Mutter

Ich saß in meinem Büro und arbeitete die liegen gebliebene persönliche Post auf. Im Großen und Ganzen, war es Werbematerial und Bettelbriefe, nur ein Schriftstück bereitete mir Unbehagen.
 "Wenn du deine Vorträge hältst, wirst du dich wundern, was ein Mensch sich alles merken kann, Michael! Glück, Unglück, Freude, Enttäuschung, Leben, Tod... Ich habe mir ALLES gemerkt! Du willst wissen, wer ich bin? Das wirst du sehr bald merken..."!
Drohbriefe waren eigentlich nicht an der Tagesordnung. Das eine oder andere Mal kam ein Brief von Hinterbliebenen, die nicht glauben konnten, dass wir ihren Lieben nicht mehr helfen konnten, aber dieser Brief war mysteriös...
Es klopfte und Selina schwebte herein. "Du bist selbst in dem weißen Kittel sexy, Sel!" - "Charmeur! Wir haben einen Neuzugang, Liebling." - "Sieh an! Und, wie führt sie sich auf?" - "Ausgesprochen Kooperativ. Ich hab ihr eine Brille gekauft, jetzt hat sie alles gelesen und unterzeichnet. Außerdem hat sie sich bei Ines entschuldigt. Sie hat geweint und gesagt, sie hätte bis heute alles falsch gemacht! Und sie hat mich gebeten, Dir zu sagen, dass sie hier ist! Ich glaube sie wünscht sich, dich zu sehen." - "Dieser Wunsch beruht auf Einseitigkeit!" - "Ach Liebling!" - "Nein" - "Schatz, bitte!" - "Sel!" - "Na gut, aber ich frage dich morgen wieder!" Sie warf mir eine Kusshand zu und wollte verschwinden, aber ich rief sie zurück und zeigte ihr den Brief. "Oh, Oh! Das sieht aber gar nicht gut aus. Also ich verstehe den als Drohbrief, Michael, du nicht?" - "Eher ja! Ich weiß nicht, wie ich ihn werten soll, Kleines." - "Und wer sollte sowas schreiben?" - "Ich weiß es nicht, Sel." Sie stand bei mir und ich packte sie und zog sie auf meinen Schoss. "Michael! Ich bin im Dienst!" - "Und du bist so sexy, Kleines! Du bist selbst schuld! Du bist in die Höhle des Löwen marschiert. Küss mich!" - "Nein!" - "Doch" - "Du tust auch nicht, was ich möchte!" - "Selina!" - "Ach bitte, Michael! Sie ist deine Mutter! Gib ihr doch eine Chance! Vielleicht fühlst du dich dann auch besser!" - "Ich fühl mich besser, wenn du mich küsst, du Erpresserin!" Sie küsste mich und kraulte dabei meinen Nacken. Sie wusste genau mit mir umzugehn. "So! Komm jetzt!" - "Jetzt?" - "Ja klar, wann denn?" Sie nahm mich an der Hand und zog mich aus dem Büro. "Sel, ich bin überhaupt nicht darauf vorbereitet! Ich habe sie seit dreiundzwanzig Jahren nicht mehr gesehn!" - "Vorbereitet, Pff! Da wirds aber Zeit! Komm schon! Blut ist dicker als Wasser!" Ehe ich michs versah, stand ich vor meiner leiblichen Mutter im Zimmer. Selina hatte, wie sollte es anders sein, meinen Oberarm im Würgegriff und harrte der Dinge, die da kommen würden. Eine Sekunde stand ich wie angewurzelt da. "Du wolltest mich sehen, Mutter?" würgte ich dann steif heraus. Mutter sah mich fassungslos an. Tränen flossen über ihre schmalen Wangen und sie setzte mehrmals an, etwas zu sagen, doch ihre Stimme versagte ihr den Dienst. Selina bugsierte mich irgendwie immer näher zu ihr hin und gab mir keine Chance, Mutter fern zu bleiben. Schließlich nahm ich ihr Gesicht in die Hände und wischte ihr mit den Daumen ein paar Tränen weg, wohl eher tollpatschig als souverän, aber sie begann so sehr zu schluchzen, dass ich nicht anders konnte, als sie, selbst zu Tränen gerührt, in den Arm zu nehmen. Als ich zu Selina aufsehen wollte, hatte diese das Zimmer ganz leise verlassen...

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