Offene Freundesworte

Thorstein war nicht schnell genug gewesen, um ihren Fall noch aufzuhalten. Doch er griff entschlossen zu und hob die bewusstlose Frau vorsichtig auf seine Arme. Hier im Stall würde er sie keinesfalls liegenlassen. Soviel war klar!
Der Steuermann trug das leichte Wesen mit langen Schritten hinüber ins Haupthaus, durch die Tür ins Innere und an dem erschrockenen Teitr vorbei auf sein Lager.
"Ich brauche mehr Licht hier!", rief er dem noch immer verwirrt starrenden Alten zu, dann drehte er die regungslose Rúna auf den Bauch.
Die Feuchtigkeit ihrer Tunika hatte sich auch unangenehm auf Thorsteins Arm übertragen und der grimmig blickende Mann wischte sich über den Unterarm, bevor er das Obergewand mit einem Ruck zerriss und von den schmalen Schultern seiner Sklavin streifte. Einen Moment lang gönnte er sich, in den Erinnerungen an die vergangene Nacht zu schwelgen. Noch einmal sah er es vor sich, das zuckende Beben ihres Körpers, als er sie mit seinen Stößen in die Ekstase getrieben hatte. Dabei waren ihre Schultern von einer Gänsehaut überzogen worden, die ihm signalisiert hatte, wie sehr sich Rúna ihm hingab.
Doch nun, als sein Blick von ihren Schulterblättern tiefer wanderte und das Licht der Öllampe, die Teitr endlich gebracht hatte, den Raum um sein Lager ausreichend erhellte, war der Gedanke an den vergangenen Genuss schnell verflogen.
Blau unterlaufene Striemen zogen sich über den gesamten Rücken der Frau und dort, wo sich diese mit der alten Brandwunde kreuzten, war die Haut tief eingerissen, die Wundränder ausgefranst ob der Derbheit der alten Narbe und feines, gelblich trübes Wundwasser lief aus dem offen liegenden Fleisch. Daneben gab es weniger tiefe, offene Wunden überall, wo sie vom Ende des Lederseils getroffen worden war, hauptsächlich an der linken Flanke. Auch von dort lief das Wundwasser  in feinen Tropfen herab, wenngleich es hier deutlich klarer war.
Thorstein hörte, wie Teitr scharf die Luft einsog, als er freien Blick auf Rúnas Rücken bekam. Doch der Alte blieb sachlich.
"Wir müssen das auswaschen", forderte er. "Und wenn sich die Entzündung danach nicht bessert, solltest du die Wunden ausbrennen. Wer weiß, was durch das Bad im Moorsee alles dort hinein gelangt ist."
Keiner von beiden hatte eine Ahnung davon, dass Rúnas Wunden noch zu ganz anderem Schmutz Kontakt gehabt hatten. Doch beide Männer hatten genug Erfahrung mit Verletzungen, dass sie die Gefahr erkannten.
Thorstein selbst beschaffte sauberes  Wasser aus dem Brunnen und während die Männer darauf warteten, dass dieses zu kochen begann, sah sich Teitr noch einmal gründlich Rúnas Rücken an.
Ihr Besitzer hatte ganze Arbeit geleistet. So wie die Wunden aussahen, waren Thorsteins Hiebe mit voller Kraft geführt worden. Der Blick des alten Mannes wurde eisig, als er sich vorstellte, wie es sich für Rúna angefühlt haben musste, derartig verprügelt zu werden. Gegen diese Schläge war ihre erste und bisher einzige Auspeitschung durch Ári ein Spaziergang gewesen. Winzige weiße Streifen erzählten davon, dass ihr Rücken schon früher die Bekanntschaft mit einer Peitsche gemacht hatte. Doch das sah man neben der breiten Brandnarbe und den Spuren von Thorstein Behandlung kaum noch.
"Wie fühlt es sich an, eine solche Frau zu schlagen?"
Teitrs Stimme war emotionslos, als er dem Freund diese Frage stellte. Doch die dahinter versteckte Verachtung entging diesem dennoch nicht.
„Ich habe schon viele Dinge getan“, fuhr der Alte fort. „Männer getötet, mich mit Schildmaiden geprügelt …“ Abschätzend sah er zu Thorstein. „Doch auf eine schlafende Frau habe ich noch nie eingeschlagen. Hast du es genossen, dass sie so vollkommen wehrlos vor dir lag? Hat es dich befriedigt?“

