Part 11

Bengolfs Schüler


Am nächsten Morgen waren Bengolf und Mikkel früh auf den Beinen. Bengolf staunte abermals über die Grösse des fast Vierjährigen. Einen Kopf noch, dann hatte er seine Grösse erreicht. Die "Vier" hatten sie gemeinsam. Mikkel war fast vier Jahre alt und Bengolf hatte fast vier Zeitalter hinter sich gebracht. Bald würde er ihn an Körpergrösse überholen, doch die Erfahrungen von fast vier Zeitaltern würde er in dieser Zeit nicht aufholen.

Sie waren raus vor das Tor gegangen. An einer Eiche war eine Zielscheibe angehängt und in einer Entfernung von etwa zwanzig Metern wartete ein Mann aus der Stadt auf sie. Pfeile und zwei Bögen lagen bereit. Als sie dort angekommen waren, forderte Bengolf Mikkel auf, einen Bogen in die Hände zu nehmen. Er lehrte ihn zunächst, wie ein guter Bogen gemacht wird, welches Holz man dafür nimmt und wie die Sehne beschaffen sein sollte. Er erklärte ihm, dass für einen guten, gezielten Schuss eine entsprechende Körperhaltung und ein fester Stand nötig wären. Kurz darauf bekam Mikkel einen Pfeil in die Hand. Er legte ihn in den Bogen ein, spannte wie Bengolf es ihm gezeigt hatte, zielte und nach 3 Sekunden verliess der Pfeil den Bogen. Ein kurzer sirrender Pfeiffton war zu hören. "Klack". Der Pfeil steckte in der Zielscheibe. Nahe an der Mitte.

"Gut!, sagte Bengolf, ich liebe es, wenn ein Schüler schnell lernt." Mikkel schoss insgesamt zehn Pfeile ab. Alle trafen die Scheibe. Drei davon nahe an der Mitte.

"Und nun gehen wir zehn Schritte zurück," sagte Bengolf und Mikkel folgte ihm. Wieder schickte Mikkel zehn Pfeile in Richtung Zielscheibe. Diesmal trafen trotz der grösseren Entfernung sechs Pfeile nahe der Mitte und die anderen vier weiter aussen. Wieder entfernten sie sich weitere zehn Schritte von der Scheibe. Neun Pfeile trafen nahe der Mitte und einer traf genau mittig.

"Sehr gut Mikkel, freute sich Bengolf. Ich muss sagen, einen solch talentierten Schüler hatte ich lange nicht."

Mikkel erfüllte es mit Stolz und er strahlte Bengolf an.

"Nun ist es genug mit dem Schiessen für heute," sagte Bengolf. Er ging zurück in Richtung des Tores und nahm seinen Boden und einen Pfeil in die Hand. Etwas nach weiteren zwanzig Schritten hielt er inne und  legte den Pfeil ein. Er hob den Bogen mit dem Pfeil in den Himmel, drehte sich um und legte auf die Scheibe an. Zwei Sekunden später war der Pfeil unterwegs. Das Geräusch von brechendem Holz war zu hören. Der Pfeil von Mikkel in der Mitte der Scheibe war gespalten!

"Wahrlich eine Meisterleistung," staunte Mikkel voller Ehrfurcht.

"Wenn Du diesen Schuss zweimal hintereinander schaffst, ist Deine Ausbildung an dieser Waffe beendet, sagte Bengolf. Dann bekommst Du von mir Deinen eigenen Bogen."
"Meinen eigenen Bogen?", fragte Mikkel.

"Ja, er ist schon fertig und wartet nur auf Dich, also nur weiter so junger Lichtmagier."

Bengolf legte die Hand auf seine Schulter und sie gingen zurück in die Kristallstadt. Kurz vor dem Tor sah Bengolf eine Eule in die Stadt fliegen.

"Ich glaube, dass war Undra, Alturins Eule. Er scheint bald zurück zu kommen," sagte Bengolf. Er schaute sich um, doch nichts war zu sehen. "Sie fliegt ihm immer weit voraus. Er wird bestimmt nicht mehr lange auf sich warten lassen. Lass uns etwas essen gehen."

So gingen sie in die Stadt zurück und begaben sich zum Essen. Sie waren in Bengolfs Kammer gegangen und hatten dort gegessen. Bengolf ging auf den Balkon, setze sich auf den Stuhl und zündete sich eine Pfeife an. Weisse gleichmässige Kringel verliessen seinen Mund.

