Part 12

Mit großen Augen sah Flo auf das zu Staub gewordene Wesen und blickte dann wieder herauf zu Liam. Schwer atmend stand der, mit dem Rücken zu ihr, vor dem Staubhaufen. Es war nicht zu überhören, wie er die Luft in seine Lungen sog und wieder herauspresste. Doch bewegen tat er sich kein Stück. Immer noch hielt er sein Schwert in die Höhe, als würde er auf etwas warten. Waren etwa noch weitere dieser Wesen auf den Weg hier her?

Zitternd hob sie ihre Hand in die Höhe und betrachtete das verblassende Feuerdreieck auf ihrer Handfläche. Was hatte das hier alles nur zu bedeuten? Was war das, was in ihrer Brust verschwand? In was war sie hier nur hineingeraten? Langsam öffnete sie ihren Mund und wollte Liam fragen, was das alles hier sollte, doch außer einem unverständlichen Gestammel verließ kein Laut ihre Kehle. Irgendetwas musste Liam allerdings doch verstanden haben, denn schwungvoll drehte er sich zu ihr herum.

„Golems.“

Und schon wandte er sich wieder von ihr ab und eilte schnell auf das regungslose Mädchen zu.

„Ist … Ist sie …“

Flo traute sich nicht mal, es auszusprechen. Vielleicht hatte sie sich ja auch geirrt und das Mädchen war gar nicht tot. Vielleicht war dies hier auch wirklich nur ein ganz schlimmer Albtraum und gleich wurde sie wieder wach.

Aber egal, wie oft sie sich das auch noch einreden wollte, es half nichts. Es war nun mal kein Traum. Das alles hier passierte wirklich. Auch wenn sie überhaupt keine Ahnung hatte, warum.

„Ja ist sie.“

Er sprach so gleichgültig, als wäre es das Normalste auf der Welt. Kratzte es ihn denn überhaupt nicht, dass gerade mitten vor seinen Augen ein Mensch ermordet wurde? Doch bevor sie noch etwas dazu sagen konnte, holte er plötzlich mit seinem Schwert aus und schlug die Kette, mit der das Mädchen an der Wand befestigt wurde, in zwei Teile. Keine Sekunde später begann er dann sein Schwert in der Hand herumzuwirbeln und mit großen Augen beobachtete sie, wie sich das Schwert plötzlich in Luft auflöste. Wie konnte sich denn ein Schwert einfach so in Luft auflösen? Wie hatte er das gemacht? Aber groß Zeit darüber nachzudenken, hatte sie nicht, da Liam das Mädchen plötzlich hochhob und zu ihr herüber rannte.

„Los. Steh auf. Wir müssen los. Wir haben nicht viel Zeit.“

Wieso mussten sie los? Und seit wann sprach er von sich und ihr, als wir? Sie ging doch nicht mit ihm irgendwo hin, ohne zu erfahren, was hier überhaupt los war.

„Was soll das denn alles hier? Und was ist das hier? Und warum wurde sie umgebracht? Wer bist du überhaupt?“

Panisch wedelte sie mit ihrer Hand und deutete dabei abwechselnd auf ihn, auf das Mädchen und hielt die Hand mit dem Dreieck in die Höhe. Wobei das schon fast gänzlich verblasst war.

„Wir haben jetzt keine Zeit. Na los. Wenn dir dein Leben lieb ist, solltest du jetzt mitkommen“, knurrte Liam mal wieder nur und langsam aber sicher sammelten sich die Tränen in ihren Augen.

Verstand er denn nicht, dass sie völlig überfordert mit der ganzen Sache hier war?

„Für dich mag das vielleicht normal sein, aber für mich ist es das nun Mal nicht. Ich sehe halt nicht jeden Tag jemanden sterben und geh dann zur Tagesordnung zurück.“

Schluchzend vergrub sie ihr Gesicht in ihren Händen und langsam aber sicher kullerten ihr die ersten Tränen über ihre Wangen. Sie konnte deutlich hören, wie er laut schnaubte und dann näher an sie herantrat. Aber das war ihr egal. Für sie war das Ganze hier alles andere als normal.

