Nur ein Traum?

Langsam öffnet Tezin die Augen, erstaunt darüber, bereits jetzt wach zu sein. Es herrschte ein seltsames Zwielicht, der Morgen graute erst.
Intuitiv liess er seinen Arm nach links gleiten und erwartete dort Nins warmen Körper zu ertasten. Doch dem war nicht so. Alles was er fand war weiches Moos. Nun öffnete er die Augen ganz und merkte, dass etwas nicht stimmte. Er befand sich in einem Wald, zweifellos, doch war es nicht derjenige, an dem er sich noch Stunden zuvor befunden hatte. Auch merkte er, dass das Zwielicht nicht vom Himmel kam, dieser war nämlich abgesehen von den Sternen vollkommen dunkel. Es war, als würden die Erde und die Bäume von sich aus eine sanfte Helligkeit ausstrahlen. Der Anblick jagte ihm einen Schauer über den Rücken und er erhob sich langsam.

Trotz der ungewohnten Umgebung fühlte er sich nicht verängstigt, eher ehrfürchtig. Die Baumstämme waren so dick, dass sich mehr als ein dutzend Menschen die Hände geben könnten, ohne sie ganz zu umrunden. Er wusste nicht, an was für einem Ort er hier gelandet war, doch sein Gefühl sagte ihm, dass er alt war. Älter als Fice, Zema und Taluran zusammen. Älter als die Menschheit.

Sein Nackenhaar stellte sich auf, was meist dann geschah, wenn er beobachtet wurde. Entsprechend war er nicht wirklich überrascht, als er feststellte, dass er nicht alleine war. Auch wenn die Aufmachung seines Gegenübers durchaus eindrücklich war. Nicht nur wegen seiner Grösse, mit der er Tezin mehr als drei Köpfe überragte.
Die Gestalt trug einen gehärteten Lederharnisch. Am Waffengurt hingen ein Schwert, eine Streitaxt und ein Schild mit Zeichen, die Tezin zwar nicht entziffern konnte. Allerdings war er sich aber ziemlich sicher, diese schon mal irgendwo gesehen zu haben. Er wusste, wen er hier vor sich hatte. Was das vielleicht eine dieser Vorahnungen, von denen Taluran immer sprach? Oder hatte er einfach nur zu tief ins Glas geschaut?

Camulos musterte ihn von oben bis unten, sagte aber immer noch nichts. "Warum bin ich hier?" Tezin hatte lange als Kämpfer gedient und war gut genug, um es zur Not auch mit einem halben dutzend Römern aufnehmen zu können. Allerdings hatte er den Gott des Krieges nie auf die Weise angebetet, wie manche seiner Waffenbrüder es getan hatten und besonders herausgestochen war er auch nie. Das sah offensichtlich auch Camulos ein, denn er drehte sich ohne ein weiteres Wort um und verschwand zwischen den Bäumen. Und mit einem Mal fühlte es sich an, als würde eine Fackel ausgelöscht werden, alles um Tezin herum versank in Dunkelheit.

Als er diesmal die Augen aufschlug, befand er sich wieder in der ihm bekannten Umgebung. Was er nicht zuletzt daran bemerkte, dass ihn Nins rote Mähne im Gesicht kitzelte.
Vorsichtig drehte er sich in eine etwas gemütlichere Position lauschte dem ruhigen Atem seiner früheren Kampfgefährtin. Er war froh, eine Frau wie sie gefunden zu haben. Die nichts erwartete, keine Ansprüche stellte. Sie waren kein Liebespaar, keiner von ihnen hätte die Zeit oder die Nerven dafür. Doch diese seltenen Stunden der Zweisamkeit genossen sie ungemein. 