"Bei uns im Dorf rauchen auch manche Männer. Warum macht man das eigentlich?", fragte Mikkel.

Ähm, ja, weisst Du, ähäm," ein Hustenanfall unterbrach Bengolf.
Da klopfte es an der Türe. Erfreut über die Störung schickte er Mikkel zum Öffnen. So war ihm die Antwort erspart geblieben. Ein Diener Hatoras stand vor der Tür und richtete aus, dass Hatora ihn sofort sprechen müsse. Er trug Mikkel auf hier auf ihn zu warten und ging sofort los. Kurz darauf klopfte er an Hatoras Tür. Ein Diener bat ihn herein. Hatora machte einen besorgten Eindruck.

"Ich habe schlechte Nachricht Bengolf, sagte Hatora. Alturin ist in die Hände der Gnomm gefallen. Seine Eule Undra hat es mir gerade berichtet."

"Aber die Gnomm sind doch als friedfertiges Volk bekannt," wunderte sich Bengolf.

"Ich bin genauso verwundert wie Du Bengolf und kann mir noch keinen rechten Reim darauf machen, aber ich muss wissen, was dort geschehen ist. Undra muss sich zuerst ein wenig ausruhen, danach werden wir der Angelegenheit auf den Grund gehen. Führe Du die Ausbildung von Mikkel weiter. Ich werde in zwei Tagen zurück sein."

"Aber Herrin....Ihr wollt doch nicht?"

Hatora hob die Hand. "Sei beruhigt Bengolf, es ist alles wohl überlegt."

Beunruhigt verliess Bengolf Hatoras Zimmer. Er überlegte fieberhaft, was sie wohl vor hatte. Nachdenklich betrat er sein Zimmer. Mikkel sass auf dem Balkon und schnitzte an einer Holzfigur. Sie unterhielten sich noch eine Weile und legten sich eine Stunde nach Sonnenuntergang schlafen.

Die Stadt lag dunkel in dieser Nacht unter einem wolkenverhangenem Himmel.

Zwei Eulen hoben lautlos von Hatoras Balkon ab und flogen in Richtung Sternenwald......

Am nächsten Morgen begab sich Bengolf mit Mikkel nach dem Frühstück wieder vor die Tore der Stadt. Heute wollte er damit beginnen Mikkel zu lehren, wie man ein Schwert führt. Sie führten jeder ein hölzernes Übungsschwert mit und Bengolf begann damit, Mikkel die Waffe zu erklären. Danach kamen ein paar Stellungs-, Hieb- und Stichübungen. Dann machten sie eine kleine Pause und setzten sich unter die alte Eiche.

"Benutze ein Schwert und auch Deinen Bogen immer nur als letzte Möglichkeit Mikkel, sagte Bengolf oder wenn Du direkt mit einer Waffe angegriffen wirst. Wenn es irgend möglich ist, sollte man immer zuerst versuchen die Dinge auf friedliche Weise und durch ein miteinander Reden zu klären. Die Waffen sollten immer das letzte Mittel sein. Dies ist sicher nicht immer möglich, aber man sollte es doch zuerst versuchen. Doch wenn Du kämpfen musst, dann kämpfe mit ganzem Herzen und mit ganzer Kraft.....und mit Weisheit. Töte nie zum Spass und quäle niemanden unnötig. Dies wäre unehrenhaft und unmenschlich. Hast Du das alles verstanden?," fragte Bengolf.

"Ja Herr," antwortete Mikkel. Er hatte aufmerksam zugehört.

Sie nahmen ihre Holzschwerter wieder auf und übten bis zum späten Nachmittag weiter. Bengolf war erstaunt über die Kraft des Jungen. In allen Belangen entwickelte er sich mit unglaublicher Schnelligkeit. Er war stets hoch konzentriert und verstand meist alles nach der ersten Übung. Und wie schnell er wuchs...., es war einfach unglaublich. Man konnte das Gefühl bekommen, als müsse er sich beeilen. Der Gedanke machte Bengolf nachdenklich und er musste an die Prophezeiung denken. Sollte Mikkel etwa....?

"Nun soll es für heute genug sein," sagte Bengolf. Sie nahmen ihre Schwerter auf und gingen zurück in die Stadt.

