Morgens roch es immer nach Kaffee, frischen Eiern und gebratenem Speck. Nicht, dass sie den Kaffee gemocht hätte oder eine ganze Scheibe Speck hätte verdrücken können. Eine entfernte Tante von ihr hatte es einmal entgegen aller Warnungen gewagt, einen winzigen Schluck Kaffee zu probieren. Das war keine gute Idee gewesen. Das Beerdigungsbuffet dagegen hatte alle zuvor aufgestellten Rekorde gebrochen.

Trotzdem genoss sie den morgendlichen Geruch in vollsten Zügen. Manchmal stellte sie sich vor, einer dieser Riesen zu sein, die einen vollen Becher des Kaffees trinken und zwei oder drei ganze Eier zum Frühstück essen konnten. Einer dieser Riesen mit nur zwei Beinen und zwei Füßen, die so unendlich groß und gefährlich waren. Von klein auf war ihr beigebracht worden, sich vor diesen Füßen zu verstecken. Nicht nur vor den Füßen, sondern vor den Riesen überhaupt. Denn obwohl sie untereinander so nett waren, konnten sie zu echten Monstern werden, sobald sie einen von Leilas Artgenossen zu Gesicht bekamen. Verrückt oder? Natürlich hatten sie ein paar mehr Beine und die meisten von ihnen besaßen auch um ein Vielfaches mehr Augen als die Riesen, aber sie waren doch so viel kleiner und nicht in der Lage, sich in irgendeiner Art und Weise zu wehren, wenn einer der weiblichen Riesen kreischend mit einem Serviettenhalter nach ihnen schlug, um ihr ohnehin schon kurzes Leben vorzeitig zu beenden. Dazu kam, dass sie ohne Leila und ihre Großfamilie  von einer Fliegen und Mückenplage nach der anderen gejagt werden würden. Da wäre es eigentlich nur fair, sie am Leben zu lassen.

Es war mal wieder ein ganz gewöhnlicher Sontag Morgen, als sie völlig ahnungslos über einen der Stühle des Cafés lief und nach Essensresten Ausschau hielt. Sie war relativ jung und lebte deshalb noch bei ihrer Mutter, die heute jedoch einmal ausschlafen wollte. Als Überraschung war sie heute extra früh aufgestanden, um so viel wie möglich zu sammeln und ihrer Mutter ans Bett zu bringen. Doch gerade, als sie ein winziges Stück Bacon ausfindig gemacht hatte, hörte sie einen dieser Schreie, die für sie, seit sie aus ihrem Ei gekrochen war, der Warnhinweis waren, sich so schnell wie möglich zu verstecken. Doch leider war weit und breit kein Versteck in Sicht und obwohl sie noch so jung war, war ihr bewusst, dass sie nicht die geringste Chance hatte, dieses Rennen zu gewinnen. Der weibliche Riese, der bisher auf dem Stuhl ihr gegenüber gesessen hatte, war der Ursprung des Schreis und von seinem Stuhl aufgesprungen. Sofort stand ihm ein männlicher Riese zur Seite, der den Schrei gehört und die kleine Spinne sofort ausfindig gemacht hatte.

Leila rannte um ihr Leben. So musste sich Onkel Hugo gefühlt haben, bevor er von einem besonders korpulenten Riesen zertrampelt worden war. Die Lage war absolut aussichtslos. Wäre sie doch heute Morgen einfach neben ihrer Mutter liegen geblieben und später wie gewöhnlich mit ihr gemeinsam losgezogen. Anstatt zu einem Frühstück ans Bett würde Allie nun zu der Nachricht über den Tod ihrer Tochter aufwachen. Leila hatte es mittlerweile vom Stuhl auf den Boden geschafft, wusste aber, dass sie zwar dem Serviettenhalter in der Hand des weiblichen Riesen, nicht jedoch den großen Füßen des männlichen entkommen war. Das letzte was sie in sich aufnahm, bevor sie von dieser Welt trat, war der Geruch einer Mischung aus billigem Plastik und Schweiß. Dann senkte der Riese seinen Fuß genau über ihr nieder und trat mit einer viel größeren Wucht zu, als nötig gewesen wäre, um der kleinen Spinne jede Chance des Überlebens zu nehmen.

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