Um Nin nicht zu wecken und vielleicht auch um noch etwas über den Traum nachzudenken, blieb er einfach liegen und wartete, bis sie sich von selbst zu regen begann.
"Guten Morgen", grinste sie und wuschelte ihm durch das Haar, was er, wie sie genau wusste, mehr als alles andere hasste. Trotzdem erwiderte ihr Lächeln und ergriff sogar ihre Hand, als sie ihn kurz darauf aus dem Dickicht zog, in dem sie die Nacht verbrach hatten. Natürlich erst nachdem sie auch das letzte ihrer Kleidungsstücke wiedergefunden hatten.


Nur noch der grosse Aschehaufen erinnerte an die Feierlichkeiten der vorangegangenen Nacht. Die meisten der Feierlustigen hatten sich in der Zwischenzeit zur Ruhe begeben, mit Ausnahme von Bajat, der gedankenverloren mit einem Stock in der Glut herumstocherte. Das liess Tezin die Stirn runzeln. Wenn er mit sich ehrlich war hatte er gar nicht gemerkt, dass der Junge am Abend zuvor überhaupt dagewesen war. 

Bajats Unauffälligkeit gehörte eindeutig zu seinen bisher bemerkenswertesten Fähigkeiten. Dass er noch immer hier war hiess wohl, dass es zuhause wieder Streit gegeben hatte. Tezin war zwar weder sein Lehrmeistern, noch ein grosser Freund übermässigere Gespräche. Trotzdem hielt er es für besser, der Sache auf den Grund zu gehen. Sie waren öfters auf das Wohlwollen von Bajats Vater angewiesen, als es ihnen lieb war. Dieser Teil des Waldes gehörte ihm und er war einer der wenigen, welche die Anhänger des alten Glaubens nicht vertrieb. Er unterstützte sie zwar nicht wirklich, duldete sie aber immerhin. Nicht, dass sie sich je ganz hätten vertreiben lassen, aber es machte es um einiges angenehmer, sich nicht ständig verstecken- oder eine offene Auseinandersetzung suchen zu  müssen. Umso wichtiger war es, dass Bajat einigermassen gut mit seinem Vater auskam.

Tezin warf Nin einen kurzen Blick zu, die nur verstehend nickte, ihm nochmal zum Abschied winkte und zwischen den Bäumen verschwand. Das kleine Dorf in dem sie lebte, befand sich nur etwa eine Stunde Fussmarsch entfernt. Nicht alle von ihnen lebten in den Wäldern, eigentlich waren es mittlerweile nur noch Taluran und Zema. Trotzdem kamen fast alle aus den verschiedenen Zünften regelmässig hierher um neue Kraft in der Natur zu sammeln.

Schweigend setzte er sich neben den schwarzhaarigen Jungen und wartete. Ziemlich lange sogar. "Mein Vater ist ein Dummkopf."
"Das wissen wir doch aber nicht erst seit gestern, oder?" Bajats ernste Miene hellte sich sofort etwas auf, verdüsterte sich aber fast genauso schnell wieder.
"Er wollte nicht, dass ich gestern hierherkomme. Wir haben uns gestritten. Am Ende habe ich mich dann weggeschlichen."

Nachdenklich runzelte Tezin die Stirn. Wie auch viele andere war Lord Owyne schon vor längerer Zeit zum Christentum übergelaufen und betrachtete die Fähigkeiten seines Sohnes mehr als Fluch denn als Segen. Er hatte ihm bisher aber kaum etwas wirklich verboten, jedenfalls soviel Tezin wusste.
"Hat er denn gesagt warum?"
"Er sagte, von allen Ketzerfesten sei dies hier das Schlimmste. Hier habe meine Mutter ihn verhext."  Darauf wusste er nun wirklich nichts zu erwidern. Es war zwar allseits bekannt, dass Bajat ein Beltane-Kind war und sein Vater diese Tatsache, seit er sich zum Christentum bekannt hatte gerne unter den Teppich kehrte. Aber von "verhext" zu sprechen war einfach nur dumm. Zumal es mit der Stimmung gegen den alten Glauben ohnehin nicht zum besten stand.

