Menschenfreund

Was Macht hat, mich zu verletzen, ist nicht halb so stark wie mein Gefühl, verletzt werden zu können.

William Shakespeare


„Harter erster Tag?“, Gwen kam Ariana aus der Küche entgegen und trug eine Schürze voller roter Flecken. Ariana musste weg sehen, sie roten Flecken erinnerten sie wieder an die Nacht im Lagerhaus. „Ja, ich muss weiter arbeiten, ich bin oben, esst allein!“

Axel kam aus dem Wohnzimmer: „Kaum einen Tag im Dienst und schon wieder nur am arbeiten!“ Ariana setzte eine halbwegs freundliches Gesicht auf: „Ja, schließlich haben wir von der Polizei hier ein Haus und einen Wagen bekommen, nicht war?“ Axel schnitt eine Grimasse und verschwand bei Gwen in der Küche, Ariana ging nach oben in ihr großes Zimmer. Die Sonne war schon dabei hinter den Hügeln des Grand Canyon zu verschwinden, der Ausblick durch die Fensterfronten des Zimmers war gewaltig. Sie verrutschte den Schreibtisch, sodass sie von dort aus die Aussicht genießen konnte, dann begann sie mit ihrer Arbeit. In der Akte zu dem Fall konnte sie nichts interessantes entdecken, um 23:21 war der Notruf eingegangen, die beste Freundin von Ginny Benson hatte ihn abgesetzt, Elisa Roth. Die Polizei hatte das bereits bewusstlose Mädchen mit Blaulicht nach Cameron gefahren da der Hubschrauber nicht verfügbar war. Elisa Roth hatte ausgesagt, das sie, Ginny und ein Junge namens Jakob Cross sich in die neue Diskothek nördlich der Stadt geschlichen hatten um dort zu feiern. Jakob Cross und Elisa Roth waren schon 19, aber Ginny Benson 14. Sie hatten sich in der Disko aus den Augen verloren, als sie Ginny gegen 23:00 wieder gefunden haben wirkte sie ausgetrocknet und überdreht, keine zehn Minuten später war sie zusammen gebrochen. Die beiden Zeugen waren nicht wirklich ausreichend befragt worden, sie schnappte sich ihren Notizblock und schrieb die beiden Namen auf. Sie würde beide noch einmal vernehmen und ihnen ein paar Fragen stellen. Sie schloss die Akte wieder und legte sie beiseite, sie fühlte sich unglaublich müde. Sie beschloss sich ein wenig hin zu legen, der erste Tag in dieser kleinen Stadt war aufregender als gedacht gewesen. Ariana schlief schnell ein, als sie wieder erwachte war es bereits dämmrig, ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es bereits kurz vor acht war. Sie ging die Stiegen hinunter, Axel saß auf der Galerie und spielte mit seinem alten Gameboy: „Hey Schwester!“ Ariana blieb stehen und lächelte ihren kleinen Bruder an: „Hey Bruderherz, wie läuft es?“ Axel zuckte mit den Schultern: „Ich schätze gut, die Schule ist wie erwartet voller Prinzen der Agrarkultur und ich denke mein Vertrauenslehrer entstand aus mindestens fünf Generationen Inzest hier im Dorf! Nicht Brooklyn, aber ganz okay!“ Ariana legte den Kopf schief: „Axel! Dein Zynismus ist total unangebracht! Und hör auf damit gleich jeden zu verurteilen der dir hier über den Weg läuft!“ Axel verdrehte die Augen: „So wie Officer Charlie oder deinem neuen Freund mit dem widerlichen Designeranzug?“ Ariana blickte ihn fragen an: „Wer?“ Axel schaltete seinen Gameboy aus und erhob sich: „Dein Freund ist da, habe ich ganz vergessen zu sagen, so ein totaler Idiot der mit durch die Haare gefahren ist und mich Sportsfreund genannt hat, total der Penner! Er sitzt mit Gwen in der Küche!“ Daraufhin verschwand er in seinem Zimmer. Ariana hatte eine schreckliche Befürchtung, sie wäre beinahe über die letzten Treppen gestolpert als sie auf schnellstem Weg in die Küche stürmte.

