Neuntes Lied - Was denkst du?

Jeyla verfolgte die Besprechung mit wachsender Verwirrung. Die Diskussion, die Fyorrs Aufforderung folgte, stand in einem krassen Widerspruch zu den Geschichten, die sie über die schwarze Kompanie gehört hatte. Darin war von wilden Dämonen die Rede gewesen, barbarische Ausgeburten der Hölle, die sich wie Berserker auf die Feinde des Kaisers stürzten. Nicht selten war in der Taverne nach ausreichend Met davon gemunkelt worden, der Kaiser hätte die schwarze Kompanie vom Todesgott Quaron persönlich in einem zwielichten Geschäft erhalten. Die Auslöschung des Dorfes auf Osinys stand in völligem Einklang von dem Bild, das die Inselbewohner von der Schwarzen hatten. Hier jedoch wurde sie Zeuge von einer ernsthaften, zivilisierten Diskussion fähiger Männer, die alles andere als dumme Wilde waren. Jeder einzelne der Offiziere gab eine fundierte, begründete und schlüssige Einschätzung der Lage ab, und Jeyla hätte eine solch ausführliche Besprechung eher im Kriegsrat des Kaiserpalastes erwartet als hier. Politische Zusammenhänge, mögliche Konsequenzen jeder Handlung, alles wurde haargenau beleuchtet. Die militärischen Aspekte wurden in einer derartig sachkundigen Weise behandelt, dass die Strategen der kaiserlichen Akademien sich in dieser Runde wie Laien vorgekommen wären.

Auch Jeyla hatte schon längst den Faden verloren, und konnte nur staunend zuhören, wie Menélos, Fyorrs Stellvertreter, die militärischen Kapazitäten der Kompanie beleuchtete und die Erkenntnisse dann mit den Optionen abglich, um so eine nachvollziehbare Beurteilung abzugeben. Er kam zu dem Schluss, dass keine der Optionen strategisch sinnvoll umgesetzt werden könnte.

Jeyla musste unwillkürlich die Besprechung von Fyorrs Kommandostab mit der hastigen Zusammenkunft von Osinys' Ältestenrat vergleichen. Ihr Vater hatte seine rechte Not gehabt, die durcheinander rufenden Männer und Frauen zu übertönen, um sich Gehör zu verschaffen. Nach langer Diskussion war dann schließlich der Beschluss gefasst worden, Jeyla zu der Schwarzen zu entsenden, in der Hoffnung, dass die Wilden von der Kompanie einem hübschen Weib noch am Ehesten Gehör schenken würden, bevor Blut floss. Und obwohl das keineswegs ein sinnvolles Vorgehen war, hatten weitaus bessere Vorschläge sich nicht durchsetzen können, weil die Ältesten zu stur waren, sich Jeyla und den anderen der jüngeren Generation in Erfahrung als überlegen ansahen. Dieses unkoordinierte Chaos im Vergleich mit der fundierten Debatte hier in diesem zugigen Zelt ließ sie ungewollt darüber nachdenken, wer wohl die Barbaren waren?

Überrascht zuckte sie zusammen, als Fyorr sie plötzlich direkt ansprach.

"Als Abgesandte von Osinys, wie denkst du darüber?" Sein durchdringender Blick hielt sie kurz gefangen, bevor sie hastig die Kehle frei räusperte und antwortete: "Entschuldigung?"

Fyorr hob die Augenbrauen. "Die Schwarze hat eine Blutschuld zu bezahlen, und wir nehmen diese Angelegenheit sehr ernst. Nur kommen wir hier auf keinen grünen Zweig. Hast du einen Vorschlag?"

Jeyla blinzelte überrascht. Damit hatte sie nicht gerechnet. Verlegen huschte ihr Blick über die Offiziere, die sie leicht genervt und mit offensichtlich geringen Erwartungen musterten. Sie atmete tief durch und zwang sich, ihre Gedanken zu ordnen. Ihr Vater hatte sie seit ihrer Kindheit in seine Geschäfte mit eingebunden. Als er in den Ältestenrat aufstieg, hatte er sie in die Stadt mitgenommen und sie konnte das Handwerk der Politik aus erster Hand erlernen. Natürlich war Osinys nur eine provinzielle Insel und die Stadt war eher ein größeres Dorf, und doch hatte sie gelernt, mit den Winkelzügen der Politik zurecht zu kommen. Das musste doch zu was gut sein, oder?

Fyorr schien bemerkt zu haben, dass ihr Zögern nicht unwissender Natur war, und ließ ihr die Zeit, die sie brauchte. Er betrachtete die junge Frau, die nachdenklich und mit geschlossenen Augen neben ihm stand. Die roten Haare fielen ihr ins Gesicht und er unterdrückte den Impuls, sie ihr aus dem Gesicht zu streichen. Kaum merklich zuckte Jeyla, während sie scheinbar angestrengt über ihre Antwort nachdachte, und Fyorr musste unwillkürlich lächeln. Es war, als hätte ein Lehrer einen der schwächeren Schüler unvermittelt vor die Klasse gerufen, um eine schwierige Aufgabe zu lösen. Fyorr ließ sie gewähren. Die Verschnaufpause tat gut, und gab ihnen allen die Zeit, sich selbst noch einmal Gedanken über die Angelegenheit zu machen.

Aber Fyorr wusste, dass er nicht völlig bei der Sache war. Dieser merkwürdige Schmerz in seiner Brust war noch immer nicht verflogen, und mittlerweile hatte er den Eindruck, dass es nichts mit seiner Gesundheit zu tun hatte, wie er sich fühlte. Etwas in ihm versuchte, ihm irgend etwas mitzuteilen. Diese Insel war etwas Besonderes, dessen war er sich sicher. Doch dies war nicht der richtige Zeitpunkt, um seine Gefühle zu erforschen. Seine Kompanie steckte bis zum Hals in den Intrigen mächtiger Männer und der Tod des Kaisers hatte sein Übriges getan, um die Situation noch zu verschlimmern. Fyorr hatte das Kommando, er konnte sich jetzt keine Schwächen leisten. Die Männer zählten auf ihn. Und das Vertrauen, das der Kaiser in ihn gesetzt hatte, durfte er nicht enttäuschen. Der Gedanke an den alten Kauz ließ ihn traurig werden. Dass sie sich nicht noch einmal hatten sehen könne, schmerzte ihn sehr. Doch er schob die Trauer zurück, schloss sie fort. Nicht jetzt. Das würde warten müssen. Jeyla atmete scharf ein und öffnete die Augen. Etwas an ihrem Ausdruck sagte ihm, dass sie eine Idee hatte.

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