Neun Tage

Neun Tage war es her, dass sie im Streit gegangen war. Gerhard hatte gerade wieder versucht, sie anzurufen. Mag sein, dass sie sich auseinandergelebt hatten, die große Verliebtheit der ersten Wochen hält eben nicht ewig, aber er hatte nie daran gedacht, sich von ihr zu trennen. Er war vielleicht ein wenig egoistisch gewesen in letzter Zeit, auch ein Bisschen jähzornig, aber sie hätten darüber reden können. Sie hatte ihm nie wirklich deutlich gemacht, dass es schon so weit war! Dass eine kleine Meinungsverschiedenheit schon zum Bruch reichte, das hätte er nicht geglaubt! Dann hätte er halt nachgegeben. Als ob er sie nicht liebte! Muss man das den Weibern wirklich jeden Tag aufs Neue sagen, dass man sie liebt?

Außerdem: Wenn sie ihn wirklich geliebt hätte, dann wäre sie doch nicht wegen so einer Bagatelle einfach gegangen, oder! Es fiel ihm nicht mal mehr ein, worum es überhaupt gegangen war, ursprünglich. Es hatte sich einfach wieder mal aufgeschaukelt! Aber das hieß doch nicht, dass sie ihm nichts mehr bedeutet hätte! Sollte einer die Frauen verstehen...

Silvia sah das anders. Gerade die Tatsache zum Beispiel, dass er gar nicht mehr wusste, woraus der Streit entstanden war, sagte ihr, dass er nicht mehr auf sie, auf ihre Wünsche einging. Es war ihm einfach nicht wichtig, was sie empfand!

Gerhard verstand die Welt nicht mehr. Er wollte seine Silvia zurück haben. Und zwar die Silvia, die er damals kennengelernt hatte. Eine hübsche unkomplizierte Person, die nicht eingebildet und eigentlich anspruchslos war. Doch sie hatte sich verändert! Wenn die große Liebe vorbei ist, melden sich auch die Ansprüche wieder, die man aus Liebe zurück gestellt hatte. Und er hatte diese Ansprüche einfach nicht erkannt. Oder aber, als sie sie immer deutlicher machte, nicht erkennen wollen... Diese Beziehung hatte die gleiche Krankheit, wie Tausende Andere auch, nur dass man normalerweise darum kämpfen und auch gewinnen kann. Aber diese Chance hatte sie ihm nicht gegeben... Glaubte er! Sie dagegen war der Ansicht, dass er mindestens zehn echte Chancen nicht genommen, ja nicht einmal wahrgenommen hatte. Gewiss, er war kein schlechter Kerl und irgenwie war ihr auch leid um ihn, aber es war vorbei... Sie würde jetzt mal eine Zeit alleine bleiben. Auf einen Mann spekulierte sie zur Zeit jedenfalls nicht!

Gerhard saß noch immer auf der Wohnzimmercouch. Er musste morgen ein CT machen. Er hatte in letzter Zeit oft rasende Kopfschmerzen gehabt und war zur Tomographie überwiesen worden. Er hatte ewig keinen Termin erhalten, also musste er diesen wahrnehmen. Es ging bereits gegen zwei, als er entschied, noch ein Bier zu trinken, vielleicht konnte er dann leichter einschlafen.

In dieser Nacht schlief Gerhard erst sehr spät ein. Trotzdem stand er um sieben uhr auf um seinen Termin wahrnehmen zu können. Sein erster Blick galt seinem Handy: Nein, sie hatte sich noch immer nicht gemeldet. Seit neun Tagen nicht! Ob ihr was passiert war? Wehmütig nahm er den kleinen Bilderrahmen zur Hand, auf dem die Beiden auf seinem Motorrad zu sehen waren. Er wollte nicht glauben, dass das alles nun vorbei wäre. Ihm war nicht nach Frühstück, also verließ er die Wohnung, um zur Tomographie zu fahren. Als Gerhard zu Hause wegfuhr, war Silvia in ihrer Laube gerade aufgestanden, um ihrem Plan, ihre Sachen aus der Wohnung zu holen, nachzukommen.

Comments

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    Kann mich Johhla da nur anschliessen. Toll gemacht! :-)

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    Durch den Perspektivwechsel wird das ganze meiner Meinung nach sogar noch spannender zu lesen, weil man einen viel tieferen Einblick in alles bekommt. Mach weiter so ;)

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