Part 1

Mein Bruder Cal entriegelte gerade die Tür, als ich versuchte mich in den Zentralcomputer unsere Stadt zu hacken. Ich benötigte Informationen die nur dort zu finden waren.

Hektisch klappte ich mein Notebook zu und nahm mein Smartphone in die Hand,damit sah ich aus, als wäre alles normal.

„Bin wieder da, Mila“, rief mein Bruder aus dem Flur.

Als er das Wohnzimmer betrat, fuhr er sich mit der rechten Hand durch die Haare so, wie er es immer tat, wenn er von seiner Arbeit in der Behörde für Geburtenkontrolle nach Hause kam.

„Wie geht‘s dir? Bist du mit deiner Abschlussarbeit voran gekommen?“

Wenn er wüsste, dass ich den gesamten Tag über versucht habe mir Zugang zum Zentralcomputer zu verschaffen, würde ich vermutlich nach meinen Eltern auch meinen Bruder verlieren. Wir beide sind Waisenkinder, unsere Eltern wurden vom Staat umgebracht.

Legal.

Nur, weil sie keinen von uns beiden aufgeben wollten.

Als unsere Mutter erfuhr, dass sie schwanger war, erzählte sie unserem Vater nichts davon. Sie wusste, dass entweder einer von uns oder sie selbst sterben würden, weshalb sie meinen Vater in Unwissen ließ. Trotzdem wurde das Todesurteil vollstreckt. Für zwei neue Leben mussten zwei alte beendet werden. So war unsere Gesellschaft.

Wäre meine Mutter ein paar Jahre später schwanger geworden, hätte man sie mit Freuden überall aufgenommen, denn man brauchte Kinder um die Gesellschaft am Leben zu erhalten. Seit der Katastrophe waren Ehepaare gezwungen mindestens zwei Kinder in die Welt zu setzen, sonst drohten ihnen harte Strafen. Was für eine Ironie des Schicksals. Zuerst lebten so viel Menschen auf der Erde, dass man die Ein-Kind-Politik einführen musste, bis die Menschheit sich so weit selbst zerstört hatte, das man gar nicht genug Kinder haben konnte.

„Nicht wirklich. Scheint als hätte sich meine Arbeit gegen mich gewendet.“ Meine Frustration brauchte ich nicht einmal zu spielen, ich war wirklich frustriert.

„Naja, ich werd‘ dich mal wieder allein lassen und uns was zum Essen kochen“, sagte er und verschwand aus der Tür.

Ich war also wieder mit meinen Gedanken allein. Erneut öffnete ich mein Notebook, diesmal aber, um wirklich an meiner Abschlussarbeit zu schreiben.

Doch nach nicht mal fünf Minuten kam mein Bruder erneut ins Wohnzimmer um mir mitzuteilen, dass wir keine Nudeln mehr im Haus hatten und ich nochmal raus musste, welche kaufen.

Weitere fünf Minuten später stand ich in meinem Strahlenschutzanzug zwischen der inneren und der äußeren Haustür und bereitet mich darauf vor, nach draußen zu treten.


Dort erwartete mich das übliche Bild: schicke Neubauten, mit großen Doppelfenstern und Schleusentüren, so weit man blicken kann. Dazwischen glänzende Schienen verschiedenster Fahrzeuge, wie selbstfahrende Trams und Hovercrafts. Die Bäume am Straßenrand wirkten so echt, dass man nicht erkannte, dass sie es nicht sind, wenn man nicht weiß wie das Land vor dem Wiederaufbau aussah und wie das Land um die Stadt herum aussah. Um die gesamte Stadt herum herrschte Ödnis, denn auf dem radioaktiv verseuchten Boden konnte nichts mehr wachsen. Vor 13 Jahren passierte genau das, wovor seit Anbeginn des Atomzeitalters jeder Politiker und jeder Wissenschaftler gewarnt hatte: die nukleare Katastrophe. Ich war gerade einmal 12 Jahre alt, als die fünf Atombomben detonierten. Dreiviertel der Menschheit hatten diese Katastrophe nicht überlebt. Ein großer Teil starb unmittelbar nach der Strahleneinwirkung, der Rest an den Spätfolgen. Wie viele Menschen später, innerhalb der nächsten Generationen sterben würden weiß niemand.

Die Überlebenden befassten sich sofort nach der Katastrophe mit dem Wiederaufbau der Städte, der Infrastruktur und vor allem beschäftigte man sich damit, den Verlust unseres bisherigen Fortschritts so niedrig wie möglich zu halten. Die Menschen hatten über die Jahre hinweg nur in Gesellschaft von Technik gelebt, man musste sich erst einmal wieder daran gewöhnen auch ohne zu überleben. Allerdings, zu meinem Bedauern, nicht lange, denn schon ein Jahr später war der Aufbau so weit fortgeschritten, dass die Hauptkommunikation wieder voll funktionsfähig war und das Leben im und am Computer wieder gesichert war.

Inzwischen hatte ich die nächste Haltestelle des Hovertrains erreicht. Laut Fahrplan sollte dieser in 3 Minuten hier eintreffen. Bis dahin ließ ich mich auf einen der Wartesitze fallen und starrte nach oben in Richtung der Kuppel, die die komplette Stadt vom Rest der Welt abschirmte. Ohne diese Schutzkuppel würden selbst wir, die Überlebenden, genetisch Modifizierten, die Strahlenbelastung nicht aushalten. Als klar wurde, dass es irgendwann zu einer nuklearen Katastrophe kommen würde, begann man im Jahr 2154 damit, Testpersonen einer geringen Dosis Strahlung auszusetzen, um sie immun zu machen. Mit jeder nachfolgenden Generation nahm die Immunität zu, was zum Teil auch daran lag, dass man die Testpersonen dazu bewegte sich untereinander fortzupflanzen, sodass die Immunität sich immer weiter steigerte. Trotzdem waren auch wir, fast einhundert Jahre später noch nicht vollständig immun gegen die Strahlung. Deshalb der Strahlenschutzanzug.