Sie konnte Gwen lachen hören, und einen Mann, ihr drehte sich der Magen um, das war heute die dritte unangenehme Begegnung mit diesem Menschen.

Er saß einfach als hätte der heutige Nachmittag nicht existiert an dem kleinen weißen Tisch in der Küche, gönnte sich einen Teller Nudeln und ein Glas Orangensaft. Ariana hätte ihm am liebsten beides ins Gesicht geschüttet für seine Dreistigkeit. „Was wollen sie hier?“, fragte sie mit kühler Stimme, bedacht darauf vor Gwen nicht gleich in die Luft zu gehen. Gwen deutete ihr sich auch zu setzen: „Ariana, wie schön, ich sagte Patrick schon das du nicht beim arbeiten gestört werden möchtest, er wollte unbedingt warten! Er hat mir viel über die Stadt erzählt, und stell dir vor, ihm gehört das kleine Einkaufszentrum an dem wir vorbei gefahren sind! Er sagte ich kann da in einer Modeboutique anfangen wenn ich möchte! Ist das nicht toll?“ Ariana wurde ganz schlecht, wie lange saß dieser Widerling schon in ihrer Küche, und was hatte Gwen ihm erzählt. Sie brauchte ihre Konzentration für die Befragung morgen, sie konnte nun wirklich keinen Ärger gebrauchen. „Gwen“, sie warf ihrer Schwester einen vielsagenden Blick zu, „geh auf dein Zimmer, du hast sicher noch für dein Studium zu tun, denk daran das du jetzt alles selbstständig lernen musst!“ Gwen verdrehte die Augen, erhob sich aber gehorsam: „Ja ja, ihr wollt sicher alleine sein!“

Ariana wartete bis Gwen die Treppen nach oben verschwunden war, dann funkelte sie ihren ungebetenen Gast finster an: „Was machen sie in meiner Küche? Für einen Tag sind wir uns heute schon genug begegnet, mir würde das für diesen Monat reichen!“

