Part 17

„Herr Eros!“ Ferdinand kam vom Stall her angelaufen. Er hielt einen kleinen Korb in der Hand. „Hier, als Wegzehrung.“ Der Snift sah hinein und fand drei noch dampfende Kuchen darin. „Ihr freut euch besser drüber. Franziska hat sie gebacken und ich gebe sie Euch. Aber nur, wenn Ihr mir versprecht, dass Ihr für Sakuras Sicherheit sorgen werdet.“ Er hielt dem Katzenmann die Hand hin. Dieser ergriff sie. „Versprochen.“ Seine spitzen Backenzähne blitzten hervor, als er lächelte. Er band den Korb an seinem Gürtel fest. Dann lief er los Richtung Wald. Immer seiner Nase nach. „Richtet Ihr aus, dass wir hier auf sie warten!“ Sieh an. Sie hat also durchaus Freunde am Hof. Während er zu Sakura aufholte, hatte Eros Zeit nachzudenken. Zu seinem eigenen Leidwesen. Denn die letzten Tage hatte er sich mit Arbeit eingedeckt. Er hatte alles versucht, um nur ja nicht zur Ruhe zu kommen. Wenn er abends ins Bett ging, schlief er meistens sofort ein vor Erschöpfung. Manchmal konnte er trotzdem ihr leises Wimmern hören. Dann verfluchte er seine guten Ohren und hoffte, der Schlaf möge gnädig und schnell kommen. Verdammt. Verdammt. Verdammt. Er wollte nicht denken. Er wollte nichts fühlen. Er wollte diesen verdammten Schmerz nicht mehr spüren, der ihm die Luft abschnürte, die Seele zerriss, das Herz bluten machte. Der seine Augen blind werden ließ, weil sie Tränennass wurden. Zum Teufel mit der Liebe. Was war so toll an ihr. Sie tat doch nur weh. Ließ den, der sie erlitt, dumm, unvernünftig und selbstzerstörend werden.

Eros war nun schon eine Zeit lang gelaufen. Sakuras Geruch wurde immer stärker. Sie konnte nicht mehr weit weg sein. Er konnte Feuer riechen und gebratenen Fisch. Mit einem Mal wurde der Snift ganz ruhig. Anstatt sich zu verstecken, ging er direkt auf die kleine Lichtung zu. Das Knistern der brennenden Scheite schien ihn einzuladen. Drei Fische steckten im Feuer. Mamoru stand etwas abseits an einen Baum gebunden. Die Gesuchte saß auf einem umgefallenen Baumstamm. Sie starrte ins Feuer, als würde es ihr Geschichten erzählen. Zwei Linien zogen sich über ihr Gesicht. Sie glänzten im Flammenschein. Alles in Eros schrie nach ihr. Er wollte sie berühren. Sie in den Arm nehmen und trösten. Ihr sagen, was er empfand. Stattdessen räusperte er sich und trat in den Lichtkegel des Feuers. Sie sah auf. Ihre Augen leer ins Nichts gerichtet, als würde sie ihn gar nicht sehen. Sie war müde, hatte zu lange gekämpft. Zu sehr versucht ihn zu vergessen. Sie war ausgelaugt, so schrecklich leer. Da sie nicht weiter auf ihn reagierte, setzte er sich ihr gegenüber auf den Boden. Es war Frühherbst und wurde langsam kalt. Es war ihm egal. Er wollte im Augenblick nichts weiter als hier bei ihr sein. Sonst nichts. Nicht mehr reden, nicht mehr denken. Einfach nur in ihrer Nähe sein. Die Minuten verstrichen.

„Sag mir, Eros“ Ihre Stimme klang fremd. So rau und schwach, er hätte sie beinahe nicht erkannt. „Warum musste ich mich ausgerechnet in dich verlieben.“ Sie sah ihn an. Direkt in seine gelben Augen. Kein Hass stand darin. Er konnte überhaupt kein Gefühl darin sehen. Sie waren leer. „Ich weiß es nicht.“ Auch seine Stimme versagte ihm den Dienst. Es klang mehr wie ein Krächzen. „Ich weiß nicht welcher Gott oder welches Schicksal so grausam ist, unsere Herzen so zu verwirren.“ Er konnte nicht länger in diese leblosen Augen sehen. Sein Blick senkte sich zu Boden. „Ich weiß nur, dass ich mein Schicksal sicher tausendmal verflucht habe, seit ich dich kenne. Dass ich meine Herkunft am liebsten verleugnen würde, wäre sie mir nicht ins Gesicht geschrieben. Ich habe versucht und versucht dich zu vergessen. Aber es gelingt mir nicht. Manchmal glaube ich wahnsinnig zu werden. Wegen dir. So wahnsinnig, dass ich sogar lieber den Schmerz ertrage, von dir gehasst zu werden, als zu wissen, dass du ohne mich leben könntest. Das ist verrückt. Total verrückt.“ Er stand auf. „Ich sollte gehen. Ich werde nach Hause gehen. Ein Anderer wird kommen und meinen Platz als Unterhändler einnehmen. Das hätte ich schon die ganze Zeit tun sollen. Es hätte uns beiden viel Leid erspart. Tut mir leid, dass ich so selbstsüchtig war und geblieben bin. Wenn ich etwas ganz bestimmt nicht gewollt habe, dann dir noch mehr weh zu tun. Das ist mir eben erst klar geworden. Lebt wohl, Fräulein Sakura.“ Fest entschlossen, seinen Plan sogleich in die Tat umzusetzen, wandte sich Eros zum Gehen. „Soll es das etwa gewesen sein?“ Verzweiflung verzerrte Sakuras Gesichtszüge. „Das war‘s? Du gehst? Gibst einfach so auf?“ Sie machte zwei unsichere Schritte auf den Snift zu. „Ein einfaches ‚Es tut mir leid, ich gehe‘? Und dann soll ich dich nie wieder sehen?“ Sie streckte die Hände nach ihm aus, aber er konnte es nicht sehen, weil er mit dem Rücken zu ihr stand. „Ist es nicht das, was Ihr wollt?“ Standhaft bleiben, ich muss standhaft bleiben. Ich muss…“Wie kannst du nur so grausam sein. Mich einfach alleine zu lassen.“ Sakura hatte ihn erreicht. Ihre Arme hatten ihn von hinten umschlungen, ihn gleichermaßen gefesselt, so dass er nichts anderes tun konnte, als dort stehen zu bleiben, wo er war. Sein Herz raste. Er wusste nicht, was er tun sollte. Es war, als wären alle Gedanken aus seinem Kopf gewischt worden. Es kostete ihn alle Mühe nicht einfach umzufallen. Auch Sakura wusste nicht recht, was sie tat. Zu schwach, um gegen ihre eigenen Gefühle anzukämpfen, war sie einfach aufgestanden und hatte ihn aufgehalten. Aber was jetzt. Sie konnte nicht zurück. Was sollte sie tun. Ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr. Endlich schaffte sie es, ihn loszulassen. Heftige Schluchzer schüttelten sie und sie hielt sich die Hand vor den Mund, um nicht laut zu schreien. Verdammt. Warum konnte sie nicht aufhören. Warum? Sie spürte, wie warme, starke Arme sich um sie legten. Seine große Hand auf ihrem Haar. Seinen Atem, wie er ihren Nacken streifte. Ob sie wollte oder nicht. Es war um sie geschehen. Er tat nichts weiter. Er hielt sie einfach nur fest und ließ sie weinen. Solange bis ihre Tränen versiegten.

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