Michaels Geschichte

Selina zuckte zusammen. Erschrocken fragte sie: "Herr Montar, wie meinen sie das?" - "Ich heiße Michael. Und ich muß ihnen jetzt auch einiges erklären, bevor sie mir den Rest ihrer Geschichte erzählen." Mit großen Augen schaute sie mich an und wartete gespannt auf meine Erklärung.

"Wie sie wissen bin ich Produktentwickler, sprich Erfinder und als solcher sehr erfolgreich. Meine größte Errungenschaft allerdings, die eigentlich den Menschen der ganzen Welt zum Vorteil gereicht hätte -  fast so bedeutend, wie die Entdeckung ihres Vaters -  konnte ich niemals auf den Markt bringen, weil mich das beinahe das Leben gekostet hat." (Ich zog mein T-Shirt zwei Handbreit hinauf und es kamen einige erschreckende Narben zum Vorschein.) "Ich sage hat und nicht hätte, weil ich damals tatsächlich schon mehr auf der anderen Seite war..."

Selina sah schockiert auf meine Rippenbögen. Ich hatte den Eindruck sie wollte mit den Fingern über meine Narben streichen, hätte uns nicht der Couchtisch getrennt, oder aber wünschte ich mir das nur insgeheim...? Bevor die entstandene Pause peinlich werden konnte, fuhr ich fort. 

"Sehen sie sich um, Selina, fällt ihnen hier etwas auf ? Ich habe hier indirekte Beleuchtung, Infraotheizung, warmes Wasser, im Bootshaus hängt ein Elektroboot mit über 200 kW Leistung. Das sind über 260 Ps. Ich habe hier Energie im Überfluß, ohne dass eine einzige Stromleitung hierherführt! Ich habe mein halbes Arbeitsleben damit verbracht, eine Art der Energiegewinnung zu finden, die fossile Brennstoffe unnötig werden lässt, ebenso, wie Atomenergie. Und das hab ich auch geschafft. Die nächste Aufgabe war, ein Speichermedium zu erfinden, das wenig Volumen und Masse braucht und dennoch Unmengen an Energie speichert. Einen Marathon-Akku. Auch das ist mir gelungen. Leistbare, preiswerte Energie für alle. Ein Hauskraftwerk für jedermann! Erschwinglich, umweltfreundlich aber tödlich für die Industriegiganten der Mineralölwirtschaft, Kohlebergbau, Stromanbieter und ihre Lobbyisten. Eine unglaublich mächtige Lobby, die mich lieber tot sehen wollte, als mich in ihre Mitte aufzunehmen. Weltverbesserer wie ihr Vater oder meine Wenigkeit, haben auf unserem Planeten keine Daseinsberechtigung..."

"Aber...Michael...wie... Was ist dann mit ihnen passiert?"

Selina war blass geworden. Ihre Gefühle bewegten sich irgendwo zwischen Mitgefühl und Angst vor dem, was ich eingangs über den Ausgang eines Einbruchs in mein Haus gesagt hatte...

"Mir wurde nahegelegt, die Rechte an meiner Erfindung gegen eine Abfindung an die Lobby abzutreten. Noch bevor ich dafür ein Patent anmelden konnte. Denn von dort kam die Information über meine Arbeit erst zu diesen Leuten! Ferner hätte ich über alles zu schweigen, wenn ich nicht "zufällig" einem schweren Unfall zum Opfer fallen wollte. Ich weigerte mich und wollte an die Öffentlichkeit gehen. In der Zwischenzeit hatten die Drahtzieher heimlich große Geldsummen auf meine Konten im In- und Aus-land überwiesen um mich mit angeblicher Steuerhinterziehung zu erpressen. Das alles in einer Art und mit Möglichkeiten die mir bis Dato unvorstellbar schienen. Da machen Leute in den höchsten Kreisen mit. Inklusive Richter, Staatsanwalt, Justiz. Als ich mich schließlich geschlagen gab, waren Dimitri Janko und Viktor Lejbosz bereits darauf angesetzt, mich zu töten... 

Aber das Schlimmste ist: Nachdem ich nachgegeben hatte, wollte man die beiden zurückpfeifen! Das hat Viktor gar nicht gefallen! Einen Mord-Auftrag kann man nicht zurückziehen! Niemand kann das. Zwar hat er zugesagt, mich am Leben zu lassen, aber er kam mit Dimitri in mein Hotel. Nachts! Sie schlugen mich aus dem Bett! Ich musste auf die Knie, er hielt mir eine großkalibrige Waffe an die Stirn. "Ich darf dich nicht töten haben die gesagt! Aber niemand, niemand sagt mir, was ich zu tun habe! Man trifft sich im Leben immer zweimal, mein Freund! Heute tu ich dir nur ein Bisschen weh! Aber wenn sich unsre Wege wieder kreuzen, werde ich dich töten! Langsam, schmerzhaft und gemein. Nicht weil jemand zahlt! " Er schlug mir die Waffe an die Schläfe, so dass ich umfiel. "Sondern weils mir Spass macht!" lachte er. Dimitri richtete mich auf und hielt mich von hinten fest, Viktor hatte plötzlich mit Dornen besetzte Schlagringe an seinen Händen und schlug mit aller Kraft auf Bauch und Brust bis ich gnädigerweise das Bewusstsein verlor. Das Zimmermädchen fand mich am nächsten Tag mehr tot als lebendig. Leberriß, Milz kaputt, acht Rippen gebrochen, eine davon die Lunge angekratzt... Es dauerte über ein Jahr bis ich wieder halbwegs auf den Beinen war.

Damals ist mir klar geworden, wenn ich überleben will, muss er vor mir sterben..."

Comments

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    Wie Du die die Geschehnisse im Hotelzimmer einführst, ist genial. Es beginnt als Bericht an Selina und wechselt später in eine andere Perspektive, nämlich dann, wenn die Killer zitiert werden. Ich weiß, Du hast den ganzen Abschnitt als Bericht an Selina konzipiert, aber da Du - hüstel - mit der Zeichensetzung ziemlich kreativ umgehst, erlaube ich mir, in Gedanken die Anführungsstriche hinter „...muss er vor mir sterben" vorzuversetzen hinter „...aber er kam mit Dimitri in mein Hotel. Nachts!"

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    Da hat aber auch er eine heftige Vergangenheit hinter sich.

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    wow echt heftig! und du hast in den letzten tagen fleißig in die tasten gehauen, wie ich sehe ;)

  • Author Portrait

    Wow, das wird ja immer spannender! Toll geschrieben! 5/5

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