Patrick Leander zog einen der vier süßen Bistrostühle zurück und lächelte sie freundlich an: „Wollen sie sich nicht setzen Ariana? Ihre Schwester ist ein nettes Mädchen und so großzügig, sie hat mir erzählt, dass sie es gerade nicht so leicht haben!“ Ariana dachte nicht daran sich nett zu diesem Menschen an den Tisch zu setzen, am liebsten hätte sie ihn sofort vor die Türe gesetzt. „Ein letztes Mal“, fauchte sie ihn an, „was wollen sie hier, und warum können sie mich nicht einfach in Ruhe lassen, inklusive meiner Geschwister!“ Mit einem Blick als wäre er ein Hund der im Tierheim versuchte eine Familie von sich zu überzeugen seufzte er: „Sie sind noch sauer, ich kann das verstehen, darum komme ich ja in Frieden, ich wollte mich entschuldigen!“ Ariana zog eine Grimasse: „Für was? Die sexuelle Belästigung? Das Fahren unter Alkoholeinfluss? Oder dafür das sie einfach ein Arschloch sind?“ Sein Blick nahm beinahe etwas flehendes an, er schien nicht eher gehen zu wollen, bevor die Situation am Nachmittag nicht verziehen war: „Ach Ariana, darum wollte ich mich ja entschuldigen, Lisa sagte mir das sie sich bedanken wollten, weil ich sie ja zum Essen eingeladen hatte. Ich dachte wir beide amüsieren uns und dank meines Alkoholkonsums hatte ich daran keinen Zweifel. Bis sie angefangen haben, ich weiß nicht was genau mit ihnen los war!“ Ariana erbarmte sich und setzte sich nun doch, natürlich bedacht weit weg und nicht auf den angebotenen Stuhl, sie verschränkte die Arme und überlegte kurz. „Ariana“, er lächelte versöhnlich, „bitte glauben sie mir das es mir von Herzen Leid tut, ich wusste nicht wer sie sind. Wenn ich gewusst hätte...“ Ariana merkte wie sich ihr die Nackenhaare aufstellten. Er wusste es, Gwen hatte es ihn erzählt. „Glauben sie ja nicht das sie deswegen wissen wer ich bin Mr. Leander!“, schnauzte sie ihn an und starrte auf den Tisch, bemüht die Erinnerungen wieder zu verstauen. „Was hat dieser Anatolio ihnen angetan?“, fragte er gerade heraus, es traf Ariana wie ein Stromschlag. „Verschwinden sie!“, fuhr sie ihn an, „Wenn sie das hören wollen, ich vergesse was heute Nachmittag passiert ist! Aber fragen sie mich nie wieder etwas persönliches! Mein Leben geht sie nichts an!“ Sie merkte wie ihre Arme unkontrolliert zu zittern begannen, sie ballte ihre Hände zu Fäusten um es zu unterdrücken. „Ich war nur interessiert, man sieht nicht oft Polizisten mit einer PTBS, Posttraumatischen Belastungsstörung, im Dienst!“, Mr. Leander schien sich nicht von ihrem benehmen einschüchtern zu lassen, „Ich habe bevor mein Vater verstarb studiert, ich bin Psychiater  und kenne also die Symptome! Ich könnte sie behandeln!“ Ariana sprang auf, der Sessel knallte hinter ihr auf dem Boden, und mittlerweile war es ihr auch egal ob Gwen und Axel den Lärm hören konnten. „Sie wollen mich behandeln?“, ihre Stimme klang mehr als fassungslos, „Verschwinden sie aus meinem Haus! Sie haben ein Alkoholproblem, ich kann ihre Fahne bis hier rüber riechen. Sie sind ein verzogener, egoistischer Mistkerl der jeden für käuflich hält! Tun sie mir einen gefallen und lassen sie mich in Ruhe!“ Jetzt endlich erhob Mr. Leander sich und machte sich auf dem Weg zur Türe: „Ich hole sie dann morgen um kurz vor sieben, ich werde einfach hupen! Wir können ja schließlich mit einem Auto fahren! Ich muss bei der Befragung anwesend sein, psychologischer Beistand verstehen sie?“ Ariana wartete bis sie die Haustüre zufallen hörte, dann sank sie zusammen. Das war zu viel für einen Tag, und die Spuren der letzten Wochen in New York schienen auch jetzt erst wirklich ihre volles Potential zu zeigen.

Sie zog sich an der Küchenplatte wieder hoch und nahm den Hörer des kleinen Festnetztelefons. Daneben klebte ein Zettel mir allen wichtigen Nummern, selbst daran hatte der Chief gedacht. Schnell wählte sie seine Nummer, nach kurzem läuten nahm er den Hörer ab: „Chief Alfred hier, sind sie das Ariana? Es ist doch alles in Ordnung oder?“ Ariana schluckte: „Chief, wegen dem Psychologen, ich habe bedenken, also ich...“ Der Chief unterbrach sie: „Keine Sorge Ariana, Dr. Harrington musste nach Desert View, eine Familie betreuen die ihr Kind beim wandern verloren hat! Aber Dr. Leander hat sich angeboten sie abzuholen und mit ihnen nach Cameron zu fahren!“ Ariana legte den Kopf in den Nacken, es würde als nur bei diesem einen mal bleiben, sie würde nicht mehr mit dem Menschen arbeiten müssen nach diesem Fall. „Gut Chief, wie sie möchten! Vielen Dank! Sagen sie Charlie morgen bitte, dass ich die Adressen von Jakob Cross und Elisa Roth brauche! Er soll sie mir auf meinen Tisch legen!“


