Part 13

„Ich bin was?“

Mit großen Augen sah Flo den Mann an. Sie war der neue Hüter des Feuers? Wovon sprach er da bitte? Perplex sah sie wieder auf ihre Handfläche, auf der das Feuerdreieck allmählich wieder verblasste.

„Der Hüter des Feuers“, wiederholte der Mann und nahm seine Hand wieder herunter.

„Wegen dem, was in meine Brust geflogen ist?“

Nickend seufzte er laut aus, blickte kurz über seine Schulter zu Liam und dem anderen Mann und begann dann nervös mit seinen Fingern durch seinen Bart zu fahren.

„Dann holt es halt wieder raus. Ich will kein Hüter von was auch immer sein. Ich versteh ja nicht ein Mal, was das hier alles soll. Seid ihr so etwas, wie eine Sekte? Wo sind wir hier überhaupt?“

Panisch begann sie mit ihren Händen herumzufuchteln und tippte danach vehement auf ihrer Brust herum.

„Das … ist nicht so einfach.“

Bevor sie etwas dazu sagen konnte, trat nun der andere Mann näher an sie heran. Mit erstarrter Miene rückte er seine Brille zurecht, faltete seine Hände vor seiner Brust zusammen und sah ihr tief in die Augen.

„Man kann den Elementkristall nicht einfach wieder herausholen. Einzig allein der Tod des Hüters setzt ihn wieder frei.“

Tonlos starrte sie die beiden Männer an. Es brauchte einen kleinen Moment, bis sie verstand, was er da gerade gesagt hatte und ihre Gedanken begannen sich zu überschlagen.

„Das heißt, das Ding, der Elementkristall? Bleibt so lange in mir drinnen, bis ich sterbe?“

Mit einem Mal begann ihr Herz zu rasen und ihre Atmung beschleunigte sich. Sie musste nun irgendein Hüter sein, weil man es nicht aus ihr herausmachen konnte? Das ging doch nicht. Sie konnte kein Hüter, was auch immer das sein sollte, sein. Konnte das nicht alles einfach nur ein böser Traum sein? Das musste einfach ein Traum sein. So etwas war doch Quatsch. So etwas gab es doch nicht. Panikartig begann sie sich in ihren Arm zu kneifen. Sie musste einfach nur aufwachen, das war alles. Und dann war alles wieder gut.

„Autsch“, fluchte sie leise, als sie sich in den Arm zwickte, und raufte sich die Haare.

Das war kein Traum. So schmerzhaft konnte kein Traum sein.

„Ich weiß, das ist jetzt erst mal alles sehr seltsam für dich aber …“

„Ich kann kein Hüter sein. Ich bin tollpatschig, habe zwei linke Füße und …“, unterbrach sie den Mann mit dem Bart und begann hin und her zu laufen, „Auf irgendetwas aufpassen kann ich auch nicht. Ich hab sogar mal meinen eigenen Hamster verloren.“

„Du hast deinen eigenen Hamster verloren?“, mischte sie nun auch Liam wieder ein und hob skeptisch eine Augenbraue in die Höhe, „Wie schafft man das bitte?“

Böse wurde er von dem Mann mit den langen Haaren angesehen und sofort verstummte er und sah sie nicht mehr an. Nickend wandte der Mann sich nun wieder zu ihr und sah sie wieder eindringlich an.

„Für uns ist das auch alles neu. Noch nie war ein Außenstehender im Besitz eines Elementkristalls. Es ist wirklich eine, nun ja, unglückliche Situation. Wir müssen nun zu sehen, dass wir dich trainieren. Es könnte sonst sehr gefährlich für dich und uns werden. Es gibt Menschen, die haben es auf die Kristalle abgesehen und würden alles dafür tun, um sie zu bekommen. Und du wirst einiges lernen müssen, damit du es beherrschen und kontrollieren kannst. Deinen Patron kennst du aber glücklicherweise schon.“

Ein verächtliches Schnauben ertönte von Liam und knurrend verschränkte er seine Arme vor der Brust. Was hatte er denn jetzt schon wieder? Was meinte der Mann mit ihrem Patron? Und was sollte sie lernen? Außerdem sollte sie trainieren? Für was? Was war dieser Elementkristall überhaupt? Und interessierte es denn niemanden, dass dieses Mädchen nun tot war? War sie also der Hüter des Feuers gewesen, bevor sie erdolcht wurde?