„Flo. Flo war doch richtig oder? Wir müssen wirklich los. Und dann bekommst du deine Erklärung.“

Er brummte zwar immer noch, aber sie merkte auch, wie er versuchte nett zu wirken. Allerdings gelang es ihm nicht wirklich.

„Wenn er merkt, dass seine Golems nicht zurückkommen, wird es hier bald nur von solchen Kreaturen wimmeln.“

Nur widerwillig nahm sie ihre Hände wieder herunter, wischte sich verstohlen die Tränen aus dem Gesicht und blickte langsam wieder auf. Sie war nicht scharf darauf noch weitere Steinwesen oder Golems, wie Liam sie nannte, zu treffen. Und wenn sie wissen wollte, was da in ihren Körper geflogen war, blieb ihr wohl oder übel nichts anderes übrig, als mit ihm mitzugehen.

„Na schön“, schniefte sie also ein letztes Mal und nickte ihm dann zu.

Sichtlich erleichtert nickte er seinerseits nun auch, legte das Mädchen vor sich auf den Boden und stellte sich danach direkt vor sie. Ohne seine Miene zu verziehen, hielt er ihr seine Hand entgegen und seufzend legte sie ihre Hand in seine, damit er ihr beim Aufstehen helfen konnte. Doch direkt, als sich ihre Finger berührten, begann ihre Hand plötzlich hell aufzuleuchten. Was war das denn jetzt schon wieder? Perplex zog sie die Hand wieder weg und starrte irritiert auf ihre Handfläche, auf der das Feuerdreieck wieder aufleuchtete.

„Was?“, quietschte sie laut und wedelte mit ihrer Hand, als würde sie dieses komische Dreieck einfach wegschütteln wollen.

„Auch das noch“, stöhnte Liam, griff wieder nach ihrer Hand und zog sie hoch.

„Was, auch das noch?“

Kopfschüttelnd zog er sie jedoch einfach nur mit sich mit und bugsierte sie direkt neben dem Mädchen.

„Jetzt nicht“, befahl er und deutete ihr an leise zu sein.

Starr stand sie einfach nur da und traute sich nicht ihren Blick herunter zu richten. Warum hatte er denn überhaupt kein Problem den leblosen Körper hier herumzutragen. Sie traute sich nicht ein Mal in ihr Gesicht zu blicken. Und, warum sollte sie nun überhaupt hier stehen? Hatte er nicht eben noch gesagt, sie mussten sich beeilen? Hier in der Gegend herumstehen war alles andere, als sich zu beeilen von hier wegzukommen.

„Ich dachte, wir mü...“

„Sei leise verdammt. Ist das so schwer!“

Mit zusammengezogenen Augenbrauen sah sie jetzt doch herunter und konnte dadurch sehen, wie Liam aus einem kleinen Säckchen etwas auf dem Boden verstreute. Er machte offenbar einen Kreis um sie und das Mädchen herum. Zu fragen, warum er das machte, traute sie sich aber nicht mehr, nachdem er sie eben so angefahren hatte, und beobachtete ihn einfach, wie er den Kreis zu Ende streute. Mit einem Satz sprang er neben sie, packte sie an ihrer Hand und zog sie herunter in die Hocke und griff ebenfalls nach der Hand des Mädchens.

„Mach am Besten deine Augen zu.“

Wortlos machte sie, was er sagte. Es hatte ohnehin keinen Zweck ihn nach irgendetwas zu fragen und hoffte, dass sie bald ihre Antworten bekommen würde.

„Könnte etwas seltsam nun in deiner Magenregion werden“, flüsterte er leise und direkt danach sagte er irgendein Wort, was sie noch nie gehört hatte. Es hörte sie fast an wie Allergie oder so etwas.

