Nur der Mond ist Zeuge

 

Ein wachsamer Blick überspannte die Weite der See und dehnte sich hinauf zum Firmament.

Vor kurzem erst war die weiße Scheibe aufgestiegen, Sonnenstrahlen hatten den faltigen grauen Nacken des Seebären während des Nachmittagsschlafes erwärmt. Seine runden Nasenlöcher aufgebläht, schmeckte er den kühlen Wind, als wäre es die Vorspeise zur Abendmahlzeit. Barthaare so lang wie Jungheringe standen dabei von seiner feuchten Schnauze ab, während das Tier nun leicht das Maul öffnete. Zähne kamen zum Vorschein, die sich nur allzu gerne in frischen Fang gruben. Die Meeresluft schmeckte jedoch heute nicht nur nach Tang, Krebsen und Fischgetier. Der Seebär schnaubte und blinzelte kurz. Dann schüttelte er sich, als wollte er lästige Fliegen loswerden. Als er die Augen wieder öffnete, blickte er für einen kurzen Moment starr zum Horizont. Ja, das Meer würde heute ruhig bleiben. Wonach es aber roch, vermochte die alte Ohrenrobbe nicht zu erkennen. Es war ein fremder, ungewöhnlicher Geruch. Doch das Tier hatte Hunger. Entschlossen brachte der Seebär seine 350 Kilogramm in Bewegung und wälzte sich den Kiesstrand hinab. Das kühle Nass umfing ihn. Er genoss es, seinen Körper leicht zu fühlen. Aus spätem Übermut drehte er eine Pirouette und ließ sich dann an der Meeresoberfläche auf dem Rücken liegend treiben.

Die matte Scheibe war schon höher gestiegen. So wie immer. Er roch es wieder und sah zum Horizont. Dann tauchte er ab. Dunkelheit umfing ihn, doch es war eine gewohnte. Zur Ortung seiner Beute brauchte er die Augen kaum. Da, er hatte Spur aufgenommen. Nicht allzu weit musste sich ein Köhler oder Ähnliches befinden. Er folgte seinem Instinkt. Bald biss er zu. Er wollte den Fisch schon schlucken, da riss er sein Maul wieder auf und spie das übel schmeckende Tier aus. Es war krank.

Unverdrossen suchte er weiter. In einer Tiefe von über hundert Meter erreichte er Grund. Felsformationen verbargen Krebse und wenn er Glück hatte, könnte er einen Tintenfisch jagen. Er steckte seine Schnauze in vielversprechende Höhlen. Da endlich: ein mageres Krustentier, aber immerhin. Angeregt und mit noch geringem Luftvorrat suchte er weiter. Da stieß seine Schnauze auf eine Metalldose. Er tauchte wieder auf. Die matte Scheibe, die heute groß wie in manchen Nächten war, wurde heller. Etwas in seinem Magen zog sich zusammen, er war noch lange nicht satt. Der sonderbare Geruch war stärker geworden. Als der Seebär wieder unter dem Meeresspiegel versank, begann er abrupt seine Tauchrichtung zu verändern. Doch nicht sein Instinkt trieb ihn dazu, obwohl es aussah, als verfolge er Hacken schlagende Fische. Es dauerte eine Weile, bis er aus dem Taumel zu erwachen erschien. Er riss sein Maul auf, als wollte er zubeißen, so tauchte er wieder tiefer, nahm eine Spur auf, die sich jedoch jäh verlor. Ohne Beute musste er wieder zur Wasseroberfläche hinauf. Als sein Kopf das sich leicht kräuselnde Nass durchstieß, blickte er wieder auf die Scheibe, die nun gelb geworden war. Das Licht genügte, um die See in blankes Gleißen zutauchen. Schon wollte der Seebär abermals tauchen, da hielt er inne. Etwas Schwarzes, Großes fleckte an der Wasseroberfläche, jetzt nahm er auch das Brummen war, das ihn beim Tauchen verwirt hatte. Er schnupperte, der fremde Geruch kam aus der Richtung des Dings, das sich ihm zu nähern schien. Das Brummen war durchmischt von fremden Lauten, von Tieren, die er nicht kannte, und die sicher nicht in sein Beuteschema passten. Sein Fluchtinstinkt war geweckt. Wieder ins Nass ganz versinkend entfernte er sich von dem Ding, das mindestes zwanzigmal so groß war wie er. Doch das Wasser, das ihn umfing war nun ganz anders als gewohnt. Nicht nur das Brummen irritierte ihn, etwas Saures, Scharfes umfing ihn, schnell tauchte er so tief er konnte. Am Meeresgrund fühlte sich das Wasser anders an, dort war noch keine Ätzen, das in seine Nasenlöcher drang, aber auch keine einziges Tier, das zu aufzufinden war. Der Hunger zog an seinen Eingeweiden.

 

Oberhalb des Wasserspiegels brummten die Düsen des Schiffes unbekümmert. Leute schrieen sich Befehle zu. Über den Relingen wurden Eimer ausgekippt.

 

Comments

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    Hey, ganz herzlich willkommen bei uns. Mal eine tolle Idee, eine Story aus der Sicht eines Bären zu machen. In der ersten Minute hab ich allerdings geglaubt, du erzählst von einem menschlichen "Seebären" xD aber das wurde mir dann doch ganz schnell bewusst, dass es sich um ein Tier handelt. Schön erzählt!

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Fairy Dust

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