Kapitel 2

 Raelynn versuchte nichts zu hören außer den Geist des Bären, den sie in ihren Gedanken vor sich sah. Sie meditierte, damit die große Bärenmutter sie endlich erhörte, damit sie sich endlich in einen Bären verwandeln konnte, ohne nach Sekunden unter Schmerzen wieder in ihre igene Getalt katapultiert zu werden. Sie hörte das leise Rauschen der Energie, die die Bärenmutter umgab und wenn sie die Ohren spitzte, meinte sie sogar, den Atem zu hören. Atmete die große Bärenmutter denn noch? Ihr gerufener Name drang nur langsam in ihren Geist ein. Erst hoffte Raelynn, dass die Bärenmutter sie endlich erhört hatte, aber die Stimme war zweifelsfrei männlich. Da sie hartnäckig nach ihr rief, löste sich Raelynn allmählich aus ihrer Meditation. Widerwillig erhob sie sich, senkte aber gleich den Kopf wieder, als sie ihren Gast erkannte. Broll war nicht mehr zu ihr gekommen, seit sie die erste Prüfung zur Bärengestalt nicht geschafft hatte, was also wollte er nun hier? Raelynn hatte schon länger Angst, wieder aus dem Zirkel ausgeschlossen zu werden und diese Angst kroch gerade unaufhaltsam in ihr hoch. Broll betrachtete die junge Druidin mit dem dunkelgrünen Haar, das ihr immer in einem geflochtenen Zopf über die Schulter fiel. Er kannte niemand, der untalentierter war, aber als er sie als Waisenkind gefunden hatte, welche Wahl hätte er gehabt? Er hatte sie zur Druidin gemacht und sich damit den Spott der anderen eingehandelt. Andererseits war Raelynn im treu ergeben, da sie ihn wie einen Vater verehrte. ”Raelynn, es ist gut, dass ich dich gefunden habe. Ich muss mit dir sprechen.” ”Was gibt es?”, fragte die junge Druidin. Broll straffte seine Schultern, um seinen Worten mehr Authorität zu verleihen. ”Malfurion sendet eine Gruppe Druiden unter Naralex in das Brachland, um die Wucherungen zu erforschen. Du wirst ihn begleiten.” Raelynn blinzelte verwirrt. Wieso sollte Naralex sie auswählen, die bisher noch gar kein Talent hatte erkennen lassen? Sie bezweifelte, dass sie Naralex auf irgendeine Weise nützlich sein würde. ”Wieso denn ich?”, fragte sie deshalb, ”ich werde Naralex kaum eine Hilfe sein bei dieser Reise.” ”Darum geht es nicht. Ich wünsche, dass du ihn begleitest, damit ich weiß, was Naralex vor hat. Ich traue ihm nicht über den Weg. Ich bin sicher, er wird wieder korrumpiert werden, wenn er in die Nähe des Albtraums kommt.” Raelynn hob den Kopf und fixierte Broll mit durchdringenden, silber glühenden Augen. ”Nein, ich werde keinen Druiden ausspionieren. Das gehört sich nicht innerhalb des Zirkels. Dabei werde ich dir nicht helfen.” Broll hatte mit einer derartigen Antwort gerechnet, aber auch dafür hatte er sich etwas überlegt. ”Gut, wenn es denn so ist, dann werde ich dafür sorgen, dass du aus dem Zirkel ausgeschlossen wirst”, bemerkte er wie beiläufig, ”du weißt, dass ich das kann. Entscheide dich. Morgen früh wirst du bei Naralex erwartet. Sei lieber da, sonst könnte das deine letzte Nacht in Diensten des Zirkels gewesen sein.” Broll ließ eine vor Schock starre Raelynn zurück, verwandelte sich in seine geliebte Bärenform und schritt betont langsam davon. Zornig biss Raelynn die Zähne aufeinander, bis ihre Kiefermuskeln schmerzten. Das was Broll tat war nichts anderes als Erpressung, aber sie wusste, dass er recht hatte. Er hatte genug Einfluss im Zirkel, um sie ausschließen zu lassen. Und ihre Familie wollte sie um keinen Preis verlieren. Um ihre Wut in den Griff zu bekommen, machte sie sich auf den Weg zum Tempel der Elune. Die dort herrschende Ruhe vermochte es, ihren Geist zu beruhigen, egal wie aufgewühlt sie dort auftauchte. Sie lies sich knieend am See nieder, der in der Mitte des Erdgeschosses eingerichtet worden war. Kleine Irrlichter spielen darauf fangen und verursachten kleine Wellenbewegungen, wo immer sie nah über dem Wasser schwebten. Die Unbekümmertheit dieser Irrlichter ließ Realynn ihren Zorn sofort vergessen. Vergnügt beobachtete sie die wilde Jagd über das Wasser und so bemerkte sie nicht, dass sich ihr jemand nährte. Raelynn schreckte erst auf, als die Stimme sich neben ihr erhob. ”Raelynn Waldruf”, spie die Stimme aus und beinhaltete dabei so viel Verachtung, dass Raelynn zusammenzuckte. Ängstlich hob sie den Blick. Shandris, der persönliche Schützling von Tyrande musterte sie abschätzig. ”Wie kommt man dazu, die unbegabteste Druidin überhaupt auf eine Mission zu schicken? Ich wollte mit Malfurion sprechen, aber er wies mich ab. Ich kann nur hoffen, dass alle lebend zurückkommen.” Raelynn schluckte ihren Zorn hinunter. Sich gegen Shandris zu wehren konnte Folgen haben, an die Raelynn besser gar nicht dachte. Sie senkte den Blick auf den Boden und presste die Lippen aufeinander. ”Du kannst froh sein, dass du unter dem Schutz eines mächtigen Druiden des Zirkels stehst. Unfähige Druiden wie du werden normalerweise nicht einmal in