Aber so richtig konnte sie es auch nicht verstehen und Zeit darüber nachzudenken hatte sie auch nicht, denn mit einem Mal hatte sie das Gefühl, als würde sich alles um sie herum anfangen zu drehen, obwohl sie ihre Augen immer noch geschlossen hatte. Wärme durchströmte ihren Körper und ein komisches Kribbeln breitete sich tatsächlich in ihrem Magen aus. Keine Sekunde später spürte sie plötzlich einen Windhauch, der durch ihre Haare wehte und es roch irgendwie salzig? Was war denn jetzt passiert? Wo kam denn der Wind her? Die Fenster waren doch verschlossen.

Liam ließ ihre Hand wieder los und langsam öffnete sie wieder ihre Lider. Blinzelnd versuchte sie etwas zu erkennen, aber grelles Licht blendete sie. Wenn sie sich nicht ganz täuschte, standen sie nicht mehr in dem dunklen Zimmer, sondern ganz woanders. Aber wo? Wie hatte er das gemacht?

Langsam gewöhnten sich ihre Augen wieder an das Licht und zögerlich sah sie sich um. Um sie herum standen Steinhäuser und direkt vor ihr prangten riesige weiße Säulen in die Höhe, die vor einer Art Palast oder Tempel standen. Wo hatte er sie nur hingebracht, geschweige denn wie? Vorsichtig versuchte sie einen Schritt nach vorne zu machen, doch das hätte sie mal lieber gelassen. Augenblicklich wurde ihr speiübel und schwindelig. Wankend gaben ihre Beine nach und sie kippte nach hinten. In ihren Gedanken machte sie schon Bekanntschaft mit dem Boden und kniff ihre Augen zusammen. Auch wenn es Blödsinn war, denn das Zusammenkneifen ihrer Augen würde den Aufprall nicht weniger schmerzhaft gestalten, aber es war einfach ein Reflex. Zu ihrer Verwunderung wurde ihr Fall jedoch gestoppt.

„Vorsicht“, nuschelte Liam und fing sie auf.

Sanft landete sie in seinen Armen und öffnete wieder ihre Augen.

„Das passiert jedem beim ersten Mal“, murmelte er, stellte sie wieder auf ihre Beine und ging in die Hocke.

„Bei was? Und, wo sind wir überhaupt?“

Doch er antwortete ihr nicht mehr. Stattdessen nahm er das Mädchen wieder in seine Arme, stand mit ihr auf und lief auf das Gebäude mit den riesigen Säulen zu. Sie schienen aus weißem Marmor zu sein. So, wie das gesamte Gebäude.

„Komm.“

Schnellen Schrittes lief er auf den Eingang zu. Er schien gar nicht mehr auf sie zu achten. Der plötzliche Schwindel und die Übelkeit waren zum Glück verschwunden und so nahm auch sie flink ihre Beine in die Hand und lief ihm hinterher. Rasch hatte sie ihn eingeholt und staunend ging sie nun neben ihm. Sie liefen durch eine große Halle und über all prangten Säulen in die Höhe. Der Boden bestand zum größten Teil aus bunten Mosaiksteinen. Alles hier wirkte, wie aus einer anderen Zeitepoche. Es war wirklich sehr eindrucksvoll und für einen kleinen Moment vergaß sie sogar alles um sich herum.

Allerdings wurde sie schnell wieder ins Hier und Jetzt zurückgeholt, als auf ein Mal zwei Männer mit langen weißen Roben auf die beiden zugelaufen kamen. Sie waren schon etwas älter. Der eine von ihnen hatte einen langen grauen Bart und auf seinem Kopf konnte man nur noch erahnen, wo sich mal Haare befanden. Der andere hatte wiederum lange weiße Haare, die zu einem Zopf gebunden über seine Schulter fielen und eine runde Brille zierte sein Gesicht. Sie erinnerten Flo irgendwie an alte Priester.

„Wer bist du? Wer ist das? Warum bringst du eine Fremde hier her. Du weiß doch das Fremde hier keinen Zutritt haben. Warum also …“, schimpfte der Mann mit dem Bart, doch als er das Mädchen in Liams Armen sah, verstummte er und trat ganz nah an ihn heran.