Der Train hielt an und ich stieg ein.

Außer mir befand sich niemand in diesem Abteil, vermutlich, weil die meisten Menschen einfach zu bequem waren ihre Häuser zu verlassen, wenn sie alles über das Internet machen konnten und niemand mehr dazu gezwungen war, überhaupt einmal in seinem Leben das Haus zu verlassen. Unser komplettes Leben verlief im und über das Internet und niemand, außer uns wenigen, die wir uns nicht damit zufrieden geben wollten, dass unser Leben nur aus monotonem auf Bildschirme tippen bestehen sollte, gingen regelmäßig vor die Tür. Die Menschheit hatte ihre Menschlichkeit, eine ihrer Kerneigenschaften, verloren und gab sich damit zufrieden. Niemanden schien es zu stören keine wirklichen zwischenmenschlichen Beziehungen zu führen, die aus echten Kontakt bestanden und nicht ausschließlich über das Internet funktionierten. Ich fand das absolut unbegreiflich.

Der einzige menschliche Kontakt, den man nicht über das Internet führte, war der, den man mit seinem Ehepartner führte. Mit 26 Jahren, laut Wissenschaft das beste Alter um zu heiraten und bald Kinder zu bekommen, wurde man verheiratet.

Allerdings nicht wie es vor der Katastrophe üblich war, mit einem Partner seiner Wahl.

In unserer Zeit war es üblich, dass Wissenschaftler die Gene jedes Einzelnen analysierten und den genetisch passenden Partner fanden. In einem Jahr ereilte auch mich diese Schicksal, doch dem wollte ich auf jeden Fall entgehen. Ich wollte nicht bei einem sterilen Bankett meinen zukünftigen Ehemann von der Wissenschaft empfohlen bekommen und fand die Vorstellung, einen mir unbekannten Menschen zu heiraten beängstigend.

Doch was mich noch mehr störte, als einen Fremden zu heiraten, war die Art und Weise in der der Staat uns der Freiheit beraubte.

Nichts wurde dem Zufall überlassen.

Vom Ehepartner bis hin zu den Genen unserer Kinder und dem Alter in dem wird sterben sollten, alles wurde von Staat festgelegt. Wir wurden unserer Freiheiten beraubt, doch keinen störte all das. Die Menschen schienen es zu akzeptieren, als ihr Schicksal zu sehen, als ein, von den Eltern perfektioniertes Kind geboren zu werden, um dann sein gesamtes Leben vor Bildschirmen zu verbringen und irgendwann vom Staat umgebracht zu werden, wenn man zu alt geworden war, um ein benötigtes Glied der Gesellschaft zu sein.

Die Wissenschaftler bestimmten unser gesamtes Leben und wir saßen da und taten nichts dagegen. Wir währten uns nicht und waren mit unserem determinierten Leben vollends zufrieden.

Es war ja auch mehr als bequem.

Man musste nicht mehr aus dem Haus gehen, einkaufen, arbeiten und lernen konnte und musste man bis zu einem gewissen Grad, Zuhause. Man brauchte sich nicht anzustrengen einen Partner zu finden, auch das übernahm jemand anderes.

An der nächsten Haltestelle stieg ich aus und überquerte die Straße. Schnellen Schrittes lief ich zu einem der Lebensmittelautomaten an der Vorderseite der Versorgungszentrale.

Dort tippte ich den benötigten Code ein und wählte aus der Tabelle die die Kategorie ‚Sättigungsbeilagen‘ aus und tippte anschließend auf das Feld ‚Nudeln‘. Ich musste nicht lange warten, bis der Automat die Packung auswarf. Mit der Packung in der Hand lief ich wieder zur Haltestelle und wartet erneut auf den Train um wieder nach Hause zu kommen, bevor die Sperrstunde begann. Der Staat sah es nicht gern wenn man zu viel Zeit vor seiner Haustür verbrachte. Man musste innerhalb einer Stunde, spätestens eineinhalb Stunden, wieder die Schleuse seines Hauses passiert haben.

Man wurde rund um die Uhr überwacht.

Doch auch das schien den Großteil der Bevölkerung nicht zu interessieren.

Langsam spürte ich die aufkommende Müdigkeit in mir, die typisch für die Strahlung war. Wir waren zwar fast immun, mit kleineren Einschränkungen hatten wir dennoch zu leben.

Der Train fuhr ein, hielt und öffnete die Türen. Ich stieg ein und ließ mich müde wieder auf einen der Sitze fallen.

Auf dem weiteren Weg nach Hause begegnete ich keiner Menschenseele.

Zuhause angekommen gab ich meinem Bruder die Nudeln und legte mich erst einmal auf mein Bett um mich ein bisschen auszuruhen.


„Mila! Essen ist fertig!“ rief mein Bruder aus der Küche und ich erhob mich seufzend. Die Müdigkeit war verschwunden, jetzt ratterte es unaufhörlich in meinem Kopf, in der Hoffnung eine Lösung für mein Problem zu finden, wie ich an die benötigten Informationen kommen sollte.

Ich trottete durch den Flur in die Küche, wo mich ein leckerer Duft empfing und mein Magen zu knurren begann.

Schweigend saßen wir uns gegenüber und aßen unser Essen. Beide waren wir in unsere Gedanken versunken.

Nach dem Essen übernahm ich das Spülen und ging danach in mein Bett, nicht ohne erneut eine Lösung zu suchen.

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