Part 27

Sakura sah Eros an, der auf einem Baumstumpf saß und ein kleines Tier ausnahm, das er soeben erlegt hatte. Sie achtete gar nicht so sehr darauf, was er tat, sondern nahm jede Einzelheit seiner Erscheinung wahr. Sie lachte, als seine Katzenohren zuckten, weil er eine Fliege verscheuchen wollte, die in der Abendluft um seinen Kopf schwirrte. Ein kleines Lagerfeuer knisterte lustig vor sich hin. Sie waren wieder zu der Stelle zurückgekehrt, wo sie vorgestern Nacht gelegen hatten. „So, fertig.“ Zufrieden mit seiner Arbeit schleckte Eros sich gedankenverloren die Finger ab. Mitten in der Bewegung hielt er inne. „Entschuldige. Ich weiß, diese Angewohnheit ist für Menschen eher befremdlich.“ Sakura sagte nichts dazu. Es gab so vieles, das sie ihn gerne gefragt hätte. Zum Beispiel, ob es wahr war, dass Snift die Körper ihrer toten Gegner schändeten. Oder ob es tatsächlich der Wahrheit entsprach, dass Frauen in seinem Volk keinerlei Rechte hatten. Sie hatte manchmal Angst vor ihm, wenn das Feuer in seinen gelben Augen allzu stark leuchtete. Schon mehrmals hatte Sakura versucht, diese Themen anzusprechen. Aber nie so recht gewusst wie. Sie wollte ihn nicht beleidigen. Vor allem wollte sie ihn nicht mehr verlieren. Das alles war so seltsam und neu für die junge Frau. Noch vor kurzem hätte sie sich nicht im Traum einfallen lassen, einen Snift auch nur in ihre Nähe zu lassen. Jetzt konnte sie sich ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen. „Was ist? Du sagst ja gar nichts?“ Eros hatte das, was einmal ein Eichhörnchen gewesen sein mochte, geschickt an einem Stock befestigt und briet es über dem Feuer. „Willst du es nicht roh essen?“ fragte Sakura erstaunt. Der Katzenmann lachte. „Ja, das könnte ich wohl. Aber ich weiß, dass du das nicht magst und mir macht es nichts aus, es gebraten zu essen. Meine Mutter hat oft gekocht für mich. Auch als wir bereits unter den Snift im Dorf lebten. Mir schmeckt beides.“ Er wusch sich die blutverschmierten Pranken mit Wasser aus dem Trinkschlauch, den er dabei hatte. „Das Dorf, wie ist es da so? Wie lebt ihr?“ Wollte Sakura wissen. „Nicht recht viel anders, als die Menschen.“ Ein Holzscheit brach knackend zusammen und Eros legte neues Holz nach. „Aber doch irgendwie ganz anders.“ „Erzähl mir davon. Ich will mehr über dich und die Snift erfahren. Nicht nur das, was in den Büchern steht oder über euch erzählt wird.“ „Hmmm.“ Machte Eros. „Was steht denn so in den Büchern?“ Er hatte sie nie gelesen. Aber er traute seinen Ohren nicht, als er von Sakura erfuhr, was die Menschen über die Snift für Wahrheiten zu kennen glaubten. Natürlich war etwas Wahres dran. Aber alles war verdreht bis zur Unkenntlichkeit. Als habe der Schreiber oder Erzähler mit Absicht versucht, die Snift als grausame Tiere ohne Kultur und Moral darzustellen. Der Unterhändler hörte schweigend zu, als die Diplomatentochter ihm all diese Ungeheuerlichkeiten darlegte. Das also glaubten die Menschen über die Snift zu wissen? Kein Wunder, dass viele von ihnen die Halbmenschen hassten. Nachdem sie fertig war, blieb Eros stumm. Er dachte nach. Diese neuen Erkenntnisse warfen ein ganz anderes Licht auf so manche Erfahrungen, die er gemacht hatte. Auch die Reaktionen, die er manchmal bekam, wenn er mit den Menschen verhandelte, ließen sich jetzt leichter verstehen. Als Sakura schließlich kleinlaut fragte, ob es denn wahr sei, dass die Frauen der Snift keinerlei Rechte in der Gesellschaft hätten, musste der Katzenmann lauthals loslachen. Verstört sah sie ihn an. „Was ist daran so lustig?“ Sakura dachte daran, was sie tun würde, wenn es so war. Wo sollte sie hingehen, wenn ihr Vater sie aus dem Schloss verjagt hatte? Sie würde niemals in einer Gesellschaft leben können, in der sie rechtlos und jeder Freiheit beraubt wäre. Seien es nun Menschen oder Snift. Lieber würde sie sich alleine im Wald durchschlagen, als… Ihre Gedanken wurden unterbrochen von der sanften, tiefen Stimme des Katzenmannes, der sich wieder beruhigt hatte. „Keine Sorge. Ich habe eben erst verstanden, warum die Menschen uns so hassen. Das war ein Schock für mich, verstehst du. Aber mach dir darüber keine Gedanken. Ich werde dir erzählen, wie es wirklich ist bei uns. Wie die Snift wirklich leben.