"Ich verstehe, warum du dich gewehrt hast. Und das war sehr mutig von dir. Aber du bist noch zu jung um dich alleine durchzuschlagen."
"Warum kann ich nicht bei einem von euch wohnen? Vielleicht könnte ich ja Gorus Knappe sein." Bajats Augen, die grün waren wie das Moos unter ihnen, blickten hoffnungsvoll. Doch Tezin schnaubte nur. "Goru hat ungefähr so viel von einem Ritter wie ich von einem Heiler." Bajat seufzte und begann wieder damit, mit einem Stock in der Asche herumzustochern. "Nachhause gehe ich trotzdem nicht." Früher oder später würde er das. Da seine Mutter im Kindbett gestorben war, blieb nur sein Vater. Und gerade als Bastard war er sehr auf dessen Wohlwollen angewiesen, so sehr ihn das auch plagen mochte.

Nachdem er sich sicher war, dass Bajat seine Fluchtpläne fürs erste wieder verworfen hatte, klopfte er dem Jungen nochmals aufmunternd auf die Schulter und trat dann selbst den Heimweg an.  Kurz spielte er mt dem Gedanken, Taluran aufzusuchen und ihm von seinem Traum zu erzählen. Doch wahrscheinlich hätte der alte Druide nur wieder viel zu viel Dinge hineininterpretiert, also entschied er sich dagegen.

Wie er so am Abend alleine in seiner Hütte sass, musste Tezin trotzdem an das Angebot denken. Wie lange war es her, seit er weiter als eine halbe Tagesreise zurückgelegt hatte? Was hatte er überhaupt während der letzten fünf Jahre getan? Verflucht. Mit wenigen Worten hatte es der alte Mann geschafft, seine wohlverdiente Ruhe zu stören.

Früher als sonst begab er sich an diesem Abend zur Ruhe. Wirklich viel geschlafen hatte er in der Nacht zuvor nicht, weshalb er erstaunlich schnell einschlief. Nur um einen Augenblick später wieder in diesem Wald aufzuwachen.

Es war derselbe Wald wie am Abend zuvor, das konnte er spüren, doch ansonsten war alles anders. Es lag rauch in der Luft, so dick und beissend, dass er den Arm vor den Mund hob um durch den Stoff seiner Kleidung zu atmen. Der Rauch brannte in seinen Lungen- und es stank nach verbanntem Fleisch. Tezin wollte aufwachen, konnte aber nicht. Er kniff sich selbst in den Arm, aber es war zwecklos. Also versuchte er einen anderen Ausgang aus dieser Welt zu finden – oder wenigstens den Rauch hinter sich zu lassen.

Jeden Schritt wohl bedacht trat er zwischen die Bäume. Doch anstatt sich zu lichten, wurde der Rauch nur immer dichter, bis er glaubte zu ersticken. Egal wie oft er die Richtung wechselte oder wie schnell er rannte, der Rauch begleitete ihn überall hin.

Nach einer Zeit, die sowohl Stunden als auch Tage hätten sein können, lichteten sich die Bäume und Tezin beschleunigte seine Schritte nochmals, in der freudigen Erwartung, den Waldrand erreicht zu haben. Doch dem war nicht so. Es war kein Waldrand, sondern eine Lichtung. Und auf der Lichtung waren unzählige Scheiterhaufen aufgestellt, wobei fast alle der dort verbrannten Menschen zur Unkenntlichkeit verkohlt waren. Die dritte Gestalt hingegen hatte noch menschliche Züge. Während auch der Körper grösstenteils verkohlt war, waren zumindest die Gesichtszüge noch erkennbar. Es war eine Frau, vielleicht ein paar Jahre älter als er selbst. Gesehen hatte er sie noch nie zuvor.

Obwohl sie kaum noch am Leben sein dürfte. hob sie den Kopf und sah ihn aus glasigen Augen an. "Hilf ihr."

Der Rauch drohte ihn zu ersticken, selbst als er kurze Zeit später in seiner Hütte aufwachte. In dieser Nacht würde er sicher keinen Schlaf mehr finden.

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Fairy Dust

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