den Zirkel aufgenommen. Man kann nur hoffen, dass Gal’Alani und Naralex genug Können besitzen, um euch zu retten.” Während Shandris sich langsam und erhabenen Schrittes entfernte, blieb Raelynn einen Moment das Herz stehen. Sie hoffte, dass sie sich verhört hatte, aber Shandris hatte eindeutig von Gal’Alani gesprochen. Der Trolldruide war ungefähr so alt wie Raelynn und sie hatten gemeinsam einige Studen Unterweisung erhalten. Dabei hatte sich herausgestellt, dass sich der Troll und die Nachtelfe überhaupt nicht leiden konnten. Gal’Alani schien mit allen Talenten gesegnet, die ein Druide brauchte und soweit Raelynn gehört hatte, hatte er die Bärenform schon lange gemeistert. Gerüchten zufolge konnte er sich bereits in eine Katze verwandeln. Die Aussicht, ausgerechnet mit ihm reisen zu müssen, versetzte Raelynn wiederum nicht in Hochstimmung. Neben ihm würde ihre Unfähigkeit noch stärker zu Tage treten und sie würde das Gespött des Zirkels werden. Für einen Moment wog Raelynn ab, sich gegen Broll zu stellen und aus dem Zirkel ausgeschlossen zu werden. Ob sie aufgrund von Unfähigkeit oder aufgrund von Brolls Einfluss gehen musste, war letztendlich gleich. Allerdings wollte sie Broll nicht die Genugtuung geben, über sie gesiegt zu haben. Weil sie nicht noch einem ranghohen Mitglied der Nachtelfen über den Weg laufen wollte, schlich sich Raelynn durch das Portal nach Ruth’eran. Dort lebten nur wenige Nachtelfen und die meisten kamen ohnehin nur zum Angeln hierher. Raelynn setzte sich abseits der wenigen Hütten ans Wasser. Nur wenige Zentimeter von ihr entfernt entdeckte sie eine Friedensblume, die bereits leicht verwelkt war. Sachte strich Raelynn über die Blüte, die sich ihr sofort mit neuer Kraft entgegenreckte. Dass Raelynn ein gewisses Talent für Kräuterkunde hatte, konnte keiner abstreiten. Die Pflanzen schienen bei ihr viel schneller zu wachsen, sie konnte welken Blumen wieder neues Leben einhauchen und ihr Wissen um Heilkräuter und verschiedene Tränke war für ihr Alter beachtlich. Nur leider reichte das nicht, um ein guter Druide zu sein, bei weitem nicht. Ein Schnauben dicht hinter ihr ließ sie aufschrecken und Raelynn wandte sich um. Sie sah gerade noch, wie ein Bär mit großen Stoßzähnen sich allmählich in einen Troll verwandelte. ”Raelynn Waldruf, ich wusste, dass ich dich hier finde. Na? Bereit für unsere Mission? Ich hoffe, du stehst mir dabei nicht zu sehr im Weg.” ”Träume weiter, Gal’Alani. Ich bin jetzt schon froh, wenn die Expedition ein Ende hat. Mit dir hält es ja niemand aus.” Raelynn drehte sich weg, aber Gal’Alani setzte sich einfach auf die andere Seite, um ihr wieder in die Augen schauen zu können. Als er von der Mission erfahren hatte, hatte ihn die Auswahl mit Stolz erfüllt. Er wusste, dass er als talentiert galt und das war nur die Bestätigung. Dass er allerdings ausgerechnet mit Raelynn zusammenarbeiten musste, hatte die Freude ein wenig gedämpft. Diese absolut unbegabte Druidin würde seinen Erfolg nur schmälern. ”Ich glaube, da sind wir ein mal absolut einer Meinung. Ich bin auch froh, wenn die Mission abgeschlossen ist. Ich hoffe nur, dass du uns nicht dabei behinderst. Schließlich haben Naralex und ich Arbeit.” Gal’Alani grinste und setzte damit seine Hauer in Szene. Ein wenig hatte er gehofft, Raelynn mit seinem Besuch so einzuschüchtern, dass sie die Mission nicht antreten würde. Allerdings sah es gerade nicht so aus, als hätte sie besonders viel Angst davor. Vielleicht aber konnte ihm auch eine Rettung dieser Druidin zum Ruhm gereichen. Je länger die Idee in Gal’Alani reifte, desto besser fand er sie. Raelynn würde sich bestimmt in Schwierigkeiten bringen und genau das war der Moment. ”Vielleicht solltest du noch ein bisschen rennen üben, damit du schneller weglaufen kannst, wenn Gefahr droht. Wer sich nicht mal in einen Bären verwandeln kann, sollte nicht zum Kampf antreten. Die Götter allein wissen, wieso Broll ausgerechnet dich auserwählt hat.” Damit verwandelte sich Gal’Alani, nur um anzugeben, in eine gräuliche, geschmeidige und schlanke Wildkatze und schritt davon. Raelynn sah Gal’Alani hinterher, der gerade im Portal nach Darnassus verschwand. Sie hatte davon natürlich gehört, aber dass Gal’Alani schon die Katzenform gemeistert hatte und sie noch keine der beiden, deprimierte sie ein wenig. Auch seine Worte hatten ihr mehr weh getan, als sie je hätte zugeben wollen. Sie wusste ja selbst nicht, wieso Broll sich ausgerechnet für sie entschieden hatte, was also hätte sie im erwidern sollen? Frustriert und verunsichert wandte sie sich wieder dem Wasser zu. Nun saß ein kleiner Frosch am Ufer, der sie musterte und dann ein lautes Quaken von sich gab. ’Kleiner Frosch, wenn ich doch nur so wenig Sorgen hätte wie du, dann wäre mein Leben leichter’, dachte sie bei sich und versank ihre Gedanken völlig in dem Wesen des Tieres.

