Part 2

"Was hast du denn jetzt schon wieder angestellt, du kleine Mißgeburt?"
Ich blicke von meinem Spiel auf. Meine Mutter steht vor mir und schreit mich an. Ihr Gesicht ist ganz verzerrt vor Wut und ich bekomme Angst. Ich weiß nicht, was ich falsch gemacht habe, aber bestimmt war es ganz schlimm, sonst wäre Mama doch nicht so böse auf mich.
Mama packt mich am Arm, es tut weh, aber ich schreie nicht. Ich weiß längst, dass dann alles nur noch schlimmer wird. Sie reißt mich hoch und schlägt mir mit der anderen Hand ins Gesicht. Ich presse die Lippen ganz fest aufeinander, um nicht zu schreien und versuche, nicht zu weinen. Weinen macht auch nur alles schlimmer. 
"Wie oft hab ich dir schon gesagt, dass du deine Sachen ordentlich aufhängen sollst? Du bist echt zu nichts zu gebrauchen, du taugst kein Stück, du kleines Miststück."
Mama schlägt mich noch einmal, dann zerrt sie mich durch mein Zimmer, die Treppe runter in den Flur. Meine Jacke liegt vor der Garderobe. Ich bin mir sicher, dass ich sie ganz ordentlich aufgehängt habe, als ich nach Hause gekommen bin. Vielleicht ist sie vom Bügel gefallen. Oder Mama hat sie selbst runter geschmissen. Das sind so ihre Spielchen, das kenne ich schon. Sie macht etwas dreckig und behauptete dann, dass ich das war. Nur, damit sie einen Grund hat, mich anzuschreien und zu schlagen.
"Hier, guck dir diese Unordnung an! Was fällt dir eigentlich ein, glaubst du, ich hab nix besseres zu tun, als den ganzen Tag lang hinter dir herzuräumen? Was sollen denn die Nachbarn sagen, wenn die kommen und sehen, dass es hier so aussieht? Ich hab bald echt die Schnauze voll von dir. Ständig muss man sich für dich schämen! Wenn das so weitergehst, kannst du zusehen, wo du bleibst."
Mama schnappt sich den schweren Holzbügel vom Garderobenständer. Mir bleibt fast das Herz stehen, ich ahne, was jetzt kommt. In Gedanken fange ich an zu beten.
"Bitte, lieber Gott, bitte mach, dass sie mich nicht so doll schlägt."
Aber eigentlich weiß ich schon, dass Gott mich auch diesmal nicht erhören wird. Das hat er noch nie getan. Ich glaube, der liebe Gott mag mich genauso wenig wie meine Mama.
Mama stößt mich, und ich falle hin. Wie von selbst rolle ich mich zusammen, mache mich ganz klein und hebe meine Arme und Hände über den Kopf, um ihn vor dem Bügel zu schützen. Da trifft mich schon der erste Schlag, ich zucke zusammen, das tut so weh. Tränen schießen mir in die Augen, hoffentlich sieht Mama das nicht, dann wird sie mich auch noch dafür schlagen, dass ich so eine Heulsuse bin. Mein ganzer Körper ist so angespannt, dass ich ganz steif bin. Immer wieder schlägt Mama mit dem Bügel zu, auf meinen Rücken, auf meine Arme, auf meine Beine und auf meinen Po. Ich habe Angst, dass sie diesmal nicht aufhört, dass sie mich diesmal totschlägt. Mir laufen die Tränen übers Gesicht, ich zittere am ganzen Körper. Warum hilft mir denn keiner? Mein ganzer Körper besteht nur noch aus Schmerz, aber das ist nicht so schlimm. Viel Schlimmer ist es, dass es auch innen drin weh tut. Ich habs wieder nicht geschafft, dass Mama zufrieden mit mir ist. Ich geb mir immer so viel Mühe, alles richtig zu machen, damit sie sich nicht über mich ärgern muss, aber ich schaffe es nie. Irgendetwas mach ich immer falsch. Ich will das gar nicht, aber manchmal weiß ich einfach nicht, was Mama von mir erwartet. Dann denke ich, bestimmt möchte Mama, dass ich mich so und so verhalte, und dann tu ichs, aber dann stellt sich heraus, dass das genau das falsche war. Und beim nächsten Mal verhalte ich mich dann anders, aber das ist auch nie richtig. Ich will so gerne so sein, wie Mama will, dass ich bin, aber ich weiß nicht, wie sie will, dass ich bin. Mama hat Recht, ich bin wirklich nichts wert, wenn ich das nicht mal hin kriege. Ich bin überhaupt nichts wert! Ich bin ein Stück Scheiße, mehr nicht!
Endlich hat Mama sich an mir ausgetobt, sie schmeißt mir den Bügel hin und schreit, dass ich gefälligst aufräumen soll. Ich rappele mich hoch, hebe meine Jacke auf und hänge sie sorgfältig auf den Bügel. Dann hänge ich den Bügel wieder an den Garderobenhaken.
"Na also, es geht doch! Warum machst du das nicht gleich so? Du bist eben eine kleine Schlampe. Und jetzt hau ab, ich will dich nicht mehr sehen."
Ich gehe in mein Zimmer, schiebe leise meinen kleinen Stuhl ans Fenster und schaue nach draußen. Da ist der Wald, da ist die Wiese, da grasen die Schafe, und die Blumen blühen und die Vögel singen. Ich liebe den Blick aus meinem Fenster, aber heute hab ich wieder mal das Gefühl, diesen schönen Anblick nicht verdient zu haben. Ich klettere von meinem Stuhl und quetsche mich in die schmale Nische zwischen meinem Bett und dem Nachtschränkchen. Das ist sehr unbequem, aber ich hab es eben nicht besser verdient. Ich ziehe meine Beine an den Körper und lege meine Arme um die Knie. Ich zittere immer noch, und mir tut alles weh. Vor allem in mir drin, weil ich so ein böses Mädchen bin und meine Mama immer ärgere.

Das ist meine früheste Kindheitserinnerung. Ich war vier.

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    Mir kommen die Tränen, das ist so furchtbar! Wie gern möchte ich die kleine Delia in den Arm nehmen!

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