Teitr wusste sehr wohl, dass er Thorstein ein wenig Unrecht tat mit seinen Anschuldigungen. Von den Nordmännern, die am Fjord siedelten, war er einer der weniger rücksichtslosen, eher zurückhaltenden  Krieger, wenn es um Frauen ging. Der Alte hatte es immer bewundert, wie treu und liebevoll der Umgang des Steuermannes mit seiner Gefährtin Snót gewesen war und es hatte ihm leid getan, als dieser seine Familie durch das Kindbettfieber verloren hatte. Doch allein das Schicksal, mit dem er noch immer haderte, gab ihm nicht das Recht, seine Enttäuschung an Rúna auszulassen.  
Thorstein fluchte. Ob es an den heißen Tüchern lag, die er gerade aus dem Kessel zog, um ein erstes Mal die Wunden seiner Sklavin auszuwaschen oder ob Teitrs Rede ihm dieses Knurren abnötigte – wer weiß?
Doch als er sich nun an den Verletzungen zu schaffen machte, die er selbst geschlagen hatte, konnte Teitr sehen, dass ihn die Sorge um die Kleine plagte.
„Ich will das nicht ausbrennen müssen“, murmelte Thorstein verstört. „Das muss doch zum Abheilen zu bringen sein …“ Ruckartig ob er den Kopf und suchte Teitrs Blick. „Ich verachte mich selbst für meine Unbeherrschtheit ihr gegenüber“, gab er zu. „Reicht dir das?“
Innerlich lächelte der Alte zufrieden. Sein Freund war also immer noch er selber, auch, wenn er sich in einem Moment der Unbeherrschtheit hatte gehen lassen. Die Wunden auf Rúnas Rücken würden vermutlich neue Narben hinterlassen, aber doch irgendwann abheilen. Nun musste er dafür sorgen, dass Thorstein endlich erkannte, was Ragnar ihm wirklich mit dem Mädchen geschenkt hatte.

In Teitrs langem Leben war er vielen Sklavinnen begegnet, solchen, die sich auf irgendeinem Hof zu Tode schufteten oder solchen, die für jeden Krieger, dem ihr Gesicht oder ihr Busen gefiel, die Beine breit machten. Ganz gleich, an welche der Frauen er dachte, war ihnen allen eines gemeinsam gewesen - der leere, gefühllose Ausdruck ihrer Augen. Sie waren abgestumpft, willenlos und benutzbar gewesen, doch nicht eine von ihnen hatte dieses überschäumende natürliche Feuer, das sich Rúna auf irgendeine Weise  bewahrt hatte. Wenn er daran dachte, wie sie laut schreiend gegen den Wolf vorgegangen war, so war in diesem Temperament pure Lebenslust zu lesen gewesen. Wenn sie mit den Knechten oder ihm scherzte, hatte er den hungrigen Funken in ihren Augen glimmen gesehen. Und das war kein Hunger nach Lust gewesen oder nach Anerkennung, sondern der pure Drang nach Leben, nach Abenteuer. Das sollte und durfte Thorstein keinesfalls zerstören, dafür hatte es Teitr an Rúna viel zu sehr gefallen.  