„Patron? Elementkristall? Was soll das denn bitte alles? Und, wozu will die jemand haben? Was ist mit dem Mädchen?“

Die Männer sahen sich kurz in die Augen, nickten sich zu und dann legte der Mann mit dem Bart einen Arm über ihre Schultern.

„Wir werden es dir erklären. Aber alles zu seiner Zeit. Wir sollten dich nun erst mal von einem unserer Ärzte untersuchen lassen.“

Untersuchen lassen? Wozu das denn jetzt? Ihr ging es gut. Sie wollte Antworten.

„Nein. Jetzt. Was ist ein Patron und warum sollte ich ihn schon kennen? Was soll ich denn bitte hüten?“

Genervt schnaubte Liam erneut aus, lief energisch auf sie zu und baute sich dann direkt vor ihr auf.

„Du bist jetzt der Hüter des Feuers. Also hast du die Gabe das Feuer zu beherrschen. Ist das so schwer? Du musst das Element hüten. Auf es aufpassen. Ich wusste ja, dass Cheerleader nur sehr wenig von ihren Gehirnzellen benutzen, aber bei dir scheint es ja besonders ausgeprägt zu sein. Und ich bin bedauerlicherweise dein Patron. Ich muss auf dich aufpassen.“

„Liam“, schimpfte der Mann mit den langen Haaren und zog ihn etwas von ihr weg, „Es reicht.“

Langsam sammelten sich wieder die Tränen in Flos Augen. Liam sollte ihr Beschützer sein? Er konnte sie ja nicht mal leiden. Und sie sollte auf ein Element aufpassen? Auf das Feuer? Kopfschüttelnd schlug sie den Arm von dem alten Mann, der immer noch über ihren Schultern lag, weg und rannte los.

„Ich will das alles nicht.“

Sie wollte kein Hüter sein. Sie wollte nur noch nach Hause. Das war alles zu viel. Sollten sie sich doch einen anderen Hüter suchen und irgendeine Möglichkeit finden, es aus ihr herauszuholen.

Mit Tränen verschleiertem Gesicht rannte sie in Richtung des Ausganges. Die verwirrten und entsetzen Gesichter von einigen in Roben gekleideten Männern und Frauen, die mittlerweile ebenfalls das Gebäude betreten hatten, ignorierte sie einfach. Sie wollte nur noch weg von hier.

Die große Tür stand sperrangelweit offen und schnellen Schrittes lief sie heraus, rannte die Stufen herunter und ohne sich herumzudrehen, eilte sie einfach weiter. Doch, wo sollte sie nur entlang? Sie wusste ja nicht mal, wo sie war.

Orientierungslos rannte sie einfach immer weiter durch die engen Gassen. Wo war sie hier nur? Hier alles wirkte so alt. Überall waren bloß alte Steinhäuser. Sie sahen aus wie kleine Blöcke. Hin und wieder lief sie aber auch an großen Gebäuden vorbei. Waren das Tempel? In weiter Ferne sah sie einige Frauen, die etwas zu suchen schienen und sofort bog sie in eine kleine Gasse ein.

So schnell sie ihre Beine trugen, irrte sie einfach immer weiter, bis sie sich plötzlich auf einer Straße mit einer Reihe Steinlöwen befand. Verwundert blieb sie stehen und sah sich um. Die Löwen blickten alle in dieselbe Richtung. Langsam drehte sie sich herum und folgte den Blicken der Statuen. Sie sahen auf einen kleinen See mit einer einzelnen Palme herüber. Warum richtete man die Steingebilde denn so aus?

Eine Brise wehte ihr durch die Haare und genau, wie vorhin stieg ihr salzige Luft in die Nase. War sie etwa am Meer? Ohne nachzudenken, setzten sich ihre Beine wieder in Bewegung und sie lief immer weiter, bis sie tatsächlich das Meer erblickte. Nicht weit von ihr entdeckte sie etwas, was wie ein kleiner Hafen aussah. Vielleicht kam sie ja von dort von hier weg. Sie lief die Küste entlang und ihr Blick wanderte dabei umher. War sie auf einer Insel gelandet? Wo war sie bloß?

