Nob - I

 Nob               

Normalerweise wurde im Internat kein Englisch gesprochen. Doch anscheinend war Nobody ein gebildetes Kind in der Trotzphase gewesen. Als man im zarten Alter von vier Jahren von ihr forderte sich einen neuen Namen auszusuchen, benannte sie sich nicht wie viele um. Sie hieß jetzt nicht Susi, Held, Conan, oder Pinguin. Was sowieso ein bescheuerter Name ist.  Nobody hatte sich geweigert. Und weil sie das getan hatte, war sie nun die einzige ohne Namen. Sie wurde "Niemand" gerufen, nannte sich selbst in der ihr so vertraut kommenden Sprache "Nobody". Allein schon dafür, dass sie sich damals nicht umbenannt hatte, wurde sie von allen gemieden. Und dafür, dass sie anders war. Kinder spüren sowas.
Das störte sie aber nicht weiter ... Ihre Eltern auch nicht. Sie kümmerte nicht einmal Nobody. So war die kleine Namenlose allein.

Zwei Jahre lang. In diesen Jahren gab es nur die Schule. Nobody hatte Sportunterricht von dem sie zwar Blessuren, aber keine Techniken davontrug. Es wurde Deutsch und Mathematik gelehrt. Der Unterricht bestand daraus Sätze abzuschreiben und Formeln auswendig zu lernen. Für jede Klassenstufe. Niemand verstand und es gab auch nichts zu verstehen. Immer wieder schrieb Nob Sätze. Krakelig. Dann begegnete Nobody Yucie. Und schon wenige Wochen später schrieb sie geübt geschwungen. Yucie war schon so alt wie alle Finger an Nobodys Hand zusammengenommen und sie war die Klügste von allen. Sie war mutig und half Nobody nie bei den Hausaufgaben. Dafür liebte Nobody sie.  Wen hätte sie auch sonst lieben sollen.

Yucie aß gerne Weintrauben, Nobody gab ihr ihre Tagesration an kugelig runden Früchten. Yucie spuckte auf das Schuldach, also kletterte Nobody ihr langsam nach und spie mit wackeligen Knien auf die braunen Ziegel. Yucie hasste die Lehrer, niemand erschien Nobody abscheulicher. Die Jüngere verstand nicht einmal ein bisschen von dem, was Yucie tat, aber sie half nach Kräften. Und lernte. Yucie lehrte Nobody Theorien über die Welt, die sie mit den ihr zur Verfügung stehenden und sehr bescheidenden Mitteln darstellte. Nob lernte, was sich im All worum dreht und was Bakterien sind. Demokratie ist die Herrschaft des Volkes und Salzsäure ist ätzend. Vor Bienen muss man keine Angst haben, wenn man sie nicht ärgert, und Bücher sind aus Bäumen gemacht. Sie verstand nun. Yucie brachte ihrem Schützling das Lesen und Rechnen schneller bei als die Internatslehrer jemals vermocht hätten, ganz ohne abschreiben. Sie gab Nob ein unerschütterliches Selbstbewusstsein und die Gabe zu hinterfragen.

Aber sie nahm auch. Sie aß alles von Nobodys knapp bemessenen Portionen in der Schulmensa, die ihre Begleiterin ihr zur Verfügung stellte. Sie dankte nie. Yucie berührte Nobody nie, Yucie sprach nie ein Wort zu viel, Yucie gab nichts preis. Manchmal wenn Nob wieder einmal mit knurrendem Magen im Bett lag, fragte sie sich, ob Yucie vielleicht nur eine Halluzination sei. Eine Art Geist den nur Nobody sehen konnte. Yucie wiederholte immer wieder wie sehr sie die Schule hasste und alles was damit zusammenhing. In diesem Punkt regte sich in Nobody leises Unverständnis ihrer Meisterin gegenüber. Ihr ging es in dem Internat gut. Für sie waren die Teller reich gefüllt, da sie sich nicht an die überquellenden Schüsseln in ihrem alten Zuhause erinnern konnte. Ihr war die verächtlichen Lehrer egal, da sie nur Yucies Urteil kümmerte. Für sie war auch die Tatsache, dass niemand das Gelände verlassen durfte keine Einschränkung, denn solange Yucie da war, verlangte es Nobody sowieso nicht nach. Für sie war Yucie der Horizont. Dahinter war nichts. Dann nach drei Jahren, verschwand ihr ein und alles.

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