“ Er sah Sakura an, die sich aufrecht hingesetzt hatte und aufmerksam zuhörte. Lächelnd bot er ihr den Platz neben sich an. Die Menschentochter setzte sich neben ihren Freund. Dieser begann zu erzählen. „Es gibt offenbar vieles, das die Menschen im Laufe der Zeit über uns herausgefunden haben. Leider haben sie das Meiste missverstanden oder falsch interpretiert. Die ûrkait zum Beispiel. Das ist das, was ihr wohl als Schändung am toten Körper des Gegners versteht. Es ist ein Ritual, das viele Bedeutungen hat. Für Menschen ist es vermutlich eher unverständlich und ekelhaft, seinem Gegner nach dessen Tötung das Herz zu entfernen und das Blut daraus zu trinken.“ Sakura wurde kreidebleich. Ihr wurde schlecht beim Gedanken an eine solche Szenerie. „Bitte lass mich erst erklären, bevor du urteilst.“ Versuchte Eros sie zu beruhigen. Sakura nickte nur. Aber sie gab sich redlich Mühe. Sie wollte ihm eine echte Chance geben, ihre bisherige Einstellung zu Halbmenschen zu ändern. „Für uns Snift bedeutet es, den Gegner in einem selbst weiterleben zu lassen. Es ist eine Form von Respekt, den wir ihm erweisen. Respekt vor seinem Mut und seiner Stärke. Sie wird in dieser Form auch nicht immer angewendet. Nur in seltenen Fällen, nämlich um unsere Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Da wir an Seelenübertragung durch das Blut glauben, nehmen wir uns sozusagen einen Teil der noch vorhandenen Restlebensenergie des Besiegten und heilen damit unsere Wunden. Nur in solchen Fällen trinken wir übrigens tatsächlich das Blut. Bei einer normalen ûrkait wird das Herz lediglich auf einen Stock gespießt.“ „Wenn mich das jetzt davon überzeugen sollte, dass Snift keine Untiere sind, stehen die Zeichen aber schlecht für dich.“ Eine Gänsehaut lief Sakuras Rücken herunter. Sie hoffte, er würde ihr nicht noch mehr Schauergeschichten erzählen. „Schon gut. Tut mir leid. Ich bin die Sache falsch angegangen.“ Dabei, dachte er bei sich, sind die Menschen manchmal viel grausamer. Nicht selten hatte er die Köpfe besiegter Gegner über den Stadttoren der Sieger hängen sehen. Oder die Leichen der geräderten Verbrecher mit all den gebrochenen Knochen. Aber das war an anderen Orten und zu schlimmeren Zeiten passiert. Hier in Kertófu war ihm solche Abartigkeit tatsächlich noch nie begegnet. „Gut, du wolltest wissen, wie wir leben. In unserem Dorf leben wir wie die Menschen auch. Es gibt einen Ältestenrat, es gibt Handwerker, einen Ort für Versammlungen. Ach ja und Frauen sind bei uns genauso angesehen wie Männer. Sie werden ebenso zur Selbstständigkeit und zur Jagd erzogen. Es gibt Frauen im Ältestenrat. Einige unserer besten Jäger sind Frauen.“ Sakura konnte es nicht glauben. „Aber wie kommen unsere Schreiber denn bitte auf so hanebüchenen Unsinn, wenn sie so hoch angesehen sind bei euch?“ „Nun ja, es gibt eine Sache, die zu dieser Irrannahme geführt haben könnte. Aber…“ Eros zögerte. Wie sollte er ihr die Sache erklären, ohne die Worte auszusprechen? Er wollte sie nicht gewaltsam an sich binden. Die Tiere und der Wald würden Zeuge sein. Verleugnen könnte er die Tatsache nicht. Unglücklich starrte er ins Feuer. „Können wir darüber ein anderes Mal weiter sprechen?“ Sakura hatte bemerkt, wie schwer es ihm fiel. Sie würde nicht locker lassen. Aber sie zwang sich zur Geduld. Schließlich wollte sie diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen, so viel wie möglich von ihm zu lernen. „In Ordnung. Erzähl mir mehr von den alltäglichen Dingen. Feiert ihr Geburtstage? Wie begrüßen sich Snift untereinander? Die beiden Sniftdienerinnen bei uns im Schloss haben am ganzen Körper diesen leichten Flaum. Sind alle Snift mit Fell überzogen? Warum hast du nicht überall Fell?“ Sie strich über seine glatten Wangen und seine behaarten Arme, kam dabei seinem Gesicht mit ihrem sehr nahe. Eros hörte gar nicht mehr zu, was sie weiter vor sich hinplapperte. Sein Mund war ganz trocken geworden. Ganz langsam hob er die Hände, umschloss damit ihr Gesicht mit den sich immer noch bewegenden Lippen und verschloss diese mit einem langen Kuss.

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