Nicht ohne mich

»Wir haben uns das reiflich überlegt«, sagte meine Mutter mit noch immer matter und erschöpfter Stimme, das neue Baby, Annie, im Arm.

Meine Geschwister, zumindest die, die nicht im Dreck umherkrabbelten und sabberten, standen im Raum und alle Blicke lagen auf Lachlan, der in der Mitte stand und mit aller Macht vermeiden wollte, loszuheulen.

Es wirkte wie ein Strafgericht. Als wären alle hier, um ihn wegen seiner Schwäche zu verurteilen.

Es machte mich wütend.

»Aber... ich will nicht gehen. Mutter. Vater. So... so lasst mich doch bleiben. Ich schwöre, ich werde härter arbeiten und... ich werde weniger essen, nur bitte schickt mich nicht weg.«

»Lachlan...«, murmelte meine Mutter und ich konnte ihr ansehen, dass es ihr schwerfiel, ihn anzusehen.

Mein Vater hieb mit der Faust auf den hölzernen Esstisch.

»Schluss mit dem Geheule. Du bist ein Junge, also verbitte ich mir das! Du hast gehört, was ich gesagt habe und ich erwarte, dass du es akzeptierst! Ich kann hier keinen Bengel gebrauchen, der isst, ohne anständig anzupacken, hörst du? Da hast du es bei den Pfaffen besser.«

 

Lachlan biss sich auf die Lippen, aber am Glitzern seiner Augen konnte jeder sehen, dass ihm nach Weinen zumute war.

Mein Vater wandte sich ab und rieb sich den Rücken und meine Mutter vergrub ihre Nase an Annies Hals.

Ich tauschte einen Blick mit meinen älteren Geschwistern und uns allen war nicht wohl bei der Sache. Sollte es so schnell gehen, dass unsere Eltern uns einfach wegschoben? Lachlan hatte es sich nicht ausgesucht, schwächer zu sein als wir anderen.

 

»Lachlan, hör mal... zu den Mönchen ins Kloster zu können ist eine große Ehre für dich. Dort wirst du lernen können, lesen und schreiben, etwas über das Meer, etwas über die Sterne. Das wolltest du doch immer.«

Die tröstend gemeinten Worte meiner Mutter hatten leider den gegenteiligen Effekt, dass Lachlan nun wirklich zu heulen anfing.

Meinem Vater platzte der Kragen und als es klatschte, brauchten wir alle eine Sekunde, um zu realisieren, dass er Lachlan eine Ohrfeige verpasst hatte.

Sein Schluchzen verstummte augenblicklich, aber die Tränen kullerten weiter.

»Hör auf zu flennen, du nichtsnutziger Bengel. Hätte ich gewusst, was du für ein Schwächling wirst, hätte ich dich noch am Tag deiner Geburt ins Meer geworfen. Du gehst und damit ist das Thema erledigt. Der Abt des Klosters ist heute im Dorf. Auf seinem Rückweg kommt er hier entlang und nimmt dich mit. Keine Widerrede, verstanden?!«

Der Kleine wagte nicht einmal mehr, zu nicken und ich spürte einen schrecklichen Schmerz in meiner Brust. Wenn er ging, war ich ganz allein inmitten meiner großen Familie. Und so traf ich eine Entscheidung.

 

»Vater«, sagte ich und sah ihm trotz seinem wütenden Ausdruck direkt ins Gesicht.

»Was willst du jetzt?«, grollte er und es konnte einem Kind bei dieser Stimme schon Angst und Bange werden.

»Ich... Vater, erlaube mir, mit Lachlan zu gehen.«

Alle Aufmerksamkeit lag auf mir. Meine Geschwister waren überrascht, meine Mutter scheinbar geschockt und mein Vater zog die Brauen hoch.

»Bitte, was?«

Ich musste für meine damals knapp 9 Jahre immensen Mut aufbringen, um meinem alten Herrn so entgegenzutreten, aber ich wollte nicht, dass Lachlan, mein kleiner, kränklicher, verletzlicher und beschützenswerter Bruder, allein in einem miefigen Kloster mit einem Dutzend kauziger Männer lebte, die den ganzen Tag nur beteten.

»Lass mich mit Lachlan gehen. Wenn es dir genehm ist. Würde ich gehen, würde eine weitere Essensration übrig sein. Bitte... Ich kann arbeiten. Ich würde dir bei den Mönchen keine Schande machen.«

Mein Vater sah mich einen Moment an und ich hatte das Gefühl, es hinter seinem Kopf rattern zu hören wie manche der sonderbaren Maschinen, die ich einst einmal gesehen hatte.

»Aber... Henry, wenn du auch noch gehst, fehlst du bei der Ernte...«, brachte meine Mutter einen schwachen Versuch, einen Grund zu erbringen, mich nicht ziehen zu lassen. Doch das Gesicht meines Vaters sagte, dass er sich bereits entschieden hatte.

Es war eben eine leichte Rechnung, ob man einen guten Esser oder eine durchschnittliche, nicht besonders effektive Arbeitskraft los wird. Denn ich mochte gesünder und stärker sein als Lachlan, aber ich war immer noch ein kleiner Junge ohne sonderlich viel Kraft oder besondere Talente.

»Bitte. Geh, wenn es dir so wichtig ist... ich werde euch beide an den Abt übergeben. Und wehe, mir kommen Klagen über euer Betragen oder euren Fleiß zu Ohren, dann werdet ihr beide in einem Dingi ausgesetzt!«

Ich nickte und griff nach Lachlans Hand.

Obwohl meine Mutter Tränen in den Augen hatte, konnte ich auch eine gewisse Erleichterung darin erkennen. Nun würde etwas mehr Nahrung für die Kleinen übrig bleiben.

Den selben Gedanken und Ausdruck erkannte ich in den Augen meiner älteren Geschwister, obwohl auch sie traurig aussahen.

 

Ich zog Lachlan in das hintere Zimmer, in dem wir größeren Geschwister schliefen und verstaute unsere wenigen Habseligkeiten in einem Sack, während mein Bruder auf dem Bett saß und immer noch stumm weinte.

 

»Warum machst du das, Henry? Warum gehst du freiwillig hier weg und begibst dich in ein Kloster, wenn du bei Mutter bleiben könntest?«

Ich legte den Sack beiseite und meine Hände auf seine Schultern. Er zitterte und wirkte so viel jünger, als er war.

 

»Wenn du uns schon verlassen musst, Lanny, dann nicht ohne mich!«

Comments

  • Author Portrait

    Traurig, aber schön!

  • Author Portrait

    Zum Glück bleiben die beiden Brüder zusammen, so können sie sich gegenseitig Halt geben.

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