Part 5

Ich stehe am Rand des dunkelgrünen Spielteppichs. Ein paar Jungs aus meiner Gruppe haben sämtliche Holzbausteine an der Wand aufgetürmt. So hoch ist der Turm, höher als ich. Ich staune, weil er nicht umfällt. Und ich finde, dass er schön aussieht, so gerade und die verschiedenen Holzmuster auf den Steinen ergeben so zusammengemixt ein ganz neues Muster. Das ist hübsch. Ich gehe einen Schritt näher an den Turm heran. Ich will nur gucken, sonst nichts. Wenn ich die Augen ein bißchen zusammen kneife, verschwimmt das Muster. Das sieht auch hübsch aus. Aber weil ich mich so auf den Turm konzentriere, achte ich einen Moment lang nicht auf die Umgebung. Das ist gefährlich für mich. Plötzlich steht Ben neben mir. Ben ist viel größer als ich. Und er ist immer so wild und laut. Ich habe Angst vor ihm. Er schreit mich an, dass ich den Turm nicht anfassen soll und dann haut er mir mit seiner Faust mit voller Kraft auf den Kopf. Ich weine nicht, aber ich bin traurig. Ich wollte gar nichts anfassen. Ich wollte den Turm nicht kaputt machen, der ist doch so schön. Aber ich weiß, wenn ich das sage, lachen mich doch nur alle aus, weil sie das nicht verstehen. Die sehen diese Schönheit nicht. Ich verstehe nicht, warum das so ist, ich hab nur das Gefühl, dass ich anders bin als die anderen Kinder. Dass ich nicht dazu gehöre.
Jetzt kommt auch die Erzieherin und schimpft mit mir. Warum schimpft sie mit mir? Ich hab doch gar nichts getan. Aber ich sage nichts, denn man darf Erwachsenen nicht widersprechen. So hab ich das von klein auf gelernt. Das mir der Kopf weh tut, das sage ich auch nicht. Dann heißt es nur: Das kommt davon. Ich verstehe das nicht. Man darf doch anderen nicht weh tun, das ist böse. Aber Ben hat mir weh getan, aber er wird nicht dafür bestraft. Ich schon. Ich muß die nächste halbe Stunde ganz still auf einem kleinen Stuhl sitzen. Zum Glück hat die Erzieherin ihn ans Fenster gestellt, so dass ich raus gucken kann. Ich beobachte die Vögel, die im Garten hin und her fliegen. 
Später machen wir einen Stuhlkreis. Ich mag das nicht. Ich bin sehr klein und schüchtern und ich trau mich nicht, bei den ganzen Spielen mit zu machen. Manchmal müssen wir uns auch bei den Händen fassen, das mag ich noch weniger. Ich mag es nicht, angefasst zu werden. Und es ist mir peinlich, diese ganzen Bewegungen zu machen, die zu den Spielen gehören. Ich habe Angst, dass ich mich dabei dumm anstelle und die anderen Kinder mich auslachen. Darum sitze ich, wenn Stuhlkreis ist, immer ganz still auf meinem Platz, die Hände zwischen den Knien eingeklemmt und schüttele immer nur leicht den Kopf, wenn die Erzieherin mich auffordert, mit zu spielen.
Draußen halte ich mich auch immer von den anderen Kindern fern. Meistens stehe ich in der Ecke bei den Mülltonnen und gucke den anderen beim Spielen zu. Aber ich muss vorsichtig sein, damit die nicht bemerken, dass ich sie beobachte. Denn dann kommen sie zu mir und ärgern mich und schreien mich an und schubsen mich.
Doch am meisten Angst hab ich im Kindergarten, wenn es kurz vor zwölf ist. Denn dann ist der Kindergarten bald aus und Mama kommt, um mich ab zu holen. Dann erzählt die Kindergärtnerin wieder, dass ich bockig war und Mama schlägt mich zuhause windelweich, weil ich sie schon wieder blamiert habe, weil sie sich schon wieder für mich schämen musste. Manchmal möchte ich ihr sagen, dass ich gar nicht bockig bin, sondern nur schüchtern und dass ich Angst habe. Aber das würde Mama nicht verstehen, das weiß ich, obwohl ich noch so klein bin. 

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    So viel tiefes Kinderleid...

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