Mit großen Augen stellte sich nun auch der andere vor ihn und begann dann mit seinen Armen zwei weitere Männer, die etwas weiter abseitsstanden, heranzuwinken. Sie trugen ebenfalls weiße Roben und stürmten sofort herüber. Tonlos nahmen sie das Mädchen Liam aus den Armen und liefen mit ihr davon. Was sollte das alles hier? Wo war sie hier nur gelandet?

„Was ist passiert?“, fragte der Mann mit den langen Haaren, legte Liam eine Hand auf die Schulter und zog ihn zur Seite und ein Stück von ihr weg, wodurch sie den Nacken des Mannes erkennen konnte. Irritiert blickte sie auf seinen Hals. Auf seinem Nacken konnte sie, wie bei Liam oder diesem Mädchen, deutlich ein Pentagramm, mit Dreiecken an den Spitzen, erkennen. Doch bei ihm war kein Alpha oder Beta Symbol zu sehen, sondern ein anderes Symbol zierte dessen Spitze. War das etwa ein Gamma? War sie hier tatsächlich in so einer Art Sekte gelandet? Immer mehr Fragen schwirrten ihr durch den Kopf und verwirrt beobachtete sie den zweiten Mann, wie er sich ebenfalls neben Liam stellte. Der begann offenbar zu erzählen, was passiert war. Wild gestikulierte er dabei mit seinen Armen, doch verstehen konnte sie kein Wort, da sie zu weit wegstanden.

Sie fühlte sich ziemlich fehl am Platz und tippelte nervös auf ihren Zehenspitzen herum. Hatten sie vergessen, dass sie hier stand? War sie nicht eben noch die Fremde, die hier kein Zutritt haben sollte?

Doch mit einem Mal zeigte Liam auf sie und ungläubig starrten die beiden Männer nun zu ihr herüber und begannen sie zu mustern. Warum musterten sie sie jetzt so? Hatte es etwas mit diesem komischen Ding in ihr zu tun? Mit ernster Miene trat der Mann mit dem Bart hervor und ging einen Schritt nach dem anderen langsam auf sie zu. Liam und der andere Mann folgten ihm mit etwas Abstand, doch hatten sie den gleichen Ausdruck, wie der Mann mit dem Bart. Ernst blieb er nun vor ihr stehen, hob seine Hand und sah ihr dabei tief in die Augen.

„Dürfte ich mal eben deine Handfläche betrachten?“

Er meinte mit Sicherheit die Hand mit dem Dreieck. Er wollte es bestimmt sehen. Aber man konnte gar nichts mehr erkennen. Es war komplett verschwunden.

„Ja. Aber leider ist es weg. Wenn Sie das Dreieck meinen.“

„Ist gut. Gib mir einfach deine Hand.“

Nickend streckte sie ihm die Hand entgegen und mit geschlossenen Augen nahm der Mann sie zwischen seine Hände. Er schien sich zu konzentrieren. Fragend sah sie herüber zu Liam. Jedoch hielt der seinen Kopf gesenkt und hatte seine Hände tief in den Hosentaschen seiner Jeans vergraben. Er würdigte sie keines Blickes mehr. Irritiert sah sie dann aber wieder zu ihrer Hand herunter, da sie plötzlich wieder so warm wurde und als der Mann seine Hände herunter nahm, war das Dreieck wieder deutlich zu erkennen. Wie hatte er das gemacht?

„Das ist ein Desaster. Eine Katastrophe. So etwas ist noch nie vorgekommen.“

Aufgeregt stampfte der Mann mit den langen weißen Haaren neben Liam auf und ab, nahm seine Brille herunter und wischte sich nervös einige Schweißperlen von der Stirn.

„Kind, du hast keine Ahnung, was hier los ist, hab ich recht?“

Mit großen Augen schüttelte Flo ihren Kopf und sah auf das Feuerdreieck.

Seufzend legte der Mann eine Hand auf ihre Schulter und atmete tief ein.

„Du bist unser neuer Hüter des Feuers.“

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