Narben

„Nun zum schwierigen Teil“, unterbrach Dorian seine Gedankengänge, „Was erzählen wir unseren Eltern?“ Josh lachte auf und erwiderte das Grinsen seinen Cousins.
„Dürfen wir mitlachen?“ platze plötzlich Joshs Mutter in das Zimmer und zog schwungvoll den Vorhang zur Seite. Goldenes Abendlicht durchflutete den Raum und spiegelte sich auf dem Fernsehbildschirm. Dorian unterdrückte ein Knurren und sah genervt zum Fenster.
Risha kam einige Schritte hinter ihrer Schwester herein, in den Händen einen neuen, dampfenden Becher und setzte sich auf die Bettkante. Besorgt griff sie nach Dorians Hand, die er abrupt wegzog.
Sie sah zu Josh und Rebecca und lächelte entschuldigend. „Ich danke für euren Besuch, aber ich würde jetzt gern einen Moment mit meinem Sohn allein sein.“
Joshs Mutter nickte augenblicklich und griff nach seinem Arm. „Natürlich, wir sehen uns alle morgen. Gute Besserung Dorian, tut mir leid, dass wir uns nicht länger gesehen haben, aber was sagen die Ärzte? Wird dein Bein gesund?“
„Es wird vollständig verheilen“; antwortet Risha und sah besorgt auf den leuchtend weißen Verband.
„Hoffentlich nicht. Eine Narbe sollte schon zu sehen sein“, wiedersprach Dorian grinsend und brachte Rebecca zum Lachen.
„Du bist unverbesserlich“, schnaubte Josh und schüttelte den Kopf.
„Naja … Willst du sie haben, dann brauchst du Narben“, erwiderte Dorian und grinste noch breiter.
„Sie?“, fragte Rebecca irritiert, aber Josh winkte schnell ab und zog sie zur Tür.
„Nicht so wichtig, wir müssen jetzt ohnehin gehen. Bis Morgen!“
Dorians Lachen, welches hinter ihnen erklang, war bis zum Ende des Flures zu hören.


„Nun denn“, eröffnete seine Mutter das Gespräch, sobald Josh die Autotür schloss und nicht mehr entkommen konnte, „Wie willst du mir das Ganze erklären? Ihr seid zufällig in der Stadt gewesen und Opfer einer Entführung geworden?“
„Wäre das so unwahrscheinlich?“, fragte Josh mit einem unsicheren Lächeln und starrte stur aus dem seitlichen Fenster.
„Spuck es schon aus, wie habt ihr euch den Schlamassel eingebrockt?“
„Mama“, murmelte Josh plötzlich müde, „Das ist eine lange Geschichte und das meiste davon werde ich dir nie erzählen. Ich will dich nicht anlügen, aber ich verspreche dir, dass so etwas nie wieder vorkommen wird. Nie wieder, hörst du? Die letzten Stunden waren die schlimmsten meines Lebens und welche Strafe du dir auch ausdenkst, es wird nicht einmal ansatzweise so schlimm sein. Können wir es dabei belassen?“
„Ich möchte dich nicht bestrafen, mein Schatz. Ich bin unendlich erleichtert das es dir gut geht, ich könnte nicht glücklicher oder verwirrter sein. Wenn du nicht darüber sprechen willst, kann ich das verstehen, aber ich verspreche dir immer für dich da zu sein. Egal was es ist, ich bin da. Ich liebe dich wie du bist und nichts könnte daran etwas ändern.“ Sie sah ihn kurz und liebevoll an, bevor sie sich wieder auf die Straße konzentrierte.
„Danke Mama!“ Josh lächelte sie an und hätte sie am liebsten auf der Selle umarmt.
„Aber“, sprach sie etwas ernster weiter und Josh musste schmunzeln. Es war klar, dass sie es nicht auf sich beruhen ließ. „Wenn wir zu Hause sind, müssen wir uns dennoch unterhalten.“
„Ich dachte du würdest mich lieben und mir vertrauen?“, fragte Josh mit hochgezogenen Brauen und einem schiefen Lächeln.
„Das tue ich auch mein Schatz, aber es geht, um etwas Anderes. Etwas über das ich schon seit langem mit dir sprechen wollte.“
Josh horchte auf, aber bekam trotz zahlreicher Fragen keine näheren Antworten. Seine Mutter hüllte sich in geheimnisvolles Schweigen und schmunzelte gelegentlich über seine neugierigen Versuche. Josh stöhnte und gab es schließlich auf, erst als sie in ihre Straße einbogen, wagte er es weitere Fragen zu stellen, die wie alle zu vorigen, unbeantwortet blieben.

Mit tief gerunzelter Stirn folgte er seiner Mutter ins Haus bis in das Wohn- uns Esszimmer, wo sie mit besorgtem Gesichtsausdruck stehen blieb. Die Freude wich aus ihren Zügen und ihre Aura färbte sich tief violett. Wortlos deutete sie auf den Esstisch.

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