Muse

"Äußerst interessant", meinte das Wesen, welches vor Omnix schwebte. Es war ungefähr einen Meter groß und trug eine weiße Robe mit Kapuze, welche sein gesamtes Gesicht in Dunkelheit hüllte. Nur zwei leuchtende gelbe Augen waren zu sehen, die den Reinkarnitor interessiert musterten. In seiner Hand hielt das Wesen eine Schreibfeder und vor ihm schwebte eine Pergamentrolle. "Und was geschah dann?", fragte es. "Ich packte das Monster und flog mit ihm in die Stratosphäre. Dort drehte ich mich einige hundert Male, bis ich schnell genug war, um es mit genug Schwung in die Sonne zu werfen", beendete Omnix seine Erzählung. Das kleinere Wesen schrieb alles auf und schwebte dann in den nächsten Raum, wo es die Pergamentrolle in ein Regal legte. Omnix kam hinterher und richtete seinen Blick nach oben. Die Decke des achteckigen Raumes war nicht zu erkennen, so hoch ragte er nach oben. Mit einem Blick nach unten erkannte er, dass auch der Fußboden nicht mehr in seinem Sichtfeld lag. "Wirst du hier nicht manchmal etwas einsam Cogito?", fragte er das Wesen, welches gerade zurück in sein Arbeitszimmer schwebte. Dort ließ es sich in seinen großen Ohrensessel fallen, der hinter dem gewaltigen Schreibtisch stand. "Oh, denkst du das etwa wirklich Omnix?", fragte Cogito ihn und seine Augen funkelten belustigt. "Ich lebe schon seit Anbeginn der Zeit in meinem Bibliotheksturm und sammle die verschiedensten Informationen, um sie dann als Ideen weiterzugeben." Omnix, der in dem endlosen Turm stehen geblieben war drehte sich langsam zu dem Wesen mit der Robe um. "Du hast hier alles aufgezeichnet, was jemals passiert ist und passieren wird, egal in welcher Dimension", begann er und Cogito nickte stolz. "Dann möchte ich dich um einen Gefallen bitten, bevor ich in meine momentane Dimension zurückkehre." "Kommt drauf an, was es ist, du weißt, dass wir Musen strenge Regeln haben." Omnix Auge leuchtete amüsiert auf. "Es ist nichts, was in Zukunft passieren wird. Ich interessiere mich vielmehr für eine Sache aus der Vergangenheit meiner jetzigen Welt", beruhigte er die Muse, welche nickte. "In Ordnung, was ist es, das du brauchst?", fragte er ihn. "Ich möchte wissen, was mit Kruls Bruder passiert ist. Ich habe ihr versprochen, dass ich ihr helfen würde", meinte Omnix. "Von mir aus. Regal achthundertzweiundsiebzigtausenddreihundertfünf, wenn ich mich richtig erinnere", antwortete Cogito und Omnix nickte dankbar. Nachdem er eine Weile in dem Turm auf und ab geflogen war hatte er das Regal schließlich gefunden. Er durchsuchte jede Pergamentrolle, die aus dem Regal quoll, bis er schließlich fand, was er suchte. "Na sieh mal einer an, ich hatte erwartet, dass Kruls Bruder tot wäre, oder zumindest weit weg, aber das hier überrascht mich schon etwas", murmelte er, während er die Zeilen überflog. Dann steckte er die Schriftstücke zurück an ihren rechtmäßigen Platz und kehrte zu Cogitos Arbeitszimmer zurück, wobei er mehrere Stunden brauchte, ehe er die Tür in der Wand des endlosen Turmes wiedergefunden hatte. "Ich hab’s gefunden!", rief er und die Muse sah von seinem Pergament auf, an dem er gerade schrieb. "Freut mich. Dann schicke ich dich zurück", meinte er und schwebte zu einer weiteren Tür, die sich in der Wand befand. Daneben befand sich ein kleines Rad, welches Cogito mit einem kräftigen Schwung zum Drehen brachte. Nach ein paar Minuten stoppte er es wieder, als es bei derselben Zahl angekommen war, die auch auf dem Regal stand, welches von Omnix durchsucht worden war. Die Türe öffnete sich knarrend und der Reinkarnitor blickte auf die altbekannte Landschaft, die sich vor ihm erstreckte. "Danke Cogito", meinte er und schwebte ins Freie. Dann fiel ihm etwas ein und er drehte sich noch einmal um. "Warum willst du eigentlich immer meine Geschichten aufschreiben?", fragte er die Muse. "Es wird doch sowieso alles automatisch in deine Bibliothek geliefert." Cogito kicherte. "Von Reinkarnitoren höre ich sie immer gerne aus ihrer eigenen Sicht. Das bringt etwas, nun ja, Spannung hinein", meinte er und zwinkerte ihm zu. Damit schlug er die Türe, die in der Luft schwebte, zu und im nächsten Moment war sie verschwunden. Omnix ließ das nun leere Feld hinter sich und machte sich auf den Weg zurück nach Sanguinem, während er überlegte, ob er Krul erzählen sollte, was er gefunden hatte, oder ob es besser wäre, wenn sie unwissend blieb.

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