Part 5

Hatora


Hatoras Blick ging tief. So tief, dass Mikkel von einem leichten Schwindel erfasst wurde. Alturin merkte, dass sie von dem Jungen sehr angetan war, dafür kannte er sie lang genug. "Du bist ein sehr interessanter junger Mann Mikkel, sagte Hatora und mit einer guten Ausbildung werden wir sicher einen stattlichen Mann aus Dir machen können. Darf ich Dich einladen, noch ein paar Tage zu bleiben, Alturin? Du kennst Dich hier aus und könntest Mikkel in den ersten Tagen die Stadt zeigen. Wir könnten in der Zwischenzeit alles für den Jungen her richten und einen Plan für seine Ausbildung erstellen. Oder hast Du andere Pläne?" "Oh, ähm ich würde mich sehr freuen, noch ein paar Tage hier bleiben zu können und dem Jungen alles zu zeigen. So hat er auch noch eine Bezugsperson, gewissermassen, bis er sich hier etwas eingelebt hat."

"Du bist ein weiser Mann, Alturin." Hatora sah ihn an und lächelte. Alturin nickte und lächelte zurück. "Ein weiser Mann zu Gast bei einer sehr weisen Frau, die entgegen meiner eigenen Entwicklung immer jünger und schöner zu werden scheint," entgegnete er. "Du verstehst es, einer Frau zu schmeicheln, lieber Alturin, vielen Dank. So nun ist es Zeit, euer Quartier zu beziehen. Ich schicke euch jemanden, der euch zum Zimmer führt und danach habt ihr vier Tage Zeit, um euch alles anzusehen. Danach nehme ich Dich unter meine Fittiche und Deine Ausbildung beginnt." Nachdem sich Mikkel bei Hatora bedankt hatte, verabschiedeten sie sich und kurz darauf befanden sie sich in einem schönen Zimmer in einem Haus vor der Glasburg mit Blick auf die Kristallstadt. Alturin und Mikkel standen auf dem Balkon und betrachteten das Treiben in den Strassen.

"Warum heisst die Kristallstadt eigentlich so," fragte Mikkel. "Das ist eine lange Geschichte Mikkel, aber sei's drum." Alturin setzte sich auf einen bequemen Sessel, der auf dem Balkon stand und wies Mikkel an, es ihm gleich zu tun. "Mache es Dir bequem, es wird etwas länger dauern." Er stopfte sich ein Kurzpfeifchen und bat Mikkel für sie beide ein Glas Wasser zu holen. Er trank einen Schluck, machte einen langen Zug und begann..

"Wie Du vielleicht schon weisst, leben wir heute im fünften Sonnenzeitalter. Jedes Sonnenzeitalter hat 1500 Sonnenjahre. Bereits im ersten Zeitalter wird die Kristallstadt namentlich erwähnt. Damals kamen Menschen aus einem fernen Land in diese Gegend und liessen sich hier nieder. Sie brachten grosses Wissen mit und gründeten die Kristallstadt und bauten sie aus. Ihr Wissen und ihre Magie bestand darin, dass sie ihre mitgebrachten Kristalle in Verbindung mit der Natur einsetzten und so sehr zum Wohle aller Menschen hier beitrugen. Seit dem die Kristalle in der Stadt sind, strahlt sie einen wunderbaren Glanz aus, schon alle Zeitalter hindurch. Der Kristall, der in der Glasburg von Hatora in dem Brunnen versenkt wurde, machte das Wasser des Brunnens zu einer Heilquelle, die schon sehr vielen Kranken geholfen hat. Das Kristallwasser. Hatora, die Hüterin der Kristallstadt, ist seit dem dritten Zeitalter dort und leitet die Geschicke der Stadt und der Menschen dort."

Alturin blickte kurz zu Mikkel herüber. Er sah ihn an und hörte ihm aufmerksam zu. "Du stellst gar keine Fragen,? wunderte er sich. "Nein, ich  kann mir jedes Wort das Du sagst merken und wenn ich Fragen habe, so stelle ich sie wenn Du geendet hast, so habe ich es gelernt." Alturin lächelte ihn liebevoll an und strich ihm über den Kopf. Dann erzählte er weiter. "Nun, die Stadt und die Menschen hier entwickelten sich prächtig und wurden weithin bekannt. Über drei Zeitalter hinweg herrschte Frieden und Eintracht mit den Nachbarvölkern und man trieb Handel miteinander und tauschte sich in allen Bereichen aus. Mit dem Beginn des vierten Zeitalters jedoch begab es sich, dass sich im Osten das Volk der Oar erhob. Ihr König, der machtgierige Grundur hatte sich mit dunklen Mächten verbunden und wollte die Welt unterjochen. Mit seinem Nachbarland, dem schönen Land der Usher, wollte er beginnen. Er verbündete sich mit dem kriegerischen Volk der Niewa und griff König Usha an. Ein erbitterter Kampf begann und die Usher wehrten sich tapfer. Aber am Ende konnten sie der Übermacht der beiden kriegerischen Völker nicht mehr standhalten. Das Land wurde von ihnen erobert, Usha wurde getötet und Ushas Burg in den Wäldern wurde dem Erdboden gleich gemacht. Kein Stein blieb auf dem anderen." 