Der Alte ging Thorstein nun zur Hand, als dieser wieder und wieder den Rücken seines Sklavin wusch.
"Sie muss acht oder neuen gewesen sein, als man sie verschleppt hat", begann er dem Jüngeren zu erzählen, als wolle er sich mit ihm über  Belangloses unterhalten.
Doch Teitr ging es um viel mehr. Er war sich sicher, dass Thorstein nicht nach Rúnas Vergangenheit gefragt hatte, als er sie bekam und dass diese nie von sich aus vor ihrem neuen Herrn über ihr Leben gesprochen hatte.
"Hat sie dir erzählt, dass sie vom Festland kommt? Dass ihre Eltern Slawen waren?"
Überrascht von dem Thema und der Tatsache, dass Teitr offenbar viel mehr über seine Sklavin wusste als er selber, starrte der Steuermann seinen Freund kopfschüttelnd an.
"Göttriks Männer haben sie beim Überfall auf Rerik verschleppt", fuhr Teitr fort, als erzähle er eine Geschichte aus längst vergangenen Zeiten.
"Der Hof, den sie vorher bewirtschafteten, muss noch deutlich größer gewesen sein als dieser hier. Sie haben Pferde für den Verkauf gezüchtet."
Der Alte presste eine Hand fest auf die Stelle, die er gerade gewaschen hatte und die nun, als Folge der rauen Behandlung, erneut zu bluten begann und erzählte weiter.
"Rúnas Vater muss ein starker Mann gewesen sein. Sie war dabei, als er fiel und weiß, dass es dreier Krieger bedurfte, um an ihm vorbeizukommen. Bevor sich die Männer dann ihrer Mutter zuwandten, hatte diese Gelegenheit, ihre jüngste Tochter in einem Vorratsloch zu verstecken."
Thorstein schluckte und warf einen Blick auf den Boden seitlich seiner Feuerstelle. Dort gab es auch eine solche Vertiefung, heute aber lagerten sie längst nichts mehr in dem Erdloch, war doch die kühle Grubenhütte ein viel besserer Ort, um verderbliche Speisen wie Gemüse und Eier aufzubewahren. Sich vorzustellen, dass dort ein kleines Mädchen versteckt wurde, um es vor Plünderern zu verbergen … Thorstein wusste, dass auch er zu diesen Räubern zählte. Dennoch! Er war ebenfalls ein Vater gewesen, wenn auch nur für kurze Zeit. Ob drei Krieger ausreichend wären, um auch ihn …?
"Aber du sagst, dass sie mit Göttriks Männern in den Norden kam", forschte er nach, als Teitr einen Moment zu lang schwieg. "Wie …?"
Abschätzend sah Teitr ihn an. "Wie schon? Sie schändeten die Frauen, durchsuchten das Haus nach Brauchbarem und öffneten natürlich auch jede versteckte Kammer. Ihr späterer Besitzer, Àri, der, den Ragnar dann seinerseits umbrachte, fand sie und zog sie aus ihrem Loch, bevor sie das Haus abbrannten. Danach war sie Waise und über den Verbleib ihrer Schwester, die man nach Haithabu brachte, weiß sie nichts."
Fließend, ohne sich erneut zu unterbrechen, erzählte Teitr nun Rúnas weitere Lebensgeschichte, so wie er sie von ihr am Abend des Hörmeiteidrfestes gehört hatte. Zwei Tage war das erst her und für den alten Mann waren die Bilder ihrer Erzählung noch lebendig. Er sprach von ihrem alten Vorbesitzer, Ári, den sie während eines Sommergewitters aus dessen brennender Scheune gerettet hatte, erzählte von dem Versprechen von Freiheit und den Folgen, als Rúna dies einzulösen wünschte. Noch einmal ließ er die Bilder jenes Tages aufleben, an dem Ári sie vor den versammelten Bewohnern des Dorfes öffentlich ausgepeitscht hatte.
Das Schlimmste, so hatte Rúna ihm gestanden, waren nicht die Schläge gewesen, sondern das Gelächter und die Rufe, mit denen die Dörfler Àri anfeuerten, fester zuzuschlagen.  Schon auf dem Platz hatte sie gelernt, was es wirklich bedeutete, eine Sklavin zu sein. Später, als Àri sie zurück auf den Hof gebracht hatte und sie drei weitere Tage gefesselt seinem Zorn und seinen Schlägen ausgesetzt war, hatte er ihr mit Worten und Taten beigebracht, wie gering sie in seinen Augen war, wie wenig Wert er ihr zugestand.
Thorstein fuhr sich bei dieser Rede mehrmals über das Gesicht. Ihre Worte vorhin im Stall … Sie waren also nicht nur im Fieberwahn daher gesprochen.
" Jeder Herr hat das Recht, seine Sklaven so oft und solange zu schlagen, wie es ihm beliebt", murmelte er, Rúnas Worte nachsprechend.
Als ihn der verständnislose Blick des älteren Freundes traf, wiederholte er alles, was er von ihren Worten noch in Erinnerung behalten hatte.  Nur ihren letzten Satz, das leise ' Ich danke euch für die Belehrung' gab er vor Teitr nicht preis. Zu sehr hatte ihn die Hilflosigkeit getroffen, die sie bei diesen Worten ausgestrahlt hatte, die bedingungslose Unterwerfung, die einen solchen Satz erst möglich machte. Vielleicht würde sie jetzt immer diesen leeren Blick tragen, wenn sie mit ihm sprach?
Thorstein wusste, dass er einen Fehler gemacht hatte, der sich nicht so schnell beheben ließ. Dabei hatte Teitr sein Unwohlsein nur noch geschürt, indem er ihm Rúnas Geschichte erzählt hatte. So viel hatte er von ihrem Schicksal gar nicht wissen wollen. Und dennoch!
Da war etwas, was ihm nicht aus dem Sinn ging. Sie war eine Bauerntochter, so wie er der Sohn eines Bauern war. In ihrer Herkunft waren sie sich viel näher, als er es hätte erahnen können. Und doch war er ein angesehener freier Mann und sie war dazu verflucht, ihm zu dienen. Ja, die Seher und Goden behaupteten, dass es zum Wohlgefallen der Götter war, diese menschliche Beute zu machen. Und doch … An der Rechtmäßigkeit dieser einen Beute hatte Thorstein mit einem Mal leise Zweifel. Rúna nämlich, die sich viel mehr für sein Haus einsetzte und nun auch noch für Skinfaxi in den Kampf gezogen war, hatte irgendwie mehr verdient