Den nächsten Tag verbrachten sie mit Konzentrations- und Intuitionsübungen. In der grossen Halle der Glasburg ging Mikkel vor Bengolf her zur Mitte der Halle. Bengolf hatte das Gefühl, dass er schon wieder ein Stück gewachsen war. Er verband Mikkel die Augen. Dann zog er sein Schuhwerk aus und schlich sich leise weg. Mikkel sollte nun erspüren, wo Bengolf sich befand und dann in die Richtung zeigen.

"Du musst es fühlen," hatte Bengolf ihm gesagt.

Mikkel konzentrierte sich ein paar Sekunden, dann zeigte er in Bengolfs Richtung. Bengolf schlich ein paar Meter zur Seite. Wieder  fand er ihn genau. An die hundert Mal wiederholte er die Übung. Mikkel fehlte kein einziges Mal. Dann schlich sich Bengolf hinter Mikkel an und pieckste ihn in die Seite, um ihn zu necken. Erschrocken drehte er sich weg und lachte. Er schien kitzelig zu sein. Bengolf schlich sich wieder von hinten an und wollte ihn mit seinem Finger piecksen. Doch diesmal hatte Mikkel es erahnt. Er schnappte Bengolfs Hand und zog ihn bltzschnell zu sich heran. Ehe er sich versah, lag er über Mikkels Schulter. Mikkel nahm seine Augenbinde ab und drehte sich mit Bengolf auf den Schultern immer schneller im Kreis. Bengolf fasste in seine Seite und begann ihn auszukitzeln. Kurz darauf lagen beide lachend auf dem Boden der grossen Halle.

Als Bengolf aufsah, sprang er sofort auf. Hatora stand in der Tür! Sie hatte sie wohl schon eine Weile beobachtet.

"Ihr seid schon zurück, Herrin,?" fragte Bengolf erstaunt.

"So ist es Bengolf und ich muss mit Dir sprechen. Wie kommst Du voran Mikkel. Macht Dir das Lernen Freude?", wandte sie sich an den Jungen.

"Ja Herrin, es macht mir grosse Freude." Er machte eine leichte Verbeugung.

"Dann ist es gut. Begib Dich eine Weile auf Dein Zimmer Mikkel, ich habe mit Bengolf zu reden."

"Ja Herrin," antwortete Mikkel undmachte sich gleich auf den Weg.

Hatora schritt vor Bengolf her und ging zu ihrem Zimmer. Die kleine Eulenfeder auf ihrem Umhang war Bengolf nicht aufgefallen....







Comments

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    Ich bin dankbar, daß Bengolf Mikkel ausdrücklich darauf hingewiesen hat, Waffen nur im äussersten Notfall zu gebrauchen. Ansonsten scheinen die beiden viel Spaß zu haben bei ihren Übungen. Nun bin ich gespannt auf Hatoras Neuigkeiten!

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    Einen interessanten Werdegang legst Du dem Jungen zu. Dafür das er ja erst vier Jahre sein soll, so aber körperlich wie geistig offensichtlich mehr den 16 Jahren ist, erstaunt. Worin Ich aktuell die Gefahr sehe oder lese, ist das Mikkel zu einem Imba mutiert. Er kann dies, er kann jenes und alles andere fällt ihm ebenso in den Schoß. Hat er denn nichts, was ihm schwerfällt? Was er so gar nicht kann und mag? Das würde den Jungen noch einen zusätzlichen Bonus an Sympathie verschaffen, weil er eben nicht so ein Superheld ist. Er ist doch eigentlich erst 4. Gewissermaßen solltest Du ihm noch einen Funken Kindlichkeit gewähren. Irgend einen Unfug treiben lassen, der auf sein tatsächliches Alter hinweist. Ungeschick beim lösen der Pfeile, was ausreichend Training wiederum wett machen würde. Egal was es sein wird, jeder Charakter muss einen Ausgleich haben. Ist schwer einzubauen, würde der Geschichte hingegen soviel mehr bieten als sie jetzt schon darlegt.

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    Du scheinst eine gute Strategie für dein mystisches Abenteuer zu haben, denn es hält gut die Spannung man will immer mehr wissen. Gut geschrieben Tolkien!

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    Mehr als geheimnisvoll. Mein lieber Schwan, was geht denn jetzt ab?

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