erstaunst mich immer wieder, dass muss ich zugeben“, sagte er begeistert. Dabei konnte ich jeden seiner Atemzüge auf meiner Haut spüren.
„Und natürlich können wir von hier verschwinden. Ich wäre ein Idiot, wenn ich dieses Angebot nicht annehme würde, meine Schöne.“
Dann, ohne Vorwarnung, küsste er mich. Zwei Sekunden später hatte er bereits meine Faust im Gesicht.  Der darauffolgende Schmerz in meiner Hand interessierte mich nicht.
„Für so ein kleines, zierliches Mädchen war der Schlag nicht übel“, eröffnete er mir lachend und fasste sich an die linke Wange. „Je gemeiner du wirst, desto besser gefällst du mir.“ Angewidert verzog ich das Gesicht. Seine plumpen Anmachen waren einfach nur widerlich.
Kurzerhand lockerte er seinen Griff um mich und nahm meine Hand.
„Dann lass uns keine Zeit mehr verlieren.“ Er ging los und steuerte den Ausgang an. Mich zog er hinter sich her.
Bevor wir die Turnhalle verließen, dachte ich an den bevorstehenden Kampf mit einem Mann, der um einiges größer und stärker war, als ich. In wenigen Minuten würde ich auf mich allein gestellt sein. Es würde sich zeigen, ob ich die von James erlernten Kampftechniken fehlerlos anwenden konnte. Hoffentlich ging alles gut. Hoffentlich würden James und ich diesen Abend überleben. Hoffentlich würde ich meinen Freund jemals wiedersehen.
Draußen blies ein schwacher, aber eiskalter Wind. Das einzige Licht spendeten drei umstehende Laternen. Ich schlang meine Arme um meinen Oberkörper, denn ohne meine dicke Jacke fror ich fürchterlich.
„Was für eine wunderschöne Nacht“, schwärmte Patton neben mir. „Findest du nicht?“ Ich blieb stumm.
Ich hatte keine Nerven mich mit seinem Gequatsche zu befassen, denn ich musste meine Konzentration aufrechterhalten. Seit Wochen hatte ich auf diesen Augenblick gewartet. Seit Wochen hatte ich mich auf diesen Kampf vorbereitet.  
„Ich bin nicht hierher gekommen, um mich mit dir zu unterhalten. Und ich glaube, du hattest auch etwas anderes vor“, meinte ich herausfordernd und trat ihm entgegen. Wenn irgendjemand jetzt die Schule verlassen und sich zum Parkplatz begeben würde, dann würde sich ihm ein merkwürdiges Bild bieten. Er würde ein junges Mädchen sehen, das einem großen muskelbepackten Mann gegenüberstand und im Begriff war sich mit diesem anzulegen.
„Du hast Recht. Entschuldige.“ Überzogen griff er sich ans Herz und setzte eine traurige Miene auf. Dann grinste er jedoch angriffslustig und packte mich grob an den Handgelenken. Das alles geschah in einer unfassbaren Geschwindigkeit.
James hatte also nicht übertrieben. Die Killer hatten ihre Fähigkeiten in den vergangenen Jahren verfeinert und perfektioniert. Ich war noch ein Anfänger. Ein Anfänger, der es dennoch wagte einem Gegner entgegenzutreten, der ihm haushoch überlegen war.
„Jetzt kann die Party beginnen!“
Patton drückte fest auf meine Knochen unter seinen Händen. Scharf sog ich die Luft ein und musste mich zusammenreißen, damit ich nicht los schrie.
Statt jedoch in Panik zu verfallen, wie ich es früher getan hatte, trat ich ihm mit voller Wucht gegen sein linkes Knie. Wie erhofft lockerte er seinen Griff um meine Gelenke und ich befreite mich.
Perplex stand er vor mir und starrte mich an. Ich nutze meine Chance und rammte ihm einen Ellbogen in die Rippen. Er krümmte sich und rang nach Atem. Nun hatte ich ihn da, wo ich ihn haben wollte. Ich hatte ein Hochgefühl, das alles überschattete. Es überschattete selbst die Tatsache, dass ich bei meinem ersten Angriff ungewöhnlich schnell Erfolg gehabt hatte. Zu schnell.
Der erfahrene Killer holte mich sogleich in die Realität zurück, indem er hysterisch lachte und mich mit einem einzigen kräftigen Stoß auf den Boden beförderte.
„Roddick hat dir wohl etwas beigebracht“, stieß er angestrengt zwischen zwei Lachern hervor. „Wie naiv von ihm zu glauben, dass dir diese miesen Tricks etwas nützen würden.“ Verärgert schaute ich zu ihm nach oben. Ich war wütend auf ihn, aber auch auf meine eigene Leichtsinnigkeit.
„Du willst einen Kampf?“, raunte er aggressiv und kam auf mich zu. Instinktiv krabbelte ich nach hinten. Patton folgte mir mit großen Schritten. Irgendwann holte er mich ein und trat nach mir. Dabei traf er mich an den Knien, Schienbeinen und Oberschenkeln. Die Schmerzen waren heftig und unerträglich.
„Den kannst du haben, Süße.“

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beta
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