Part 3

Ich bin mitten auf dem Land groß geworden auf einem Bauerhof. Da hab ich mit meinen Eltern und Oma und Opa gelebt. Unser Hof stand direkt am Waldrand. Wenn ich aus meinem Fenster geguckt habe, dann war links der Wald und vor mir erst der große Garten, ganz früher im Halbkreis von Blautannen umrandet. Genau in der Mitte des Rasens war ein rundes Blumenbeet und da stand eine kleine, rotblaue Windmühle drin. Hinter den Tannen war ein Zaun und dahinter der Gemüsegarten. Da haben wir Erbsen, Möhren, Salat, Bohnen und Kartoffeln angebaut. Früher hab ich gerne rohes Gemüse gegessen. Ich weiß noch, einmal bin ich, noch in Schlafanzug und diesem Kleinkinderschlafsack auf dem Po die Treppenstufen runtergerutscht und in den Garten gehoppelt. Da hab ich dann mitten im Möhrenbeet gesessen und die süßen kleinen Möhren gefuttert. Später hab ich wieder Prügel bekommen, dafür, dass ich einfach abgehauen bin, dass ich den Schlafsack dreckig gemacht hatte und weil ich ohne Erlaubnis gegessen hatte. 
Hinter dem Garten begannen die Wiesen. Überall um unser Haus herum waren Wiesen. Im Sommer blühten da Wiesenschaumkraut und Leberblümchen. Zwischen den einzelnen Wiesen verliefen schmale Gräben. Da konnte man schön spielen, Frösche fangen und so. In unserer Gegend gab es damals noch einen richtigen Schäfer, der mit seiner Herde meistens auf einer der Wiesen bei unserem Haus war. Oft war ich den ganzen Tag lang bei ihm, denn er war immer nett zu mir und hat mit mir gespielt. Auch seine Hütehunde waren lieb. Und ein Schaf war da, das war anders als die anderen. Es hatte als einziges keine schwarze, sondern eine weiße Nase. Für mich war das immer "das Schaf mit der weißen Nase". Es war auch als einzigstes zahm und hat sich von mir streicheln lassen. In den großen Tränken, die im Sommer immer auf der Wiese neben unserem Haus standen, hab ich oft gebadet, wenn mir heiß war und das Güllefass war mein Pferd, auf dem ich durch die ganze weite Welt geritten bin. 
Aber am liebsten war ich im Wald. Damals waren alle Bäume meine Freunde, denn andere hatte ich nicht. Ich habe ganz fest daran geglaubt, dass die Bäume alles verstehen, was ich sage, und das ihr Rauschen ihre Art war, mir zu sagen, dass sie mich lieb hatten. Oft, wenn ich traurig war, habe ich meinen Lieblingsbaum umarmt. Einer seiner Zweige hing ganz tief und wenn ein leichter Wind wehte, war es, als ob er mir mit seinen Blättern zärtlich durchs Haar streicht. Meistens aber habe ich auf einer Bank am Waldrand gesessen und einfach nur geguckt. Ich habe die Schönheit dieser Gegend förmlich in mich hineingesaugt. Solange ich dort gewohnt habe, gab es für mich nirgendwo auf der Welt eine schönere Gegend. Selbst heute noch, wenn ich im Zug sitze und durch diese Gegend fahre, packt mich die Sehnsucht, auszusteigen und nochmal über die Wiesen zu laufen, noch mal durch den Wald zu streifen, zu gucken, ob mein Lieblingsbaum noch steht, noch einmal diesen wunderbaren Duft von Heu und Harz zu riechen. Aber dann wird in der Ferne mein Elternhaus sichtbar und ich drehe schnell den Kopf weg, um es nicht sehen zu müssen.

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    Tiere, Natur und Bäume - ich bin so froh, hatte die kleine Delia diese Freunde!

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