Aus meinen Minis!

Genüsslich schob ich mir ein Stück der selber gemachten Erdbeertorte in den Mund. Dieser gemütliche Landhausstil mit den geblümten Sofas und den Häkeldeckchen war einfach zu süss. Dazu überall dicke Teppiche auf dem Holzboden und alte Lampen an der Decke. Die Schwiegermama meiner Freundin hatte sogar einen kleinen Vorratsraum in der Küche, der vollgestopft war, mit den tollsten Leckereien. Alles selber gemacht natürlich. Emma war die geborene Hausfrau! Sie konnte sogar noch Kleidungsstücke saubermachen, die das Reinigungsinstitut längst für den Friedhof frei gegeben hatte und der Haushalt war so sauber, dass er als stationäres Antibiotikum durchging. Im Hintergrund fiepten ihre drei Meerschweinchen fröhlich und super glücklich vor sich hin und massakrierten eine Gurke. Während ich so am Tisch sass, dachte ich an meine eigene Wohnung. Da lebte das Volk der Wollmäuse, die wohlverstanden keine Randerscheinung waren. Dafür war der Kochherd total sauber, weil er noch nie eine Pfanne gesehen hatte. Einzig die Kaffeemaschine und die Mikrowelle versprühten einiges an Leben. Sowas gab es bei Emma natürlich nicht. Ich glaube, sie pflanzte auch noch die Kaffeebohnen selber an im Garten. Und im Gegensatz zu mir, war sie unglaublich kreativ. In jeder Ecke stand oder hing etwas sehr Farbiges und selber Gemachtes. Selbst die Gästetoilette strotzte nur so vor kleinen von Hand eingesetzten Mosaiken wie ein Regenbogen. Ich fühlte mich hier sehr wohl und verschlang weiter meine Torte. Dabei konnte ich von der guten Stube aus, durch den breiten Korridor, in die Küche sehen und ihre selber gepflückten Teesorten bewundern. Die kleine rundliche und sehr rotwangige Besitzerin musste jemanden nur ansehen und schon wusste sie, was der Person fehlte. Und schwupps, war der richtige Tee auf dem Tisch. Ich beneidete meine Freundin Liz um die Mutter ihres Mannes. Da war absolut nichts von Schwiegermonster oder sonstigem. Eigentlich war die Frau eher aus einem Märchenbuch entsprungen. Das fand wohl auch die Nachbarschaft, die ihr dauernd kleine Geschenke vor die Türe legte. Ich leckte glücklich meinen Löffel ab und war vollkommen überzeugt, dass ich zu Gast bei der neuen Mutter Theresa war. Und ja, ich war sicher, dass sie noch zu Lebzeiten vom Papst heiliggesprochen werden würde. Gut, vielleicht hatte es im Tee auch Drogen. Ein Geräusch an der Eingangstüre zeigte mir an, dass Liz aus dem Keller zurückkam. Sie trug einen Weidenkorb mit leeren Gläsern in die Küche. Allerdings schien das Ganze ziemlich schwer zu sein, denn meine Freundin verzog das Gesicht und humpelte dabei leicht. Emma, die gerade wieder etwas in einem riesigen Topf kochte, schien das nicht zu bemerken. Mit gerötetem Gesicht und hängenden Bäckchen schwebte sie in den Dunstschwaden und kommandierte Liz sofort zu mir in die Stube. Die tat, wie ihr geheissen. Doch kaum hatte sie einen Fuss in den Korridor gesetzt, rief ihr Emma auch schon nach, sie solle richtig laufen. Liz lief rot an, drehte sich mit dem Rücken zur Wand und schrubbte so seitwärts an der Wand entlang zu mir in die Stube. Leicht fassungslos sah ich dem Treiben zu und wollte auch schon nachfragen, als Liz einfach einen Finger auf ihre Lippen legte. Verwirrt schwieg ich und widmete mich meinem letzten Kuchenstück, während meine Freundin anfing künstlich zu grinsen und irgendwelchen Stuss vom Wetter und so erzählte. Das machte sie in einem gekonnt fröhlichen Ton, der ihr Gesicht Lügen strafte. Das schien nämlich vor Wut gleich zu explodieren. Na gut, Emma schien ein wenig wunderlich zu sein. Aber das war ja noch kein Grund, gleich in die Luft zu gehen. Schliesslich war die alte Dame ja wirklich süss. Deshalb fragte ich im Flüsterton, was denn los sei. Liz erklärte mir kühl, dass sie nicht unter den Lampen durchgehen durfte, weil die sonst kaputtgingen. Und sie durfte auch nicht in die Vorratskammer, weil die Lebensmittel davon schlecht wurden. Bei der Begründung für das Ganze, blieb mir dann das letzte Stück Kuchen im Hals stecken. Und Liz wollte auch noch, dass ich nichts dazu sagte! Gut, das konnte sie haben. Ich stand auf, marschierte in die Küche und setzte frech neben Emma eine Bratpfanne auf den Herd. Dann noch die Butter hinein und die Hitze voll auf. Dann holte ich eines der Meerschweinchen aus dem Käfig und machte ernsthafte Anstalten, das Tier in die Pfanne zu setzen. Wortlos natürlich. Mit einem Entsetzensschrei riss mir die alte Dame das Tier aus der Hand und verschwand damit aus der Küche. Ich blieb gelangweilt stehen, während Liz mich anstarrte, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank. Wutschnaubend kam die Billigkopie von Mutter Theresa zurück gedampft und stellte mich geifernd zur Rede. Betont unschuldig erklärte ich ihr, dass es das schwarze Meerschweinchen sei und somit in diesem Haushalt ja nichts verloren hätte. Deshalb könne man es ruhig braten. Am besten mit Knoblauch und Zwiebeln. Mein Rausschmiss war kurz und schmerzlos. Liz war mir hinterhergelaufen und prustete immer noch vor Lachen. Wir standen beide im Sonnenlicht und amüsierten uns köstlich. Dabei glänzte Liz schwarze Haut wie Ebenholz. Sie stammte von den Bahamas und sah einfach toll aus. Sie hatte sich jetzt auch entschieden, dass Schiegermonsterhaus nicht mehr zu betreten. Egal, was ihr Mann dazu sagte. Schliesslich war sie eine Schwarze und das blieb sie mit Stolz auch, egal wie viele Lampen deswegen kaputtgingen. Und ich überlegte mir, ob es für einen Scheiterhaufen im Jahr 2000 eine Baubewilligung brauchen würde. Beim Weggehen sah ich schon wieder neue Geschenke vor Emmas Türe liegen. Jetzt war ich mir sicher! Die waren zur Besänftigung der Hexe gedacht und nicht freundlich gemeint. Es war schon erstaunlich, was es im 21. Jahrhundert noch so alles gab. Und ja, man kann Probleme durchaus auch nonverbal lösen, ganz wie im Mittelalter. Ich wünsche guten Appetit.

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