Comments

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    Hier hättest Du so richtig fesseln können. Gleich am Anfang, als Du Raelyn umschrieben hast. Dort könntest Du etwas mehr ins Detail gehen. Wie war ihr Haar. Einzelne Strähnen, die sich aus ihrem sonst so streng geflochtenen Zopf gelöst haben, tanzten sacht im lauen Wind. Ihr Gesicht umschreiben. Auch die Szene, in welcher ihr Mentor und Ziehvater sich verwandelte, kannst Du untermauern. Flatterte seine Kleidung oder zelebrierte er vorher. Wie hat er es gemacht? Die vollendete Tatsache ist mir etwas zu Dünn.

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    Klingt gut.^^ Bin gespannt wie lange sie in der "Opferrolle" bleibt und was es damit auf sich hat, das sie ausgewählt wurde.

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    "Raelyn hob den Kopf und fixierte Naralex..." Sollte da nicht Broll statt Naralex stehen? - 1/4 des Kapitels

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    Arme Raelyn! Alle behandeln sie so von oben herab, dabei steckt sicher viel mehr als man auf den ersten Blick erkennt! Toll geschrieben, ich als WoW Spielerin sehen natürlich alles was du beschreibst sowieso gleich vor mir. Du hast das super umgesetzt! :-) Da bekomme ich gleich Lust wieder an meiner WoW Fanfiction weiter zu schreiben. ;-)

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    Voll geil geschreiben. Lässt sich richtig gut lesen. Warcraft-Stuff ist wirklich immer wieder schön und total zeitlos. Bin gespannt auf weitere Kapitel.

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