Alturin blickte leicht zur Seite. Mikkel schaute ihn mit grossen Augen an und zog die Augenbrauen hoch. Alturin trank einen Schluck Wasser und sprach weiter. "Nach einiger Zeit machte sich Grundur daran, gemeinsam mit den Niewa die Kristallstadt zu erobern. Sie wussten um die mächtigen Kristalle an diesem Ort und wollten sie für sich, um damit ihre Herrschaft noch besser und schneller voranzutreiben. Sie versammelten ein grosses Heer und setzten sich in Richtung Kristallstadt in Bewegung. Doch Hatora besitzt die Gabe der Voraussicht und ahnte, was geschehen sollte. Als sie angegriffen wurden, waren sie gerüstet und konnten den Angriff abwehren. Vor den Toren der Kristallstadt wurde das feindliche Heer geschlagen und zog sich zurück.

Eine Zeit lang herrschte wieder Frieden, doch Hatora bemerkte, dass die Feinde sich bereits neu formierten und einen zweiten Angriff planten. Sie kam ihnen zuvor und griff ihr Lager in den Wäldern an. Eine sehr gut ausgebildete und bewaffnete Truppe von Lichtkriegern streckte die Gegner nieder und beendete die freudlose Zeit. Einige Oar konnten fliehen, doch die meisten von ihnen wurden nieder gemacht. An dem Platz des Sieges über die Feinde liess Hatora eine Eiche pflanzen. Dies ist die alte Knorreiche, die Du von der Lichtung kennst."

Alturin griff erneut zu seinem Glas und blickte etwas verstohlen zu Mikkel hinüber. Er blickte ihn immer noch mit grossen Augen an und zog die Augenbrauen hoch. "Hatora bildete zwölf Menschen in der Kristallstadt aus und setzte sie überall in den Landen als Lichtmagier in den Stand eines Mitglieds des Rates der jeweiligen Stadt oder eines Dorfes. An der alten Knorreiche brachte sie ein Symbol an, dass eine Sonne darstellte und zwölf leuchtende Sternkristalle im Kreis um sie herum, für jeden Lichtmagier eines. Solange sie lebten, leuchteten die kleinen Sterne und die Sonne erstrahlte. Erlosch ihr Lebenslicht, so erlosch auch ein Stern auf dem Symbol. Zu bestimmten Zeitpunkten wurde ein Ritual abgehalten, in dem neue Lichtmagier ermittelt werden sollten. Gab es einen solchen neuen jungen Lichtmagier, erschien auf seinem linken Handrücken ein Mal, welches ihn als solchen auswies. Auf diese Weise sollte der Kreis der Zwölf immer erhalten bleiben."


Leichte Schlafgeräusche liessen Alturin seine Erzählung unterbrechen. Er sah zu Mikkel herüber. Er war in seinem Sessel eingeschlafen und sein Kopf mit dem bloden Haarschopf war zur Seite gekippt. Es dämmerte inzwischen und Alturin nahm den Jungen auf und legte ihn in sein Bett. Er war froh, dass er schlief. Erstens tat es ihm gut - er hatte sehr viel Schlimmes erlebt in den letzten Tagen und Zweitens.... Alturin hatte schön länger nicht mehr so viel geredet. Ein leichtes Rauschen war zu hören und kurz darauf sass Undra mit zwei kleinen Mäuschen im Schnabel auf der Balkonbrüstung. Sie wippte mit dem Kopf rauf und herunter. "Sei gegrüsst, alte Freundin," sagte Alturin leise, um den Jungen nicht aufzuwecken. Undra sah auf und schaute auf Mikkel in seinem Bett. "Er ist ein besonderer Junge," sagte Alturin. "Ja, ein besonderer Junge in einer besonderen Zeit mit einer besonderen Aufgabe," entgegnete Undra. "Hast Du ihn Hatora schon vorgestellt, Alturin?" Doch sie bekam keine Antwort.

Alturin war im Sessel eingeschlafen.....           

Comments

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    Hatoras Blick ging tief? Uh. Alternativangebot: Hatoras Blick reichte tief, bis in sein Innerstes hinein. Hatoras tiegreifener Blick fühlte sich an, als berühre sie sein Innerstes. Herrichten gehört in diesem Falle zueinander. Ich an Mikkels Stelle würde jetzt die Beine in die Hand nehmen XD Unter die Fittiche nehmen liest sich recht derb, nahezu boshaft. Wenn die Dame so galant ist, sollte sie den Jungen in ihre Obhut nehmen. In der Erzählung um die Burg des Usher, wäre eine Satzänderung lesenswerter. Etwas dem Erdboden gleichmachen... irgendwie Mundart, Loymund. Tendenziell wurde die Feste eher bis zu den Grundmauern und darüber hinaus geschliffen. Nichts sollte mehr an die einst Stellung erinnern. Die Erzählung soll doch in den Ohren des Jungen episch hallen, oder? Dann habe ich noch einen Gedankenfehler, dem ich wohl auferliege. Die alte Knorreiche, stand doch dort, wo sich einst die Feste des Usher befand, jetzt lese ich, dass dort die Schlacht gegen die Oar ereignete, an welcher die Kristallkrieger gewannen. Habe ich mich verlesen? Ansonsten wieder ein sehr schönes Kapitel.

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    Auch ich bin gespannt auf die Aufgabe, die ihn erwarten wird. Nach dem tragischen Tod seiner Eltern (Mikkel glaubt nicht daran. Ich hoffe, er hat recht.) scheint er nun aber trotzdem liebevolle Menschen um sich zu haben, die gewillt und vor allem in der Lage sind, ihm zu helfen. Das ist beruhigend!

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    Sehr gut erzählt. Mir gefällt besonders, dass du Rückblenden einsetzt, die du gut erzählst und die nicht zu lang sind.

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    Nun wissen auch wir etwas mehr über die Vergangenheit... Mikkels Aufgabe wird wohl wirklich nicht einfach werden...

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