Allmählich begannen ihre Lungen zu brennen und hastig schnappte sie nach Luft. Schwer atmend drückte sie ihre Hand gegen die Brust. Sie durfte jetzt nicht stehen bleiben. Sie musste zu dem Hafen und nach Hause kommen.

Sie wusste nicht, wie lange sie gebraucht hatte, aber außer Atem erreichte sie endlich den kleinen Hafen. Wobei Hafen wohl zu viel gesagt war. Es war eigentlich nur ein langer Steg, an denen kleine Boote befestigt waren.

Nach Luft schnappend, stemmte sie für einen kleinen Moment ihre Hände auf ihre Oberschenkel und versuchte ihre Atmung wieder zu normalisieren. Auch ihre Tränen versuchte sie zu unterdrücken und richtete sich dann wieder auf. Langsam setzte sie einen Fuß vor den anderen, musterte die Boote und versuchte jemanden zu finden, der ihr sagen konnte, wo sie hier war. Und wichtiger noch, wie sie von hier wieder wegkommen würde. Doch es war einfach niemand zu finden. Was machte sie jetzt nur? Wie kam sie wieder nach Hause? Sie merkte, wie die Tränen wieder die Oberhand gewannen und schluchzend setzte sie sich an das Ende des Stegs. Ihre Beine baumelten über dem Wasser und gedankenschwer sah sie sich ihre Handfläche an. Das Dreieck war wieder komplett verschwunden. Vielleicht irrten sie sich ja auch. Und sie hatte diesen Elementkristall gar nicht. Sie fühlte sich doch nicht anders. Müsste sie sich nicht anders fühlen, wenn sie jetzt ein Element beherrschen konnte?

„Liam ist manchmal etwas aufbrausend“, ertönte es plötzlich hinter ihr.

Erschrocken sah sie über ihre Schulter und blickte in das lächelnde Gesicht des Mannes mit dem Bart. Sie hatte gar nicht gehört, dass sich jemand hinter sie gestellt hatte.

„Darf ich?“

Fragend deutete er auf den Platz neben ihr. Schulterzuckend nickte sie bloß und sah danach hinaus auf das Meer und konnte einige Inseln in weiter Ferne ausmachen. Wo war sie nur? Sie erkannte gar nichts hier.

Einige Möwen flogen über ihren Köpfen und sie begann eine von ihnen zu beobachten, wie sie kreisend regelrecht durch die Lüfte schwebte.

Stöhnend setzte sich der Mann neben sie und sie konnte im Augenwinkel sehen, wie auch er seine Beine baumeln ließ. Schnell sah sie aber wieder stur nach vorne, als sie bemerkte, dass er offenbar keine Hose unter der Robe trug.

„Meine Knochen. Hoffentlich komm ich nachher wieder hoch“, lachte der Mann auf und Flo konnte sich ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen. Er klang genau, wie ihre Großmutter.

„Der Tod von Cleo geht Liam sehr nah. Auch wenn er es nicht zeigen kann.“

Verwundert sah sie ihn nun doch an. Das Mädchen hieß also Cleo.

„Ich bin übrigens Lugubelenus.“

Lugubelenus? Das war ja noch schlimmer als Florinda. Zum ersten Mal mal in ihrem Leben war sie froh, bloß Florinda zu heißen.

„Flo“, murmelte sie leise und sah wieder hinaus in die Ferne.

„Nun Flo. Ich weiß, dass es alles ein wenig viel für dich ist und du viele Fragen hast.“

„Viel ist gar kein Ausdruck. Ich versteh überhaupt nichts. Wo sind wir hier überhaupt? Wie hat Liam uns hier hergebracht? Und, wie komme ich wieder zurück?“

Seufzend sah sie herunter auf ihre Füße und legte die Hände auf ihre Beine. Sie wollte doch einfach nur nach Hause zurück und die ganze Sache hier einfach vergessen. Sie war kein Hüter und wollte es auch nicht sein. Sie war Flo, das tollpatschige Mädchen, das versuchte mit ihren beiden linken Füßen ein Cheerleader zu sein und die Highschool beenden wollte.

