Part 10

Ja, so war das damals. Ein einziger kleiner Satz, eine einzige kleine Lüge, die ich in dem Moment noch nicht mal als richtige Lüge wahr genommen hatte, hat über mein ganzes Leben geherrscht. Fortan war ich überall als Lügnerin, als notorische Lügnerin sogar, bekannt. Dafür hat schon meine Mutter gesorgt, die natürlich überall rum erzählt hat, dass ich ständig lüge. Die Leute hatten dann immer Mitleid mit ihr - so eine nette Frau und gestraft mit so einem schrecklichen Kind!
Ja, meine Eltern waren überall sehr beliebt. In Gesellschaft verwandelte sich meine Mutter in die liebenswürdigste Frau, die man sich nur vorstellen kann. Plötzlich hatte sie Sinn für Humor, lachte viel und gerne. Und eine perfekte Hausfrau war sie. In der damaligen Zeit zählte das noch mehr als alles andere. Von früh bis spät war sie am putzen, bei uns gab es kein einziges Staubkörnchen, sogar die Kakteen waren staubfrei. Natürlich wurde ich von klein auf dazu angehalten, im Haushalt mit zu helfen. natürlich, so ein großes Haus, das macht viel Arbeit. Ich habe nicht immer gerne geholfen, aber ich habe es getan. Was sonst passierte, war mir ja klar. Ich erinnere mich, dass es meine Pflicht war, jeden Tag die große Eingangsdiele zu fegen und zu wischen. In meiner Erinnerung hat die etwa die Größe eines Schwimmbades gehabt, aber als Kind erscheinen einem die Dinge ja immer größer. Trotzdem war sie riesig und es war sehr zeitaufwendig, sie zu putzen. Zeit, die ich natürlich lieber mit Spielen verbracht hätte. Aber ich war auch stolz auf mich, wenn ich meine Arbeit erledigt hatte. Nur meine Mutter hat mir alles wieder kaputt gemacht. Entweder hat sie, während ich noch das dreckige Wischwasser weg gebracht habe, die Diele wieder eingesaut, und ich musste von vorne anfangen, oder sie hat direkt hinter mir her geputzt, weil ich es nicht ordentlich genug gemacht hatte. Das zweite war für mich schlimmer, denn es vermittelte mir jedesmal das Gefühl, erneut versagt zu haben, nichts zu können und absolut wertlos zu sein. Als ich älter wurde, habe ich mit Trotz reagiert. Ich hab mir gedacht, wenn ich das sowieso nicht richtig kann, dann ist es wohl besser, wenn ich es gleich ganz lasse. Das macht dann auch keinen Unterschied. Bis heute sind mir Wohnungen und Häuser, die so sauber und ordentlich sind, dass es fast steril wirkt, ein Graus. So ein Haus muss doch leben, man muss doch merken, dass da jemand lebt.
Aber ich schweife ab. 
Meine Eltern und speziell meine Mutter waren also überall sehr beliebt. Ich weiß nicht, wie oft ich den Satz gehört habe: "Du weiß gar nicht, wie gut du es hast, so tolle Eltern zu haben." Ich wollte diesen ganzen Leuten immer entgegen schreien: "Ja, zu euch sind die nett, aber wenn ihr wüsstet, wie die zu mir sind, sobald ihr weg seid!" Aber ich habe es niemals gesagt. Vielleicht hätte ich es tun sollen, vielleicht hätte mir dann jemand geholfen. Aber spätestens nach meiner Bruderlüge war das nicht mehr möglich. Ich hatte meiner Mutter damit direkt in die Hände gespielt. Indem sie mich überall als Lügnerin darstellte, nahm sie mir jede Chance, jemals ernst genommen zu werden. So eine wunderbare Frau wie meine Mutter schlägt doch nicht regelmäßig ihr Kind grün und blau! Was für eine Frechheit von diesem Balg, so etwas zu behaupten! Aber das ist ja sowieso total verlogen!
 Ja, so hätte man dann wohl von mir gedacht. Meine Mutter hatte es geschafft, dass immer und grundsätzlich ich die Böse war. Wer hätte mir da noch Glauben schenken sollen?
Die vier Jahre Grundschulzeit zogen sich ewig hin, aber endlich waren sie doch vorbei und ich freute mich auf den Wechsel zur Orientierungsstufe. Eine neue Schule, ein neuer Anfang. Vielleicht würde ich nun auch endlich mal eine echte Freundin haben...

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media