Der nächste Tag begann zu früh, es war kurz nach sechs als Ariana bereits ihren ersten Kaffee trank und die Akte in ihre Tasche packte. Sie nahm zwei Kugelschreiber und ihren Notizblock sowie ein Aufnahmegerät für die Befragung mit, dann warf sie einen Blick in den Spiegel. Ihre grünen Augen passten wunderbar zu den dunklen Schatten unter ihren Augen, zumindest versuchte sie sich das einzureden. Selbst ihre braunen Haare schienen durch ihren schlechten Gemütszustand stumpf zu werden, sie hatte sie aber auch vernachlässigt in den letzten Wochen. Wie immer flocht sie sich einen Zopf und ignorierte den Rest ihres Spiegelbilds. Gwen schien heute auch schon früh etwas vor zu haben, sie gesellte sich zu ihr ins Bad. „Wenn dein erstes Gehalt da ist, und ich dann auch etwas verdiene sollten wir dir neue Sachen besorgen!“, Gwen schien mit ihrem Outfit nicht einverstanden zu sein. „Was ist an Jeans, einem Hemd und einem Blazer auszusetzen?“, fragte Ariana und stupste ihre Schwester leicht an. Diese lachte: „Du trägst immer das selbe! Das ist doch langweilig! Und eines Tages musst du mal einen Mann kennen lernen! Du kannst das nicht für immer auf die Seite schieben, und nein! Deinen Job kannst du nicht heiraten!“ Ariana lachte: „Aber ich kann einsam sterben, das wird ja wohl noch erlaubt sein!“ Axel riss die Türe auf und schien nicht ganz freiwillig munter zu sein: „Vor dem Haus hupt so eine Bonzenkarre rum, ich hau dem gleich nen Stein durch die Scheibe, Ariana! Greif bitte ein und sperr den weg oder so!“ Ariana wurde schlagartig bewusst das Mr, oder Dr. Leander seine Drohung war gemacht hatte. Sie nahm ihre Tasche und verabschiedete sich von ihren Geschwistern.

Diesmal war es kein Porsche Boxter sondern ein Range Rover Evoque in mattem weiß, als sie die Türe hinter sich schloss kam ihr ungewollter Begleiter auch schon aus dem Auto. „Guten morgen Ariana, ich hoffe sie sind ausgeschlafen!“, seine Stimme überschlug sich fast vor Freude, „Ich habe ihnen einen Kaffee mitgebracht!“ Ariana verdrehte die Augen und riss ihm den Becher aus der Hand, nach einem Schluck gab sie ihn zurück: „Süßstoff und fettarme Milch? Nein danke, den können sie selbst trinken! Und wenn sie wirklich unbedingt mit mir fahren wollen nehmen sie auf dem Beifahrersitz platz!“ Dr. Leander brauchte noch einen Moment um sich von der erneuten Antihaltung Arianas erholen zu können: „Warum sollte ich sie fahren lassen?“ Ariana nahm ihm den Schlüssel aus der Hand: „Bei dem was sie gestern getankt haben müssen sie noch über 0,5 Promille haben! So schnell kann kein Körper Alkohol abbauen! Und jetzt rein mit ihnen oder ich fahre ohne sie!“ Dr. Leander schien aufzugeben und nahm am Beifahrersitz Platz, Ariana startete den Motor, der sofort aufschnurrte. Sie grinste und trat aufs Gas, raus aus dem Wohngebiet in den Kreisverkehr und dann auf die 64 Straße Richtung Norden. Nach knapp einer Dreiviertelstunde stiller Autofahrt durch die Bergstraßen des Grand Canyons kamen sie an die Tankstelle des winzigen Örtchens Desert View, wo Ariana wie empfohlen noch einmal tanken wollte. „Kann ich sie etwas fragen?“, Dr. Leander schien schon wieder auf eine Konversation aus zu sein. Ariana seufzte: „Wenn es sein muss!“ Er schien immer noch viel zu gute Laune zu haben: „Sind sie immer so unausstehlich oder genieße nur ich diesen Vorzug?“ Ariana lachte auf und deutete ihm zahlen zu gehen: „Ich bin generell kein Menschenfreund!“



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