„Wir sind in Delos. Liam ist mit dir geswitcht.“

„Delos? Noch nie gehört … Was ist geswitcht?“

„Man könnte es auch Teleportieren nennen. Delos ist eine kleine Insel in Griechenland.“

Nun klappte Flo aber doch die Kinnlade herunter. Sie war in Griechenland? In Sekundenschnelle hatten sie einfach mal so den Kontinent gewechselt?

„Was? Griechenland? Insel? Warum sieht hier überhaupt alles so alt aus?“

„Du musst wissen, für Außenstehende ist Delos nur eine kleine Insel mit Ruinen. Nur wir, und jetzt auch du, können sehen, was sich hier wirklich verbirgt. Delos war einst ein sehr wichtiger Ort in der griechischen Geschichte. Doch, wie das immer so ist, wurde hier durch Krieg alles zerstört. Nachdem der Orden das erfahren hatte, hat er alles wieder aufgebaut, mit einem Schutzzauber belegt und sich hier niedergelassen, da er es für ein gutes Versteck hielt. Für den Rest der Welt ist das hier einfach nur eine historisch wichtige Ausgrabungsstätte.“

Flo wurde ganz schwindelig bei den ganzen Informationen und schüttelte ihre Hand.

„Moment. Der Orden? Also seid ihr wirklich so etwas wie eine Sekte?“

„Sekte … Nein eine Sekte sind wir nicht. Wir halten und beschützen das Gleichgewicht in der Welt.“

Seufzend legte Flo ihren Kopf in den Nacken und atmete hörbar aus. Anstatt, dass sie irgendwie langsam durchblickte, bildeten sich einfach immer weitere Frage in ihrem Kopf.

„Nun gut. Ich versteh zwar nur die Hälfte aber, warum soll Liam nun mein, wie habt ihr es genannt, Patron sein?“

Lächelnd legte Lugubelenus seine Hand über ihre und strich ihr sanft mit dem Finger über den Handrücken.

„Jedem Hüter wird zum Schutz ein Patron zugeteilt. Und Liam ist deiner. Er hat mir erzählt, als du ihm die Hand gegeben hast, nachdem du den Kristall bekommen hast, dass deine Hand angefangen hat zu leuchten. Das bedeutet, dass Liam dein Patron ist.“

„Na toll“, murmelte sie und betrachtete wieder ihre Handfläche, wo vor Kurzem noch das Dreieck geleuchtet hatte. Liam soll ihr Patron sein? Wie sollte er sie beschützen, wenn sie sich nicht mal leiden konnten?

„Ich glaube, für heute ist es genug an Informationen … Möchtest du dich vielleicht etwas hinlegen? Wir können dir ein Zimmer herrichten.“

Kopfschüttelnd zog sie ihre Tasche auf ihren Schoß und klammerte ihre Finger hinein.

„Ich möchte nach Hause.“

„Da niemand bisher weiß, dass du den Kristall hast, sollte das kein Problem sein.“

Nickend rutschte Lugubelenus etwas nach hinten, hievte seine Füße auf das Holz des Stegs und versuchte wieder aufzustehen. Stöhnend stemmte er sich wieder auf die Beine und begann seine Robe glatt zu streichen.

„Ich bin zu alt für so etwas“, lachte er.

Flo stand auch wieder auf und sofort wurde die Miene von ihm wieder ernst.

„Keiner außerhalb der Ordensgemeinschaft darf hier von erfahren. Weder, dass es uns gibt noch davon, dass du der Hüter des Feuers bist. Niemand. Hörst du?“

„Nicht mal meine Familie und Freunde?“

Kopfschüttelnd erhob er seinen Zeigefinger und schloss seine Augen. Also nun sah er wirklich aus, wie ihre Großmutter, wenn sie etwas untersagte.

„Es ist viel zu gefährlich für dich, für sie und für uns, wenn es jemand erfährt. Niemand kann so eine Verbindung zwischen dir und uns herstellen. Du hast gesehen, was mit Cleo passiert ist.“

Schwer schluckte sie, als sie daran denken musste, wie sich der Dolch in Cleos Brust gebohrt hatte.

„Ich werde es niemanden sagen. Versprochen.“

„Gut. Dann lassen wir dich für heute erst mal nach Hause switchen“, lächelte er nun wieder und zog sie mit sich mit.

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