Teitr breitete ein letztes sauberes Tuch über Rúnas Rücken aus und ließ seinen Freund dann wissen, dass er sich zur Ruhe legen würde. Am kommenden Morgen wolle er Heilkräuter und Weidenrinde suchen, um vielleicht doch noch zu verhindern, dass man die entzündeten Wunden ausbrennen musste.
Wie schon häufiger legte sich der Alte im vorderen Teil des Hauses auf einer der breiten, fellbedeckten Bänke zur Ruhe. Nachdenklich lauschte er den Geräuschen des Hofes und als er nach einer Weile ein leises Rascheln vernahm, wusste er, dass sein jüngerer Freund nun neben der Sklavin zur Ruhe gegangen war. Er ließ ihr also den Platz auf seinem Lager. Teitr grinste. So schrecklich das alles war, so sehr musste das Erlebte auch an Thorsteins Verschlossenheit kratzen. Noch nie nach Snóts Tod hatte er den Freund so verwirrt und nachdenklich gesehen.



Fortsetzung folgt - wie immer!
Leider gab es zu jener Zeit keine Antibiotika und auch in Teitrs Weidenrinde wird sich außer ein wenig Salicylsäure gegen die Schmerzen (ihr kennt es aus unserem bewährten Aspirin) nicht viel Hilfreiches finden. Andererseits waren die Menschen damals wahrscheinlich härter im Nehmen als wir und es soll sogar zu Avicennas Zeiten Männer gegeben haben, die Ziegenmist auf einem frischen Amputationsstumpf überlebten. Na, lasst euch überraschen.
Wer mag, kann sich Fotos der rekonstruierten Wikingersiedlung Wolin auf meiner HP anschauen und herausfinden, wie so ein Haus damsl ausgesehen haben könnte:
http://www.sophie-andrae.de/wikingerdorf-wolin.html
Außerdem möchte ich euch heute gerne mal fragen, ob ihr mehr zu den historischen Hintergründen der Geschichte erfahren möchtet, z.B. über die irrwitzige Umsiedlung der Reriker Handelsleute in die neu erbaute Siedlung Haithabu. Oder mehr zu den Möglichkeitn/Unmöglichkeitend er damaligen Heilkunst?
Liebe Grüße!
Sophie

Comments

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    Was ich beim letzten Comment vergessen hatte: du schreibst immer noch spannend! Aber Thorstein wird meine Sympathie nicht mehr gewinnen... Kaum zu glauben, dass das Leben früher so hart war...

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    Ich bin ganz in diese Geschichte reingeschlüpft! Die Berührbarkeit von Thorstein ist wohltuend. Und dass Rúna in Teitr einen echten Freund an der Seite hat, ist ungemein beruhigend! Mich würde die damalige Heilkunst interessieren, da du ja fragst! :-)

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