»Bahnsteig 3 - Achtung - Güterzug fährt durch.«
»Der Intercity nach Prag hält in 5 Minuten.«

Ich löse meinen Blick von der Anzeigetafel. Wenn ich meinen Zug noch erwischen möchte, muss ich mich wohl beeilen.

»Haben Sie vielleicht etwas Kleingeld für mich?«, dringt die Stimme eines Bettlers an mein Ohr, der vor einer Durchluftheizung sein dürftiges Lager aufgeschlagen hat.
Hektisch greife ich in meine Hosentasche und bekomme ein Bündel Geldscheine zu fassen.
Ich lächle gequält. Geld ist wohl das einzige was mir noch geblieben ist.
Ohne auch nur in sein Gesicht zu sehen werfe ihm das ganze Bündel hin. »Hier! Machen Sie mehr daraus als ich...«
Noch bevor er antworten kann verschwinde ich die Treppen zum Bahnsteig hinauf, und hoffe dabei, dass der alte Mann nicht gleich einen Herzanfall erleidet - bei den Scheinen waren bestimmt noch ein paar Grüne dabei.

Ich friere ein bisschen, aber das ist wohl in Ordnung. Schon als ich losgegangen bin, hat es leicht zu schneien begonnen, und jetzt da ich ankomme, ist der Hauptbahnhof schon von einer hauchzarten Schicht aus frischem Pulverschnee bedeckt. Vielleicht hätte ich doch eine Jacke anziehen sollen.

Ein paar andere Leute warten ebenfalls schon am Bahnsteig, aber zumindest sind keine Kinder hier. Das ist mir wichtig. Ich ziehe die Kaputze meines Pullovers zu und vergrabe meine Hände tief in den Taschen.

»Ist Ihnen nicht kalt?«, fragt mich plötzlich ein Junger Mann, etwa meines Alters, der hinter mir auf einer Bank sitzt. »Schon okay«, murmle ich. »Gleich kommt ja der Zug, und dann wird mir eh nicht mehr kalt sein«
»Kann ich Ihnen denn meine Jacke anbieten?«, hakt er nochmal nach.
Ich schüttle den Kopf. »Nein, wirklich ich komme klar«

Er klappt das Buch zu, in dem er gerade noch gelesen hatte, steht auf und kommt zu mir. Als mein Blick auf den Einband fällt verdrehe ich die Augen und seufze laut auf.
»Was denn? Sie lesen so einen Mist auch noch in der Öffentlichkeit?«
»Also eigentlich...«, meint er, »ist es gar nicht so schlecht«
»Doch. Ist es.«
»Haben Sie es denn gelesen?«, fragt er, und ich weiß für einen Augenblick nicht einmal, was ich darauf antworten soll.
»Nun ja...«, bringe ich schließlich hervor. »Ich weiß dass es Dreck ist. Jeder weiß das«

Anstatt sich von mir verunsichern zu lassen lächelt er nur und kontert: »Nun, möglicherweise ist Ihr Verständnis von Literatur einfach zu seicht um zu erkennen, was wirklich dahinter steckt«

Die automatische Stimme aus dem Lautsprecher ertönt und kündigt meinen Zug an. Noch einmal werden alle Fahrgäste ermahnt hinter der weißen Linie zu bleiben, auf der ich schon die ganze Zeit über mit unruhigen Füßen stehe.

Ich werfe ihm einen strengen Blick zu und antworte schließlich: »Ich glaube vielmehr, Sie kapieren nicht, dass die Autorin einfach nur so viel wie möglich schockieren wollte. Dass sie nur deshalb sämtliche Tabus bricht, um möglichst kontrovers zu sein und möglichst schnell viel Kohle zu scheffeln!«

Die Schienen hinter mir beginnen zu beben. Wenig später dringt der Klang des heranbrausenden Zuges an unsere Ohren, und bald schon sieht man in der Ferne die Lichtkegel der Scheinwerfer zwischen den Bäumen hervorbrechen.

»Das glauben wohl die meisten«, meint er unbeeindruckt, mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen. »Möglicherweise glaubt die Autorin das mittlerweile sogar selbst. Aber wenn man zwischen den Zeilen liest, dann bemerkt man ganz deutlich, was für tiefgreifende literarische und philosophische Fragen sich hinter dieser ganzen Fassade aus Sex und Gewalt verbergen. Und - lachen sie mich da ruhig aus - für meinen Geschmack ist dieses vermeintlich so hohle Werk verdammt stilsicher geschrieben...«

Ich stehe da und starre ihn fassungslos an, während hinter mir zahllose Tonnen Stahl und Fracht vorbeirauschen, meine Kaputze vom Zugwind erfasst wird und mein Haar wie eine Flagge ihm Wind weht. Jetzt habe ich wohl doch meinen Zug verpasst.

Der Fremde wartet noch, bis der Zug vollständig vorbeigefahren und der Lärmpegel gesunken ist, bevor er seine Gedanken zunde führt: »Viele sehen in diesem Buch nichts mehr als eine Ansammlung gewollt übertriebener Obszönitäten, aber die Autorin drückt darin eine allem Zugrunde liegende Einsamkeit und Angst aus, die für viele Menschen nachfühlbar oder sogar vertraut ist. Ich für meinen Teil kann mich jedem ihrer Kapitel voll identifizieren - zwar nie wörtlich, aber stets gefühlsmäßig.«

Noch immer stehe ich da wie erstarrt. Der Zug hätte mich gar nicht härter treffen können.

»Sie sollten wirklich mal eines von J.C. Sonnfeldts Werken lesen, falls Sie mal die Zeit dafür finden«, meint er noch zu mir, während schon der nächste Zug - der nach Prag - einfährt, langsam im Bahnsteig zum Stehen kommt und mit lautem Zischen seine Türen öffnet. »Vielleicht lesen wir ja sogar ein Kapitel gemeinsam? Sie fahren doch auch nach Prag, nehme ich an?« Als er einsteigt hält er mir noch einmal das Buch vor die Nase und wie immer zucke ich innerlich zusammen, als ich meinen verdammten Namen auf dem Einband lese.

Ich schlucke. Und nicke. Schon lange hatte ich mich nicht mehr so von jemandem verstanden gefühlt. Als er mir wie ein Gentleman seine Hand reicht und ich mir von ihm beim Einsteigen behilflich sein lasse, blicke ich noch ein letztes Mal und etwas wehmütig dem schon am Horizont verschwundenen Güterzug hinterher.

Not Today.

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